Komma acht, Komma eins (3)

zx81Im Dezember 1980 wurde mein Sohn geboren. Rosenmontag 1981 starb meine Mutter. Wir übernahmen ihre Wohnung in Pempelfort, das Vierte, in dem ich mich von meinem zehnten bis zu meinem dreiundzwanzigsten Lebensjahr rumgetrieben hatte. Da die Mutter meines Sohnes schnell wieder eine gut dotierte Stelle gefunden hatte, wurde ich zum hauptberuflichen Vater und Hausmann. Geld war trotzdem knapp, also nahm ich eine Nachtarbeit an. Es war nicht ganz einfach, die Stelle zu bekommen, denn die Landeszentralbank (LZB) verlangte nicht nur ein polizeiliches Führungszeugnis, sondern die Beleumundung durch mindestens zwei Bürgen. Außerdem gestaltete sich der Weg zum Vorstellungsgespräch im Gebäude an der Berliner Allee schwierig – noch immer herrschte die Paranoia gegenüber „den Terroristen“, und gerade Finanzinstitute schienen besonders bedroht. Im Foyer wurde ich fast eine halbe Stunde festgehalten, dann mit einem Sicherheitstyp im Aufzug nach oben eskortiert. Dort war eine weitere Anmeldung, wo ich noch einen Zettel ausfüllen und unterschreiben musste.

Nun war aber die staatliche Datenerfassung trotz der computergestützten Rasterfahnung noch nicht sehr weit, denn sonst hätten die Behörden… Ach, lassen wir das. Ich wurde eingestellt. Aushilfen gab es nicht, sondern nur Festangestellte mit besonders kurzen Kündigungsfristen. Entsprechend üppig war auch die Vergütung. Jedenfalls angesichts der Arbeitszeit. Einsatzort war die Filiale der LZB in Neuss, wo die zentrale Datenverarbeitung angesiedelt war. Dorthin brachten Boten jeden Tag die Magnetbänder mit den Transaktionsdaten aus ganz Nordrhein-Westfalen. Die Daten wurden dann eingelesen, verarbeitet und die Ergebnisse in halbmeterdicken Ausdrucken fixiert. Unsere Aufgabe war es, die Logistik zu betreiben. Das begann mit dem Abladen der Bänder, die in dunkelgrünen, gepolsterten Kunstledertaschen von der Größe eines Pizzakartons kamen. Der intensivste Teil des Jobs war es aber, die irrwitzigen Mengen an Endlospapier zu verarbeiten, also nach den Zielorten zu teilen, zu schneiden und zu verpacken. Die Bänder gingen in denselben Taschen wieder zurück, das Papier wurde in schwere, stabile Pappkartons gelegt, die dann mit messerscharfen Plastikbändern verschnürt wurden. Schließlich stellten wir die Pakete für die Abholung bereit.

Meine Schicht begann in der Regel um 20 Uhr, wenn die Bänder schon eingelesen waren. In einem stickigen Raum mit lauten Maschinen arbeiteten wir in einem Team azs zwölf jungen Kerlen unter der Aufsicht von zwei altgedienten LZB-Beamten, denen man nachsagtem ihre Karriere vor Längerem kaputtgesoffen zu haben. Es herrschte Fabrikatmosphäre, auch weil wir quasi im Akkord arbeiteten. Denn wenn alles verpackt und bereitgestellt war, hatten wir Feierabend. In guten Nächten waren wir manchmal schon vor Mitternacht fertig. Klemmte es an irgendeiner Maschine oder war das Papiervolumen besonders hoch, ging’s allerdings auch schon einmal bis drei, vier Uhr morgens. Entlohnt wurde der Job aber als Vollzeitstelle. War die Schicht kurz, kehrten wir mit drei, vier Kollegen auf ein, zwei oder drei Bier in einer der Neusser Kneipen in der Nähe ein. Mit meinen Lieblingskollegen verbrachte ich oft die Zeit in einer Gastwirtschaft hinter dem Obertor, wo man Weizenbier servierte. Dann fuhr ich mit unserem beigebraunen, ollen Opel Kadett Coupe Richtung Heimat, um mir oft als Frühstück ein schönes Kotelett an der legendären Kotelett- und Frikadellenbude am Dreieck zu holen. Den Rest des Tages verbrachte ich mit dem Sohn und in seinem Rhythmus – schlief er, machte ich den Haushalt oder ein Nickerchen. Seine Mutter kam gegen fünf nachhause und übernahm, sodass ich noch ein wenig Schlaf nehmen konnte. So ging das fast ein ganzes Jahr.

