Hundekörper

hundekampfVielleicht ist es das, was mich an kurzhaarigen Hunden so fasziniert, dass sie nämlich ganz Körper sind. Nicht versteckt unter einem Haarmop, unter Fransen und Krause. Denn bei Konsorten wie Ridgeback, Boxer und Sloughi wird deutlich, dass der Hund mit seinem Körper jede Form sozialer Interaktion betreiben kann: Kommunikation, Spiel, Kampf. Wir Menschen wissen das eigentlich. Denn – wie John Bradshaw in seinem erstaunlichen Buch „Hundeverstand“ erklärt – haben sich Mensch und Hund über etliche Tausend Jahre in einer Ko-Evolution miteinander und aufeinander zu bewegt. Bradshaw weist auch auf Erkenntnisse hin, die beweisen könnten, dass der Haushund eines der ganz wenigen oder sogar das einzige Säugetier ist, dass mit der eigenen Species und dem Menschen angemessen und unterschiedlich interagieren kann. Was aber der Canis familiaris instinktiv beherrscht, funktioniert beim Mensch nicht (mehr) so ganz automatisch. Der Halter muss im Gegensatz zum Köter bei der Kommunikation auch das Hirn einschalten.

Aber eben nur gelegentlich. Denn wenn sich ein Mensch im körperlichen Umgang mit dem besten Freund auf seinen Instinkt verlässt, wird er in der Regel richtig liegen. Wenn ich nicht will, dass Clooney einen Blumenkasten ausgräbt, dann rufe ich natürlich „Nein!“ – das ist die menschliche, verbale Kommunikation, die das Wunderwesen Haushund auch versteht -, schubse ihn aber auch mit einer deutlichen Körperaktion vom Corpus delicti weg. Wie überhaupt der Körperkontakt vermutlich das wichtigste Mittel ist, mit der Töle in sozialen Kontakt zu kommen und es sich dort gut gehen zu lassen. Und das hat nichts damit zu tun, das Verhalten von Hunden untereinander zu imitieren – obwohl die Beobachung der Canis-Kollegen untereinander dem kulturell verbildeten Tölenhalter häufig auf die Sprünge helfen kann. Völlig sinnlos ist das Nachmachen von Fletschen, Knurren und Bellen sowie anderer Lautäußerungen des Bellos. Weil er nämlich sehr genau unterscheiden kann zwischen den Äußerungen eines Hundefreunds und eines Menschen, wird er sich fragen, ob Herrchen noch alle Latten am Zaun hat.

Der Canis Familiaris hat in den mindestens 20.000, eher wohl 100.000 Jahren seiner Domestizierung gelernt, dass der Homo sapiens mit seinen Lautäußerungen ganz andere Signale zu setzen pflegt als er selbst. Und er musste das lernen, denn die Domestizierung konnte nur gelingen, wenn er sich dem Menschen anpasste. Je besser er sich anpasste, desto besser ging es ihm und seiner ganzen Species. Zum Anpassen gehört das Verstehen, also das Entschlüsseln der diversen Kommunikationsformen des Gegenüber. Und weil Anpassen nicht mal eben so zur Attraktion wird, haben sich evolutionär die Wesen durchgesetzt, die den Homo erectus permanent beobachteten, sich Sorgen um dessen Liebe machten und so gut wie alles dafür taten, von Herrchen und Frauchen gemocht zu werden. Denn das bedeutete Schutz, Wärme und Nahrung.

Den Haushund aber auf eine Rolle als Schmarotzer zu reduzieren, geht an der Erkenntnis der Ko-Evolution vorbei. Weshalb hat denn der steinzeitliche Mensch zugelassen, dass sich die Köter rund ums Dorf sammelten, um auf Abfälle zu warten. Warum hat der Mensch den Köter denn ins Dorf geholt, um ihm Schutz vor dem Wetter, vor Feinden und Futter zu geben? Weil er von den besonderen Fähigkeiten des Haushundes profitierte. Noch heute wird der Sloughi in den abgelegenen Gegenden Marokkos nicht einfach wegen seiner Schönheit oder ähnlichem Quatsch verehrt, sondern weil er oft der Fleischbeschaffer der Familie ist. Wie alle Windhundrassen – und die gelten inzwischen als die Rassen, die als erste bewusst herausgezüchtet wurden, vermutlich vor mehr als 8.000 Jahren – ist der Sloughi ein genialer Jäger rasender Kleinnager. Und so ein Hase macht schon mal einen guten Sonntagsbraten.

