Prädikat schussfest

wecoWir sind ja leidgeprüft: Clooneys Vorgängerin, die schöne Galga Pina, war ein Panikhund. Das bedeutete nicht nur, dass sie bei Feuerwerk und Gewitter zitternd und hechelnd durch die Wohnung tigerte und nicht selten vor Angst das Parkett nässte, sondern dieselben Symptome schon bei ein wenig Wind und Regen, der an die Scheiben schlug, zeigte. Über die Jahre hat sich dieses Verhalten verschlimmert – so sehr, dass ich am Tag vor ihrem Tod bei einem wirklich schweren Gewitter fast zwei Stunde mit ihr im dunklen Keller verbracht habe. Aber Pinas Panik ist auch ein prima Lehrstück, wie Mensch und Hund sich aufschaukeln. In den letzten Jahren waren wir Menschen schon derart sensibilisiert, dass allein schon eine Wettervorhersage uns unruhig machte, weil wir an das zu erwatende Theater der Hündin dachten. Kaum einer kann sich die grundsätzliche Erleichterung darüber vorstellen, dass der nicht mehr ganz so kleine Clooney gegenüber jeglicher Kapriole des Wetters völlig neutral agiert. Ja, während Pina am Spaziergang im Regen keinen Spaß hatte, macht dem Sloughi-Bub das Wasser von oben gar nichts aus.

Allerdings: Pina liebte es, nach einem nassen Gang mit dem Frotteehandtuch trocken gerubbelt zu werden; Clooney geht hingegen stiften, sobald man sich ihm mit dem Handtuch nähert. Natürlich war für die Galgo-Dame Silvester der mit Abstand schlimmste Tag im Jahr. Was sie da zeigte, war keine Panik mehr, das war nackte Todesangst. Wir haben das selbstverständlich in unsere Jahresendplanung einbezogen und den Rutsch nicht mehr gefeiert. Im Gegenteil: Ab etwa elf Uhr am Silvesterabend haben wir die Vorhänge zugezogen und die Musik recht laut gestellt. So richtig gewirkt hat das aber nur zu ihrem allerletzten Silvester. Vorher zog sie sich zitternd und hechelnd ins Bad zurück, wo sie versuchte, hinter die Kloschüssel zu kriechen. Vermutlich haben wir aber dieses Verhalten unbewusst verstärkt, weil wir dann zum neuen Jahr eben immer auch im Badezimmer angestoßen haben.

Es scheint ohnhehin zu stimmen, was Experten immer wieder feststellen: Der Haushund ist gegenüber den allerkleinsten körperlichen Äußerungen des Menschen derart sensibel, dass er auf minimalste Verhaltensänderungen, die wir Menschen selbst an uns gar nicht feststellen, reagiert. Ja, der beste Freund handelt nicht selten im vorauseilenden Gehorsam und zeigt als Reaktion die von uns erwarteten Verhaltensmuster. Nun propagieren die populistischen unter den modernen Hundetrainerns (Rütters & Konsorten) die Re-Konditionierung des Hundes, obwohl sie wissen und auch äußern, dass bei angeblichen Problemkötern ebendieses Problem beim Halter zu finden ist. So wird dann versucht, die Reaktion der Töle auf menschliches (Fehl)Verhalten der Herrschaft umzuprogrammieren, obwohl es viel sinnvoller wäre, den zugehörigen Menschen zu re-konditionieren! Wir haben das bei Pina – wie wir heute wissen – nach diesem Muster versucht, aber dabei völlig versagt, weil wir unsere eigenes Verhalten nicht entsprechend geändert haben. Pina hat nur getan, was ein Haushund tun muss: sich an seinen Menschen orientieren.

Das alles hatten wir mit dem nahenden Jahreswechsel im Hinterkopf, waren aber guten Mutes, dass Clooney keine Schwierigkeiten mit der Knallerei haben würde. Auch weil wir eben keine negative Erwartung hatten. Wieso auch? Als irgendwann im Oktober ein paar böse Buben auf dem Spielplatz Knaller zündeten, erschrak der Sloughi nicht nur nicht, nein, er fand den Krach spannend und wollte nachsehen, was das war. Und am Silvesterabend selbst, es war auf der Pinkelrunde gegen halb zwölf, zeigte er ebenfalls mehr Interesse als Angst. Irgendwer warf einen mächtigen Böller am Anfang der Straße, der mich zusammenzucken ließ. Clooney zuckte zwar auch, wand sich dann aber schnell in Richtung des Knalls um zu sehen, was da los war. Wie er auch die ganze Vorabknallerei in den Tagen vor Silvester regungslos weggesteckt hatte.

Das ging auch bis kurz vor Mitternacht so weiter. Als dann aber draußen der Krieg losbrach, war es um seinen Seelenfrieden geschehen. Man muss dazu aber auch wissen, dass wir in der fünften Etage wohnen und das Wohnzimmer bodenhohe Fenster zu beiden Seiten hat. Viel mehr Blitz und Donner kann man nicht mitkriegen als in dieser Wohnung. Clooney begann zu fiepen und strebte Richtung Wohnungstür. Wir ermahnten und gegenseitig, nicht zu reagieren, zogen aber vorsichtshalber die Vorhänge zu und stellten die Musik lauter. Der Junghund hatte sich auf seine Decke in der Küche verzogen, war aber recht gelassen. So überstand er einigermaßen angstfrei die erste halbe Stunde im neuen Jahr. Als nur noch wenige Raketen in die Luft stiegen und Böller detonierten, schlug die Situation um. Gegen eins sprang er aufs Sofa und rollte sich mit maximalem Körperkontakt neben mir zusammen – er zitterte leicht. Dann wechselte er auf sein Schlafsofa, wurde aber immer unruhiger als irgendwelche Idioten im benachbarten Viertel bis sage-und-schreibe Viertel nach Zwei ununterbrochen Rakete auf Rakete abfeuerten. Erst als auch diese Bekloppten aufgegeben hatten, wurde er ruhiger, zog es aber vor, die Nacht dann im Schlafzimmer zu verbringen. Leider hatte diese Nacht die Wirkung, dass er am Neujahrstag auf jeden verirrten Kracher reagierte – nicht panisch, aber deutlich verunsichert. An unserem Verhalten wird es nicht gelegen haben, denn wir haben ihn durchweg nicht getröstet, ja, eigentlich so gut wie gar nicht mit ihm gesprochen in dieser Zeit. Man wird sehen, ob Clooney trotzdem schussfest geblieben ist.

publiziert am 02.01.14 in Windhund namens Clooney ¦ 480x gelesen ¦ noch kein Kommentar