Komma acht, Komma eins (1)

IBM-Kugelkopf_(2._Generation)Auch mein Einstieg in das, was ich später meinen Beruf nennen würde, hatte mit dem Computer zu tun. Wenn anfangs auch nur sehr indirekt. Schon beim Schulkollegium beim Regierungspräsidenten spielte die Datenerfassung eine Rolle. Insgesamt war ich aber doch eher der analoge Typ, der den Fotokopierer für die wichtigste Erfindung in Richtung Publizieren hielt. Denn noch länger als das Elektronenhirn spukte mir das Schreiben an und für sich durch den Kopf und durchs Leben. So lange ich denken kann, wollte ich nie etwas anderes sein als Künstler. Das begann schon so um mein zehntes Lebensjahr herum, die Zeit, in der ich die ersten schriftstellerischen Versuche unternahm. Mein Vater nannte sie „Einakter“, die winzigen Theaterstücke, die ich erfand und niederschrieb und außerdem der Familie vortrug. Eines davon hieß „Casablanca“; der Protagonist – es gab nur eine Figur – schwebte in seiner Raumkapsel über der Erde und kam dabei immer wieder an der großen marokkanischen Hafenstadt vorbei. Der Astronaut war ja zu Zeiten Gagarins sehr angesagt, und ich hatte mir anhand von Radioberichten und Zeitungsartikeln ein Bild vom Leben und Fühlen der Raumfahrer gemacht. Das Stück entstand im Spätherbst 1961 und ist leider verschollen.

Als Kind war ich mit einer schäumenden Fantasie gesagt – oder geplagt. Denn damals galt man schon dann als Problemschüler, wenn man mal über den Tellerrand hinaus spekulierte und das auch noch in Worte fasste. Worte waren meine Legobausteine. Ab dem Zeitpunkt, ab dem ich flüssig lesen konnte, las ich alles, was mir in die Finger fiel. Nach dem Umzug nach Pempelfort, ich war noch nicht elf Jahre alt, wurde ich Stammgast in der Stadtbücherei an der Blücherstraße, wo ich die persönliche Beratung der damaligen Leiterin genoss. Frau Rösner brachte mir praktisch bei, unterscheiden zu können, was lesenswert ist und was nicht. Zur Abschiedsfeier bei ihrer Pensionierung war ich eingeladen. Sie warnte mich eindringlich vor zu viel Science Fiction und Fantasy; von hier habe ich die Meinung übernommen, die Herr-der-Ringe-Trilogie sei ein dicker Haufen bedruckten Papiers mit unerträglich langweiligem Inhalt. Aber ihre Abscheu gegenüber dem, was sie „Zukunftsromane“ nannte, teilte ich nicht, sondern begann, genau das Zeug systematisch durchzunehmen – angefangen bei Isaac Asimov über Stanislaw Lem bis zu den Gebrüdern Strugazki. Und dann den Bücherschrank der Eltern, der per Bertelmann-Buchclub befüllt wurde. Hier machten mich „Jenseits von Eden“ und „Früchte des Zorns“ zu Steinbeck-Fans. Historienschinken wie „Ein Kampf um Rom“ langweilten mich dagegen. Und in der Stadtbücherei saß ich Stunde um Stunde und las Klassiker wie Tolstoi, Mann und Stendal.

Die Schreiberei blieb meine Passion. Ich habe nie aufgehört zu schreiben. Auch nicht phasenweise. Ich schreibe jeden Tag. Und ich weiß, wenn ich mal nicht mehr schreibe, dann ist mein Leben sinnlos geworden oder ich bin schon tot. Als ich aber mit diesem zwanghaften Tun begann, hatte ich keine Vorstellung davon, dass so etwas ein Beruf sein könnte. Auch noch nicht als ich mit dem Theater, genauer: mit dem politischen Kabarett in Berührung kam.

