Haut und Knochen – Teil 6

Felsheimer tobte: „Verklagen! Wir werden dieses dreckige Arschloch verklagen! Was fragst du mich da erst? Ich lass mich doch nicht von so einem Schmierfinken öffentlich als schwul bezeichnen. Ist mir egal, dass das bloß auf irgendeiner Website steht, die kein Mensch kennt. Der kriegt ne Abmahnung, dass ihm die Tränen kommen, Streitwert mindestens 100.000 Euro! Mindestens!“ Seine fahle Gesichtshaut trug unregelmäßige Zornesflecken, die Adern an den Schläfen seines kahlen Schädels waren angeschwollen, und er stierte den jungen Mitarbeiter namens Raffael Weilch aus stahlharten Augen an: „Da hättest du Null auch selbst drauf kommen können. Wofür bezahle ich dich eigentlich? Fürs Bürostuhlvollfurzen?“ Der Frischling unter den Advokaten hockte auf dem Stuhl vor Felsheimers Schreibtisch und wippte auf den Absätzen. „Aber…“, begann er, doch sein Chef schnitt ihm das Wort ab. „Hör bloß auf. Und kannst du es bitte unterlassen, diese bescheuerten gelben Schuhe zu tragen? Ich krieg ne Allergie, wenn ich diese schwulen Treter sehe.“

Schweigen breitete sich im Eckbüro aus, das sich Felsheimer gesichert hatte, nachdem sie die halbe Etage im siebzehnten Stück des Bürohochhauses am Hafen bezogen hatten. Er hatte sich abgewendet und sah hinab auf das Panorama der Promenade am Fluss. Jedes Mal bestätigte ihn dieser Ausblick in der Erkenntnis, er habe es geschafft. Er habe es ganz allein geschafft, erfolgreich zu sein und – je nach dem angelegten Maßstab – sogar vermögend. Die Kanzlei lebte zwar im Wesentlichen von dem einen großen Klienten, das aber nicht schlecht. Zudem hatte er kräftig auf die Kostenbremse getreten, sodass der Laden mit nur zwei Anwaltsgehilfinnen prächtig lief. Natürlich war die hohe Gewinnspanne auch der Tatsache geschuldet, dass sein Jugendfreund und Kompagnon Ronald Horben sechs Tage die Woche mindestens je zehn Stunden arbeitete. Aber, dachte Felsheimer, was soll der olle Ronny auch sonst tun, wo er doch weder Freunde, noch Hobbies hat?

„Okay,“ sagte Rechtsanwalt Weilch, „ich setz gleich was auf. Haben Sie am Montag in der Unterschriftenmappe.“ Er schwieg einen Moment. „Sagen Sie mal, Chef…“ – „Nenn mich nicht Chef! Ich heiße Johannes B. Felsheimer und wünsche auch von dir mit meinem richtigen Namen als Herr Felsheimer angesprochen zu werden.“ – „Ja, Sie haben Recht, Herr Felsheimer. Ich wollte nur fragen, wann Sie mich denn mal mitnehmen zum Fernsehen, hatten Sie ja mal versprochen…“ – „Da musst du dich aber ganz hinten in der Schlange anstellen. Was meinst du, wie viele Leute gern mit mir ins Studio möchten. Ehrlich gesagt, sind die meisten anderen Angebote wesentlich attraktiver als die Aussicht mit dir irgendwo aufzulaufen.“ Raffael Weilch schlich aus dem Chefbüro, verkroch sich in seinem Arbeitsraum und setzte die gewünschten anwaltlichen Schreiben auf.

***

Früher, als alle noch jünger waren, also zu den jungen Leuten zählten, da galt der Freitagabend als Höhepunkt der Woche. Oberschüler, Lehrlinge, Studenten und auch Arbeiter unter dreißig, sie alle strömten in den Teil des Orts, den man immer noch Altstadt nennt. Ein Karnevalsschlager aus den Sechzigern behauptet nicht ganz zu unrecht, man habe vor Ort die längste Theke der Welt. Und tatsächlich gab es damals in jedem Haus eine Kneipe. Restaurants waren dünn gesät, und drei legendäre Imbisslokale erfüllten die Funktion der Volksernährung. Bars und Clubs waren auch vorhanden, blieben aber den Reichen und Schönen vorbehalten, und im Gegensatz zu den elitären neunziger Jahren hielt es die Mehrheit der Altstadtgänger für wenig erstrebenswert, dort einzukehren. Selbst die Disco-Ära brachte kaum Veränderungen mit sich. Stattdessen wurde die Straße, die den parkartigen Hofgarten mit dem Flussufer verbindet, zum deutschen Kreißsaal der lauten, wüsten Punk-Musik. Ansonsten zog man an jedem gegebenen Freitag nach einem festgelegten Muster durch die Läden, in denen man das örtliche Bier zu zivilen Preisen serviert bekam und dazu laute Rockmusik. Man fühlte sich anti-bürgerlich, soff aber wie die alten Knacker in der Eckkneipe. Und im Sommer verlagerte sich das Treiben auf die Straßen, die schnell für Autos unpassierbar wurden. Natürlich hatte der Drogenhandel sehr früh das Quartier entdeckt. Und so verkam die Altstadt von Jahr zu Jahr immer mehr. Auswärtige mieden das Viertel, Einheimische verlegten sich auf ein, zwei Stammlokale. Die Gewalt auf den Straßen nahm zu, und bald galt die ganze Gegend als gefährlich und schmutzig.

