Mensch, Hund!

clooney_elvisEin offensichtlich kluge Hundehalterin sagte dieser Tage im Auslauf: „Klar, vermenschliche ich meinen Hund manchmal. Aber ich weiß ja, dass ich es tue.“ Das ist vermutlich die optimal Aussage rund um das Thema „Vermenschlichung des Haushundes“. Puristen steinigen ja Köterfreunde, die über ihren Fiffi reden wie über ein Menschenkind. Dabei ist erwiesen, dass für viele, viele kinderlose Paare so ein Hund tatsächlich Kinderersatz ist. Und daran ist zunächst nichts auszusetzen, denn irgendwo muss jeder Mensch hin mit seiner Liebe – also der Liebe, die sich nicht auf den Partner, die Partnerin bezieht. Weil der Mensch nicht nur ein soziales Wesen ist – genau wie der familiäre Canis -, sondern auch allerlei hormonell getriebene Betüddelungs- und Kümmersymptome an den Tag legt, ist der Haushund dank der Art und Weise seiner Domestizierung die ideale Zielscheibe. So lange die Vermenschlichung im artgerechten Rahmen bleibt.

An dieser Stelle wird’s kompliziert. Beziehungsweise: An dieser Stelle machen es Tierfreunde mit ungesunden Halbwissen kompliziert. Denn es ist genau diese Sorte Mensch, die einfach nicht kapieren will, dass der Canis familiaris seit mindestens 20.000 domestiziert und damit kein Naturkind mehr ist, sondern ein Teil der menschlichen Kultur. Das ist unbestrittener Stand der Wissenschaften, die sich mit so etwas befassen. Deshalb führen alle „Run free“-Romantizismen mehr oder weniger drastisch zur NICHT-artgerechten Ausbildung und Haltung der Pelznase. Dieser unser Haushund ist dem Menschen vermutlich genau so nahe wie dem Hundekollegen, jedenfalls aber näher als beispielsweise dem Wolf. Der muss ja ohnehin immer gern als quasi romantisches Pendant zum Waldi herhalten, obwohl dies – bei aller genetischen Nähe – beim Verhalten überhaupt nicht passt.

Artgerechte Haltung beginnt, wie wir wissen, bei der Erfüllung der Grundbedürfnisse des Köters, also Behausung und Ernährung. Wer seinen Chihuahua mit Marzipanplätzchen stopft, ist ein Tierquäler. Punkt. Wer seinen besten Hausfreund dagegen mit dem richtigen Futter versorgt, hat schon mal ein Drittel der Miete drin. Ob nun wirklich NUR das Barfen artgerecht ist, darüber streiten sich de Leute – man kann ja aus allem eine Religion machen. Nicht wenige Hassos bekommen ihr Leben lang nur Trockenfutter und Wasser und stehen dann mit 12, 15 Jahren noch voll im Saft. Sicher ist nur, dass die Vermenschlichung des Hundes in punkto Fressen zu absurden Auswüchsen führt. Nein, die Töle langweilt sich nicht, wenn sie Tag für Tag denselben Frass bekommt. Eher im Gegenteil, aber dazu später mehr. Nein, dem Hund „schmeckt“ ein bestimmtes Futter nicht besser oder schlechter; seine Vorliebe für diese oder jene Mahlzeit ist in aller Regel eher eine Folge der unbewussten Konditionierung durch den Halter („Gell, das schmeckt dem Hundi, gell?“). Wichtig ist, dass die Ernährung den Hund gesund hält – wer Industriefutter guter Hersteller verfüttert und vor allem auf die Mengen achtet, kann wenig falsch machen.

Bei der Unterbringung gibt es zunächst keine zwei Meinungen in Sachen „Zwinger“. Das gilt unter tierfreundlichen Menschen als Pfui-bah. Dabei ist es aus gesundheitlichen Gründen oft sogar angemessener, den Waldi außerhalb des Hauses vor dem Wetter geschützt, aber bei seiner Physis angemessenen Temperaturen zu halten, als in der überheizten Etagenbude. Das gilt übrigens auch für das gern diskutierte „Mäntelchen“. Besorgte Hundemamis verschnüren ihren Liebling gern in schicke Klamotten, wenn ihnen selbst kalt ist. Andere nehmen das Zittern des Fiffis zum Signal, den Pullover rauszukramen. Hey, Hunde zittern sich warm! Ja, wirklich: wenn ein gesunder, kurzhaariger Hund bei kaltem Wetter zittert, ist das kein Grund zur Besorgnis und sollte kein Anlass für den Gang zur Kleiderkammer sein. Selbst spindeldürre Windhunde wie unser Clooney können nackig rumrennen, selbst wenn das Quecksilber Minusgrade anzeigt. Bei dichtbefellten Typen – vom Schäferhund über den Huskie bis zum Bobtail – wird man Temperaturen, die diese Kerle ohne Anzug aushalten, in unseren Breiten nicht vorfinden. Wer seinen Dünnhäuter aber auch bei Eis und Schnee ausführt, sollte dann zur Decke greifen, wenn es a) Niederschläge (Schnee, Graupel, Regen) gibt und b) Frost herrscht. Wenn das Feuchte im Fell gefriert, kann der Hund ernsthaft Schaden nehmen. Und befreundete Sloughi-Halter im Norden Finnlandes wissen, dass ungefähr -8° bis -10° auch für die Windigen nur mit Mantel angenehm zu ertragen sind.

