Stein und Bein – Teil 4

Politik ist die Kunst des Machbaren, heißt es. Und: Wer etwas erreichen wolle, müsse dicke Bretter bohren. Schaidler war anderer Ansicht, und ihn als ungeduldigen Menschen zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Die Lebenserfahrung hatte ihn gelehrt, dass er alles erreichen könne, was er wolle und das genau in dem Zeitraum, den er sich vorstellte. Dazu, so sein Credo, müsse nur genug Macht ausgeübt werden. Jedes System, wusste Schaidler, hat Schwachstellen. Die gilt es zu identifizieren, um die Punkte zu finden, an denen Machtmitteln anzusetzen seien. So verstand er seine Politik als das Durchschlagen der dünnen Brettchen, die es in jedem Holzhaus gibt und deren Beschädigung das ganze Gebilde zum Wanken oder Einstürzen in seinem Interesse bringt.
Nein, er hatte nichts gegen Ausländer, auch nicht gegen Linke und Muslime und schon gar nicht gegen Schwule. Aber um das Land, in dem er anfangs nur Gast gewesen war, in den Griff zu bekommen, hatte er die Ressentiments der Bürger als die Stellen ausgemacht, an denen sie schwach waren. Jeder Hass auf andere, so wusste er, entsteht aus Angst. Und Angst ist Schwäche. Je furchtsamer die Menschen sind, desto schwächer werden sie, desto mehr suchen sie nach Schutz. Dem Führer, der ihnen Sicherheit versprach, würden sie folgen. Und das taten sie in jenen Jahren, in denen Schaidler politisch aktiv war, gern – zumindest in der Steiermark.

Natürlich verfolgte der kleine Mann mit dem starken Willen keine ideologischen Ziele. Politik war ihm Mittel zum Zweck, und der Zweck hieß Reichtum. Dass er auf seinem Weg Opfer hinterließ, dass er Menschen schädigte und deren Leben ruinierte, nahm er billigend in Kauf. Angst kannte er nicht, den Reichtum würde ihm Macht bringen, die Macht, sich gegen alle Kräfte zu wehren, die ihm Böses wollten.

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Und dann brach der mediale Sturm los. Nein, die örtlichen Blättchen, die der PR-Berater Schreiner nach bestem Wissen und vorhandenem Gewissen eingespannt hatte, die von existenzängstlichen Chefredakteuren in Absprache mit den Anzeigenabteilungen auf Linie gebrachten Tageszeitungen, deren Personalmenge in direkter Relation zur Anzahl der AMEK-Anzeigen stand, die verhielten sich brav. Als man aber dem charmanten Marketing-Chef, zuständig für Europa, Afrika und den mittleren Osten, die wichtigste Tagespresse zum späten Frühstück reichte, da fiel ihm buchstäblich das Croissant aus der manikürten Hand: Das führende Boulevardblatt hatte die Geschichte mit den gefundenen Teilen zum Aufhänger gemacht. Die Überschrift lautete schlicht: „Igitt – Leichenteile im Möbelmarkt!!!“ Abgebildet war eine Schublade, in die der versierte Fotograf zu Illustrationszwecken ein gutes Pfund sauber eingeschweißtes Hack appliziert hatte. Die ehrlichen Finder – Herr und Frau Lehrer hatten dann doch auf den Einkaufsgutschein verzichtet und stattdessen eine nette Aufwandsentschädigung von der Redaktion bezogen – schilderten die Angelegenheit in den schillerndsten Farben, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass es ja wohl Aufgabe der AMEK-Leute sei, ihren Kindern solche Anblicke zu ersparen.

Der einflussreiche Österreicher seufzte in seinen Kaffee und fand, er sei noch einmal davongekommen, weil es die anderen Leichenteile nicht mehr vor Redaktionsschluss geschafft hatten. Rasch blätterte er die überregionalen Blätter durch, die aber wie üblich nur die lapidare Agenturnachricht abgetippt hatten, die über die Sache an sich informierte. Dass aber die von Felsheimer vorgeschlagene Informationssperre nicht mehr durchzusetzen wäre, das war ihm völlig klar. So setzte er seinen mittäglichen Morgenimbiss fort und beschloss, den PR-Berater Schreiner zu einem Vier-Augen-Gespräch zu bitten. Der schien ihm der einzig Vernünftige im Krisenstab zu sein.

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Die Nachricht von den zwei Beinen, die in zwei mehrere Hundert Kilometer voneinander entfernt liegenden AMEK-Märkten gefunden wurden, erreichten Hauptkommissar Greiper per SMS während er zur Beruhigung seiner Wut einen Spaziergang durch den Stadtwald unternahm. Absender war der Leiter des frisch eröffneten Erlebnismarktes an der holländischen Grenze, der an Greiper während des Verhörs ganz offensichtlich einen Narren gefressen hatte. Vorsichtshalber hatte er die Nachricht mit dem Satz „Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das mitteilen sollte, aber…“ und der Formel, er sei sicher, sich auf die Diskretion des Kriminalbeamten verlassen zu können, eingeleitet.

Robert nutzte die Fahrt mit dem Bus in die Innenstadt für eine Mediation über das weitere Vorgehen. An seinem heimischen Arbeitsplatz angelangt würde er zunächst dafür sorgen, dass auch diese Teile ins hiesige Labor geliefert und dort von den Kollegen analysiert würden, von Anfang an dabei waren. Dann würde er mit AMEK Kontakt aufnehmen und ein Krisen-Meeting vorschlagen. Was dabei herauskommen sollte, das wusste er zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht.

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Als Elle an diesem Herbstmontag nach vier Stunden Schreibarbeit dann doch die Decke ihrer überaus geschmackvoll eingerichteten Anderthalb-Zimmer-Wohnung in einer stillen Seitenstraße des vornehmen Viertels auf der anderen Flussseite auf den Kopf zu fallen drohte, beschloss sie, einkaufen zu gehen.
Just in dem Moment als sie aus dem Haus trat, bremste ihr neuer Bekannter sein Rennrad auf dem Gehweg vor ihr ab. „Es gibt keine Zufälle, Lady“, sagte Phil, der Zimmermann, mit einem Grinsen, „das Schicksal hat es so gewollt, dass du just in dem Moment aus dem Haus trittst, in dem ich hier vorbeifahre.“ – „Glaubst du manchmal, was du sagst?“ gab Elle zurück, und der große Kerl nickte heftig. „Was hast du vor? Besichtigung des Baufortschritts? Kann dich beruhigen. Sind wieder genug Leute da, lauter Rumänen und ein Bulgare dieses Mal. Scheinen alle Ahnung zu haben von dem, was sie da tun sollen, und sind ziemlich schnell. Saadr hat wohl keine Polen gekriegt, aber so auch noch mal den Kopf aus der Schlinge gezogen“, berichtete Phil und schwang sich dabei vom Sattel. „Gut zu hören. Aber ich wollte einfach bloß zum Bio-Supermarkt, um für meine Ernährung zu sorgen.“ Der Typ grinste erneut: „Vorschlag. Wir gehen zusammen einkaufen, dann kochen wir gemeinsam und anschließend essen wir auf, was wir angerichtet haben. Was meinst du?“ In den nächsten Tagen würde Elle sich fragen, welcher Teufel sie geritten hatte, dieses Spiel mitzuspielen. Jetzt aber lachte sie den schönen Mann an und sagte: „So machen wir das.“

publiziert am 17.08.13 in Einzelteile ¦ 700x gelesen ¦ noch kein Kommentar