Erste Tage mit Clooney

clooney_faceSie fühle sich wie eine Spätgebärende, sagte Claire am Tag, an dem wir Clooney in Bergheim abholen sollten. Was lustig gemeint war, trägt einen sehr wahren Kern in sich. Denn vermutlich ist so ein Hund bei den meisten Paaren, die keinen eigenen Nachwuchs haben oder deren Sprößlinge längst aus dem Haus sind, Kindersatz. Man mag sich darüber mokieren oder lustig machen, aber diese gern verschwiegene Tatsache sagt viel über das besondere Verhältnis von Mensch und Hund aus. Schwer vorstellbar, dass zwei Menschen, die ihr Leben miteinander teilen, den nicht erfüllten oder nicht erfüllbaren Kinderwunsch durch die Anschaffung eines Zwergkaninchens befriedigen. Nicht einmal eine Katze kann diese Kompensation leisten; jedenfalls nicht auf Dauer, denn die Felide wird nicht in der Lage sein, eine Beziehung zu den Haltern aufzubauen, die auch nur annähernd so intensiv wird, wie das zwischen Menschen und Hunden die Regel ist.

An mein eigenes Verhalten rund um die Geburten meiner Kinder erinnere ich mich sehr genau. Meine damalige Partnerin und ich hatten beschlossen, es auf eine Schwangerschaft ankommen zu lassen. Da waren wir 27 und 29 Jahre alt. Entgegen des pessimistischen Zeitgeistes jener Jahre, in denen der Glaube an die atomare Apokalypse und/oder das Ende des Ökosystems Erde quasi Mainstream war, und auf entgegen der darauf fußenden und in unseren Kreisen vorherrschenden Meinung, man dürfe doch nun wohl keine Kinder mehr in diese kaputte Welt setzen, fühlten wir uns in der Lage, Nachwuchs zu produzieren. Es dauerte einige Zeit bis Inge tatsächlich schwanger wurde. Und auch wenn wir den üblichen Pränatal-Zirkus treu und brav mitmachten, machte die Ankunft des Babys keine größeren Sorgen. Ja, wir waren sorglos, so wie wir auf eine altmodisch hippieske Art sorglos lebten. Und wir lagen richtig: Unsere Lebensumstände waren kompliziert, die Einkommenssituation prekär. Aber unser Sohn war kräftig und gesund, und wir meisterten die Aufzucht einigermaßen lässig.

Nun weiß man, dass gerade werdende Mütter mit zunehmendem Alter immer besorgter werden, was die erste Schwangerschaft, die Geburt und die Betreuung des Säuglings angehen. Vielleicht hat man den Frauen das aber auch nur systematisch eingeredet, um sie zu verunsichern und zu guten Konsumentinnen aller möglicher Services und Produkte zu machen, mit denen sie den Prozess scheinbar absichern können. Eingeredet hat man den Spätgebärenden in jedem Fall, dass zwischen dem Eintritt der Schwangerschaft und dem Abitur des Sprosses viel schief gehen kann und die Eltern bzw. die alleinerziehende Mutter fast alles falsch machen kann. Das überträgt sich dann auch alles auf den zukünftigen Vater, so der denn anwesend, von der Mutter akzeptiert und bereit ist, die Vaterrolle zu übernehmen. Und je mehr Informationen in den klassischen Medien und im Web verfügbar ist, desto mehr Fallen werden sichtbar, desto größer wird die Unsicherheit.

Vielleicht ist es ohnehin so, dass dieses ganze Bemühen, sich im Vorfeld rundum über die Kinderaufzucht zu informieren, die Unsicherheit vergrößert statt verringert. Unter anderem auch, weil man auf umso mehr Widersprüche und unvereinbare Positionen und Ratschläge stößt, je mehr man liest und aufnimmt. Beim Thema Hundehaltung ist das definitiv zu. Wo der Köter früher gekauft und dann nach Bauchgefühl gehalten wurde, wird heute der Anspruch des besten Freundes auf sein persönliches Glück postuliert. Getrieben wurde diese Auffassung – betrachtet man die Sache nüchtern und vor allem historisch – von den Industrien, die am Haushund Milliarden verdienen. Denn würden die Hundehalter wie noch vor sechzig Jahren der Töle vor allem Fleisch, das sich für den menschlichen Verzehr nicht eignet, selbst gekocht und mit Kartoffeln versetzt, als einzige Tagesmahlzeit reichen, brächen die Märkte für absurde Produkte wie das Luxusfutter Cesar (nur echt mit Petersilliensträußchen…) oder immer neue Geschmackskompositionen zusammen. Man hat den Freunden des vierbeinigen Fellträgers über die letzten Jahrzehnte systematisch eingebläut, dass das gewählte Futter wesentlich für Gesundheit, Genuss und damit Zufriedenheit des Fiffis ist. Oder andersherum: Wer dem Waldi Billigfutter aus der Noname-Dose bietet, schadet dem Tier gleich mehrfach. Eine weitere Propagandalüge der Tierfutterbranche besteht darin, zu behaupten, der Hund fahre total auf geschmackliche Vielfalt ab, freue sich also darüber, jeden Tag ein anderes Aroma im Napf vorzufinden. Das ist nackter Blödsinn: Enthält ein einmal zusammengestelltes Futter alle lebensnotwendigen Bestandteile im richtigen Verhältnis, würde es der Lebensqualität des Köters keinen Abbruch tun, wenn er Tag für Tag exakt denselben Fraß bekommt.

