Die Glanzzeit der Fotokopie (4)

rank_seesternBald galten Marion und ich unter den Kollegen als Paar. Und das obwohl wir das noch lange nicht waren. Schließlich steckten wir beide damals in mehr oder weniger festen Beziehungen. Aber was hieß das in den libertären Spätsiebzigern schon? Damals wurde fröhlich querbeet gebumst, und ein Fick mit einer fremden Person galt nicht viel. Heute heißt es dann ja immer, es sei die Zeit vor Aids gewesen, da hätten die Menschen beim Sex noch keine Angst verspürt. Das ist sicher der eine Grund für das unbeschwerte Durcheinander (das natürlich vor allem durch den allfälligen Gebrauch von Verhütungsmitteln, insbesonders „der Pille“, möglich wurde – Kerle lehnten damals jede Verantwortung für eine ungewollte Schwangerschaft ab mit der Begründung, die Frau hätte ja einfach die Pille nehmen können; Damen, die diese nicht vertrugen oder sie aus gesundheitlichen Gründen nicht nehmen wollten, waren so sexuell wenig attraktiv). Ein wesentlich Grund dafür aber, dass Sex als Vergnügen gesehen wurde, war sicher die Abwesenheit von Pronografie. Genauer: Von Pronografie aus den USA. Irgendwer hatte 1977 mal einen Super-8-Pornofilm mitgebracht, den die WG gemeinsam anschaute. Drei Paare, meine ich zu erinnern, trieben es in einem Billardsalon miteinander. Na ja…

Mich machte das ebenso wenig an wie die dänischen Pornohefte, die ein Kollege seinerzeit mit in die Maschinenfabrik brachte, in der ich für meinen Schwager aushilfsweise tätig war. Das einzige Bild aus diesen Heften, das mir im Gedächtnis geblieben ist, war ein blasser Rothaariger, der es mit einer Ziege trieb. Der Pornoheftbesitzer wollte sich darüber ausschütten vor lachen und sagte immer wieder „Guckma, der verrammelt das Vieh!“ Kurz nach dem ersten Videorekorder kamen auch zwei Kassetten mit Ribu-Filmen ins Haus. Diese französische Produktion brachte Streifen mit minimaler Handlung raus, in der die vögelnden Menschen nett miteinander umgingen und Spaß hatte. Typisch war die Schote, dass eine sehr dürftig bekleidete junge Dame sich in der Villa langweilt, dann schellt der Gärtner, und – schwupps – wird gebumst, was Couch und Teppich aushalten. Die damalige Dame meines Herzens und ich fanden die Filme lustig, aber besonders animiertz haben sie uns nicht. Viel später lieh ich mir einige Male US-Pronos aus und war dann doch einigermaßen entsetzt, weil dort IMMER Gewalt oder zumindest Machtausübung von Männern gegenüber Frauen eine Rolle spielte. Meist wurde Sex als eine Art Bestrafung für die immergeile Tusse zelebriert. Auch das weder erregend, noch irgendwie schön.

In der Zeit vor Porno und Aids war Sex in den meisten Fällen eine schöne Sache, die Frauen und Männer gleichermaßen genossen. Und – wie gesagt – so ein gemeinsames Vergnügen wurde meist weder als Fehltritt oder als Seitenspring gesehen und hatte oft für die Beteiligten keine Auswirkungen. Für uns Menschen Mitte Zwanzig bedeutete das aber auch, dass mehrmaliges Miteinanderschlafen noch lange nicht den Beginn einer Beziehung bedeutete. Man sah das lockerer. Und hoffentlich sahen das beide Beteiligten einer Noch-nicht-Beziehung so. In diesem Jahr erholte ich mich langsam von einer sehr, sehr unglücklichen Liebesgeschichte. Da die Dame meines Herzens für mich eher unbefriedigende Praktiken bevorzugte, hatte ich in den drei Jahren nach der Trennung von meiner ersten Gattin kaum mehr als drei oder vier Mal Sex. Das durfte Mann aber in jenen Jahren um keinen Preis öffentlich machen, wollte er nicht als Loser gelten. Leider führte der Mangel bei mir dazu, dass ich nach der Begegnung mit A. und den durchgefickten Tagen und Nächten fast alles getan hätte, immer wieder mit ihr zu bumsen. Sie wohnte ja bei mir. Nicht dass wir beschlossen hätten zusammenzuzuiehen; sie stand einfach nach den Feiertagen mit dem Koffer vor meiner Tür, sah ich mich an und sagte: „So, ich zieh dann mal hier ein.“ Aus den genannten Gründen konnte ich schlecht Nein sagen.
Trotzdem empfand ich unsere Bindung als nicht so fest wie es bei zusammenlebenden Paaren allgemein angenommen wurde. Nicht einmal nach dem Umzug in eine tatsächlich „gemeinsame“ Wohnung. Und schon gar nicht nach der Begegnung mit Marion bei Xerox. Im Jahr dieses tollen Jobs, der vom Frühjahr bis in den Winter hinein lief, wurde ich 27 Jahre alt. Marion war drei oder vier Jahre jünger. Kaum kleiner als ich, wohlgeformt mit dunklen, glatten Haaren und einer beeindruckenden Mimik. Vielleicht war es ihr winzigkleiner Sprachfehler, der mich zu ihr hinzog. Der Vokal A hörte sich bei ihr immer ein wenig wie ein O an. Sie sagte „Hoab gut geschloofen“, zum Beispiel.

