Haut und Knochen – Teil 3

Irgendwas läuft hier ganz grundsätzlich schief, dachte sie, während sie auf der Brille saß und noch ein wenig sinnierte. Wenn die Götter gewollt hätten, dass Robert und ich hier gemeinsam einziehen, dann hätten sie schon dafür gesorgt, dass der Umbau reibungslos läuft. Als sie nach dem Abputzen den Kopf hob, blickte sie in das breite Grinsen eines großen Kerls, der in der Badezimmertür stand und auf den Absätzen wippte.

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„Ach, und noch was“, sagte Greiper im Hinausgehen zum Marktleiter, „sie sollten ihre Leute anweisen, nicht mit der Presse über den Vorfall zu sprechen. Das könnte denen als Behinderung polizeilicher Ermittlung ausgelegt werden. Und gut für die Firma wär’s wohl auch nicht, wenn morgen die Zeitungen voll von abgeschnittenen Körperteilen aus dem Hause AMEK wären.“ Aber da war es schon zu spät, denn der PR-Berater Schreiner war in Begleitung des ehrgeizigen Lokalredakteurs Meissler bereits in die Tiefgarage gefahren und auf dem Weg zum Aufzug, der ihn in die Führungsetage des neuen Megastores bringen würde. „Mahlzeit“, grüßte Greiper die beiden Herren, die ihm beim Aussteigen aus dem Aufzug begegneten. „Halt, Moment“, fügte er hinzu, „da bin ich ja im Tiefgeschoss gelandet. Nehmen Sie mich mit bis ins Erdgeschoss?“ – „Klar“, gab Schreiner zurück und drückte den Knopf. Man verabschiedete sich mit ge-genseitigem Kopfnicken. Greiper trat ins Freie, während die beiden anderen ihren Weg zum Leiter des Möbelhauses fortsetzten.

Elle war nicht der Typ Frau, dem alles Mögliche peinlich ist, aber auf dem Klobecken hockend von einem Fremden beobachtet zu werden, das überstieg ihre Schamgrenze doch ein wenig. „Nein“, sagte der große Typ in der Tür, „ich bin kein Spanner, der sich darauf spezialisiert hat, pinkelnde Damen zu beobachten.“ Sein Grinsen wuchs in die Breite. Elle riss Slip und Hose hoch, ohne sich zu sortieren: „Was soll das?“ krächzte sie. „Keine Panik, Lady. Ist mir auch peinlich. Wollte dich wirklich nicht auf dem Pott erschrecken. Hatte nur gesehen, dass da jemand aufs Schiff gegangen ist und wollte mal nachgucken.“ Jetzt hatte Elle wieder eine kommunikationsfähige Haltung angenommen: „Ja, und wer sind Sie?“ Der Mann streckte ihr die Hand entgegen, und Elle zögerte, weil sie noch nicht zum Händewaschen gekommen war. Also grüßte sie mit einem Kopfnicken. „Philipp, nenn mich Phil, das machen alle so. Und du?“ – „Ich bin die neue Mieterin.“ – „So, so. Und einen Namen hast du auch?“ Sie wischte sich die Rechte an der Hose ab, schlug ein und sagte: „Elke Hülchenrath. Meine Freunde sagen Elle.“ – „Hi, Elle. Wie geht’s?“ Er stand immer noch im Türrahmen und machte auch nicht Platz als Elle versuchte, in den großen Raum überzuwechseln. „Oh, ‘tschuldigung“, sagte er mit einladender Geste und machte den Weg frei. Dann standen sie im Schiffsbauch und schwiegen verlegen. „Ich bin hier der Bauleiter für die Holzarbeiten.“ – „Interessant. Und von wo aus hast du mich ausspioniert?“ – „Ich wohn da oben auf der Böschung in dem Zelt. Saß gerade davor, baute mir ne Tüte und wollte ein bisschen Wasser gucken.“ – „Wenn du der Bauleiter bist, wo sind dann die Handwerker?“ – „Tja, das ist eine blöde Geschichte.“ – „Ja, den Eindruck hab ich auch. Ich komm vorbei um zu sehen wie es vorangeht. Nix ist vorangegangen. Keiner da. Und in sechs Wochen wollen wir einziehen. Dazwischen ist blöderweise auch noch Weihnachten.“ – „Sagen wir mal so: Der Saadr, also der Bauherr, der musste sich von einigen Mitarbeitern trennen. Es war da zu Unregelmäßigkeiten gekommen. Kurz gesagt: Diese so genannten Arbeiter haben geklaut wie die Raben. Da hat er sie rausgeschmissen. Aber für Montag ist ne neue Truppe im Anmarsch. Polen, hauptsächlich. Auf die ist Verlass.“ – „Na, da bin ich ja beruhigt. Ich werd dann mal wieder…“ – „Oh, ich wollte auch gerade in die Stadt. Sollen wir zusammen radeln? Und ir-gendwo einen Kaffee trinken?“ Ihr gefiel der Kerl. Ja, Elle fand ihn einigermaßen attraktiv und halbwegs charmant. Und was sprach schon dagegen, mit einem gut aussehenden Mann mit ordentlichen Manieren einen Kaffee zu nehmen? Er holte sein Rad hinter dem Zelt hervor, und sie fuhren nebeneinander her über den Deich in die Stadt.

