Eine Frage der Leine

clooney_wasserDie süßen Kindertage sind vorbei. Das gilt für Hund und Herrschaft. Denn mit jetzt genau fünf Monaten geht die Welpenzeit langsam zu Ende. Tatsächlich wird Clooney noch zweimal an der Welpengruppe im Hundesportverein teilnehmen und dann im Januar zu den Junghunden wechseln. Dann ist es vorbei mit der wilden Balgerei, die in der Welpengruppe gut die Hälfte der einen Stunde auf dem Platz ausmacht. Vorbei ist es jetzt schon mit dem freien Laufen über die Wiesen – jedenfalls vorerst. Denn der Sloughi-Bun hat für sich entschieden, dass er nach der großen Freiheit nicht mehr an die Leine möchte. Seit drei, vier Wochen muss er eingefangen werden, wobei allerlei Tricks zum Einsatz kommen. Besonders verrückt ist das, wenn wir in einem umgitterten Hundeauslauf waren. Neulich dauerte es eine Stunde bis er sich überzeigen ließ, wieder angeleint mit seinem Menschen zu gehen. Beim Versuch, dem zu entgehen, gerät Clooney in einer Spirale, aus der nicht mehr herausfindet.

Der beschriebene Vorfall im Einzelnen: Wir waren durch den Park schnurstracks zum Auslauf gewandert. Der war leer; kein Hund nirgends. Ich leinte den Windhundrüden ab, und er schnüffelte lustlos herum. Dann galoppierte er ein bisschen, und schließlich baute er sich frustriert am Eingangstürchen auf. Also, dachte ich, dann spazieren wir halt weiter, schritt auf ihn zu, ging neben ihm in die Hocke und holte die Leine von meiner Schulter, wo ich sie gelagert hatte. Schwupps, sprang Clooney zur Seite und galoppierte quer durchs Gehege. Das Spiel wiederholte sich zweimal. Dann lockte ich ihn mit einem Leckerchen – er kam auf einen Meter heran, ich hielt es ihm hin, aber anstatt es sich zu holen, sprang er wieder davon. Diese Nummer gab er dreimal. Okay, dachte ich, was hat man uns im Training beigebracht? Also verließ ich den Auslauf und ging um die Ecke, vor der Blick auf mich durch Büsche verdeckt wurde. Schon hörte ich den Kleinen weinen. Ich also wieder zum Törchen. Versuchte, ihn über den Zaun hinweg anzuleinen. Der Hund gab Fersengeld. Dieses Geschichte wiederholte sich dann insgesamt fünfmal, wobei ich jedes Mal die Entfernung und Dauer steigerte. ich war ratlos. Betrat das Gehege und setzte mich leicht frustriert und stinksauer auf den Köter auf die Bank. Clooney spielte rum. Seine Kreise rund um mich wurden dabei immer kleiner. Ich hielt ihm Futter hin. Beim vierten oder fünften Umlauf nahm er es an, ohne sofort danach wieder loszuspringen. Beim siebten oder achten Ansatz kraulte ich ihm danach den Nacken. Dann ignorierte ich ihn. Es dauerte ungefähr zehn Minuten, dann kam er an, machte Sitz direkt vor mir und stupste meine Hand, die auf meinem Knie lag, an. Ich streichelte seinen Kopf, nahm die Leine und klinkte sie ohne Eile in den Ring an seinem Halsband.

Die Anekdote machte mir deutlich, dass mit Hektik oder Anspannung keine Situation gelöst werden kann – weder für den Hund, noch für den Halter. Außerdem wurde mir ganz praktisch klar, wie Konditionierung funktioniert. Durch die oft recht hektischen Fangversuche haben wir Clooney darauf konditioniert, hektisch zu reagieren. Er vermeidet das Angeleintwerden ja nicht, weil er nicht angeleint werden will, sondern weil ihm die Situation unangenehm ist. Es geht nun also darum, diese Sache wieder umzuprogrammieren. Und das geht jetzt so, dass ich ihn draußen oft zu mir rufe und sein Kommen IMMER mit Leckerchen und Lob belohne, aber ihn dann NIE anleine. Da fragt sich der aufmerksame Beobachter: Aber wie kommt die Töle dann an den Strick? Die Antwort ist einfach: Er kommt gar nicht mehr von der Leine. Erst wenn die Rufen-Belohnen-Anleinen-Konditionierung durch die Rufen-Kommen-Belohnen-Konditionierung ersetzt wurde, kann er wieder frei rennen.

