Die Stadt, der Dreck und ein Hund

Das wird jeder Hundehalter bestätigen: Mit der Töle an der Leine erlebt man die Stadt ganz anders. Das gilt natürlich besonders, wenn am anderen Ende der Verbindung ein Welpe hängt. Denn der sieht das Urbane natürlich aus einer speziellen Perspektive. Beziehungsweise: Hört, riecht und schmeckt das Ganze auf einem anderen Level als sein Mensch. Besonders der noch sehr junge Welpe, der die Welt ohnehin vorwiegend per Schnauze erforscht, ist bei einem Gang durch die Straßen einem Feuerwerk an Sinneseindrücken ausgesetzt. Da liegt überall was rum, was man mit den Zähnen packen oder ablecken kann. Und weil der Zwerg nun fast alles aufnimmt, schärfen sich auch die Sinne des Halters. Auch er bemerkt auf einmal Zeug auf dem Gehweg, das ihm zuvor nie aufgefallen ist. Clooney hat das Pech, in unmittelbarer Nähe von zwei Berufskollegs aufzuwachsen. In den Wochen, in denen er noch alles mit dem Maul getestet hat, stieß er so praktisch durchgehend auf Essensreste. Denn die jungen Menschen, die diese Schulen besuchen, zählen zur Jugend der Scheißefresser.

Dabei handelt es sich um die verlorene Generation, die sich schon im Alter zwischen 16 und Mitte Zwanzig durch eine völlig verkorkste Ernährung die Gesundheit ruiniert. Ihre Lieblingsgetränke sind Zuckerbrühen, die sich „Eistee“ nennen oder Pseudfruchtgetränke namens „Durstlöscher“, von Billig-Cola und Energiegetränken ganz zu schweigen. Grundnahrunsgmittel ist der fettige und versalzene Kartoffelchip, und die Gourmets unter ihnen holen sich Familienpackungen Fleischsalat oder dergleichen Gemisch aus Fettmajonäse und Nahrunsgmittelabfällen. Leider liegt eine Filiale des Fressdiscounters LiDL quasi auf dem Schulweg. Und in diesem Laden versorgen sich die Burschen (da es sich um Berufsschulen für eher männliche Berufe wie Autoschlosser etc. handelt, gibt es kaum junge Frauen) in den Pause mit dem, was sie für Lebensmittel halten.

Nun hat ja der Billigfraß dieser Kategorie die Eigenschaft, in fiesen Verpackungen zu stecken. Und die Kerle fressen ja im Gehen. Haben sie eine Tüte oder Schachtel oder Schale geleert, werfen sie diese in die Gegend. So pflastern klebrige Relikte übelster Scheinnahrungsmittel und widerlicher Getränke den Weg zwischen LiDL und Berufskolleg. Leider mussten wir da auch oft entlang. Clooney stürzte von einer Geruchssensation in die andere und versuchte zu kriegen, was zu kriegen war. Der Gang glich einem Hindernisparcour.

Aber viel schlimmer war und ist es am Ende unserer stillen Sackgasse, wo ein Fußweg hinter dem Schulgelände der Realschule entlang zur Düssel führt – für Clooney und uns eine Muss-Strecke. Dort pflegen nämlich ebenfalls Schüler zu speisen. Komischerweise essen die immer nur alles zur Hälfte auf und schleudern die Reste ins Gebüsch, obwohl mehrere Abfallbehälter bereitstehen, die allerdings auch meist völlig überfüllt sind. Auffällig sind hier haufenweise Alufolien mit Dönerresten, Hamburgerschachteln, aber auch massenhaft Pappbecher für Mitnehmkaffee.

