Pina und die Marokkaner. Oder: Wie wir auf den Sloughi kamen

pina_buschDas Leben ist ein einziger Zufall. Was einem passiert, geschieht meist als Ergebnis einer Reihe nicht geplanter Begegnungen und Handlungen. Hätte mein bester Freund Klaus nicht zufällig ein etwas merkwürdiges Ehepaar kennengelernt, das in einem der östlichen Vororte wohnte, wären wir nie zum Windhund gekommen. Claire hatte sich mehr oder weniger notgedrungen entschieden, über Putzstellen zurück in die Berufstätigkeit zu finden. Und das besagte Paar war zu jener Zeit auf der Suche nach einer Hilfe, die für Sauberkeit im Haus sorgen sollte. Durch Klaus‘ Vermittlung wurde man sich einig, und Claire radelte nun einmal die Woche bergauf in diese Siedlung, um bei den Dörens zu putzen. Nach einigen Monaten kam ein zweiter Job im selben Viertel dazu. Die Familie Neu mit ihren zwei Kindern war dankbar für die Unterstützung. Im Hause lebten aber auch zwei Hunde: ein quirliger Whippet-Rüde und eine eher zurückhaltende Galgo-Hündin. Denn Frau Neu war im Nebenjob Tierretterin. Bis zu diesem Zeitpunkt im Jahr 2005 hatte ich noch nie davon gehört, dass irgendwelche Organisationen systematisch Streunehunde, denen in der Heimat der Tod droht, nach Deutschland schaffen und zur Adoption freigeben.

Als jemand, der die Situation mit Streunerrudeln aus einer Urbanisation auf Fuerteventura bestens kannte, war ich der Überzeugung, dass gegen diese wild lebenden Köter etwas getan werden müsse. Es ist nämlcih kein Spass, wenn man morgens verschlafen aus dem Haus kommt und ein riesiger Schäferhund knurrend vor einem im Garten hockt – hinter sich sieben, acht nicht minder aggressive Kollegen. Dies habe ich so um 1998 herum auf der Insel mehrfach erlebt. Klar, das Rezept ist einfach: Einfangen. kastrieren, Vermehrung eindämmen. Das Problem entsteht übrigens durch den Nahrungsüberfluss – besonders in touristischen Regionen. Die herrenlosen Tölen finden nämlich im Müll der Hotels und Anlagen immer genug zu fressen, denen geht es dabei richtig gut. Weil deren Lebensumstände so gut sind, pflanzen sie sich mit Macht fort. Im Grund sind Streunerrudel eine archaische Form der Mensch-Hund-Beziehung, den nach allem, was man weiß, kam der Mensch zum Hund (und der Hund zum Mensch), weil sich der Kanide an der Schwelle zum Haushund in der Nähe menschlicher Siedlungen aufhielt und sich von den Abfällen der Bewohner ernährte. Wer also meint, Streunerhunde wären arme Hunde, liegt falsch. Einzig an der medizinischen Versorgung hapert’s, und deshalb wird so ein freiwilder Wauwau auch meist nicht besonders alt. Wobei der natürliche Feind des herrenlosen Haushundes bekanntlich das Auto ist…

Auf dem spanischen Festland sammeln seit vielen, vielen Jahren Hundefänger (die es hierzulande bis zum zweiten Weltkrieg auch noch gab) Köter da ein, wo sie zur Last und Gefahr für Anwohner werden, und schaffen sie in die so genannten Perreras. Übrigens: So wird das auch in den meisten Countys in den USA und überhaupt in der Mehrzahl der Länder gehandhabt, in denen Nahrungsüberschuss herrscht. Man stelle sich so eine Perrerea vor wie eine Mischung aus Tierheim, Knast und Todesstation. Denn theoretisch kann man dorthin gehen und einen Fundhund adoptieren. Macht aber kaum ein Einheimischer. Wie die meisten Menschen rund ums Mittelmeer haben auch Spanier ein deutlich anderes Verhältnis zum Hund als wir saturierten Mitteleuropäer. Der Fiffi ist entweder Nutz- oder Schoßhund. In seiner letzteren Funktion ist er klein und fett und kläfft in einem fort. Ansonsten zählt er als nützliches Mitglied der Familie zu den Arbeitern, die für deren Wohlstand sorgen; als Jagd- oder Hütehund. Auf der iberischen Halbinsel spielen Hunde als Jagdhelfer seit Tausenden von Jahren eine wichigte Rolle, und so sind beide indigenen Sorten – der Galgo und der Podenco – eben Köter, die das Wild hetzen, damit der Jäger es töten kann. Gerade der Galgo – übrigens der typischste keltische Windhund, also kein direkter Verwandter der orientalischen Windhunde – genoss und genießt hohes Ansehen auf dem Land.
Traditionell jagen diese Sichtjäger paarweise. Die Jäger selbst sitzen zu Pferd, die Hundeführer haben ein Paar an der Leine, und sobald sich Meister Lampe blicken lässt und die Galgos ihn gesehen haben, läuft der Mann los und löst dann die Leine. Bis zu 45 Minuten am Stück und über zig Kilometer hetzen die eleganten Hunde den hakenschlagenden Hasen und versuchen, ihn in die Nähe des Jägers zu treiben. Meist gelingt das, und der Waidmann hat’s dann leicht, den armen Hasen abzuknallen.