Das ist schade und für alle Beteiligten blöd, aber momentan nicht zu ändern. Einen positiven Nebeneffekt hat die Sache: In der jetzigen Phase können wir ihm auch gleich abgewöhnen, zu jedem anderen Hund zu rennen, den er sieht. Und so ein Sloughi sieht einen anderen Köter buchstäblich über Hunderte von Metern! Schließlich heißen Windhunde im Englischen „Sighthounds“, was bei uns gelegentlich mit „Sichtjäger“ übersetzt wird. Diese Hundesorte kann unheimlich gut gucken. Kürzlich stutzte Clooney mitten auf der Wiese und stierte quer über die Fläche in Richtung der Eisenbahnbrücke. Ich stierte in dieselbe Richtung und bemerkte … nichts. Plötzlich schoss er los und entferne sich sehr schnell so weit, dass ich ihn kaum noch sehen konnte. Grund war Bobby, der Hund eines unter der Brücke lebenden Wohnungslosen, den er bereits kannte und mit dem er prima getobt hatte. Google Maps lehrte mich, dass er den Kollegen über eine Entfernung von mehr als 800 Metern gesichtet hatte.
Da er ALLE anderen Hunde höchst attraktiv findet und am liebsten mit jedem balgen und/oder rennen möchte, praktiziert er dieses Verhalten immer und überall. Wieder etwas, was wir aus ganz praktischen Erwägungen „wegkonditionieren“ möchten.

Der weg dorthin ist eine Frage der Leine. Im Freigelände kommt nun eine sehr stabile, gut drei Zentimeter breite und zehn Meter lange Schleppleine zum Einsatz. Sie bietet ihm ein gewisses Maß an Bewegungsfreiheit und uns am anderen Ende jede Menge Kontrolle. Das Erstaunliche nach knapp zehn Tagen mit dieser Leine: Der Junghund erscheint so mit seinem Halter verbunden wesentlich weniger hektisch, viel ausgeglichener. Nur ganz selten versucht er den möglichen Radius durch Zerren zu erweitern, meist schleift die Leine über den Boden, weil er selten weiter als fünf, sechs Meter von mir schnüffelt oder trabt. Manchmal galoppiert er im Kreis wie ein Pferd an der Longe. In dieser Situation lässt er sich JEDERZEIT abrufen. Er kommt, macht Sitz, nimmt sein Wurststückchen entgegen, lässt sich kraulen und geht erst wieder, wenn ich ihn schicke – also alles so, wie er das dann demnächst(?) auch unangeleint tun sollte. Dieser Weg wird kein leichter sein, und leider müssen wir so lange auf die Vormittage mit dem großen Rudel im Rheinpark verzichten.

An vielen Stellen habe ich mich strikt gegen die Verwendung von sogenannten „Teleskopleinen“ ausgesprochen. Das sind diese Kästen mit Handgriff, in denen eine dünne Leine auf einer Spule sitzt, die mit einer Rückholfeder ausgerüstet ist. Zieht der Hund, kommt so viel Leine heraus wie er herauszieht – bis der Anschlag erreicht ist. Meist stecken fünf Meter in den Dingern. Außerdem kipt es einen Stoppschalter, mit dem der Halter die Länge auf den gerade aktuellen Stand einfrieren kann. Im Prinzip ist das eine flexible Langlaufleine. Aber wie bei einer Schleppleine übt der Mensch am Ende nur ganz eingeschränkte Kontrolle aus, eigentlich bleibt es dem Hund freigestellt, ob er bei Fuß geht oder am Ende der Leinenlänger herumturnt. Nun hat Thomas vom Hundesportverein neulich gesagt, dass er mit seinen Tölen besonders im Dunkeln immer mit Flexleine rausgeht, weil das für beide Seiten komfortabel ist. Und weil wir noch so Ding im Haus haben, kam es gestern zum Teleskopleinentest beim Nachmittagsgang an der Düssel. Der Erfolg war erstaunlich: Wieder hatte ich es mit einem unhektischen, recht entspannten Clooney zu tun, der die Freiheit genoss, aber kein Problem damit hatte, wenn ich die Länge kürzte und ihn so bei Fuß holte.

Ganz offensichtlich – und mir ist nicht klar, in welchem Maße das windhundspezifisch ist – geht es um das Verhältnis von Freiheit und Kontrolle. Möglicherweise nimmt der Windhundjunge die leinenlose Freiheit auch als Unsicherheit war und fühlt sich durch eine Leine mit dem Herrn verbunden sicherer. Wobei er aber gleichzeitig so viel Freiheit braucht, seine überschäumende Energie ausleben zu können. Möglich dass ihn die grenzenlose Freiheit auch hektisch werden lässt, weil da um ihn herum ja alles so aufregend ist, dass er gar nicht weiß, was er alles tun soll. Denkbar dass allein sein „Wissen“ darum, mit dem Menschen verbunden zu sein, ihm mehr Sicherheit und Ruhe gibt. Das würde alle mit dem übereinstimmen, was die aktuelle Verhaltensforschung über den Haushund und sein Verhältnis zum Menschen aussagt.

publiziert am 04.12.13 in Windhund namens Clooney ¦ 585x gelesen ¦ noch kein Kommentar