Was sich jetzt anhört wie der Wutausbruch eines saturierten Spießers gegen irgendwelche Unterschichtinsassen, ist eher das Klagelied eines Welpenbesitzers, denn den von all diesem essbaren Müll fernzuhalten, nimmt den Spaß am Spaziergang. Weil es ja auch darum geht, den Junghund daran zu hindern, seine Gesundheit zu gefährden. Nun ist es natürlich ambitioniert, von den jungen Menschen, denen die Hirne von der Reklame schon weichegklopft sind, zu erwarten, vernünftig zu essen und Essensreste in Mülleimer zu befördern, nur weil es andere Menschen gibt, die meinen, einen Hund haben zu müssen. Der Zorn richtet sich einerseits an die skrupellose Food-Industrie mit ihren ekelhaften Produkten und andererseits an die Bildungsinstanzen, die das wirklich lebenswichtige Lehren von Ernährung einfach ignorieren.

Leider tun das aber auch Hunderttausende Hundehalter, die den Produkten der nicht weniger skrupellosen Tiernahrungsindustrie blind vertrauen. Auch wenn auf der eher esoterischen Seite der Hundehaltung über artgerechtes Fresschen geredet wird: In der Realität füttern die Herrchen und Frauchen, was ihnen die Reklame einredet. Wohlgemerkt: Das muss nicht schlecht sein, denn einige Produktlinie im Bereich Trocken- und Dosenfutter kann man sicher zur gesunderen Hundeernärhung zählen. Aber ähnlich wie beim Menschenfutter zahlt man dann wegen Bio- oder Gesundheitssiegeln ein Mehrfaches in Relation zur selbstgekochten Hundespeise.

Das Zauberwort heißt BARF, was wahlweise mit „biologisches, artgerechtes und rohes Futter“ oder ähnlichen Adjektivreihen beschrieben wird. Ambitionierte Hundeherr- und frauchen haben daraus schon das Verb „barfen“ gemacht und fragen gern mal mit dem Ausdruck milder Überlegenheit „Barfen sie Ihren Hund auch?“ Bekanntlich kann man aus allem eine Religion machen, aber bei diesem Thema sprechen eine ganze Reihe handfester Gründe für den gehypten Weg, den Köter satt zu kriegen. Das Fleisch kann man bei Metzgern kaufen, die auf Hundekram spezialisiert sind, oder bei Anbietern im Internet bestellen, die handliche Päckchen tiefgefroren verschicken.

Das Fleisch wird dann mit Kohlehydraten (zum Beispiel in Form von Reis) und Gemüse (zum Beispiel Möhren) vermischt und mit empfehlenswerten Zusätzen wie Distelöl, Apfelessig und geeigneten Pülverchen zur Verbesserung von Knochen, Haut und Fell angereichert. Einzig der Reis (um im Beispiel zu bleiben) muss gekocht werden. Jeder Tierarzt wird bestätigen, dass man selbst den Junghund auf diese Weise gesund ernähren kann – und das Futter kostet so etwa die Hälfte von dem, was man sonst in Dosen oder Säcke investieren muss.

Bei Clooney haben wir einen spannenden Nebeneffekt bemerkt. Seitdem er nur noch BARF und Trockenfutter zum Selbstbedienen (Ja, das geht bei einem Windhund – die Dünnen überfressen sich nicht, sondern nehmen maximal das auf, was sie brauchen) bekommt, ignoriert er jede Form von Menschenfraß – also auch den Dreck, der so auf den Straßen rumliegt. Das hindert ihn aber nicht daran, das Betteln zu probieren. Aber natürlich geht es dabei weder um den Hunger oder darum, dass das Menschenessen so superlecker riecht, sondern um den puren Akt, was vom Tisch der Herrschaft abzubekommen. Leider leben auch wir nicht in einer leckerchenfreien Welt. Wir selbst nutzen zum Futtertreiben (einer Übung für die Leinenführigkeit) und als essbare Belohnung entweder Brocken getrockneter Lunge oder Bröckchen von Geflügelfleischwurst. Aber in jedem zweiten Laden, den wir gemeinsam besuchen, bekommt er Industrieleckerchen – und man will ja den Leuten auch nicht immer alles verbieten.

publiziert am 12.11.13 in Windhund namens Clooney ¦ 673x gelesen ¦ noch kein Kommentar