Mensch, Hund, Tier

clooney_whynotEine etwas ältere These der Verhaltensforschung rund um den Hund besagte, dass so ein Köter nur Mensch und Hund und Beute kennt. Daraus leiteten sich zwei Dinge ab, die heute von entsprechenden Forschern für falsch gehalten werden. Erstens dass der Hund seine Menschen als Hunde betrachtet, mit denen zusammen ein Rudel bildet. Zweitens dass Waldi alle Tiere für Hunde hält außer denen, die er jagen mag und kann. Es ist inzwischen hinreichend (u.a. neurobiologisch) belegt, dass so ein Fellträger WEISS, dass seine Menschen Menschen sind und dass die Domestizierung dafür gesorgt hat, dass der Hasso zwei komplett unterschiedliche Sätze an Verhaltensmustern ausprägen, speichern und getrennt abrufen kann. Gerade bei Rassen mit großem Will-to-please-Potenzial lässt sich das Umschalten am Hirn selbst messen. Momentan ist nicht sicher, ob der Canis familiaris das einzige Haustier mit dieser Fähigkeit ist – man vermutet Ähnliches vom Pferd. Womit wir beim Thema sind: Wie nimmt so eine Pelznase eigentlich andere Tiere wahr? Als Windhund ist Clooney Sichtjäger, zählt also zu der Sorte, bei denen der Jagdtrieb durch optische Reize ausgelöst wird.

Bei allen Windhundrassen gibt es nachweisbar abgespeicherte Größenmuster: Kein Greyhound würde sich am Elefanten versuchen, und selbst die Kuh auf dem Acker ist jedem Sighthound eine Nummer zu groß. Das gemeine Wildkaninchen hat dagegen quasi Idealmaße. Und alles, was noch kleiner ist, sich aber deutlich sichtbar und schnell bewegt, wird auch gern gejagt. Das beginnt bei der Hummel, setzt sich über Mäuschen und Singvögel fort und ist bei Taube, Ente, Gans noch nicht zu Ende. Sloughis in den Randgebieten der Sahara gehen auch auf die dort (inzwischen praktisch nicht mehr) beheimateten Antilopen – die aber auch nur laufende Meter sind. Andere Großhunde haben da weniger Scheu. So gehen Doggen problemlos auch Büffel und ähnliche Riesenviecher an. Wir reden hier also von anderen Tieren, die als Beute betrachtet werden. Das scheint bei allen Haushunden, die auch nur einen Funken Jagdtrieb haben, so zu sein.

Was ist aber mit dem Viechzeug, das nicht ins Beuteschema passt? Was ist mit Haustieren? Wie sieht es insbesondere mit der Katze aus? Und mit dem Pferd? Nachdem ja in den vergangenen Jahrzehnten der Reitboom ausgebrochen und nie wieder so ganz zum Stillstand gekommen ist, gehören ja Begegnung zwischen Hund und Ross heutzutage selbst in städtischen Grünan- und Randlagen zum Alltag. Und die Tölen reagieren auf die großen Hottehüs extrem unterschiedlich. Als Clooney am Strand von Walcheren die ersten Pferde seines Lebens in einiger Entfernung sah, reagierte er zunächst so wie er damals mit drei Monaten auch auf andere, große Hunde reagierte: Er war neugierig und wollte mit den Kontakt aufnehmen. Je näher wir den Gäulen kamen, desto mehr verwandelte sich diese Neugier in eine Form von Angstlust: Ich will, nein, vielleicht doch, nicht, oder doch. Er zeigte in dem Alter keine Angst vor den Riesentieren, aber doch Respekt.
So ging das in den nächsten Monaten weiter, wobei er immer neugieriger wurde und in zwei, drei Fällen Verhaltensmuster ausprobierte, also aus seiner Sicht angemessene Annäherungsverfahren. Mangels Interesse auf Seiten der Zossen blieben seine Bemühungen unerwidert. Weil wir aber der Ansicht waren, dass der Umgang mit Pferden zu den Dingen zählt, die so ein Stadtwindhund beherrschen sollte, arrangierten wir mit der Unterstützung einer guten, sehr hunde-, aber auch pferdeerfahrenen Freundin die Konfrontation. Partner war dann – Clooney war noch nicht gant sieben Monate alt – der schöne und große Hengst Whynot. Den trafen wir mit seiner Besitzerin, der erwähnten Freundin und einer Handvoll interessierter Hunde- und Pferdefreunde in der Nähe des Pferdehofes in einem Ortsteil von Solingen. Wir standen mit unserem Windigen an der Wegeskreuzung, und der dunkelbraune Hengst kam, am Zügel geführt, im Schritt auf uns zu. Clooney reagierte wie üblich, war dann aber doch überrascht, dass der Gaul nicht – wie er es kannte – mit einem Reiter an ihm vorbei schritt, sondern direkt auf ihn zu kam. Dann standen sich die beiden Tiere im Abstand von etwa einem Meter gegenüber. Whynot war einen Hauch unruhig, wurde aber von seinem Frauchen beruhigt. Clooney pobierte wieder: Bewegungslos stehen und anstarren, schwanzwedeln und grinsen, sich auf die Vorderläufe niederlassen (so wartet er auf fremde Hunde, die er begrüßen möchte), schließlich bellende Spielaufforderung.

