Eine Frage der Hoden

hundehodenWelcher Stadthundhalter kennt ihn nicht diesen Ruf aus weiter Ferne: „Iss dassen Rüüüde?“ Der dann bei der Annäherung ergänzt wird durch: „Meine/r kann nicht so mit Rüden.“ Womit der Absender sich dann im Prinzip erstmal als jemand outet, der seine Pelznase nicht im Griff hat. Auf einen Windhundbesitzer, dessen bester Freund männlich ist, wirkt die Frage immer ein bisschen ärgerlich. „Klar, der hat doch’n Schniepelchen!“ Und auch Cochones, möchte man beifügen. Wäre dieser Ausdruck bei einem Schnellköter angebracht. Und damit kommen wir zu des Pudels Hoden. Die Rüden der geschwinden Sorte haben nun mal eher kleine Eier. Und weil man als Kerl mit Sloughi mit diesem Problem durchgehend konfrontiert ist, denkt man sich allerlei Schutzbehauptungen aus.

Von denen eine – so ergeben Recherchen und Umfragen – sogar der Wirklichkeit entspricht: Weil Renntölen einen schmalen Arsch haben, sind die Hoden a) hintereinander und b) weiter den Bauch hoch als bei Vertretern anderer Rassen angebracht. Sonst würden sie ja beim Galoppieren stören. Aus dem gleichen Grund sind die Dinger wohl auch kleiner als bei -sagen wir mal- einer Dogge. Okay, vielleicht haben nicht so gut bestückte Männer den Doggen aber auch seit Hunderten von Jahren besonders dicke Eier angezüchtet, um von ihrem Mangel abzulenken. Davon wird gleich noch zu reden sein. Vorher seien aber auch die vielen, vielen Menschen in Schutz genommen, die den Schniedelwutz des Sichtjägers nicht auf Anhieb erkennen. Aus aerodynamischen Gründen haben diese Ferraris unter den Hunden Häute zwischen dem hinteren Bauch und den hinteren Oberschenkel – und die verdecken den freien Blick aufs Gemächt.

Während Rico, der Doggerich, mit dem Clooney gern auf den Rheinwiesen rumrennt und tobt, zu einem Mann gehört, der von den schicken Hoden seines Köters kein Aufhebens veranstaltet, ist der hier in der Nähe ansässige Schulhausmeister von anderem Kaliber. Zu dem hat ein übelmeinendes Schicksal einen Ridgeback-Rüden geschickt, der in der Schulhausmeisterwohnung und nachts auf dem Schulgelände streunend ein trauriges Dasein fristet. Denn raus kommt der Kerl – nennen wir ihn mal Dagger – nur selten und nur, um eine 10-Minuten-Pinkelrunde zu absolvieren. Entsprechend verstört ist Dagger – ein Blick in seine irren Augen löst bei mir tiefes Mitleid aus. Und der Besitzer (Halter möchte man das nicht nennen) protzt bei jeder Gelegenheit mit der Gefährlichkeit des Rüden. Als er den kleinen Clooney erstmals sah, meinte er trocken: „Dem beißt meiner den Kopp ab.“ Na toll. Und kürzlich kam dann der lang erwartete Kommentar: „Deiner hat ja gar keine Eier.“ Dass dieser Hausmeister, der gern mal paramilitärische Kleidung trägt, mit den Hoden seines Ridgebacks einen schlimmen Mangel zu kompensieren hat, liegt auf der Hand.

Nun war Clooneys Vorgängerin, die sanfte Galgo-Hündin Pina, schon kastriert als sie zu uns kam, sodass wir uns bei ihr mit dem Gesamtthema „Sexualität und Genitalien“ nicht befassen mussten. Dafür löste das Wachstum der Clooney-Hoden bei uns viel Neugier und so manchen Mann-Frau-Scherz aus. Zumal wir ja doch auch etwas irritiert waren, dass wir bei der Übergabe unterschreiben mussten, dass die Hoden des Hundebabies schon aufgestiegen oder ausgetreten oder wasauchimmer waren. Allerdings hatten sie in den ersten drei Monaten bei unserem Kleenen kaum die Größe von Erdnüsschen. Was die Halterin zu durchaus männerfeindlichen Späßen animierte. Inzwischen sind die Dinger größer als Walnüsse, behaart und mit schwarzen Flecken versehen. Liebe Leserin, lieber Leser, ja, mit so etwas befassen sich Rüdenhalter tatsächlich… Auch die Herrchen und Frauchen von stark bewollten Kötern können weglesen, denn die sehen ja die Genitalien ihres Hundekerls nur, wenn sie gezielt danach suchen.

Aber die Debatten zwischen Mann und Frau über den Rüden hat nicht nur komische Seiten. Nicht wenige männliche Vorsteher von männlichen Tölen beklagen nämlich, dass Frauen, die sich irgendwie für Feministinnen halten, die generelle Kastration fordern. Ja, wir ahnen: Diese Damen würden ganz gerne auch die Menschenmänner enteiern, wenn sie könnten. Denn in deren Sicht ist alles Böse männlich und alles Männliche böse. So berichtete ein Leidensgenosse, eine Mitgängerin plädiere für die Kastration, weil Rüden „immer so unruhig“ sind. Im Umkehrschluss mag gemeint sein, intakte Hündinnen seien durchweg friedlich und ruhig im Kontakt mit anderen Fellträgern. Die Realität sagt da was anderes: Auf den Straßen und in den Parks trifft man mindestens genau so viele Zicken an wie Rüden, die keinem Streit aus dem Weg gehen. Während aber nach Ansict der Hündinnenrechtlerinnen die unerwünschten Eigenschaften beim Tölenkerl von den Hormonen kommen, haben aggressive Hündinnen wahlweise schlechte Laune, Angst oder sind einfach so.

Zusammengenommen lehrt uns das: Die Hundehoden sind gleichermaßen eine wunderbare Projektionsfläche für Dumpfmachos und auch Feministinnen – sie machen das sonst kaum mehr mögliche Ausleben der zugehörigen Ressentiments ganz einfach. Übrigens: Sollte der Rüdenbesitzer nach der Kastration seines Fellkumpels unter Depressionen leiden, weil der Sack leer ist – dem kann geholfen werden: Er spendiert dem Hasso einfach Hundehodenimplantate.

publiziert am 26.02.14 in Windhund namens Clooney ¦ 1698x gelesen ¦ noch kein Kommentar