Haut und Knochen – Teil 12

Der gerichtsmedizinische Kollege saß am Schreibtisch, las die Sportnachrichten im Internet und aß Mettbrötchen dazu. Er lächelte Greiper freundlich an: „Wollen Sie auch eins? Da ist noch eins ohne Zwiebeln.“ – „Danke, ich hab schon gefrühstückt. Außerdem finde ich diesen Ort nicht besonders appetitanregend.“ – „Och“, sagte der Mann im weißen Kittel, „man gewöhnt sich daran, zwischen lauter Leichen und toten Teilchen sein Frühstück einzunehmen. Könnte ich hier nicht essen, läge ich selbst bald auf dem Tisch.“ Er kaute noch ein paar Mal und schluckte den Brei aus Brötchen und rohem Schweinefleisch runter. „Was kann ich denn für Sie tun?“

„Greiper, mein Name, Hauptkommissar Greiper. Nach meinem Informationen sind alle Leichenteile, die man in den AMEK-Filialen gefunden hat, inzwischen hier eingetroffen.“ – „Nicht nur eingetroffen, sondern ziemlich intensiv analysiert.“ – „Und? Irgendwelche Erkenntnisse?“ – „Sie meinen neue Erkenntnisse? Den Bericht vom Kollegen vom vergangenen Freitag haben Sie ja…“ – „Ja, mich würde momentan weniger interessieren, wann und wie der Mann zu Tode gekommen ist, sondern vielmehr, wer er war.“ – „Mmh, die DNA ist unterwegs zum Abgleich. Das wird wohl Mittwoch werden bis wir erfahren, ob die Erbmasse irgendwo in einer Datenbank steckt. Mir sind ein paar Sachen aufgefallen.“ – „Zum Beispiel?“ Der Forensiker war aufgestanden und hatte sich die fettigen Finger am Kittel abgewischt, der auch nicht mehr ganz frisch aussah. Er ging vor: „Ich zeig’s Ihnen.“

Schaidlers Assistent hatte ein unruhiges Wochenende verbracht. Der Zettel mit der geheimen Handynummer seines Chefs, die ihm Felsheimer anvertraut hatte, brannte wie Säure in seiner Hosentasche, und als er ihn zuhause auf dem Tischchen in der Diele abgelegt hatte, schien er zu glühen, während die Ziffernfolge blinkte wie ein Leuchtreklame. Nein, er würde wenigstens den Sonntag verstreichen lassen und vielleicht noch den halben Montag bevor er seinen Boss störte.

Aber dieser Beschluss hatte ihm auch keine Ruhe bereitet, sodass er sich um Zerstreuung bemühte. Nun erscheint dem weltgewandten Mitteleuropäer Graz nicht als möglicher Ort für größeres Amüsement, aber das täuscht. Mehr als eine Viertelmillion Einwohner lassen sich nicht bloß mit Shopping und Natur ruhigstellen; gerade die Menschen, die stärker durch Hormone getrieben sind, verlangen nach entsprechender Aufregung, nach Möglichkeiten, dem Paarungstrieb nachzugehen, um so die Stimme des Körpers wenigstens zeitweise zum Schweigen zu bringen. Und so hat man in der zweitgrößten Stadt Österreichs auch ein Nachtleben eingerichtet. Robert Greiper würde sich in dem Bereich, den sie dort Bermudadreieck nannten, vermutlich heimisch fühlen, denn in den Gassen hätte er eine Dichte an Kneipen, Bars und Restaurant vorgefunden, die seiner geliebten Altstadt entspricht.

Schaidlers Assistent, trotz seiner Jugend ein eher konservativer Mensch, bevorzugte ein angestammtes Lokal für Männer, die sich lieber nicht mit Frauen vergnügen. Und dort verbrachte er einen anfangs netten, später wilden Abend, der ihm eine nette Bekanntschaft eintrug. Mit der verbrachte er auch den folgenden Sonntag, an dem sich die Hauptstadt der Steiermark winterlich präsentierte. Gegen Mittag fielen die ersten Schneeflocken, und am Abend lag eine weiße Schicht auf der Terrasse vor dem Schlafzimmerfenster des Assistenten. Neben ihm lag dieser wohlgestaltete Jüngling mit den tiefschwarzen Haaren, genau der slawische Typ, den auch der Chef des Assistenten gern um sich hatte. Wobei sein Boss es ja mehr mit dem Bäuerlichen, dem Groben hatte, während er selbst es wichtig fand, mit dem jeweiligen Partner auch Gespräche führen zu können. Wiewohl seine neueste Eroberung eher wie ein Knabe aus dem Volke wirkte, erwies er sich bei einem Cocktail in der Lounge des Clubs als der deutschen Sprache mächtig, ja, geradezu als charmanter Unterhalter.