Einmal Kunst und zurück
Über meinen Freund Jörg kam ich an einen Job als Bühnenhelfer am Düsseldorfer Kom(m)ödchen. Auf der Bene, auf der wir arbeiteten, waren wir mehr mit Schauspielern und Bühnenbildnern konfrontiert; dass hinter den Nummern immer auch Texte standen, wurde mir erst sehr viel später klar. Die Erfahrung von drei Jahren Theater verschärften aber den unbedingten Wunsch, als Künstler zu leben. Mein Freund Jörg, der dank seiner Mutter schon von Kindheit an mit dem Theater und den bildenden Künsten zu tun hatte, war im Gegensatz zu mir tatsächlich künstlerisch tätig. Und steckte mich an. Mit etwa 15 Jahren begann ich selbst damit, allerlei Malereien und Objekte zu verfertigen, und im Frühjahr 1969 nahmen wir an einer Ausstellung teil, die sich „Teenage Art“ nannte und im Haus der Jugend an der Lacombletstraße stattfand. Gedacht war die Aktion als Gegenbewegung zur Kommermesse „Teenage Fair“, die im Jahr zuvor in Düsseldorf stattgefunden hatte.
Wir stellten in einem gemeinsamen Raum aus. Weil ich meine Arbeiten auf Papier aber nicht vorzeigbar fand, widmete ich mich der Objektkunst. Mein zentrales Exponat war eine mit schwarzem Molton innen und außen tapezierte Spanplattenkiste. Die hatte ein Loch, das innen mit Vorhängen versehen war und durch das man seinen Kopf hineinstecken konnte. Drinnen herrschte Finsternis. An dünnen Drähten hatte ich verschiedene kleine Objekte aufgehängt, die der Betrachter an seiner Gesichtshaut spürte – z.B. Bürklammern. Ein winziges rotes Lichtlein unten hinten rechts sollte den Blick anziehen. Na ja. Außerdem hatte ich auf einem Tisch, der ebenfalls mit schwarzem Tuch bedeckt war, eine Reihe Gegenstände aus Eisen angeordnet – samt und sonders Werkstücke, die mein Bruder während seiner Lehre verfertigt hatte. Überhaupt war der Raum stockduster und wurde nur durch die Sscheinwerfer erhellt, die Jörgs Arbeiten an den Wänden ausleuchteten. Er war damals auf dem Trip, Reliefs aus Alufolie herzustellen und diese zu bemalen. Außerdem hatte er sein Schlagzeig aufgebaut, und wir schlugen gern Krach.

In diesen fünf oder sechs kreativen Tagen hatte ich eine Drogenerfahrung der unangnehmen Art. Tatsächlich hatte ich bis dahin keinerlei berauschende oder gar bewusstseinserweiterende Substanzen geschluckt, vom Altbier mal abgesehen. Im Keller hauste eine Künstlerkommune, die sich selbst als Kunstwerk sah und erheblich hippie’esk agierte. Auf ollen Orientteppichen hockten sie, bunte Tücher hingen von der Decke, es lief psychedelische Musik, und der Joint wurde nie kalt. Einmal ging ich die Kollege da unten besuchen und wurde auf einen Tee eingeladen. Schon als ich wieder die Treppen hochstieg, spürte ich, dass etwas nicht stimmte. Ganz gewaltig nicht stimmte. Die Raumdimensionen waren völlig verschoben und die Farben auch. Hinzu kamen wirklich beunruhigende Geräusche aus allen Richtungen und ein Geruch, den ich nicht zuordnen konnten. Dermaßen verwirrt durch Sinneseindrücke verirrte ich mich im Haus und landete in einer Kabine der Damentzoilette, wo ich dann – das bestätigen Zeugen – sieben oder acht Stunden verbrachte. Und erst meiner damaligen Freundin und späterin Ehefrau gelang es, mich da wieder rauszuholen. Später stellte sich heraus, dass ich nicht der Einzige war, dem die Hippies LSD per Tee verabreicht hatten.