Jede Propaganda setzt auf die Ängste der Zielgruppen. Und zwar auf die Ängste, die mit ebendieser Propaganda erst in die Kleinhirne der Empfänger gepflanzt werden. Natürlich ist es von fast jedem modernen Moral- und Ethikstandpunkt aus gut, wenn der Mensch seinem Hund nicht schadet, sondern in möglichst artgerecht hält. Überhaupt über die artgerechte Haltung nachzudenken, ist ein kultureller Fortschritt, den wir Insassen der reichen westlichen Welt den Bemühungen der ökologisch denkenden Menschen verdanken. Und wenn es die Tierschutzbewegung fast europaweit geschafft hat, dass das Tier nicht mehr als Sache betrachtet wird, mit der sein Besitzer machen kann, was er will, sondern als fühlendes Leben, dann führt eine rationale Umsetzung dieser Position zum bestmöglichen Zusammenleben von Mensch und Hund. Über die weit über diese Errungenschaften hinausgehende Forderungen der so genannten „Tierrechtsbewegung“ wird an anderer Stelle noch zu reden sein.

Jedenfalls war auch unser Gefühl ab dem Zeitpunkt der Entscheidung eher ein besorgtes. Würden wir alles richtig machen? Beziehungsweise: Würden wir alles in dieser lebensentscheidenden Phase richtig machen? Denn von allen angeblich hundekompetenten Seiten hieß es, was man in der Prägephase versaubeutele, das trüge Hasso lebenslang in seinem Verhaltensvorrat – Traumata inklusive und ganz besonders. Im Umkehrschluss leitet sich daraus die praktisch unerfüllbare Forderung ab, dem neuen Freund in den ersten Wochen nach der Abholung praktisch alles mitzugeben, was ihn zufrieden und glücklich machen könnte. Das Hauptproblem dabei: Wir Menschen wissen ja nicht vollkommen und zuverlässig, unter welchen Bedingungen ein Hund „glücklich“ ist. Seitdem darüber überhaupt spekuliert wird, durchlief die vorherrschende Meinung darüber zwei Phasen.

Die erste Phase begann in Deutschland vermutlich in den Jahres des Wirtschaftswunders, als plötzlich der Familienhund – gern in Gestalt des Dackels, Pudels, Cocker Spaniels oder Boxers – zum Statussymbol wurde. Hundeschulen gab es nicht; wer seinem Vierbeiner die schlimmsten Flausen austreiben wollte, war praktisch auf den örtlichen Schäferhundverein angewiesen, wo streng nach Herrn Most hündischer Willen gebrochen wurde. Aber je mehr der Haushund so zum Schoßhund – und zwar unabhängig von Größe und Rasse – mutierte, je mehr er zudem Mitglied der Familie wurde, desto mehr wurden menschliche Gefühle auf ihn projiziert. Nun wurde jede sichtbare Gefühlsregung des Köters einer annähernd entsprechenden humanen Emotion gleichgesetzt. Guck mal, der freut sich, hieß es, wenn ein Hund sein Herrchen ansprang. Nicht ahnend, dass diese Tat bei einem Rüden gegenüber dem meist abwesenden Hausherrn auch den Versuch, diesen zu dominieren, darstellen kann. Die Liste solcher missverstandener Handlungen des Hundes ist ellenlang. Und besonders ältere Menschen, ja, vorwiegend auch ältere alleinstehende Damen, die schon immer ein Tierchen hatten, neigen bis heute durchweg dazu, den Hund zu vermenschlichen. Das gilt übrigens auch für Leute, die es mit dem Canis familiaris nicht so haben und jene, die sich außer für ihre durch nichts gerechtfertigte Meinung für Fakten wenig interessieren.