Das alles löste beim Pferd wenig Reaktion aus außer ein paar Blicken nach unten und ein bisschem verlegenen Hufescharren. Und dann kam der Zufall zur Hilfe, dass Clooney ausgesprochen gern Möhren und Äpfel frisst. Whynot bekam derlei Leckerchen nun auf der Handfläche so etwa einen halben Meter über dem Boden gereicht, und Clooney schlich sich an, bis er sich traute, ebenfalls vom Gemüse zu naschen. Da war das Eis gebrochen. Der Hengst nahm das gelassen hin, und unser Sloughi-Bub verlor seinen Respekt vor den großen, gelben Zähnen. Dann machten sie zusammen einen kleinen Spaziergang, und man trennte sich. Klar war allen Beobachtern, dass der Hund versucht hatte, sein Repertoire an Verhaltensweisen für die Begenung mit Menschen und Hunden anzuwenden (natürlich nicht das für Beutetiere, dafür war Whynot deutlich zu groß), damit aber keinen Erfolg hatte und also etwas Neues probierte.
Ergebnis ist – und wir sind seitdem doch etlichen Reitpferden begegnet -, dass er Pferde offensichtlich sympathisch findet, aber nicht so attraktiv als dass er noch unbedingt Kontakt aufnehmen müsste. Kurz gesagt: Clooney findet Pferde anscheinend okay.

Mit anderen großen Tieren funktioniert das ganz ähnlich. Das haben wir beim ersten Besuch im Streichelzoo im Südpark erlebt. Dort werden Ziegen, Schafe, Schweine, Esel und allerlei Federvieh gehalten, wobei diese Viecher alle deutlich kleiner sind als Pferde, aber auch größer als die meisten Hunde. Beim ersten Kontakt war’s dasselbe wie beim Pferd: Verschiedene Verhaltensmuster wurden probiert. Nach mittlerweile Dutzenden Begegnungen hat sich das Verhalten ausdifferenziert: Die Ziegen kann man ungestraft ankläffen. Die Schweine reagieren nicht. Schafe sind ängstlich. Clooney Favoriten sind die beiden Esel, die von sich aus aus ihrem Unterstand kommen, wenn Clooney erscheint. Durch den Zaun voneinander getrennt, spulen beide Seiten erprobte Rituale ab.
Wie so ein Windhund diese anderen Tiere wahrnimmt, lässt sich so bisher nicht klären. Schön ist, dass diese Sorte Fauna den Sloughi nicht gleich zum Jagen animiert und auch keinerlei Ängste bei ihm auslöst. Ob das auch für Elefanten, Kamele, Tiger und Löwen gilt, werden wir demnächst bei einem Zoobesuch testen. Wie schon mit Pina werden wir mit Clooney mal einen Nachmittag im Krefelder Zoo (einer der wenigen Tiergärten, die den Besuch von Hunden zulassen) ausprobieren.

Und die Katze? In unserem Viertel gibt es eine bunte Freigängerin, die sich durch ein kleines Glöckchen bemerkbar macht. Manchmal hockt sie bewgungslos auf der Motorhaube eines geparkten Autos. Manchmal versteckt sie sich im Gebüsch. Pina machten Katzen wütend, ja, sie rastete geradezu aus, wenn sie einen Stubentiger sah. Clooney bleibt desinteressiert so lange die Katze stillsitzt und zeigt eher Neugier als Mordlust, wenn sie sich bewegt. Das deckt sich auch mit dem Stand der Forschung. Bisher wurde angenommen, dass die „Erzfeindschaft“ zwischen Katze und Hund vor allem ein Kommunikationsproblem ist, weil zum Beispiel das Schwanzwedeln unterschiedliche Bedeutung hat. Da man inzwischen weiß, dass diese Wedelei beim Hund nicht grundsätzlich Freude und bei der Katze nicht grundsätzlich Aggression bedeutet, dürfte sich die These erledigt haben. Ich bin der Ansicht, dass Hunde meistens in die Katzenjagerei durch ihre Halter getrieben werden, die diese Erzfeindschaft für etwas Gegebenes halten. Dafür spricht auch, dass in Vierteln mit Gärten auch Hunde und Katzen, die nicht in einem Haushalt leben, durchaus im Burgfrieden miteinander leben.

publiziert am 13.03.14 in Windhund namens Clooney ¦ 679x gelesen ¦ 3 x kommentiert

  1. Die Hunde im Garten unserer Nachbarn haben einfach nur Schiss vor unseren Miezen und keine Chance gegen diese ausgebufften, raffinierten Biester. Unsere Damen würden ja gerne befreundet sein, aber das wollen die Kläffer nicht.

    kommentar von Kassandra am 13.03.14 um 13:53
  2. Dann müssen wir mal Clooney im Garten an eure Miezen heranführen – ich glaube, das könnte der Anfang wunderbarere Freundschaften sein ;–))

    kommentar von Zillys Freund am 13.03.14 um 14:56
  3. Vülleicht!

    kommentar von Kassandra am 13.03.14 um 16:20