Und wieder hatte der Job mit der Datenverarbeitung zu tun. Manche Freunde gingen lieber auf dem Bau jobben, fuhren Taxi oder kellnerten, aber ich bevorzugte immer schon Papierjobs. Und verlor auch immer mehr meine Scheu vor dem Computer. Irgendwann sah ich im Schaufenster vom Horten an der Berliner Allee einen Commodore VC20, einen Homecomputer also. Und begann mich für das Thema zu interessieren. Damals führte dann kein Weg an der Computerzeitschrift „Chip“ vorbei, aber ich besorgte mir auch US-amerikanische Fachmagazine und las überhaupt alles, was über Homecomputer zu kriegen war. Unter anderem ein Taschenbuch über Textverarbeitung. Leider habe ich Titel und Autor vergessen, und das Buch selbst ist bei irgendeinem Umzug weggekommen. Fasziniert war ich, weil der US-amerikanische Verfasser Journalist und Sachbuchautor war und das Thema strikt aus Anwendersicht behandelte. Er stellte sämtliche geeigneten Geräte vor und die passende Software auch. Hinzu kamen jede Menge Tipps und Tricks für Menschen, die professionelle Textverarbeitung betreiben wollten.

Notabene: In jenen Jahren bedeutete die Arbeit an einem Buch, dass ein Manuskript entweder von jemandem abgetippt oder direkt mit der Schreibmaschine eingegeben werden musste. Dass dann Autor und Korrektor mit dem Stift Änderungen vermerkten. Dass dann alles wieder getippt werden musste. Und so weiter: bei Sachbüchern oft in sieben, acht Korrekturschleifen. Weil zudem meist nur Journalisten tippen konnten, Buchautoren aber eher weniger, bekamen fleißige Typistinnen handgeschriebene Papierstapel oder einfach Bänder mit Diktaten. Das war umständlich und auch teuer und hatte immer auch eine massive Entfremdung des Endprodukts vom Autor zur Folge – von den rein wirtschaftlichen Abhängigkeiten gegenüber den Verlagen ganz zu schweigen. Deshalb träumten viele Sachbuch- und Belletristikautoren von einer Art Textverarbeitung, bei der sie bis zur Druckfahne alles selbst erledigen könnten. Und genau an diese Klientel wandte sich der Mann mit dem besagten Taschenbuch. Natürlich zählte ich auch exakt zu dieser Zielgruppe, und war nach der Lektüre nur noch heiß darauf, endlich auch so einen Homecomputer zu besitzen.

Der erwähnte VC20 kostete damals aber fast 300 Mark, was meine Möglichkeiten weit überschritt. Zumal ja auch noch ein Bildschirm, ein Datenspeicher und ein Drucker nötig gewesen wären. Damals – es gab ja auch schon den Apple II und die Commodore-Recher der PET-Reihe galt die Faustregel: Ein für die Textverarbeitung geeignetes System kostet 3.000 Mark. Daran, das zeigte sich im Laufe der folgenden sieben, acht Jahre, änderte sich nichts: Die Maschinen wurden leistungsfähiger und preiswerter, aber die Summe blieb stabil. Bald kannte ich alle Hersteller von eben Apple über Commodore, von Tandy bis Atari und schließlich auch Sinclair. Über den Erfinder und Gründer der Firma, Sir Clive Sinclair, hatte ich in der britischen Zeitschrift „Which Computer“ ein lange, wildes Interview gelesen, und der Typ war mir sympathisch. Der von ihm erdachte Sinclair ZX80 war aber in Deutschland nicht zu kriegen. Erst der ZX81 kam Mitte 1981 in den Verkauf – und zwar beim damals einzigen reinen Computerhändler VOBIS. Der ZX81 kostete anfangs auch um die 300 Mark, dafür war das Zubehör billiger, zumal er an jedem Fernseher als Bildschirm betrieben werden konnte. Etliche Male machte ich mich auf den Weg zum VOBIS-Laden, der im Erdgeschoss eines Wohnhochhauses am Heideweg in Mörsenbroich untergebracht war. Schlich um die Kisten rum, und erwarb am Ende doch wieder nur eine ausländische Fachzeitschrift.

Der Preis sank von Monat zu Monat, und als er Mitte 1982 bei 79 Mark angelangt war, schlug ich zu. Außerdem Plastikkasten mit der Folientatstatur selbst kaufte ich gleich eine Speichererweiterung mit 16 Kilobyte und einen ordentlichen Nadeldrucker von Epson, der seinen Dienst sehr lange verrichten sollte. Der Sinclair kam an einen ollen tragbaren Schwarzweißfernseher und wurde mit einem Philipskassettenrekorder als Massenspeicher verbunden. Über das sündhaft teure Interface schloss ich dann den Drucker an. Und… war frustriert, denn natürlich verfügte der ZX81 über keinerlei Software außer dem ausgesprochen rudimentären Betriebssystem, in das eine krude BASIC-Version integriert war. Es hieß also: Listings aus Zeitschriften abtippen und auf Kassette speichern, damit sie nicht verloren gingen. Das erste Programm, das so ins Haus kam, war ein Biorhythmusrechner, den ich natürlich allen Verwandten, Freunden und Bekannten vorführte. Leider besaß das Stück Software keine Druckfunktion.

Aber das war der Anfang. Das Thema hatte mich am Wickel. Mein Ehrgeiz war geweckt. Und ich wühlte mich nun in die verrückte Welt der Software hinein, was in der ersten Hälfte der Achtzigerjahre gelichbedeutend damit war, programmieren zu lernen.

publiziert am 27.03.14 in Stadtgeschichten ¦ 1083x gelesen ¦ noch kein Kommentar