Haut und Knochen – Teil 1

Eigentlich hätte sie es nicht nötig gehabt, Möbel bei AMEK zu kaufen. Zumal sie sich in ihrem tiefdunkelblauen Business-Kostüm äußerst deplatziert vorkam in der Filiale unweit der Autobahngabelung, an der sich die A93 von der A9 abspaltet. Im Parkhaus würde sicher niemand bemerken, dass ihr TT Roadster eine Sonderlackierung trug, die sie ihren Geschäftsfreunden mit dem altmodischen Wort chamois beschrieb, obwohl cremefarben die Sache vielleicht eher getroffen hätte; dafür war der Ton allerdings ein bisschen zu dunkel.
Und trotzdem hatte sich die Inhaberin einer privaten Arbeitsvermittlung mit Sitz in Ingolstadt, die sich eine Menge auf ihre gutbürgerliche Herkunft und den damit verbundenen sicheren Geschmack einbildete, in diesen Einrichtungsparadies verirrt, in dem es von Staatsdienern und alleinerziehenden Müttern nur so wimmelte. Tatsächlich galten ihre Ressentiments vor allem den Kleinbürgern und Beamten. Da waren ihr waschechte Proleten schon lieber. Schließlich hatte sie sich auf die Vermittlung von Produktionshelfern und Bauarbeitern spezialisiert, also Menschen, denen das Denken bei der Arbeit nur Schwierigkeiten machen würden, die hart malochten und geringe Ansprüche stellten. Mit dem hell-beigen Audio-Cabriolet bereiste sie regelmäßig die neueren EU-Ländern und rekrutierte ihr Personal vorwiegend in Tschechien, der Slowakei, in Bulgaren und vor allem Rumänien, wo sie die Leute fand, die mit den allerniedrigsten Löhnen zufrieden waren.

An diesem Dienstag im November, einem Tag, an dem sich die Nebel über der Donau und den ehemaligen Auen nicht erhob, obwohl darüber ein strahlend blauer Himmel der Jahreszeit spottete, wollte sie nur rasch ein paar neue Ledersessel für das Wartezimmer besorgen; wohlgemerkt für den Raum, in dem ihre Auftraggeber vor dem Gespräch aufbewahrt wurden. Arbeitssuchende oder bereits verpflichtete Arbeitskräfte saßen dagegen im Erdgeschoss in einer schmucklosen Halle auf Bierbänken. Bisher hatte ein Innenarchitekt sie von der Aufgabe entlastet, die Geschäftsräume angenehm zu gestalten. Aber nachdem das Verhältnis mit diesem Ästheten, das sie begonnen hatte, während er noch an der Einrichtung ihrer Zweitwohnung am See werkte, vorzeitig in die Brüche gegangen war, hatte sie beschlossen, sich um Geschmacksfragen vorerst selbst zu kümmern.

So irrte sie jetzt durch die weitläufige, labyrinthische Ausstellung in der AMEK-Halle. Stammkunden wären erfreut gewesen über den geringen Besuch und hätten ganz entspannt das Angebot gesichtet, aber die Unternehmerin in ihren späten Dreißigern war schon nach wenigen Minuten mit den Nerven fertig, da ihr die körperliche Nähe zu fremden Menschen in einer fremden Umgebung an sich schon Stress bereitete. Hier aber bewegten sich Kunden in unvorhersehbaren Windungen durch die engen Gänge, blieben unvermittelt stehen, betatschten das Mobiliar und diskutierten die Qualitäten, während die mitgebrachten Kinder die Halle zu einem Abenteuerspielplatz umwidmeten. Es gelang ihr zudem nicht, sich zurechtzufinden. Nach einigen Anläufen sprach sie endlich eine Vertreterin des Personals an, eine kleine, dralle Brünette in hautenger weißer Hose und blassgrünem Dienst-T-Shirt, das zum Nachzählen ihrer Speckrollen einlud. Wo sie denn Sessel fände, fragte sie, und die angestellte Maus gab ihr eine ausschweifende Wegbeschreibung. Ob es möglich sei, sie dorthin zu begleiten. Die AMEK-Verkäuferin musterte die Kundin im feinen Kostümchen, der Schweiß auf der Stirn stand, über der streng gescheiteltes, blondes Haar wie ein Helm saß. Und brachte sie zu den Ledersesseln, die zum Glück in einem halbwegs stillen Winkel ausgestellt waren.
Dort eingetroffen entdeckte die feine Dame ein Sitzmöbel, das sie sofort an-sprach, denn das Leder hatte in etwa die Farbe ihres Autos. Sie trat heran und strich über die Rückenlehne, die sich irgendwie feucht anfühlte. Dann spürte sie, dass der Bezug offensichtlich nur lose auflag und an ihrer Handfläche festklebte. Sie zog die Hand zurück und das Leder kam mit. Zuerst ahnte sie es nur, aber nach einigen Zehntelsekunden wurde es ihr klar: das war menschliche Haut. Ohne einen Ton von sich zu geben wurde sie bewusstlos und fiel zu Boden.