In den spanischen Großstädten bestehen die Streunerrudel zu gut neunzig Prozent aus Mischlingen aller Art. Aber dazwischen finden sich immer ein paar (fast) reinrassige Galgos. Es heißt, dieser edle und sensible Windhund vermehre sich lieber mit seinesgleichen. So besteht eine Population herrenloser Galgos parallel zur immer noch recht großen Zahl Windhunde, die für die Jagd gehalten werden. Auf die ewig wiedergekäuten Horrorgeschichten von Jägern, die erfolglose Hunde aufhängen, erwürgen oder erschießen soll hier nicht eingegangen werden – im Gegensatz zu dem, was hysterische Tierschützer verbreiten, handelt es sich wohl um ein Einzelfälle; vermutlich werden in Spanien nicht mehr Köter gequält als auf hinterbayerischen Einödhöfen.
Nun haben diese Tierschützer aber die Mär von den gequälten Galgos und die Tatsache, dass in den Städten Tölen gefangen und nach einer Schamfrist getötet werden, zusammengebracht und begonnen, Hunde zu retten. Besonders gern Galgos – vermutlich weil die so schön traurig gucken können und selbst im besten Pflegezustand immer verhungert aussehen. Hunderte deutscher Tierschützer sind über die Jahre ins warme Spanien ausgewandert und ernähren sich von Spendengeldern, die ihnen ebenso hysterische Tierschützer im kalten Deutschland überreichen. Außerdem betreiben diese Menschen Rettunsstationen und holen solche Waldis aus den Perreras, die besonders leicht vermittelbar sind – als vorwiegend Galgos. So wird seit etwa 2000 ein reger Galgo-Export betrieben, von dem sich die Auswanderer da unten ganz gut ernähren können. In Deutschland gibt es dann mehrere konkurrierende Rettungsorganisationen, die diese Exportviecher annehmen und auf Pflegestellen setzen, bis sich Adoptiveltern gefunden haben. Besonders gern werden kranke und behinderte Hunde angeliefert, weil die das Tierschutzherz noch mehr rühren und sich die späteren Halter dann noch mehr als gute Menschen fühlen können.

Das alles ist nicht leicht zu durchschauen. Zumal gerade die radikalen und aggressiven Tierschutzorganisationen seit über zehn Jahren die öffentliche Meinung beherrschen und Zweifel an dem, was Tierretter tun, mit massiver Empörung beantwortet werden. Wer bei Verstand ist und Hunde liebt, ahnt, was wirklich zu tun ist: Hunde vor Ort einfangen, kastrieren, laufen lassen. Einen sensiblen Windhund in einer engen Box über 3.000 Kilometer im Bus mit einem Dutzend kläffender uns jaulender Genossen nach Deutschland zu transportieren, löst bei dem mit ziemlicher Sicherheit ein schweres Trauma aus. Und einen frisch aus dem Tierheimkäfig geretteten Galgo zu sedieren, um ihn dann per Ferienbomber in den kalten Norden zu katapulitieren, ist nachgerade Tierquälerei. Nachdem in Spanien das Patentrezept (einfangen, kastrieren, laufen lassen) nun weiträumig umgesetzt wird, ist ab etwa 2010 ein Mangel nach zu rettenden Galgos entstanden. Weil die Nachfrage hierzulande aber dank massiver Reklame gestiegen ist, musste Nachschub beschafft werden. Da sich in den Perrereas (die von den hysterischen Tierschützern grundsätzlich und wahrheitswidrig „Tötungsstationen“ genannt werden) ab etwa 2011 kaum noch Galgos fanden, sind die Retter dazu übergegangen, streunende Windhunde aktiv anzulocken, einzufangen und zu exportieren. Ja, selbst das Anliefern von Zuchtgalgos, die als gerettet deklariert werden, soll vorgekommen sein.