Jedenfalls wurden Jörg und ich so etwas wie Künstler-Groupies. Wo immer ein Düsseldorfer Künstler eine Ausstellung hatte, waren wir bei der Vernissage dabei. Vielen Malern und Bildhauern statteten wir Atelierbesuche ab. Alle fanden das gut und freuten sich, dass wir Teens uns für die Kunst interessierten. Dann bewarb sich Jörg in Hamburg an der Akademie und wurde vom berühmten Bühnenbildern Wilfried Minsk aufgenommen. Und weil ich sonst überhaupt nicht wusste, was ich werden wollte, begann auch ich, mich auf die Kunstakademie vorzubereiten. Meine Mutter hatte mich gut ein halbes Jahr vor dem Abitur zu einem Berufspsychologen geschickt, der umfangreiche Tests durchführte. Aber auch der hatte keine klare Empfehlung. Seiner Meinung nach war ich aufgrund meiner Fähigkeit zu logischem Denken und der schnellen Auffassungsgabe prädestiniert für die Naturwissenschaften. Meine Neigungen, das hatte er erkannt, lagen aber viel mehr in dem, was man damals den „musischen Bereich“ nannte. So war ihm als einziger Beruf nur der Architekt eingefallen.
Zwar schuftete ich hart an einer vorzeigbaren Mappe – ich hatte mich auf pseudo-surrealistische Zeichnungen verlegt; das war damals angesagt -, aber in Wahrheit war ich sicher, kein ausreichendes Talent für die bildende Kunst zu haben. Und weil mein Selbstbewusstsein auf diesem Gebiet so gering war, bewarb ich mich nicht für ein Studium der freien Kunst, sondern für den Studiengang „Lehramt an Gymnasien“. Weil ich das aber eigentlich gar nicht wollte, „vergaß“ ich ein zweites Fach zu studieren. Und weil beides zusammenkam, war meine Zeit in der Akademien künstlerisch betrachtet keine große Freude. Im Orientierungsbereich bei Prof. Beate Schiff litt ich unter deren scharfer Kritik. Dabei hatte sie Recht mit dem Tipp: Gehen Sie raus, gucken Sie, schreiben Sie auf, was Sie gesehen haben! In der Klasse von Prof. Ellen Neumann genoss ich dann die Freiheit und begann zu malen. Einfache Motive in klaren Farben, beinahe schon naive Malerei. Das kam irgendwie gut an, und beim Rundgang 1974 wählte der damalige Akademiechef, Prof. Norbert Kricke, eines meiner kleinen Formate zum Ankauf aus.

Schreiben für Geld
Vielleicht hätte ich mich intensiver mit der Fotografie befassen sollen, denn beim Schaffen von Bildern per Technik fühlte ich mich immer sehr sicher. Und die Arbeit in der Dunkelkammer machte mir sehr viel Spaß. Wenn ich mir anschaue, was ich heute, wo ich die kleine Kamera immer dabei habe, erzeuge, dann sehe ich darin die direkte Fortsetzung meiner fotografischen Arbeiten aus der Akademiezeit. So aber ließ ich die Kunst eine Weile Kunst sein; auch weil ich meinen Lebensunterhalt durch Jobs erwerben musste.
Es gab dann noch einen intensiven Rückfall in der Zeit, als ich Hausmann war und meinen Sohn die ersten drei Jahre betreute. Da begann ich zu malen. Wilde, bunte Bilder. Gern mit Abtönfarben auf Pappkartons. Teilweise große Formate, bemalte Bettlaken oder Bahnen von Möbelstoffen. Und tatsächlich reichte es sogar für eine Ausstellung im Cafè Souffleur, dem Bistro der „Werkstatt“ an der Börnestraße. Als die Ausstellung zu Ende war und ich die Arbeiten abhängte, wurde mir klar, dass ich damit schon den Zenit meiner Möglichkeiten erreicht hatte. Einige Sachen warf ich weg, andere behielt ich aus sentimentalen Gründen. Seit dieser Zeit, es muss das Jahr 1982 gewesen sein, habe ich praktisch nie wieder gemalt oder gezeichnet.

Zumal sich um die Wende zwischen den Siebziger- und Achtzigerjahren auch plötzlich Möglichkeiten boten, für Geld zu schreiben. Meinen Zivildienst verbrachte ich in den Jahren 1979 und 1980 beim ASG Bildungsforum. Mein Kollege war Werner S., ebenfalls erst sehr spät berufen und bereits als Zeitungsjournalist etabliert. Über dessen Vermittlung kam ich ins Feuilleton der Rheinischen Post und schrieb Filmbesprechungen. Das ging so, dass ich für den Donnerstag und Freitag bestimmte Filme, meist zwei am Tag, zugeteilt bekam, über die ich zu schreiben hatte. Keine großen Rezensionen, sondern knappe Beschreibungen. Ich hatte nie mehr als zwanzig Zeilen und bekam dafür auch nie mehr als 20 DM. Immerhin. Zu den Highlights meiner kurzen Karriere als Filmkritiker zählen die Überschrift „Ohrfeigen-Orgien“ zu einem Artikel über einen Bud-Spencer-Film und die ultrakurze Rezension des Films „The Wanderer“, die heute noch ausschnittweise online zu finden ist.

publiziert am 02.03.14 in Stadtgeschichten ¦ 774x gelesen ¦ noch kein Kommentar