Stadthund, Landhund

clooney_portraitSo eine Töle wird nicht eingeschult, wechselt nicht auf eine weiterführende Schule, macht keine Lehre und studiert nicht, ergreift keinen Beruf, heiratet nicht und gründet keine Familie. So ein Köter lebt einfach. Bei dir, mit dir. Und im Gegensatz zu einem Menschen verändert sich dein Hund nach dem Erreichen des Erwachsenenalters über längere Zeit nur wenig. Und während es bei einem Menschenbaby Jahre dauert bis der Nachwuchs aus dem Gröbsten raus ist, wächst so ein Fifi rasend schnell und wird beinahe über Nacht erwachsen. Da muss man als Halter ganz schön aufpassen, dass man all die Phasen der Entwicklung überhaupt mitbekommt und so begleitet, dass der Fellträger optimal für Leben vorbereitet wird.

Denn das ist die wichtigste Aufgabe von Menschen, die sich einen Welpen ins Haus holen: Fit machen fürs Leben. Und übrigens auch Überleben. Das gilt ins besonderem Maße, wenn aus dem flauschigen Winzling ein selbstbewusster, sicherer Stadthund werden soll. Die Stadt ist für den besten Freund ein äußerst gefährliches Terrain. Das ändert sich nur wenig, wenn der Waldi die ersten – sagen wir einmal – anderthalb Jahre überlebt hat, ohne von einem rasenden Pkw oder Lieferwagen überrollt oder von fiesem, rumliegenden Zeug vergiftet worden zu sein. Die City ist voller Gefahren, was der Canis aufgrund seines genetischen Materials nicht einschätzen kann. Er muss also lernen, und seine Herrschaft sind seine Lehrer. Hier findet der bewusst hundehaltende Mensch seine wirklich große und schwere Verantwortungslast.

Die Aufgabe ist weder mit antiautoritärem Getue, noch mit süßem Heiteitei oder Hoffen auf hündische Einsicht zu lösen. Hier ist knallharte Ausbildung gefragt. Weil die Pelznase die Gefahren nicht einschätzen kann, muss der – ja, nennen wir ihn einmal so – Hundeführer ihn schützen, indem er ihm Handlungen verbietet, die riskant sind. Ja, richtig gelesen: Verbieten. Das ist der Name der Medaille, deren beide Seiten mit „Strafe“ und „Belohnung“ beschriftet sind. Oder auch: Zuckerbrot und Peitsche. Wer versucht, den Hasso allein mit Lob und Leckerchen auszubilden, wird scheitern. Erst wenn der Hund erwünschtes Verhalten ansatzweise erlernt hat, kann dies positiv verstärkt werden. Vorher ist das „Nein“ (oder „Aus“ oder „Pfui“) in Verbindung mit einem körperlichen Signal (Ruck an der Leine, Anstupsen der Seite etc.) einfach notwendig. Je mehr und/oder größere Gefahren lauern, desto intensiver muss die Nein-Konditierung ausfallen. Wer an der Durchgangsstraße wohnt, kann seinem kleinen Freund nicht beibringen, Ausflüge auf die Fahrbahn zu unterlassen, ohne ihm dies mit dem großen NEIN zu verwehren. Daran muss sich dann aber auch rasch das Lob anschließen, wenn der Kleinköter „von sich aus“ an der Kante stehenbleibt.

Natürlich kommen in der Stadt weniger Hunde unters Auto als auf dem Land. Aber außerhalb der Ballungsräume gibt es mehr geschützte Räume – mit anderen Gefahren. Die frei aufwachsende Töle, die sich im Erwachsenenalter zum Streuner und dann zum Wilderer entwickelt, wird möglicherweise zum Opfer des Försters. Da zeigt sich dann, dass mehr Freiheit auch ein Mehr an Risiken bedeutet.

Unser Clooney ist auf dem Weg, ein fröhlicher Stadthund zu werden. Das war und ist auch unser Ziel. So fuhr er mit knapp drei Monaten erstmals S-Bahn und Straßenbahn. Seit der Zeit geht’s jede Woche mindestens dreimal in die City. An der kurzen Leine, versteht sich. Das war anfangs für Herr und Hund Stress pur. Ein Vergnügen ist es jetzt, wo Clooney fast ein halbes Jahr alt ist, auch nicht. Aber mit jedem Gang zum Kirchplatz oder über die Kö wird der Junghund ruhiger und souveräner. Wobei die intensivsten aller Ablenkungen andere Hunde sind. Der Sloughi-Kerl ist verrückt nach Fellträgern jeder Rasse, Größe, Form und Farbe. So fein er im konzentrierten Status an Fuß gehen kann, so wild gebärdet er sich, sobald er einen Artgenossen sichtet. Und weil er ein Sichthund ist (der englische Begriff für „Windhund“ lautet bekanntlich „Sighthound“), ortet er andere Tölen im freien Gelände über Entfernungen von mehr als einem Kilometer. In der Stadt stellt sich ein anderer, unschöner Aspekt ein: Er erkennt den potenziellen Spielkamerad später, aber umso doller. Da wirft sich das Langbein dann gern mit voller Wucht ins Halsband und reißt dem Menschen am anderen Ende der Leine so fast den Arm aus der Schulter.

Immerhin hat seine Vorliebe für schnell gehende Leute und für Jogger inzwischen soweit nachgelassen, dass er diese meistens ignoriert. Dafür wird jetzt mehr geschnüffelt. Das als Vorbote seiner nahenden Rüdenexistenz, auf die er sich derzeit mit einem gelegentlich angehobenen Bein beim Pinkeln vorbereitet. Dank der tollen Vorbereitung durch die Züchter war und ist Clooney ein äußerst angstfreier und überhaupt nicht schreckhafter Hund. Gut, wenn der Schwerlastzug an der Ampel in zwei Metern Entfernung an ihm vorbeidonnert oder ein Müllwagen direkt neben ihm die Luftdruckbremse zischen lässt, scheut er ein wenig. Aber die Geräusche vom ICE auf dem Bahndamm, dem Bagger an der Grube oder den diversen Laubsauger und -bläser im Park wecken eher seine Neugier.

Entgegen allem, was oben über Strafe und Lob zu lesen ist, lernt Clooney gerade die Dinge, die sein Stadtleben verlängern helfen, schnell und fast nebenbei. Die vergangenen vier Wochen ohne jeden leinenfreien Auslauf haben da anscheinend geholfen. Clooney und wir sind anscheinend auf einem guten Weg.

publiziert am 20.12.13 in Windhund namens Clooney ¦ 515x gelesen ¦ noch kein Kommentar