***

Als Elle erwachte, lag der Kerl immer noch neben ihr. Sie setzte sich auf und betrachtete ihn. Dass sein Schädel kahl war, hatte sie erst bemerkt als er zum ersten Mal seine Kappe abgenommen hatte, solch ein olivgrünes, revolutionäres Ding mit einem aufgestickten roten Stern. Später konnte sie dann feststellen, dass er auch sonst vollständig haarlos war. Ein paar Mal hatte sie mit der Hand über seine Brust gestrichen, so glatt und fein wie ein Säuglingshintern. Ob man das jetzt auch unter Männern so hatte, überlegte sie, traute sich aber nicht, ihn zu fragen.

Sie hatten fast ununterbrochen geredet: auf dem Weg zum Bio-Supermarkt, beim Einkaufen, auf dem Rückweg, in der Küche beim Vorbereiten der Mahlzeit, beim Kochen, beim Essen und auch danach. Von außen betrachtet hätte dieser fortdauernde Dialog vielleicht gewirkt wie der verzweifelte Versuch zweier verlorener Seelen, ganz schnell ganz viele Jahre Fremdheit zu überwinden, in wenigen Stunden eine Vertrautheit zu erzeugen, die Paare sonst erst nach einiger Zeit erreichen. Dabei wussten beide sehr genau, worauf ihre Begegnung hinauslaufen würde. Trotzdem hatte sie um einander geworben. Phil hatte Szenen entworfen, in den sie gemeinsam vorkamen. Eine einfache Hütte an einem einsamen See. Wie sie über den Steg laufen würden, Hand in Hand, nackt, dann eintauchen würden ins weiche Wasser. Sich wie Delfine umtanzen. Oder in heißen Dünen an einem Meer. Aufgeheizt von einer schattenlosen Sonne, im Sand liegend wie Schlangen. Dann mit letzter Kraft das Wasser suchen, Kühlung finden. Alle seine Phantasien drehten sich um dieses Element. Kein Wunder, denn später erzählte er, dass er in seiner Jugend ein recht erfolgreicher Wettbewerbsschwimmer gewesen sei.

Und jetzt war sich Elle nicht ganz im Klaren darüber, ob sie ein schlechtes Gewissen haben müsste. Es gab zwischen ihr und Robert keine Absprachen für diesen Fall, sie hatten sich weder ewige Treue geschworen, noch eine offene Beziehung vereinbart. Es schien ihnen nicht wichtig genug. Da sie ganz deutlich vor sich sah, dass sich eine Nacht mit Phil nicht wiederholen würde, beschloss sie, den Vorfall gegenüber Robert nicht zu erwähnen und auch keine Gewissenbisse zu verspüren. Natürlich hatten sie sich gegenseitig ihr Leben erzählt – wie Menschen über dreißig das so tun. Selbstverständlich hatten sie Spuren zu ihren Verletzungen gelegt, auch über die Kindheit gesprochen, zerbrochene Beziehungen, enttäuschte Hoffnungen und unerfüllte Wünsche.

publiziert am 04.12.13 in Einzelteile ¦ 588x gelesen ¦ noch kein Kommentar