Wir waren uns auf Anhieb sympathisch und hatten eine Menge gemeinsam. Einen Hang zur Poesie samt zugehöriger Ironie war ein Teil davon. Eines Tages kam sie in einem grauen Kleid aus einem Stoff, der beinahe aussah wie Filz. Das habe sie von der Omma, sagte sie, und die habe gesagt, es sei aus Hasenhaar. Wir erfanden das Wort „Hasenkleid“ dafür. Ein wenig war es wie mit meiner ersten Gattin, der Frau, die ich aus Kindertagen kannte und mit der ich jederzeit über alles und stundenlang reden konnte. Marion war vielseitig interessiert und belesen. Leider lebte sie in einer Beziehung mit einem Typ, der auch Rainer hieß und Polizist im Bundesgrenzschutz war. Das hatte – wie sich später zeigen sollte – den Vorteil, dass er die Woche über in der Kaserne in Ekelenz war und Marion in der düsteren Altbauwohnung am Neusser Schlachthof sturmfreie Bude hatte.

Reisezeit
Klar dass wir beide im selben Team sein wollten – erst recht als unsere Reisezeit begann. Wir würden nun in kleinen Gruppen in den jeweiligen Rank-Xerox-Geschäftsstellen einfallen und uns von dort aus auf die Suche nach falsch zugeordneten oder gar verschwundenen Kopierern machen, um die dann ordentlich ihrer Zelle zuzuordnen. Weil ja unsere Teams schon bei der Arbeit an den Stadtplänen zu Spezialisten geworden waren, blieben die auch unterwegs gleich. Spätestens jetzt begann der Traumjob: Wir reisten entweder mit Dienstwagen, in der ersten Klasse im Zug oder per Flugzeug. So kam es auch, dass wir mit einer 16-sitzigen Turboprop nach Konstanz fliegen sollten. Nach einer Stunde Flgzeit fiel mir auf, dass an meiner Seite unten der immergleiche Fabrikschornstein zu sehen war. Dann drehte sich der Co-Pilot auf seinem Sitz um, steckte den Kopf durch den Zugang zum Cockpit und sagte: „Tja, Nebel in Friedrichshafen. Wir müssen außerplanmäßig in Ravensburg zwischenlanden. Machen Sie sich keine Sorgen, die Landebahn ist ein wenig zu kurz für uns, aber wir kriegen das hin. Tatsächlich brachten uns die Höllenflieger mit einer rasanten Sturzfluglandung sicher zu Boden, und zwar auf den Privatflugplatz der Fürsten zu Sayn-Wittgenstein oder eines ähnlichen Adelsgeschlechts. Wir rollten zur Baracke. Alle stiegen aus. Dann las der Pilot einen Zettel an der Wand des Gebäudes und lachte laut: „Ich soll eine bestimmte Nummer anrufen, dann käme der Hausmeister…“ Nach einer Stunde starteten wir wieder. Am Ende der Bahn, knapp außerhalb des eingezäunten Flugplatze verlief quer eine stark befahrene Straße. Just als wir die nach dem Start überquerten, sah ich einen Bus, und ich schwöre, dessen Dach war nur ein paar Meter von unserem Fahrwerk entfernt.

Das Dollste an den Reisejobs waren die Zuschläge und die Spesen. Wir bekamen dermaßen viel Verpflegungsgeld, dass wir eigentlich immer fürstlich speisten – nicht selten ließen wir fette Steaks aufs Hotelzimmer bringen, wo wir dann gemeinsam tafelten und soffen. Ich erinnere mich nicht mehr an alle Stationen, aber Braunschweig, Freiburg und Ludwigshafen sind mit fest im Gedächtnis geblieben. Meist reisten wir montags an, um am Donnerstag wieder nachhause zu kommen. Braunschweig war bereits das vierte oder fünfte Ziel. Wir fielen in der Geschäftsstelle ein, machten die Kollegen völlig konfus und zogen nach Feierabend durch Braunschweig. Montagabend in Braunschweig im Jahr 1979… Ja, es gab eine Straßenbeleuchtung. Ja, es gab auch Kneipen. Aber als wir nach dem Essen in einem Balkanrestaurant auf die Suche nach einer Wirtschaft durch die tote City tapperten, war es schon nach zehn, und alles war geschlossen. Wir landeten in der Hotelbar.