Wann genau Phase zwei einsetzte, ist noch schwerer zu bestimmen. In dieser Periode wurden innerhalb kürzester Zeit angebliche Fakten über das Hundeverhalten Allgemeingut. Und dies mit affenartiger Geschwindgkeit im Zuge des Hundefernsehbooms ab Anfang des 21. Jahrhunderts. Zu den Pionieren und Protagonisten zählt der Hundetrainer Martin Rütter, ein Art rheinischer Frohnatur, die es drauf hat, diverse Grundannahmen der Verhaltensforschung mehr populär als wissenschaftlich darzubieten. Der nämliche Rütter war es aber auch, der den Typus des Problemhundes in die breite Öffentlichkeit brachte. Basierend auf einem Satz extremst vereinfachter Ansichten über das Sozialverhalten des Canis familiaris konnte er leicht jedes Muster, das ein Hund an den Tag legte und das seiner Herrschaft nicht gefiel, beschreiben und therapieren. Nun erschien die Hundehaltung an sich schwierig, problematisch und durchweg therapiebedürftig. Gleichzeitig erklärten sich Heerscharen von Leuten – vorwiegend Damen mittleren Alters – zu Hundetrainern und/oder -therapeuten, die so die Chance ergriffen, ihr Hobby zu einem Beruf zu machen, der nicht viel Mühe macht.

Wurde also in Phase eins hündisches Verhalten so küchenpsychologisch erklärt wie das der handelsübliche Sportreporter bei Fußballern tut, erklärten in Phase zwei selbsternannte Experten den Hundehalter, dass sie eigentlich alles immer falsch machen. Die Besitzer von Haushunden gerieten so in die Defensive. Und natürlich wirkt Propaganda, die auf ganzer Breite über den Flachbildschirm ins Haus schwappt selbst bei eher kritischen Naturen – zumindest subkutan.

Und so waren auch Claire und ich in den Tagen vor der Ankunft von Clooney vorwiegend schlaflos und von den Gedanken gepeinigt, möglichst nichts falsch zu machen. Zumal sowohl die Züchter, als auch viele Experten im wesentlichen davon erzählten, wie schwierig das alles werden würde und wie man nur durch exaktes Befolgen komplizierter Regeln das Schlimmste vermeiden könne. Zum Beispiel in Sachen „stubenrein“. Da sollte man mit der Welpe grundsätzlich sofort nach dem Leeren des Napfes vor die Tür, damit der Hund – so heißt es merkwürdiger Weise im Fachjargon – sich lösen kann. Denn die DIN-A-Welpe neige dazu, nach dem Fressen gleich das Gegenteil auszuführen. Weiters empfehlen die Fachleute, das Hundekind PAUSENLOS zu beobachten, denn intensives Schnüffeln und Aufsuchen sonst eher uninteressanter Ecken in der Wohnung deute auf Harndrang hin. Um es vorwegzunehmen: Clooney machte uns bereits nach wenigen Minuten im Ferienhaus unmissverständlich klar, dass er mal müsse,

Regelrechte Horrorgeschichte bekamen wir über die erste Autofahrt zu hören. Unseren Plan, mit dem Jung-Sloughi gleich von den Züchtern weg mit dem Pkw in Urlaub zu fahren, fanden einige Hundekenner geradezu abenteuerlich. Man müsse damit rechnen, dass der Welpe schon nach wenigen Metern das Fressen vorn und hinten herausströme. Von panischen Hecheln, Fiepen, Junxen und dramatischen Fluchtbewegungen war die Rede. Bei Clooney sah es so aus, dass er in den ersten fünf Minuten ein wenig verwirrt von den vorbeiflitzenden Bildern laut weinte, dann nur noch seinen Abschiedsschmerz äußerte und nach einer halben Stunde war er zum ersten Mal auf Claires Schoß eingeschlafen. Spätestens nach der ersten Pause machte er den Eindruck, sich an Bord völlig sicher zu fühlen.

Und noch ein Punkt, der uns die typische Versagensangst der Spätgebärenden einflößte, erwies sich in der Praxis als völlig unproblematisch. Natürlich versuchten wir, Clooney strikt nach Plan zu füttern, Viermal am Tag brauche er rund 50 Gramm vom empfohlenen Trockenfutter, das zuvor für gut zwanzig Minuten in heißem Wasser einzuweichen sei. Mangels Waage oder Messbecher verabreichten wir eine unserer Meinung nach angemessene Menge. Der Klein-Sloughi fand das uninteressant und bediente sich über einen längeren Zeitraum nach gusto am Napf. Vermutlich fraß er gelassener, weil der Konkurrenzdruck durch die Geschwister weggefallen war.

Überhaupt wurde uns schon am ersten Tag klar, dass ein Großteil er Vorschriften und Ratschläge für die Tonne waren. Denn all diese Schemata übersehen eins, dass solch eine Welpe eben schon eine Persönlichkeit ist, ein Wesen mit ganz eigenen Bedürfnissen und auch Ängsten. Vielleicht haben wir bei Clooney einfach nur Glück gehabt. Sicher aber haben die Züchter einen enormen Anteil daran, dass unsere Welpe in ihrem zarten Alter von neun Wochen schon so gelassen auf die vielen Veränderungen und Neuheiten reagiert hat.

publiziert am 18.09.13 in Windhund namens Clooney ¦ 970x gelesen ¦ noch kein Kommentar