Aber eine Amüsiermeile, das hatte die Reeperbahn auf St. Pauli vorgemacht, hat immer das Zeug dazu, sich neu zu erfinden. Neue Wirte, neue Investoren kauften sich ein und renovierten die Kneipen. Restaurants entstanden, die Zahl der Imbissläden wuchs, und die Polizei sorgte durch eine Nulltoleranz für Frieden. Die Junkies wurden auf einen Platz verdrängt, wo sie nicht weiter störten. Der gute Ruf war wiederhergestellt. Ja, er breitete sich immer weiter aus. Um die Jahrtausendwende herum wurde die Altstadt zu einem bevorzugten Ziel der vergnügungswilligen Provinzler. Die kamen aber meist samstags, sodass die nicht mehr ganz so jungen Altstadfreunde an Freitagen wieder gern in die alten Kneipen gingen, die neue Wirte hatten, unverschämte Preise aufriefen, aber sonst so wie früher waren. Man war älter, und wer einigermaßen reflektiert an die Sache heranging, der konnte sich eingestehen, dass so ein Abend im Schaukelstühlchen, bei Haimo in der Bluescorner oder im Julio’s eindeutig nostalgisch motiviert war. So konnte man ruhig beim Bier sitzen und sich an wilde Nächte erinnern, in denen man die schärfsten Weiber beziehungsweise heißesten Typen abgeschleppt hatte, an deren Namen man sich am Samstagmorgen nicht mehr erinnerte.
Natürlich war auch Robert Greiper früher an jedem Freitag, wenn es sein Dienst zuließ, in die Altstadt gegangen. Sein Revier war die Straße in der Nähe der Kunstakademie mit ihren vier Studentenkneipen, die er in einer ziemlich festen Reihenfolge besuchte. Jeder kannte jeden. Als er beichten musste, dass er bei der Polizei sei, verpassten ihm die Trink- und Feierfreunde den Spitznamen „Cop“. Irgendwann verlor sich die Geschichte von der Entstehung des Namens, und die meisten meinten, er wäre der „Kopp“, was im hiesigen Dialekt ein Wort für das menschliche Haupt ist.

Vor Monaten hatte er in einem Anfall von Sentimentalität einen Schuhkarton mit alten Fotos rausgekramt und Elle die peinlichsten Aufnahmen gezeigt. Hey, hatte sie festgestellt, du hattest ja damals genau denselben Schnauzbart wie heute. Er hatte nicken müssen und überlegte im gleichen Augenblick, ob es nicht an der Zeit wäre, das Ding abzurasieren. Die Haare, stellte Elle sachlich fest, waren damals länger, dunkler und ohne erkennbaren Schnitt; da gefällst du mir heute besser. Eigentlich, dachte Robert angesichts der Bilder, habe ich mich nicht sehr verändert in den vergangenen dreißig Jahren. Gut, da ist ein bisschen Asche im Haar; auf der Stirn haben sich Falten eingegraben und der Hals ist dicker. Aber schwarze Lederjacken habe ich schon damals gern getragen. Irgendwie stimmte es ihn froh, dass die lange Zeit im Polizeidienst so wenige sichtbare Spuren hinterlassen hatten.

Und jetzt war wieder Freitag, und es kribbelte ein wenig, mal wieder auf die Rolle zu gehen. Mal wieder bei Haimo vorbeizuschauen oder in der hintersten Ecke beim Bobby’s auf dem wackeligen Hocker zu thronen, in gleichmäßigem Rhythmus die Biergläser zu leeren, mit niemandem zu reden und einfach nur da zu sein. Ihn erschreckte, dass seine Liebste in dieser Phantasie nicht vorkam. Aber seine Erklärung war simpel: Elle war zu jung, um die glorreichen Zeiten der Altstadt aktiv mitgemacht zu haben. Die wusste nichts davon, der konnte er den speziellen Kick solcher Abende nicht klar machen.

publiziert am 23.01.14 in Einzelteile ¦ 543x gelesen ¦ noch kein Kommentar