Haut und Knochen – Teil 2

Aber spätestens in der Küche ging es um die Dinge, um Material, um Produkte, um Qualität und um Handwerk. Elle verstand das Kochen grundsätzlich als Handwerk, also als den Vorgang, bei dem Menschen kraft ihrer Fähigkeiten Rohstoffe und Halbzeug in fertige, brauchbare Produkte verwandeln. Natürlich hatte sie Lévi-Strauss gelesen, „Das Rohe und das Gekochte“, und begriffen, dass die Zubereitung von Nahrung der erste zivilisatorische Akt des Menschen überhaupt war, ein sehr reales Tun jen-seits von Mythen. Überhaupt erschien ihr das Kochen als die realistischste Betätigung überhaupt. Dass ihr Phil nicht widersprach, lag wohl daran, dass er zum Kochen ein sehr sinnliches Verhältnis hatte, wie er zu jeder manuellen Tätigkeit ein sinnliches Verhältnis hatte. Zudem fehlte ihm die breite philosophische und theoretische Grundlage der promovierten Ökotrophologin. Er sah sich als Mann der Praxis und behauptete, die menschliche Kultur habe mit dem Zeitpunkt begonnen, als der erste Zimmer-mann eine Hütte gebaut habe, und der Clan nicht mehr auf trockene Höhlen angewiesen war.

Aber auch an dieser Stelle entdeckten sie keinen Widerspruch ihrer Überzeu-gungen. Schließlich waren sie Zwillinge, denn im Gespräch fanden sie heraus, dass sie beide am selben Datum Geburtstag hatten, am zehnten Juli, also beide dem Sternzeichen Krebs zugeteilt waren. Im Gegensatz zu Elle konnte sich der fünf Jahre jüngere Phil an diesen Themen in Rage reden. Umweltschutz hielt er für pure Heuchelei, denn seiner Ansicht könne die Umwelt nicht geschützt werden ohne die Menschheit vollständig oder zumindest weitgehend vom Planeten zu vertreiben. Auch das Gerede, so nannte Phil das, vom Leben im Einklang mit der Natur, ging ihm auf die Nerven. Das wichtigste Wort in seinem Vokabular hieß Respekt. Seine grundlegende politische Sichtweise war die, dass alle Menschen, die der Natur, also Tieren und Pflanzen, und allen anderen Menschen Respekt erwiesen, auf der Seite des Guten stünden, und diejenigen, die es an diesem Respekt vermissen ließen, einfach böse seien. Und dass es moralisch ge-rechtfertigt war, die Bösen zu bestrafen.

Spät in der Nacht erwähnte er beiläufig seine Mitgliedschaft in einer von den Medien als äußerst radikal eingestuften, global agierenden Untergrundgruppe und dass er als eine Art Schläfer fungiere, der im Fall einer Aktion in wenigen Stunden aktiviert würde. Momentan richteten sich die Kommandos der Gruppe, die sich einfach „Fight Evil Movement“ nannte, vor allem gegen Unternehmer und Top-Manager, die sich natur- und menschenfeindlich verhielten.

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Der Assistent hatte sich erst am späten Montagabend getraut, die Handynummer seines Chefs zu benutzen. Eigentlich hätte er die gar nicht haben dürfen, aber Johannes Felsheimer, der engste Freund von Siegbert Schaidler hatte sie ihm gegeben, und das schien ihm Legitimation genug, den Boss anzurufen. Denn er machte sich Sorgen. Die Reaktionen Schaidlers auf die chiffrierten Mails waren ihm merkwürdig erschienen. Vielleicht hatte der Enpfänger aber auch nur die Brisanz der Situation im Konzern nach den Funden von Leichenteilen in den AMEK-Märkten unterschätzt. Vielleicht könnte ein persönliches Gespräch da Klarheit bringen. Also wählte er die besagte Nummer. Niemand nahm ab, und die Sprachbox schaltete sich auch nicht ein. Der Assistenten versuchte es im Viertelstundentakt, aber nach zwei Stunden schien klar, dass Schaidler entweder nicht willens oder nicht in der Lage war, mit ihm zu telefonieren. Also setzte der treue Helfer, dem immer noch der hübsche Kerl der vergangenen Nacht im Kopf herum spukte, eine weitere Mail ab. Als Betreff wählte er die Wörter „Neues Werkzeug eingetroffen“, und der verschlüsselte Text lautete: „Muss Sie dringend sprechen. Habe ihre Handynummer von Felsheimer. Rufe Sie um Mitternacht hiesiger Zeit an.“ Nur Minuten später kam die Antwort: „Lassen Sie mich in Ruhe. Habe Kontakt mit Felsheimer. Wir haben die Situation im Griff. SCH“