Jedenfalls lernte Claire bei den Neus den Windhund kennen. Und da sie einen starken Hundewunsch verspürte, lag es nah, einen solchen geretten Galgo von der Pflegestelle weg zu adoptieren. Wie gesagt: Das Gros der geretteten Galgos, die bei der Rettung älter als ein Jahr sind, muss als traumatisiert oder gar verhaltensgestört betrachtet werden. Das liegt einerseits daran, dass während der Prägephase keine Menschen anwesend waren und eben an den Umständen des Transports. So ging unser erster Versuch auch schief. Penelope war eine außergewöhnlich große, sehr schöne, blonde Galga. Aber eben ein Bündel aus Angst und den zugehörigen Übersprungshandlungen. Vor mir als Mann hatte sie einfach nur Schiss, da ging nichts. Dann kam eine ebenfalls blonde Galga, eine eher kleinere, stämmige Ausführung namens Tina zu den Neus – und adoptierte Claire. War die im Haus, wich ihr Tina nicht von der Seite. Und so war nach wenigen Tagen klar: Das wird unser Hund. Testspaziergänge, an denen ich teilnahm, verliefen positiv. Und an einem sonnigen Apriltag brachte die Familie Neu diese Tina zu uns.
Da sie gelegentlich auch mit mir ins Büro kommen würde und ich dort eine Kollegin namens Tina hatte, musste der Name geändert werden. Damit sie die gewohnte Lautfolge mit dem I und dem A weiter hören sollte, ging es nur um die Konsonanten. Und nach wenigen Überlegungen war klar, sie würde Pina heißen. Und zwar auch als Reminizenz an die große Tänzerin Pina Bausch, die ja auch so hager war wie eine Windhündin. So wurde Pina von uns später auch gern „Frau Bausch“ genannt. Und der Bildungstest bestand darin, dass Menschen, die ihren Namen erfuhren entweder ahnten, dass es um die Wuppertaler Choreografin ging oder freudestrahlend sagten: „Ah, wie Pina Colada“…

Pina war blond. Das ist bei den Galgos nicht sehr weit verbreitet. Viele der spanischen Windhunde sind gestromt oder schwarz, manche weiß oder gefleckt. Und was wir blond nannten, war in anderen Augen sandfarben. Denn wann immer wir Menschen mit mrokkanischen Wurzeln begegneten, hiße es gleich: „Ist das ein Sloughi?“ oder „Oh, ein Sloughi!“ Einmal fiel eine ältere Damen mitten im Tabakladen vor Pina auf die Knie und sagte selig: „Wie lange habe ich keinen Sloughi gesehen. Mein Vater und mein Großvater haben Sloughis gezüchtet“. Und im Viertel am Bahnhof, wo sich die marokkanischen Teestuben, Friseure, Restaurants und Läden finden, waren wir mit unserer Pina immer sehr beliebt. Nur wussten wir damals noch gar nicht, was es mit dem Sloughi auf sich hat. Wie wir überhaupt wenig über Windhunde wussten. Aber wenn man mit meinem solchen elegatzen, sportlichen Tier lebt, dann befasst man sich automatisch damit. So stieß ich auf den Themenkreis „orientalischer Windhund“ und lernte, dass es sich um eine Urrasse handelt, die seit mindestens 6.000 Jahren von Menschen aktiv per Zuchtwahl geformt wird. Dass es Windhunde in Mesopotamien gab, im alten Ägypten und im alten Pesien, und dass Saluki und Sloughi vom Erscheinungsbild und auch vom Einsatzzweck her ganz dicht an dieser Urrasse sind.
Und weil orientalische Windhunde immer auch Nutzhunde waren und ihre Zucht und ihr Einsatz mehrtausendjährige Tradition hat, sind die Rassen dieser Sorte auch sehr robust und kein bisschen überzüchtet. Das gilt für den Sloughi ganz besonders, der in den kargen Regionen Nordafrikas, sowohl im Atlas, als auch in der Sahara für viele Familien immer noch die Rolle des Fleischbeschaffers spielt. Entsprechend hoch ist sein Ansehen – und so wird er auch behandelt. Ja, der Islam in seiner nordafrikanischen Ausprägung hat eigens die Legende von Kitmir geschaffen, um die eigentlich hundefeindliche Religion mit der hohen Achtung vor dem Windhund zu vereinen. Der Sage nach hat ein Windhund namens Kitmir, der den Beinamen „El Hor“ (etwa: der Reine) trägt, über 300 Jahre lang eine Gebirgshöhle bewacht, in der sich Märtyrer vor der Bedrohung durch die Ungläubigen versteckt hielten.

Auch das erklärt die Bewunderung, die der Sloughi bei Menschen mit nordafrikanischen, besonders eben marokkanischen Wurzeln genießt. Und so kam es, dass bei den Überlegungen über den nächsten Windhund nach Pina der Sloughi immer mehr in den Fokus kam. Zumal uns nach diversen Erfahrungen mit galgo-rettenden Hysterikern bald klar wurde, dass wir nie wieder einen Hund aus dieser Quelle zu uns nehmen würden. Da wird darüber nachdenken, nächstes Jahr einen zweiten Windhund ins Haus zu holen und Galgos immer noch sehr lieben, würde es wohl ein Zuchtgalgo werden – am liebsten ein rauhaarige, möglichst dunkle Hündin…

publiziert am 05.10.13 in Windhund namens Clooney ¦ 825x gelesen ¦ noch kein Kommentar