Komma acht, Komma, eins (2)

8008Meine ersten Texte, für dich bezahlt wurde, entstanden auf einer tonnenschweren, mechanischen Schreibmaschine der Firma Rheinmetall. Ja, die Rüstungsschmiede baute über viele Jahre Schreibmaschinen des US-Herstellers Remington nach. Mein fiel mir aus irgendeinem aufgelösten Haushalt zu und steckte in einem hölzernen Kasten mit Kunstlederbezug in Kroko-Optik. Die gusseiserne Maschine war auf einem massiven Holzbrett montiert, den innen mit Filz kasschierten Kasten stölpte man nach Gebrauch drüber, wobei vier Haken einrasteten. Das Ganze ließ sich dann an einem brüchigen Lederhandgriff schleppen. Das Ding war solide und vollfunktionsfähig; lediglich ein Typenhebel – es war, glaube ich, das „Ü“ – war so beschädigt, dass der zugehörige Buchstabe immer etwas oberhalb der Zeile landete. Natürlich gab es keine Korrekturtaste. Für den Fall der Fälle stand eben ein Fläschchen Tipp-Ex auf dem Schreibtisch. Im selben Maße, in dem mich Fotokopierer faszinierten, begeisterte ich mich auch für Schreibmaschinen. Beide Geräte, das war mir klar, wiesen den Weg in die Zukunft des Publizierens. Und meine Vorstellung war die utopische, herrschaftsfreie Form der Veröffentlichung unzensierter Texte. Jeder, der Zugang zu Schreibmaschine und Kopierer (oder Offset-Maschine) hätte, so dachte ich, sollte seine Texte publizieren können, ohne auf Verlage angewiesen zu sein.

Für mich war dies ein Pfeiler der utopisch-anarchistischen Zukunftsgesellschaft, für die ich mich einsetzte. Und als ich dann die Grünen auf allen Ebenen von der kommunalen bis zum Bund mitgegründet hatte, nahm ich an den vielen Mediendiskussionen teil, die dann noch weiter griffen. So postulierte ein rundfunkbegeisterter Kollege den „Rückkanal“. Jeder Zuhörer – und aufs Fernsehen ausgeweitet – Zuschauer müsse die Möglichkeit haben, sich unmittelbar und unzensiert am Programm beteiligen zu können. Im Grunde nahmen diese libertären Vorstellungen das multimediale Internet vorweg. Das war von meiner Gedankenwelt noch weit entfernt, weil ich selbst trotz Kunststudium das Foto und das Bewegtbild noch nicht einbezog. Erst später – im Job bei Rank Xerox mit unbeschränktem Zugang zu Kopierern – erfasste ich die Bedeutung von Technologien, bei denen Bilder und Videos vervielfältigt und verteilt werden können.

Nachdem aber um das Jahr 1979 herum alles danach aussah, als würde ich den Berufsweg als Journalist einschlagen, musste Profiwerkzeug her. Und so kam Triumph-Adler Gabriele 8008 ins Haus (siehe Bild). Eine elektrische Schreibmaschine mit Korrekturspeicher und -funktion. Das war eine chice und sehr robuste Maschine, deren einziges Manko der enorme Farbbandverbrauch war. Dafür arbeitete sie ausgesprochen leise und hatte einen sanften Anschlag. So konnte ich die schnell fließenden Gedanken nun fast ohne Verzögerung zu Papier bringen. Nachdem klar war, dass ich mit dem Abschluss des zweiten Faches noch lange nicht ein Referendiat des Lehramts antreten könnte, sattelte ich kurz entschlossen auf Sekretärin um. Per Abendkurs lernte ich Steno, Maschinenschreiben, Korrespondenz und Ablage. Das brachte mir eine Bescheinigung und den Eintrag als arbeitssuchende Sekretärin beim Arbeitsamt.
Ich war nach der Geburts des Sohnes in erster Linie Hausmann, wollte aber über einen Halbtagsjob dazuverdienen. So landete ich in einer kleinen PR-Agentur im Herzen der Stadt, wo ich als Zweisekrtärin wirken sollte. Dort hatte man fette IBM-Kugelkopfmaschinen und eine der ersten richtigen Speicherschreibmaschinen, vermutlich von Triumph-Adler. Ich tippte unter anderem Konzepte ins Reine und entwickelte bald viel Ehrgeiz dabei, mit verschiedenen Schriften auf auswechselbareb Kugelköpfen und sogar verschiedenfarbigen Schreibbändern Pep in die Dokumente zu bringen. Aus heutiger Sicht betrachtet handelte es sich um Desktop-Publishing-Experimente. Und dann war ich auch noch der einzige, der die Serienbrieffunktion der Speicherschreibmaschine im Griff hatte. Die ging so: Man schrieb das Dokument und markierte die Stellen für die Adresse und die Anrede mit einer Anzahl bestimmter Zeichen. War alles okay, speicherten man den Brief. So weit ich mich erinnere, durfte der Text maximal 2.048 Zeichen lang sein, sodass im Prinzip nicht mehr als eine DIN-A4-Seite möglich war. Dann spannte man ein Blatt ein und startete die Automatik. Die schrieb los und stoppte, sobald eine der markierten Stellen erreicht war. Nun tippte man von Hand die dorthin gehörenden Daten ein und ließ die Automatik weiterarbeiten. Später bekamen wir eine Maschine, bei der auch die Adressen gespeichert und dann automatisch eingesetzt werden konnten.

Neben den technischen Erfahrungen, die ich im Job machte, stand ein Projekt, das bald unter dem Namen „Off-Zet“ in recht kleinem Kreis kursierte. Der Name stand als Abkürzung für „Offene Zeitung“, aber auch als Anspielung auf das Offset-Verfahren, das ich für das demokratischste Mittel der Massenpublikation hielt. Die erste Ausgabe gestaltete ich zu hundert Prozent selbst. Neben maschinengeschriebenen Texten gab es handgeschriebene Überschriften und Kurzztexte, Zeichnungen und Fotos. Jedes Element wurde separat gefertigt, das Layout entstand durch Aufkleben der Elemente auf DIN-A4-Bögen. Es gab Reportagen, Stories, Kolumnen, Glossen, Witze, Kleinanzeigen und Reklame. Von der „Off-Zet 1“ fertigte ich im Copyshop 100 Exemplare an. Dann nahm ich eine Adressenliste und verschickte die Zeitung an rund 50 Adressen – mit der Bitte, wenigstens die Portokosten zu erstatten, gern aber mehr auf ein eigens eingerichtetes Konto zu überweisen. Außerdem forderte ich die Leser auf, eigene Beiträge für die nächste Ausgabe einzureichen.
Das funktionierte gar nicht schlecht. Etwa 30 Freunde überwiesen kleine Beträge, Joseph Beuys gab ohne weiteren Kommentar 50 DM dazu. Mit eigenen Beiträgen knauserten die Leser leider. Nur zwei Personen schickten Texte, einer gleich eine ganze Sammlung von Rezensionen aktueller Schallplatten. Auch wenn so insgesamt vier Ausgaben entstanden und meine Kosten immer voll gedeckt waren, wurde das Projekt mangels aktiver Mitarbeit anderer nicht größer und schlief schließlich rund zwei Jahre nach dem Start irgendwann im Jahr 1983 wieder ein.

publiziert am 17.03.14 in Stadtgeschichten ¦ 706x gelesen ¦ noch kein Kommentar