Am kompliziertesten wird es aber bei der sozialen Komponente der artgerechten Haltung. Es ist richtig, dass der Canis familiaris im Laufe seiner Domestizierung eine ganze Menge Sozialverhalten beim Menschen abgeguckt hat. Anders ausgedrückt: Die Evolution hat ihn gelehrt, manch menschliches Verhalten nachzuahmen, weil das beim Homo sapiens prima ankommt. Deshalb suchen die meisten Haushunde die Nähe ihrer Menschen – nicht weil sie dies müssen, um zu überleben. Streunerhunde in warmen Ländern zeigen deutlich, dass die Köter wunderbar ohne Halter auskommen, wenn genug menschliche Ansiedlung in der Nähe ist. In solchen Streunerrudeln verhält sich die Töle übrigens auch deutlich anders als im Kontakt mit Menschen. Verhaltensforscher nehmen momentan an, dass der Canis familiaris über (mindestens) zwei komplette Sätze Sozialverhalten verfügt, die er an- und abschalten kann, je nachdem wie es die Situation erfordert. Das, so die Experten, ist das eigentliche Geheimnis seines Erfolgs. Aber: In der Menschengemeinschaft lebend ist der Haushund auch auf den Menschen angewiesen. Jedenfalls sieht er das – weil ja die Evolution klargemacht hat, dass so ein bisschen Hilflosigkeit beim Menschen bestimmte Hormone sprießen lässt, die ihm, dem Hasso, dann ein bequemes Leben ermöglichen.

Also bleibt der vom Menschen gehaltene Hund auch sein Leben lang auf einer sozialen Entwicklungsstufe, die etwa der eines drei- oder vierjährigen Kindes entspricht – die trotzige Komponente inklusive. Das bedeutet aber auch, dass das Kümmern um den Hund nie aufhört. Und dass dieses Kümmern und Betüddeln (das uns Zweibeiner ja die Hormone beibringen) Teil der artgerechten Haltung ist. Ja, das Verbieten, das Über-den-Hund-bestimmten ist ARTGERECHT! Weil der Hund ähnlich wie ein Vierjähriges ein extrem hohes Sicherheitsbedürfnis hat, also die Nähe und den Schutz seiner Halter braucht und sich mehr oder weniger sichtbar Sorgen macht, dieser Schutz können aufhören. Das ist es, warum so ein Fellträger eine klare Führung braucht – und nicht irgendeine Freiheit, für die mancher Halter eine sentimentale Vorliebe hat.

Was hat das alles mit anderen Hunden zu tun? Jeder halbwegs instinktsichere und nicht-verhaltensgestörte Haushund wird sich anderen Hunden gegenüber deutlich anders verhalten als seinen Haltern und fremden Menschen sowie anderen Tieren gegenüber. Das ganze Gerede vom Hundebesitzer als Rudelführer ist Quatsch. Bestenfalls ist der Halter dank seiner Fähigkeit, Futter herbeizuzaubern und eine warme Höhle bereitzustellen, eine Riesenautorität, der hund besser gehorcht, will er seinen Status nicht gefährden. Hinzu kommt, dass der domestizierte Canis familiaris wie fast alle vom Menschen gehaltenen Tiere (Pferde vor allem!) über ein ausgeprägtes Gespür dafür verfügen, was ihnen angenehm, was unangenehm ist. Das müssen keine Sinnesreize sein – die hat das Pantoffeltierchen auch -, sondern es kann sich auch um soziale Situationen handeln. Bestes Bespiel ist das Ignoriert-werden. Das können sehr viele Köter nun gar nicht ab. Es ist ihnen einfach unangenehm, und deshalb versuchen sie die Situation zu beenden.
Derlei gibt es in Kontakt mit Artgenossen nicht. Da läuft – wie gesagt: bei instinktsicheren und nicht-verhaltensgestörten Hunde! – ein situationsabhängiges Programm ab, das für die sozial Klärung zwischen den Viechern sorgt. Läuft das in den vom Instinkt vorgegebenen Bahnen ab, hat der Mensch da nicht einzugreifen. Er würde nur stören. Und je öfter und je stärker er seinen Hasso im Sozialkontakt mit anderen Hunden stört, desto unsicherer wird die Pelznase werden und die guten Hundesitten vergessen und sich daneben benehmen.

Leider wird aber genau an dieser Stelle die Vermenschlichung ins Extrem geschoben. Da nennen normalerweise mit Intelligenz behaftete Menschen diesen oder jenen Köter, dem der eigene Fellträger regelmäßig begegnet, „einen Freund“. Da heißt es bei deutlich erkennbaren Dominanzrangeleien: „Och, wie schön die spielen“. Und da wird das Ins-Bein-Kneifen als Beißen betrachtet und abgestraft. Das sind nur die gängisten Beispiele für eine bescheuerte Form der Vermenschlichung. Im Grund ist artgerechter Umgang im Kontakt mit anderen Hunden auf einen einfachen Satz zu bringen: Lass sie machen. Wenn aber der eigene Hund unangepasstes Verhalten zeigt, dann ist es völlig falsch, weil problemverstärkend, die entsprechenden Situationen zu meiden. Stattdessen MUSS der Zweibeiner mit allen Mitteln versuchen, das „Fehlverhalten“ des Köters in Richtung angepasstes Verhalten zu ändern – notfalls mit fremder, professioneller Hilfe. Dafür muss man natürlich wissen, welches Verhalten unangemessen ist. Um das zu erkennen, ist jede Form Vermenschlichung („Der ist trotzig.“ „Der will seinen Kopf durchsetzen.“ „Der mag einfach keine Rüden“ etc ppp) absolut kontraproduktiv. Da MUSS sich der verantwortungsvolle Hundehalter intensiv informieren, also Bücher lesen, im Internet forschen, mit erfahrenen Hundetrainern reden. Also ganz ähnlich an diese Sache herangehen wie das halbwegs verantwortungsvolle Eltern vier- oder fünfjähriger Kinder tun.

publiziert am 29.01.14 in Windhund namens Clooney ¦ 534x gelesen ¦ noch kein Kommentar