Haut und Knochen – Teil 10

Die Anordnung seines Vorgesetzten brachte Greiper einigermaßen aus der Fassung. In seinen jungen Jahren hatte Robert als jähzornig gegolten. Wurde er wütend, schlug er zu, unkontrolliert, sinnlos, anhaltend. Einmal hatte ihn ein Klassenkamerad während des Unterrichts bis aufs Blut gereizt, und er war zu dem hingelaufen, hatte dessen Kopf an den Ohren gehalten und so lange auf die Tischplatte gehauen bis man ihn wegriss. Heute, dachte er immer, wenn ihm diese Geschichte einfiel, würde man meine Eltern mit Schuldgefühlen vollstopfen, mich in Therapien stecken und letztlich medikamentös ruhigstellen. Nein, er war nicht auf den Kriminaloberrat Schmörgel wütend, sondern auf die Tatsache, dass die Verhältnisse im Präsidium sich über die Jahre schleichend zum Schlechten verändert hatten. Als er in den Kriminaldienst eingetreten war, hatte es noch feste Strukturen gegeben. Erfahrene Kollegen leiteten Kommissariate, die hierarchisch sortiert waren, sodass jeder Jungbeamte wusste, dass er anfangs die Drecksarbeit zu machen hatte, sich aber auch ausrechnen konnte, wann er in den ruhigeren Bereich des Berufs kommen würde.

Sein Zorn schlug ihm auf den Magen, ein Baugefühl, das er auch aus Situationen unbestimmter Angst kannte. Vor ein paar Jahren hatte der Betriebsausflug ans Ijsselmeer geführt; man wollte ein bisschen mit einem Plattboot über die künstliche See schippern, dabei Fisch essen und viel Alkohol trinken. Seekrankheit war Robert fremd, aber er war bisher auch nur auf großen Autofähren gefahren. So bestieg er das plumpe Boot mit einem guten Gefühl. Kaum hatte der Skipper aber abgelegt, spürte er einen leichten Druck in der Magengegend, der sich in den folgenden Minuten steigerte und zu einer heißen Kugel wurde, die vom Solarplexus aufstieg, die Wirbelsäule hoch und dann unter dem Schädeldach landete. Hauptkommissar Greiper erlitt eine veritable Panikattacke, und das Schiff musste umdrehen, um ihn schnellstmöglich wieder an Land zu bringen. Nachdem sich seine Atmung wieder stabilisiert hatte, blickte er hinaus auf das Wasser, auf dem die Kollegen nun ohne ihn segelten und ahnte, dass dies nicht der einzige Anfall dieser Art bleiben würde. Später erkannte er, dass seine Wut, seine Aggression in manchen Situationen nur die andere Seite der Angst war.

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Junganwalt Raffael Weilch erreichte seinen Chef montags gegen acht auf dem Mobiltelefon. Er wurde mit einem „Was ist denn?“ begrüßt und wusste, das Gespräch würde unerfreulich werden. „Ich habe wie vereinbart diese Schriftsätze gegen den Blogger aufgesetzt.“ – „Gut. Und was willst du jetzt von mir?“ – „Das Problem besteht darin, dass die Angaben aus dem Impressum nicht stimmen. Nicht stimmen können.“ – „Versteh ich nicht.“ – „Im Blog-Impressum ist ein gewisser Herbert Nüttelmeier angegeben, wohnhaft in Remscheid. Die Adresse gibt es tatsächlich da.“ – „Ja, dann adressierst du das Ding an Nüttelmeier in Remscheid. Deswegen rufst du an?“ – „Ich hab am Sonntag die angegebene Telefonnummer angerufen. Da meldet sich das Pfarramt St. Peter und Paul, eine ältere Dame, und von einem Nüttelmeier hätte sie noch nie gehört. Das scheint also ein falscher Name zu sein.“ – „Was sagt Denic?“ – „Die Domäne roter-ritter.com ist auf einen Bernhard Arbogast mit Wohnsitz in, jetzt halten Sie sich bitte fest, Graz registriert.“ – „Auch kein Problem. Mit Abmahnungen an österreichische Arschlöcher haben wir auch genug Erfahrung.“ – „Es gibt keinen Arbogast in Graz.“ – „Hör mal, bin ich dein Privatdeketiv, oder was?“ schrie Felsheimer ins Handy, „krieg den Verantwortlichen raus und verklag ihn!“ Womit das Gespräch beendet war, ohne dass Weilch hatte berichten können, dass unter dem bewussten Namen mehrere Hundert Webseiten angemeldet waren, vorwiegend Weblogs, aber auch Foren, die sich allesamt dem Verunglimpfen prominenter Politiker, Showgrößen und Sportler widmeten. Nur wohnte dieser Arbogast an fast ebenso vielen Orten wie es Internet-Sites gab, die auf seinen Namen registriert waren.

Und letztlich verwiesen alle diese Webseiten auf einen Server, der laut einschlägiger, teils illegaler Recherchewerkzeuge, die der junge Jurist einsetzte, mit hoher Wahrscheinlichkeit auf der Karibikinsel Antigua seinen elektrischen Strom bezog. Also genau an dem Ort, von dem aus die internationalen Geldwäschekartelle illegales Kapital per internetbasiertem Glücksspiel in saubere, investitionsfähige Dollars verwandelten. Ob es da einen Zusammenhang gab, würde er aus reiner Neugier auch noch herausfinden.

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Politik ist die Kunst des Machbaren, heißt es. Und: Wer etwas erreichen wolle, müsse dicke Bretter bohren. Schaidler war anderer Ansicht, und ihn als ungeduldigen Menschen zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Die Lebenserfahrung hatte ihn gelehrt, dass er alles erreichen könne, was er wolle und das genau in dem Zeitraum, den er sich vorstellte. Dazu, so sein Credo, müsse nur genug Macht ausgeübt werden. Jedes System, wusste Schaidler, hat Schwachstellen. Die gilt es zu identifizieren, um die Punkte zu finden, an denen Machtmitteln anzusetzen seien. So verstand er seine Politik als das Durchschlagen der dünnen Brettchen, die es in jedem Holzhaus gibt und deren Beschädigung das ganze Gebilde zum Wanken oder Einstürzen in seinem Interesse bringt.
Nein, er hatte nichts gegen Ausländer, auch nicht gegen Linke und Muslime und schon gar nicht gegen Schwule. Aber um das Land, in dem er anfangs nur Gast gewesen war, in den Griff zu bekommen, hatte er die Ressentiments der Bürger als die Stellen ausgemacht, an denen sie schwach waren. Jeder Hass auf andere, so wusste er, entsteht aus Angst. Und Angst ist Schwäche. Je furchtsamer die Menschen sind, desto schwächer werden sie, desto mehr suchen sie nach Schutz. Dem Führer, der ihnen Sicherheit versprach, würden sie folgen. Und das taten sie in jenen Jahren, in denen Schaidler politisch aktiv war, gern – zumindest in der Steiermark.

Natürlich verfolgte der kleine Mann mit dem starken Willen keine ideologischen Ziele. Politik war ihm Mittel zum Zweck, und der Zweck hieß Reichtum. Dass er auf seinem Weg Opfer hinterließ, dass er Menschen schädigte und deren Leben ruinierte, nahm er billigend in Kauf. Angst kannte er nicht, den Reichtum würde ihm Macht bringen, die Macht, sich gegen alle Kräfte zu wehren, die ihm Böses wollten.

publiziert am 21.03.14 in Einzelteile ¦ 642x gelesen ¦ noch kein Kommentar