Stein und Bein – Teil 6

Wer nichts tut, macht auch keine Fehler. Und wer sich im Hintergrund hält, macht sich keine Feinde. Manche Erkenntnisse sind so einfach. Und doch fällt es vielen Menschen, Männern zumal, schwer, diese zu beherzigen. Sie tun und machen und sind ständig in Bewegung, immer auf der Suche nach Aktionen, die ihnen entweder nutzen oder Spaß machen. Und Liebe, Liebe besteht für viele Menschen mit dem männlichen Chromosomenproblem aus Sex und Aufmerksamkeit. Geliebt zu werden, nehmen sie an, heißt, beachtet zu werden, Aufmerksamkeit zu genießen. So wie sie ihre Kindheit über darum gekämpft haben, die Aufmerksamkeit der Mutter zu gewinnen und das Wohlwollen des Vaters. Denn über das Stadium eines Zehnjährigen wachsen viele Männer nicht hinaus. Dass dann aber die Hormonproduktion beginnt und Triebe freisetzt, die den Pubertierenden in eine andere Richtung zerren, beschreibt die Dramatik der Männlichkeit mit hinreichender Genauigkeit.

Auch bei Hauptkommissar Robert Greiper dauerte es bis weit ins vierte Lebensjahrzehnt hinein bis es dem zweifellos vorhandenen Verstand gelang, nicht ständig vom Trieb in den Arsch getreten zu werden. Man könnte auch sagen: Bis das Handeln Greipers vorwiegend von Vernunft geprägt war. Bei ihm äußerte sich das vor allem darin, dass er Frauen nicht mehr nur als potenzielle Sexpartnerinnen sah, sie auch nicht mehr ausschließlich in dieser Weise behandelte und vor allem nicht jede Gelegenheit nutzte, ihnen in sexueller Weise nahe zu kommen. Die Ironie seines Lebens schien es zu sein, dass seine erste Ehefrau ihn ziemlich genau in dem Moment verlassen hatte, als es bei ihm vorbei war mit dem zwanghaften Rumhuren. Er hatte dieses Ereignis lange als Strafe für frühere Sünden verstanden und die Folgen mit erhobenem Haupt getragen, aber seitdem er mit Elle verbunden war und nach vielen, vielen Gesprächen hatte er es geschafft, auch die böse Rolle seiner Ex ohne Wenn und Aber zu sehen.

So wie sich für Greiper Liebe lange nur im Geschlechtsverkehr manifestieren konnte, so wenig spielte Sex für den großen Boss der AMEK-Kette eine wichtige Rolle. Sein emotionaler Mangel zeigte sich eher im ewigen Streben nach Macht und Anerkennung – ein nicht untypisches Verhaltensmuster für kleingewachsene Rüden. Insofern stellte sich für Schaidler nie die Frage der sexuellen Präferenz, denn wenn er sich mit schönen Frauen umgeben hatte, dann nie weil er mit ihnen schlafen wollte, sondern nur als schmückende Statussymbole. Und waren es Knaben oder Jünglinge, mit denen er umherzog, dann ging es ihm um die Anerkennung in einer klaren Männerwelt, die ihn anzog. Natürlich war es im Laufe seiner gut 45 Jahre Lebenszeit zu sexuellen Begegnungen gekommen, aber eher von den jeweiligen Partnerinnen und Partner betrieben als von ihm.

Was den Unternehmer und den Kommissar verband, war die Tatsache, dass sie beide das Risiko der Tat nicht scheuten, also keine Angst vor Fehlern hatten. Während Schaidler aber schon seit frühesten Jugendtagen die Bühnen suchte, auf denen er sich vorteilhaft präsentieren konnte, versuchte Greiper immer, dem Ranpenlicht in jeder Form fernzubleiben. Dass die Lokalzeitungen gelegentlich über Ermittlungen berichteten, an denen er beteiligt war, dabei seinen Namen nannten oder gar sein offizielles Porträtfoto abdruckten, war ihm unangenehm. Und weil er nicht in der Öffentlichkeit stand, hatte er auch kaum Feinde. Selbst die vielen Personen, die dank seiner Arbeit der gerechten Strafe zugeführt worden waren, nahmen ihm das nicht übel, denn sie ahnten, dass jemand anderes sie erwischt hätte, wären sie nicht zufällig dem Hauptkommissar Greiper in die Hände gefallen. Schaidler dagegen hatte im Laufe der letzten fünfundzwanzig Jahre Feindschaften dutzendweise erzeugt; teils unabsichtlich, teils hatte er das Risiko, sich Menschen zu Gegnern zu machen, billigend in Kauf genommen und teilweise hatte er es geradezu darauf angelegt.

