Stein und Bein – Teil 7

Sein Handy meldete sich nicht ganz unerwartet, und er nahm den Anruf an. „Wissen’s, ich wollte schon vor Längerem einmal offen mit Ihnen reden“, begann der AMEK-Marketingchef ohne Umschweife, „Sie sind mir schon vor zwei oder drei Jahren positiv aufgefallen. Sie erinnern sich an die erfolgreiche Weihnachtsbaumkampagne, nicht wahr?“ Schreiner schaltete schnell genug um. Er hatte den Anrufer schon an seiner wienerischen Sprechweise erkannt, die dieser auf sein Anraten hin pflegte, weil er als Kommunikationsberater der Ansicht war, es würden seinen Klienten authentischer und damit glaubwürdiger machen: „Natürlich. Klar, die Weihnachtsbäume… Hat ja unseren guten Herrn Schaidler bis aufs Sofa von Sabine Christiansen gebracht.“ Tatsächlich war bei dieser Sache alles gut gelaufen, was sonst nie gut läuft in der Pressearbeit. AMEK hatte damals – und das war die Idee des heutigen Marketingleiters gewesen – eine Aktion ins Leben gerufen, dass die Leute nach dem Dreikönigstag ihre Christbäume in einen AMEK-Laden bringen könnten. Dort wurden diese gewogen, und die Einlieferer bekamen einen Einkaufsgutschein nach Gewicht.

Das hätte einfach so wohl keine nennenswerte Medienresonanz erzeugt, aber Schreiner hatte daraus eine Pro-Weihnachts-Kampagne gemacht; ganz im Sinne Schaidlers sogar eine Initiative zur Rettung der deutschen Weihnacht. Viele Journalisten, denen sowohl dieser schwachsinnige Halloween-Hype auf die Nerven fiel, als auch das durchamerikanisierte Christfest, stiegen auf die Sache ein, und es kostete Schreiner nach zwei Wochen intensiver Berichterstattung nur einen Anruf in der Redaktion der damals wichtigsten Talkshow, um den AMEK-Boss als Retter des Weihnachtsfests unterzubringen. „Ja, der war ganz narrisch, der gute Schaidler, dass er da sitzen und reden durfte“, sagte der Marketing-Chef für ganz Europa, „Aber deshalb ruf ich sie nicht an. Wissen’s, mir haben die Krisengespräche zu diesen ganzen widerlichen Leichenteilen überhaupt nicht gefallen. Ich würd gern noch einmal ihre persönliche Meinung jenseits aller offiziellen Vereinbarungen zwischen unserem Unternehmen und der Agentur hören. Vielleicht ist es ja so, dass wir gar keine Agentur brauchen, sondern nur einen fähigen Berater…“

Natürlich biss Frank Schreiner an und sagte zu, sich um zwanzig Uhr in der Lobby des Luxushotels an der örtlichen Prachtstraße einzufinden, um dort ein Gespräch zu führen, anschließend gut essen zu gehen und vielleicht noch auf einen Drink im angesagtesten Club der Stadt aufzulaufen.

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„Wir Forensiker“, sagte der Forensiker während er mit Greiper durch den Gang zum Sezierraum 4 ging, „sind ja plötzlich zu Superstars geworden. Vor ein paar Jahren hat sich doch keine Sau für die Gerichtsmedizin interessiert…“ Der Hauptkommissar nickte desinteressiert. „Und dann kam dieser merkwürdige Kollege aus Köln, den hat dann irgendein Fernsehsender dauernd als Experten vorgeführt. Der hat dann mit Maden vorgeführt, wie lange eine Leiche schon tot ist und solche Sachen…“ Greiper erinnerte sich schwach. „Und jetzt bringen sie zig Serien mit Forensikern, und in diesen ganzen Ami-Krimis sind gerichtsmedizinische Untersuchungen auf einmal unheimlich wichtig.“ Er öffnete die Tür; und beide traten ein. „Dabei gibt es auf unserem Fachgebiet seit der Einführung der DNA-Analyse kaum neue Erkenntisse…“

Auf dem Chromtisch lagen zwei Beine mit ziemlich kräftiger Behaarung, die beide schon in einen nicht sehr angenehmen Zustand der Verwesung überge-gangen waren. Die Körperteile waren jeweils mit einem glatten Schnitt am oberen Ende des Oberschenkels versehen, und die Füße fehlten. An einem Bein hatte jemand die Knochen freigelegt und einen größeren Hautlappen angehoben. Das andere Gliedmaß war intakt. „Achten Sie erstmal nicht auf das tranchierte Teil. Schauen sie bei dem anderen auf den Bereich über dem Schienbein.“ Greiper sah Dellen in der Haut, die verschiedene Verfärbungen zwischen Weiß, Grau und Gelb angenommen hatte, und schwieg.
„Ein Teil der Verformungen sind auf den Verwesungsprozess zurückzuführen. Wenn Sie nun das andere Bein betrachten, werden Sie feststellen, dass auch der Schienbeinknochen relativ viele Einbuchtungen und Kerben aufweist.“ – „Ja, und?“ meinte Greiper und sah den Gerichtsmediziner unfreundlich an. „Solche Schäden weisen die Schienbeinknochen von Menschen auf, die seit ihrer Jugend Sport treiben.“ – „Unsere Leiche war also ein Sportler.“ – „Man kann sogar bestimmen, welchen Sport er getrieben hat beziehungsweise wobei er sich die Knochen verbeult hat. Dazu muss man allerdings über ein gerüttelt Maß an forensi-scher…“ – „Geschenkt. Was hat er getrieben?“ – „Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten…“ – „Und Sie sagen mir jetzt die wahrscheinlichere von beiden, okay!“ Greiper zeigte alle Anzeichen beginnender Ungeduld, und der Mediziner war klug genug, dies zu erkennen.„Fußball oder Ski. Wahrscheinlicher ist, dass er regelmäßig und viel Ski gelaufen ist. Und zwar ab etwa Mitte Zwanzig.“ – „Könnten Sie einen Unterschied erkennen, wenn er, sagen wir mal, schon mit fünf, sechs angefangen hätte?“ – „Nein, das nicht. Aber im vorliegenden Fall ist feststellbar, dass die Schäden nach dem vollständigen Ende des Wachstums und vor dem Beginn erster Abbaueffekte am Knochenbau eingetreten sind – und die beginnen bei Männer eben mit Mitte Zwanzig.“ – „Also haben wir es bei dem Toten mit einem eher kleingewachsenen, schwarzhaarigen Typ im Alter von vierzig bis fünfzig Jahren zu tun, der in seiner Kindheit nicht Ski gelaufen ist, aber mit Mitte Zwanzig damit begonnen hat.“ – „Ja, das würde ich unterschreiben“, meinte der Gerichtsmediziner und griff zum Skalpell, um eines der Beine weiter zu zerlegen.

publiziert am 24.10.13 in Einzelteile ¦ 595x gelesen ¦ noch kein Kommentar