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Über Tag hatte ein starker Westwind den feuchten Nebel verscheucht, die Wolken waren mit nach Osten geflogen, und ein blauer Himmel spannte sich über die Stadt. Die Sonne stand schon dicht über dem Horizont, und es war viel zu mild für die Jahreszeit. Greiper hatte sich natürlich an die Wetterextreme an seinem Heimatort gewöhnt, dass es gerade im September und Oktober Tage gab, an denen es schon nasskalt war, an die Böen abwechselnd kalte und milde Luft in die Straßen bliesen, und dann wieder welche, die nach Sommer rochen, wolkenloser Himmel, mal kalt und klar, mal übermäßig warm, dann die schwülen Tage im Frühherbst oder die verspäteten Sommertage am Ende des Oktobers. Er hatte das Präsidium fluchtartig verlassen und überlegte, wie er seinen Frust über die sinnlosen Verhöre im Megastore verdauen könnte, um sich anschließend auf seine Gedankenarbeit zu konzentrieren. Er löste das Problem auf bewährte Art, besorgte sich beim letzten überlebenden Metzger im Viertel zwei fette Mettbrötchen und setzte sich zuhause auf die Terrasse; das Bier zum Imbiss sparte er sich für später auf und trank bloß Wasser dazu.

Dass die bisher gefundenen Teile, zwei Ohrmuscheln, ein Fuß und eine Hand, vom selben Körper stammten, war ziemlich wahrscheinlich. Hier war also ein Mensch zerlegt worden, der vermutlich, das musste er aber von den Forensikern absichern lassen, vorher schon tot war. Es galt nun, den Toten zu identifizieren und den Rest des Leichnams zu finden. Dazu wäre es auch nötig, den ungefähren Todeszeitpunkt zu kennen. Er rief im gerichtsmedizinischen Labor an und bekam denselben Kollegen an die Strippe, mit dem er schon die gefundenen Ohren durchdiskutiert hatte: „Haben Sie jetzt auch den Fuß und die Hand? Gut. Schon untersucht? Auch gut. Stammen alle vom selben Opfer? Hab ich mir schon gedacht. War das Opfer beim Zerlegen schon tot?“ Sein Gegenüber verirrte sich in langen theoretischen Ergüssen, und der Hauptkommissar nahm einen herzhaften Bissen vom Mettbrötchen. Nach dem er ausreichend gekaut und alles runtergeschluckt hatte, war auch der Forensiker am anderen Ende fertig. „Okay, der Zustand der Schnittflächen lässt also den Schluss zu: Der war schon tot bevor er tranchiert wurde. Gut. Können Sie was zum Zeitpunkt des Ablebens sagen?“ Und wieder ergoss sich ein Schwall Erklärungen in die Sprechmuschel des Labors. Greiper hatte Zeit, seinen Imbiss vollständig zu verzehren bevor er wieder zu Wort kam. „Oha, das ist aber eine lange Zeitspanne. Ja, hab ich verstanden, dass die Vakuumverpackung das schwer einschätzbar macht. Aber Sie würden sagen, dass der Mann…, es ist doch ein Mann? Ach ja, hatten Sie schon gesagt… Dass der Tote also vor höchstens fünf Tagen über die Wupper gegangen ist. Maximal sechs Tage? Okay, also ist er zwischen vergangenem Mittwoch und diesem Dienstag ermordet worden. Sie haben mir sehr geholfen.“

publiziert am 07.01.14 in Einzelteile ¦ 473x gelesen ¦ noch kein Kommentar