Damit der soeben ins Dorf gezogene Hund aber als Fleischbeschaffer funktionieren konnte, musste auch die Dorfbewohner lernen, mit dem Fiffi zu kommunizieren, also dessen Signale korrekt zu entschlüsseln. Wie tief dieses Verständnis im vorbewussten Bereich des modernen Menschen verankert ist, kann man gut daran ablesen, dass Kleinstkinder, die nie zuvor einen Hund gesehen haben, weder in echt, noch in einem Medium, diesen spontan erkennen und nicht selten gleich Bellgeräusche von sich geben. Und wenn Eltern sich trauen, den eigenen Säugling in Obhut des Familienhundes zu geben, werden sie erstaunt feststellen, dass Bello und Baby sich wortlos und bestens verstehen.

Das alles werden die Vertreter und Lobbyisten der noch jungen Tiertrainingsmafia nicht gern hören, die das Verhältnis Hund zu Mensch gern problematisieren, so frischgebackene Halter verunsichern, um sich einen Pool neuer Klienten zu schaffen. Es ist erschreckend, dass sich das Gros auch TV-bekannter Hundetrainer nach wie vor implizit auf den Herrn Most beziehen, der um 1910 herum ein Buch zur Erziehung von Polizeihunden verfasste, in dem er allerlei Methoden beschrieb, sich den Hasso gefügig zu machen. Ausgangspunkt war und ist leider bis heute die weitestgehend widerlegte These vom Wunsch des Haushundes, sein Rudel zu dominieren. Ja, selbst die Theorie der Rudelhierarchie hält den Erkenntnissen der Wissenschaft nicht mehr stand. Und aus gleich zwei Gründen. So ähnlich sich genetisch gesehen Haushund und Wolf sind, so dramatisch unterscheiden sie sich im Verhalten. Zudem herrscht ja nach wie vor das Missverständnis, Wölfe seinen in Rudeln organisiert, denen ein Leitwolf vorsteht, der mit harter Hand regiert. Verhaltensforscher sind sich inzwischen sicher, dass Wölfe nur dann hierarchisch sortierte Rudel bilden, wenn sie unter ungünstigen Umweltbedingungen leben müssen – die Hierarchie quasi als Notverordnung.

Dasselbe kann man problemlos an Streunehunden beobachten. Haben sie ein nahrungstechnisches Auskommen und werden vom Menschen nicht bedroht, bilden sie gelegentlich lockere Gruppen, die mehr dem Sozialverlangen dienen als dem Überleben. Erst wenn ebendieses Überleben zum zentralen Problem wird, entstehen Rudel mit klaren Rangordnungen. Es ist praktisch wie beim Menschen, der in der Not auch gern aufs Führerprinzip umschaltet und die Demokratie mal eben abschafft.

Was bedeutet das alles für die Erziehung des Fellbeiners? Auf jeden Fall nicht, dass der Halter dem Wuffi ständig deutlich machen muss, dass er der Chef ist und nicht der Köter. Wer seinen Hund glücklich machen will, der verabschiede sich am besten vom Begriff „Erziehung“ und verwende hilfsweise das Wort „Ausbildung“. Und da geht es um zweierlei. Einerseits muss der Halter als das intelligentere Wesen in dieser Beziehung den Hund vor den Gefahren der Umwelt schützen, die der Fellträger nicht einschätzen kann, weil sein Instinktvorrat beispielsweise für den Umgang mit einem 50 km/h schnellen Auto keine Verhaltensmuster enthält. Andererseits muss der Halter Wege finden, dem Fiffi seine spezifischen, menschlichen Wünsche deutlich zu machen, also beispielsweise beibiegen, dass er was gegen das Abkauen von Teppichfransen hat.

Und um den Anfang zurückzukommen: Das funktioniert am besten mit einer Mischung aus non-verbaler, körperlicher Kommunikation und dem gesprochenen Wort, dessen jeweilige Bedeutzung die Töle einfach lernen muss. Wie jede Kommunikation wird dieser Mix nur erfolgreich sein auf der Basis von gegenseitigem Vertrauen. Für den Canis familiaris, den man getrost ein Sorgentier nennen kann, ist es von eminenter Bedeutung für die geistige Gesundheit, sich angenommen, gemocht, ja, geliebt zu fühlen. Das schafft beim ihm das Vertrauen zu Frau- und Herrchen und bildet die Grundlage dafür, deren Wünsche und Verbote zu respektieren – sofern er sie verstanden hat. Wie beim Menschen auch ist Vertrauen in erster Linie etwas Körperliches, eine Funktion von Wärme, von Kontakt. Deshalb ist das Streicheln und Kraulen, aber auch das Kuscheln und Rangeln mit dem Köter die Basis für jede erfolgreiche Ausbildung.

publiziert am 27.10.13 in Windhund namens Clooney ¦ 783x gelesen ¦ noch kein Kommentar