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Die Räume der PR-Agentur, in der für Geld zu arbeiten der Kommunikationsberater Frank Schreiner gezwungen war, lagen zu großen Teilen brach, denn der Firma ging es nicht gut. Die Jahren, in denen mit Binsenweisheiten und dem Bestechen einiger Journalisten hohe Honorar zu verdienen waren, lagen nun schon eine Zeit zurück, und der Agenturchef, dessen vollständige Inkompetenz seinerzeit wenig aufgefallen war, saß nun auch schon seit fast drei Jahren im Knast.

Die Belegschaft, Praktikanten, Volontäre und Aushilfen mitgerechnet, war von fast fünfzig Köpfen auf zwei Hände voll Berater zusammengeschnurrt, die sich als hartnäckig genug erwiesen hatten, der Reduzierung des Mitarbeiterstabs durch Mobbing von oben zu entgehen. Zu denen zählte auch Schreiner, dessen Lebensversicherung es war, dass an ihm der Kunde AMEK hing. Kein Kollege und schon gar nicht der neue Vorturner, den die neuen Inhaber eingesetzt hatten, verfügten über das Wissen und die Verbindungen zum österreichischen Möbelkonzern, die nötig wären, auch ohne ihn weiter Honorar abzocken zu können. Und für die Investoren, eine obskure Gesellschaft aus Großbritannien, die dabei war, sich ein globales Netz aus Agenturen zusammen zu kaufen, zählte eben nur der Honorarumsatz.

Und trotzdem war sich Frank Schreiner nur in den Momenten seiner Narrenfreiheit bewusst, in denen es ihm gelang, seine Existenzangst, die er gern Lebenspanik nannte, zu verdrängen – meistens also nach erheblichem Alkoholgenuss oder dem Missbrauch einer gesellschaftlich nicht durchweg stigmatisierten Droge. Ansonsten begleitete ihn die Furcht vor dem grundsätzlichen Scheitern und dem Absturz in die Armut jeden Tag vom Augenblick des Aufwachens an. Die Medikamente, die ihm ein wohlwollender Arzt dagegen verschrieben hatte, hatte er eigenmächtig abgesetzt nachdem er festgestellt hatte, dass er nicht mehr vernünftig schreiben konnte, wenn er die blauen Pillen intus hatte. So therapierte er sich durch den virtuellen Kampf gegen das Böse in der Welt, den er als Roter Ritter mit seinem Weblog führte.

Dabei war auch er nicht frei von bösen Gedanken. Immer wieder fand er sich in Phantasien wieder, in denen er reich war. Und zwar so reich, dass er nicht mehr arbeiten müsste. Dass solcher Wohlstand nicht durch ehrliche Arbeit zu erreichen ist, hatte ihn seine Lebenserfahrung gelehrt. Und kriminellen Aktionen, die sich gegen reiche Arschlöcher, gegen schmarotzende Erben oder überhaupt gegen Besitzende richteten, hielt er grundsätzlich für moralisch vertretbar. Sein genereller Fahrplan zur großen Summe bestand darin, im Job an Informationen zu kommen, die geheim waren und wertvoll, und dass er den Personen oder Organisationen, über die er etwas wusste, ein Angebot machen würde, das diese nicht ablehnen könnten. Nur war er in der Realität nie auf solche Informationen gestoßen oder hatte die Brisanz irgendwelcher Fakten, die sich für seine Tat eigneten, nicht erkannt. Im Falle der AMEK-Leiche hatte er ein noch unscharfes Gefühl, dass er dieses Mal tatsächlich am Zug war, dass er so zu sagen mit dem Ball am Fuß frei vor dem Tor auftauchte und das Ding nur noch versenken müsste. Genau darüber dachte er nach als er gegen vier Uhr nachmittags im Großraumbüro saß, dass Arbeitsplätze für zwanzig bot, aber das er momentan nur mit einer Kollegin teilte, mit der er nie etwas zu tun gehabt hatte und deren Namen er sich nach immerhin acht Jahren in der Agentur nicht merken konnte.

publiziert am 02.10.13 in Einzelteile ¦ 803x gelesen ¦ noch kein Kommentar