Abnehmen mit Clooney

clooney_renntBei Licht betrachtet ist jeder Hund ein Therapiehund. Oder: fast jeder Hund. Denn gerade wenn der Fellträger Haltern mit urbanen Lebensbedingungen zugefallen ist, wird er eine heilende Rolle übernehmen. So oder so. Clooney ist zum Beispiel mein Weightwatcher. Nun ist er gerade einmal vier Wochen bei uns, und ich habe bereits knapp fünf Kilo Gewicht verloren. Also, vergesst Trennkost, ignoriert die Brigitte-Diät – holt euch eine Welpe ins Haus! Denn der Kleinhund, der bringt euch in Bewegung. Da unser Sloughi-Bub (bis auf ein paar Unfälle alle drei, vier Tage) nun stubenrein ist und sich seine Einhaltephasen verlängern, fällt das Gassigehen im Zweistunden-Rhythmus langsam weg. Ja, eine Welpe im Alter zwischen acht und 12 Wochen MUSS in diesem Turnus vor die Tür gebracht werden, damit sie sich – wie Experten das nennen – „lösen“ kann. Wobei der Halter es beispielsweise morgens um fünf eher als Erlösung empfindet, wenn der Winzköter Pfütze oder Haufen produziert.

Aber in dem Maße, in dem das Rausmüssen nachlässt, wächst der Spaß am Rausdürfen. Als ich dieser Tage an einem feucht-grauen Morgen mit Clooney durch die menschenleeren Rheinwiesen bei Neuss stapfte, hatte ich Tränen in den Augen. Es waren Tränen der Trauer über den verlorenen Lebenshund, aber es waren vor allem Tränen des Glücks, wieder mit einem Hund gemeinsam zu wandern. Die Freude an der Bewegung ist beidseitig. So wie früher mit Pina, die – für einen Windhund eher ungewöhnlich – lange Gänge mochte. Nun ist man als Düsseldorfer Hundehalter ja priviligiert, was die Möglichkeiten angeht, die Töle leinenfrei rennen und schnüffeln gehen zu lassen. Allein linksrheinisch hat das geneigte Herrchen (ja, das Frauchen auch) die Auswahl zwischen dem Rheinpark in Neuss den Rheinwiesen diesseits sun jenseits der Südbrücke und auch nördlich der Hammer Eisenbahnbrücke. Direkt gegenüber der Altstadt ziehen sich die Rheinwiesen von Heerdt aus an der Knie- und der Oberkasseler Brücke vorbei bis hin zur Theodor-Heuss-Brücke, wo dann das Revier „Lörick“ beginnt. Rechtsrheinisch im Süden lockt die Urdenbacher Kämpe, und ab der Arena und dem Wasserwerk erstrecken sich noch einmal Wiesen bis nach Kaiserswerth. Wer als Hundehalter in Düsseldorf dieses Angebot nicht nutzt, sollte seine Haltung zum Hund aber mal überdenken.

Nun sind es aber nicht die jeweils meist anderthalbstündigen Gänge, die mich in meiner Funktion als Herrchen in Bewegung versetzen. Es ist Clooney selbst. Denn der ist mit seinen dreizehn Wochen natürlich noch nicht leinenführig. Dieser Fachbegriff bezeichnet die Fähigkeit des Vierbeiners, angeleint fest an der linken Seite des Leinenhalters zu kleben und weder nach hinten, noch nach vorne zu ziehen oder gar vor dem Menschen zu kreuzen. So ein Jungspund lässt sich natürlich immer noch von allen Möglichen externen Reizen zu diversen Reaktionen verlocken. Clooney ist als Sloughi ein Sichtjäger. In der Welpenpraxis bedeutet das: Er hält mitten im Schritt inne, hebt den Kopf und scannt die Umgebung. Andere Hunde erkennt er nachweisbar auf Entfernungen von einem guten Kilometer. Menschenkinder liebt er. Jogger reizen ihn zum mitlaufen. Und so hat das andere Ende der Leine sich diesen Wünschen (noch!) anzupassen. Das führt zu ständigem Schrittwechseln und Wendungen. Soll Clooney nun aber partout in eine Richtung, weil zum Beispiel die Zeit drängt, dann animiert ihn am ehesten, wenn Herrchen in leichten Trab verfällt. So bringt mich Kniekranken, der das Rennen scheut wie der gebarfte Hund das Trockenfutter, dieser Hundebub ans Joggen.