Meist waren wir in den Häusern irgendwelcher US-Hotelketten untergebracht, wo in jedem Zimmer dieselben Bilder hingen, ob in Frankfurt oder in Hannover. Auch in Braunschweig war das so. Immerhin war die Hotelbar geöffnet und wurde von einem fröhlichen Typ geführt, der uns gern bediente und schnell für Biernachschub sorgte. Es wurde Mitternacht, und Manfred hatte schon schlapp gemacht. Um halb eins ging auch Wölfi. Nur Marion und ich waren noch da und stiegen auf Rotwein um. Wir hatten deutlich weniger getrunken als die beiden Jungs, ja, eigentlich waren wir noch fast nüchtern und quatschten in einer Tour. Dann komplimentierte uns der Barmann hinaus, weil er schließen wollte. Eine Flasche Wein schenkte er uns zum Abschied mit den Worten: „Verliebte muss man unterstützen.“ Spätestens in diesem Moment verliebten wir uns tatsächlich ineinander. Wir gingen gemeinsam auf ihr Zimmer. Wir setzen uns aufs Bett. Sie bat mich, ihren Rücken zu streicheln. Sie zog den Pullover aus. Ich zog mein Hemd aus. Wir redeten nicht mehr. Sie sah vor mir, den Rücken mir zugewandt. Ich küsste ihre Schulter. Irgendwann fanden wir uns unter Dusche wieder. Dann gingen wir zu Bett wie ein Ehepaar und schliefen zum ersten Mal miteinander. In Braunschweig.

In Freibrug wohnten wir in einem wunderschönen Hotel hoch über der Stadt. Es gab eine Sauna und ein Schwimmbad, und weil wir beinahe die einzige Gäste waren, hatten wir den Nassbereich für uns allein. In Ludwigshafen waren wir dann im November. An meinem Geburtstag lud Herr Schmidt uns zum Essen ein. Wir alle tranken ziemlich viel, und obwohl es recht kalt war, tanzten wir durch die Nacht zum Hotel, Mäntel und Jacken durch die Luft wirbelnd.

Nachwehen
Dann endete die Deutschlandtournee. Herr Schmidt hatte erkannt, dass Marion und ich nicht nur verliebt waren, sondern auf bestem Weg, ein Paar zu werden. Er war es, der uns die Flause einer gemeinsamen Zukunft in die Köpfe setzte. Damals begann Rank Xerox in den großen Städten Copyshops zu eröffnen, damit auch Normalmenschen ohne Zugang zu einem Bürokopierer ihre Dokumente vervielfältigen konnten. Die Firma suchte dazu Betreiber, also Leute, die solche Läden führen wollten – entweder als Angestellte oder als Franchise-Nehmer. Er könne, sagte er uns, was dafür tun, dass wir den Laden in Neuss übernehmen könnten. Ich malte mir eine gemeinsame Zukunft mit dieser Frau aus, auch eine Lösung aus meiner unklaren Berufszukunft, denn mit nur einem abgeschlossenen Fach stand ich praktisch ohne Abschluss da.

Man hatte die Truppe halbiert, und wir Übriggebliebenen fuhren wieder Tag für Tag zur Wiesenstraße und vollendeten das Werk, indem wir die Ergebnisse der Vorortrecherchen in die Formulare eingaben, die dann abgelocht wurden und so in die EDV eingingen. Das war öde und deprimierend nach der tollen Reisezeit. Viele Mittagspausen verbrachten Marion und ich gemeinsam in ihrer Wohnung. Da wir aber beide noch unsicher war, was unsere jeweilige Beziehung anging, verhielten wir uns unauffällig und gingen nie ohne Kollegen abends aus. Eines Tages fehlte sie. Sie habe sich krank gemeldet, sagte er Schmidt. Dann rief er mich in sein Büro ans Telefon. Marion war dran, ich müsse sofort vorbeikommen.
Da saß sie im altmodischen Bademantel und total verheult am Küchentisch. Ich tröstete sie so gut es ging. Ihr Rainer habe den Brief gefunden. Welchen Brief? Sie habe begonnen, mir einen langen Brief zu schreiben und hatte den in einer alten Ausgabe des Stern versteckt. Den habe ihr Freund nun gefunden. Sauer sei er gewesen, böse und aggressiv, und nur die Tatsache, dass er dringend zurück in die Kaserne musste, habe Schlimmeres verhindert. Sie gab mir den Brief und bat mich, ihn erst zuhause zu lesen. Ich solle rasch zurück zur Arbeit, wir könnten in den nächsten Tagen weiterreden.

Sie hatte geschrieben, wie sehr sie in mich verliebt gewesen sei, wie schön dieses Beisammensein unterwegs gewesen sei und dass auch sie ganz aufgeregt gewesen sei wegen der möglichen gemeinsamen Zukunft. Lange habe sie nachgedacht und dann auch mit ihrer besten Freundin gesprochen. Und mit jedem Tag, der in Routine verging, sei ihr klarer geworden, dass das mit uns nichts geben könne, dass das Besondere daran die Umstände der Reisen gewesen sei und dass sie beschlossen habe, nun doch ihr Sozialpädagogikstudium fortzuführen. Und bei ihrem Rainer zu bleiben. Sie kam dann auch nie wieder zur Arbeit. Und ich habe sie auch nach etlichen Jahren einmal zufällig aus der Ferne in der Stadt gesehen. Ich denke, sie hatte Recht.

publiziert am 20.02.14 in Stadtgeschichten ¦ 655x gelesen ¦ noch kein Kommentar