Stein und Bein – Teil 5

Hauptkommissar Robert Greiper hatte sich auf seinem Waldspaziergang für den Weg des geringsten Widerstands entschieden. Er würde also ab kommendem Montag jeden Morgen gegen neun treu und brav im Präsidium erscheinen, sich an den Bedarfsarbeitsplatz verfügen, den ihm die SK „Weiße Kragen“ einrichten ließ, um dort bis Schlag siebzehn Uhr das Telefon zu hüten und die diversen Mailadressen der Kollegen, die in wichtiger Mission überall im Land unterwegs waren. Dann würde er pünktlich Feierabend machen, gegen halb sechs in seiner Stammkneipe vorbeischauen auf ein oder zwei Glas Altbier, um den Rest des Abends dafür zu nutzen, in Sachen AMEK weiterzukommen. Immerhin hätte er ja während der sinnlosen Dienststunden freien Zugang zu Telefon und Internet und könnte die Zeit nutzen, um Informationen zu sammeln. Und daran, sich Gedanken und passende Notizen zu machen, könnte ihn keine Dienstvorschrift hindern.
Bis dahin blieben ihm aber noch sechseinhalb Tage, wenn er das Wochenende mitrechnete, und die würde er mit intensiver Arbeit am Fall bestreiten. Am liebsten würde er wissen, wer der Tote war. Nachdem man jetzt außer den Ohren auch noch alle Extremitäten gefunden hatte, könnte das Wissen der Gerichtsmediziner über die Identität der Leiche gewachsen sein, dachte er und machte sich auf den Weg ins forensische Labor.

Der gerichtsmedizinische Kollege saß am Schreibtisch, las die Sportnachrichten im Internet und aß Mettbrötchen dazu. Er lächelte Greiper freundlich an: „Wollen Sie auch eins? Da ist noch eins ohne Zwiebeln.“ – „Danke, ich hab schon gefrühstückt. Außerdem finde ich diesen Ort nicht besonders appetitanregend.“ – „Och“, sagte der Mann im weißen Kittel, „man gewöhnt sich daran, zwischen lauter Leichen und toten Teilchen sein Frühstück einzunehmen. Könnte ich hier nicht essen, läge ich selbst bald auf dem Tisch.“ Er kaute noch ein paar Mal und schluckte den Brei aus Brötchen und rohem Schweinefleisch runter. „Was kann ich denn für Sie tun?“

„Greiper, mein Name, Hauptkommissar Greiper. Nach meinem Informationen sind alle Leichenteile, die man in den AMEK-Filialen gefunden hat, inzwischen hier eingetroffen.“ – „Nicht nur eingetroffen, sondern ziemlich intensiv analysiert.“ – „Und? Irgendwelche Erkenntnisse?“ – „Sie meinen neue Erkenntnisse? Den Bericht vom Kollegen vom vergangenen Freitag haben Sie ja…“ – „Ja, mich würde momentan weniger interessieren, wann und wie der Mann zu Tode gekommen ist, sondern vielmehr, wer er war.“ – „Mmh, die DNA ist unterwegs zum Abgleich. Das wird wohl Mittwoch werden bis wir erfahren, ob die Erbmasse irgendwo in einer Datenbank steckt. Mir sind ein paar Sachen aufgefallen.“ – „Zum Beispiel?“ Der Forensiker war aufgestanden und hatte sich die fettigen Finger am Kittel abgewischt, der auch nicht mehr ganz frisch aussah. Er ging vor: „Ich zeig’s Ihnen.“

***

Schaidlers Assistent hatte ein unruhiges Wochenende verbracht. Der Zettel mit der geheimen Handynummer seines Chefs, die ihm Felsheimer anvertraut hatte, brannte wie Säure in seiner Hosentasche, und als er ihn zuhause auf dem Tischchen in der Diele abgelegt hatte, schien er zu glühen, während die Ziffernfolge blinkte wie ein Leuchtreklame. Nein, er würde wenigstens den Sonntag verstreichen lassen und vielleicht noch den halben Montag bevor er seinen Boss störte.
Aber dieser Beschluss hatte ihm auch keine Ruhe bereitet, sodass er sich um Zerstreuung bemühte. Nun erscheint dem weltgewandten Mitteleuropäer Graz nicht als möglicher Ort für größeres Amüsement, aber das täuscht. Mehr als eine Viertelmillion Einwohner lassen sich nicht bloß mit Shopping und Natur ruhigstellen; gerade die Menschen, die stärker durch Hormone getrieben sind, verlangen nach entsprechender Aufregung, nach Möglichkeiten, dem Paarungstrieb nachzugehen, um so die Stimme des Körpers wenigstens zeitweise zum Schweigen zu bringen. Und so hat man in der zweitgrößten Stadt Österreichs auch ein Nachtleben eingerichtet. Robert Greiper würde sich in dem Bereich, den sie dort Bermudadreieck nannten, vermutlich heimisch fühlen, denn in den Gassen hätte er eine Dichte an Kneipen, Bars und Restaurant vorgefunden, die seiner geliebten Altstadt entspricht.

Schaidlers Assistent, trotz seiner Jugend ein eher konservativer Mensch, bevorzugte ein angestammtes Lokal für Männer, die sich lieber nicht mit Frauen vergnügen. Und dort verbrachte er einen anfangs netten, später wilden Abend, der ihm eine nette Bekanntschaft eintrug. Mit der verbrachte er auch den folgenden Sonntag, an dem sich die Hauptstadt der Steiermark winterlich präsentierte. Gegen Mittag fielen die ersten Schneeflocken, und am Abend lag eine weiße Schicht auf der Terrasse vor dem Schlafzimmerfenster des Assistenten. Neben ihm lag dieser wohlgestaltete Jüngling mit den tiefschwarzen Haaren, genau der slawische Typ, den auch der Chef des Assistenten gern um sich hatte. Wobei sein Boss es ja mehr mit dem Bäuerlichen, dem Groben hatte, während er selbst es wichtig fand, mit dem jeweiligen Partner auch Gespräche führen zu können. Wiewohl seine neueste Eroberung eher wie ein Knabe aus dem Volke wirkte, erwies er sich bei einem Cocktail in der Lounge des Clubs als der deutschen Sprache mächtig, ja, geradezu als charmanter Unterhalter.
Sie hatten miteinander getanzt, geredet, gelacht und ziemlich heftig geflirtet. Der Assistent schätzte sein Gegenüber auf achtzehn, neunzehn und fühlte sich mit ihm zusammen sehr lebendig und ziemlich jung. Später hatten sie noch in der Bar vorbeigeschaut, die als Treffpunkt des Nachwuchses von Schaidlers Partei galt. Aber der Assistent hatte niemanden entdeckt, den er kannte. Dafür konnte er seine Begleitung dazu überreden, mit ihm nach Hause zu kommen, was aber auch nicht weiter schwer fiel, denn der sehr junge Mann war einigermaßen betrunken. Dann hatten sie sehr spät gefrühstückt, ein wenig geplaudert, dann herumgealbert und waren wieder im Bett gelandet. Jetzt war es Abend geworden. Der Assistent betrachtete seinen schlafenden Gast und überlegte, ob es sich lohnen könnte, mit ihm eine längere Beziehung einzugehen. Aber dann dachte er daran, dass er möglicherweise nicht mehr lange in der Stadt bleiben würde und verwarf den Gedanken.

publiziert am 30.08.13 in Einzelteile ¦ 548x gelesen ¦ noch kein Kommentar