Übrigens: Erst beim Gassigehen mit einem Junghund in der Stadt merkt man, wie viel Essensreste die Menschen so in die Botanik schmeißen. Besonders schlimm ist es bei uns in der Nähe der Berufsschüler. Die eher stumpfen Jungmänner, die morgens zwischen 7:15 und 7:55 mit röhrenden Auspüffen durch die stille Sackgasse, an der wir wohnen, braten, ziehen zur Pausenzeit karawanenförmig zum nahegelegenen Discounter, wo sie sich mit üblem Frass und schlimmen Getränken eindecken, die sie dann auf dem Rückmarsch verzehren. Geleerte Verpackungen säumen ihren Weg. Besonders gern werden nicht ganz geleerte Schalen mit Majonäsensalaten (Fleisschsalat, Eiersalat, Heringssalat) auf dem Bürgersteig entsorgt – eine enorme Geruchsverlockung für die Welpe, die ja anfangs die Welt noch mit der Schnauze erforscht. Erfahrene Welpenbesitzer ahnen, was so ein Mundvoll Fettcreme mit der Verdauung des kleinen Vierbeiners anstellen können. So wird der einfaache Gang runter zur Düssel zu einem komplizierten Parcour, der mit lauter „Nein!“ oder „Aus!“ sowie gelegentlich Wegzerren des Kleenen gespickt ist.

Drittens: Mit einem quirligen Canidenkerl im Haus werden Essen und Trinken weniger wichtig. Ja, tatsächlich lenkt einen die pure Anwesenheit der Welpe von der Kalorienzufuhr ab. Das sieht beim kleinen Fellprinzen kaum anders aus. Fressen ist schön, aber nicht wirklich wichtig. Jedenfalls dann nicht, wenn ein selbsterfundenes Spiel lockt oder der Schmüsebär mal eben sachgerecht vermöbelt werden muss. Seit Beginn seiner dreizehnten Lebenswoche bekommt Clooney abends eine BARF-Mahlzeit. Der Begriff steht für „biologisch, artgerechtes, rohes Futter“ – eine Sache, die seit Jahren ziemlich gehypet wird, aber einen wirklich vernünftigen Kern hat. Basis ist nämlich rohes Fleisch, also das, was Caniden grundsätzlich bevorzugen und was ihnen das Gros der benötigten Nährstoffe bietet. Wir wissen ja inzwischen, dass der Haushund weitläufig mit dem Wolf verwandt ist, sich aber durch Zigtausend Jahre Ko-Evolution mit dem Menschen an dessen Nahrungsgewohnheiten gwöhnt hat. Der Canis familiaris ist erwiesenermaßen der einzige Kanide, der in ähnlichem Maße Kalorien aus vegetarischem Zeug ziehen kann wie der Mensch. Im Gegensatz zum Wolf, der reiner Carnivore ist, mag der Hausköter Obst und Gemüse sogar! Wo ein Lupus sich angesichts eines Eimer Quarks angeekelt schüttelt, das wird Fiffi zum Wolf und schleckt das Molkereiprodukt bis zur bitteren Neige.

Deshalb ist es völliger Quatsch, dem Haushund ausschließlich Fleisch zu geben. Richtiges Barfen dreht sich vor allem um die Frage, was dem rohen Fleisch beigefügt wird. Entsprechend der Empfehlungen der Sloughi-Züchter, in deren Haus unser Clooney seine ersten Wochen unter optimalsten Bedingungen erlebt hat, geben wir Reis und gekochte Möhren dazu. Gelegentlich auch Kartoffelswürfel mit Schale. Fürs Fell kommt ein Esslöffel Distelöl dazu, für den allgemeinen Stoffwechsel ein wenig Apfelessig. Essig und Öl werden jedoch nicht zur Vinaigrette gerührt, sondern einfach so dazu getan. Während der Wachstumsphase, die bei einem Windhund bisweilen erst mit anderthalb Jahren abgeschlossen ist, kommen noch verschiedene Mineralpulver auf pflanzlicher Basis hinzu. Natürlich war die Neugier groß, wie unser Teufelsbraten, der bis dahin immer nur niedliches Welpen-Happe-Happe vorgesetzt bekam, auf das Fleisch reagieren würde. Was soll ich sagen: Er war begeistert. Er war im Rausch. Das Weiße in seinen Augen wurde sichtbar. Und innerhalb von Minuten hatte er die Schüssel leergefressen. Derartige Exzesse haben meist Nebenwirkungen. Bei unserem Windhundbub sah es so aus, dass er seitdem null Bock auf blödes Trockenfutter hat. Aber sowas von.

Nun sind die in der Literatur zu findenden Ernährungsgesetze eher einförmig und nehmen weder auf die Rasse, noch die Persönlichkeit des felltragenden Mitessers Rücksicht. Dort heißt es, dass mit Beginn des vierten Lebensmontas auf drei Mahlzeiten am Tag reduziert werden soll. Clooney hat sich selbst jetzt auf anderthalb Mahlzeiten gesetzt. Morgens treibt der gröbste Hunger ein wenig in Wasser geweichte Welpenfutterbröckchen rein. Abends zieht er sich in zwei Etappen rund 600 Gramm Barfkram rein. Scheint ihm zu bekommen, denn er wächst immer noch wie Bambus. Momentan liegt er bei einer Schulterhöhe von rund 42 Zentimeter, und das Gewicht bewegt sich in Richtung zwölf Kilo. Bei seinem Herrchen geht die Tendenz eher in Richtung des Gewichts, das er zum Ende seiner Zeit als Zigarettenraucher hatte. Und das liegt über vier Jahre zurück.

publiziert am 30.09.13 in Windhund namens Clooney ¦ 808x gelesen ¦ noch kein Kommentar