Das beruhigte den Assistenten überhaupt nicht, und er beschloss, sich an den zweiten Mann im Konzern, den Marketingchef für Europa zu wenden. Der war Österreicher wie er, ein charmanter Typ und sicher hundertprozentig in alles eingeweiht. Vielleicht könnte ihm der sagen, wo sich Schaidler aufhielt und weshalb er sich in dieser Krise nicht persönlich einschaltete. Der zweite Satz beunruhigte den Assistenten sogar ein wenig, war Johannes Felsheimer ja nicht nur der Rechtsberater des Unternehmens sondern ein guter Freund von Siegbert Schaidler, vielleicht sogar der beste. Wieso ausgerechnet der nicht in die Sache eingebunden werden sollte, wollte dem jungen Mann nicht einleuchten. Aber, dachte er sich, der Boss wird seine Gründe haben.

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Das Wasser im Hafenbecken unter der ehemaligen Futtermittelfabrik lag an diesem unentschiedenen Tag unbewegt da wie eine graue Plastikfolie. Elle parkte das Rad an einem Verkehrsschild, das Autofahrer davor warnen sollte, versehentlich über die Böschung in den Fluss zu fahren. Sie ging die drei Schritte bis zu den Stufen im steinernen Deich und sah ihr zukünftiges Heim da unten liegen. Sie hatte Arbeiter erwartet, Scharen von fleißig vor sich hin werkenden Männern in Overalls und öligen Latzhosen, aber zumindest an Deck war kein Mensch. Da standen nur Farbeimer herum, eine geöffnete Blechkiste für Werkzeug, Taue und Planken und eine sinnlose Leiter. Elle betrat das schwankende Brett, das den Kahn mit dem Ufer verband, und machte einen großen Schritt an Deck. Das Schiff war vom Bug bis zum Heck dreiundzwanzig Meter lang und in der Mitte gut vier Meter breit. Die verschiebbaren Luken über dem Laderaum hatte man verschweißt und darüber drei gleich große Plattformen angebracht, die mit Terrassendielen belegt waren. Ins Inneren kam man über den Eingang zum ehemaligen Steuerhaus, das den Bewohnern als Küche und Wintergarten dienen sollte. Die Tür war nicht verschlossen, und sie betrat den Raum mit den großen Fenstern an allen vier Seiten. Die Einrichtung war bereits vollständig entfernt, aber an den metallenen Pfosten blühte noch der Rost. Sie hob das Luk an und kletterte abwärts in den Laderaum, der Robert und ihr demnächst Wohn- und Schlafraum sein sollte.

Auch hier war niemand. Überall lag Werkzeug herum, Material für den Ausbau, Reste der ehemaligen Einbauten und allerlei Kabel. Es war kühl hier, und durch die schmierigen Luken in der Seitenwand kam nur ein diffuses Licht. Elle war über eine Woche lang nicht auf der Baustelle gewesen, hatte jedoch angenommen, dass die notwendigen Arbeiten stetig vorangehen würden. Vielleicht, dachte sie, machen die Männer nur Pause, aber dann spürte sie, milde Panik aufsteigen. Was wenn sich der Umbauunternehmer davon gemacht hatte, wenn der pleite war, die Arbeiter nicht bezahlt hatte, sodass diese einfach abgehauen waren? Wie sollten sie das Hausboot dann in den verbleibenden sechs Wochen bezugsfertig werden? Der ganze Innenausbau war ja noch zu bewältigen. Sie sah im Bugraum nach, der das Badezimmer werden sollte. Das war wenigstens fast fertig. Den Boden hatten die Männer gefliest, die Wände frisch lackiert. Auch Badewanne, Dusche und Waschbecken waren ordnungsgemäß installiert. Und in der winzigen Abseite stand das brandneue Toilettenbecken. Elle drehte an der Mischbatterie des Waschbeckens herum, um zu prüfte, ob auch der Wasseranschluss schon gelegt worden war. Tatsächlich kam ein dicker Strahl aus dem Hahn, und das Heizwassergerät sprang sogar an. Sie fand ein Tempotuch in der Hostentasche und weihte das Klo ein.

publiziert am 13.12.13 in Einzelteile ¦ 522x gelesen ¦ noch kein Kommentar