Sie hatten miteinander getanzt, geredet, gelacht und ziemlich heftig geflirtet. Der Assistent schätzte sein Gegenüber auf achtzehn, neunzehn und fühlte sich mit ihm zusammen sehr lebendig und ziemlich jung. Später hatten sie noch in der Bar vorbeigeschaut, die als Treffpunkt des Nachwuchses von Schaidlers Partei galt. Aber der Assistent hatte niemanden entdeckt, den er kannte. Dafür konnte er seine Begleitung dazu überreden, mit ihm nach Hause zu kommen, was aber auch nicht weiter schwer fiel, denn der sehr junge Mann war einigermaßen betrunken. Dann hatten sie sehr spät gefrühstückt, ein wenig geplaudert, dann herumgealbert und waren wieder im Bett gelandet. Jetzt war es Abend geworden. Der Assistent betrachtete seinen schlafenden Gast und überlegte, ob es sich lohnen könnte, mit ihm eine längere Beziehung einzugehen. Aber dann dachte er daran, dass er möglicherweise nicht mehr lange in der Stadt bleiben würde und verwarf den Gedanken.

***

Wer nichts tut, macht auch keine Fehler. Und wer sich im Hintergrund hält, macht sich keine Feinde. Manche Erkenntnisse sind so einfach. Und doch fällt es vielen Menschen, Männern zumal, schwer, diese zu beherzigen. Sie tun und machen und sind ständig in Bewegung, immer auf der Suche nach Aktionen, die ihnen entweder nutzen oder Spaß machen. Und Liebe, Liebe besteht für viele Menschen mit dem männlichen Chromosomenproblem aus Sex und Aufmerksamkeit. Geliebt zu werden, nehmen sie an, heißt, beachtet zu werden, Aufmerksamkeit zu genießen. So wie sie ihre Kindheit über darum gekämpft haben, die Aufmerksamkeit der Mutter zu gewinnen und das Wohlwollen des Vaters. Denn über das Stadium eines Zehnjährigen wachsen viele Männer nicht hinaus. Dass dann aber die Hormonproduktion beginnt und Triebe freisetzt, die den Pubertierenden in eine andere Richtung zerren, beschreibt die Dramatik der Männlichkeit mit hinreichender Genauigkeit.
Auch bei Hauptkommissar Robert Greiper dauerte es bis weit ins vierte Lebensjahrzehnt hinein bis es dem zweifellos vorhandenen Verstand gelang, nicht ständig vom Trieb in den Arsch getreten zu werden. Man könnte auch sagen: Bis das Handeln Greipers vorwiegend von Vernunft geprägt war. Bei ihm äußerte sich das vor allem darin, dass er Frauen nicht mehr nur als potenzielle Sexpartnerinnen sag, sie auch nicht mehr ausschließlich in dieser Weise behandelte und vor allem nicht jede Gelegenheit nutzte, ihnen in sexueller Weise nahe zu kommen. Die Ironie seines Lebens schien es zu sein, dass seine erste Ehefrau ihn ziemlich genau dem Moment verlassen hatte, als es bei ihm vorbei war mit dem zwanghaften Rumhuren. Er hatte dieses Ereignis lange als Strafe für frühere Sünden verstanden und die Folgen mit erhobenem Haupt getragen, aber seitdem er mit Elle verbunden war und nach vielen, vielen Gesprächen hatte er es geschafft, auch die böse Rolle seiner Ex ohne Wenn und Aber zu sehen.

So wie sich für Greiper Liebe lange nur im Geschlechtsverkehr manifestieren konnte, so wenig spielte Sex für den großen Boss der AMEK-Kette eine wichtige Rolle. Sein emotionaler Mangel zeigte sich eher im ewigen Streben nach Macht und Anerkennung – ein nicht untypisches Verhaltensmuster für kleingewachsene Rüden. Insofern stellte sich für Schaidler nie die Frage der sexuellen Präferenz, denn wenn er sich mit schönen Frauen umgeben hatte, dann nie weil er mit ihnen schlafen wollte, sondern nur als schmückende Statussymbole. Und waren es Knaben oder Jünglinge, mit denen er umherzog, dann ging es ihm um die Anerkennung in einer klaren Männerwelt, die ihn anzog. Natürlich war es im Laufe seiner gut 45 Jahre Lebenszeit zu sexuellen Begegnungen gekommen, aber eher von den jeweiligen Partnerinnen und Partner betrieben als von ihm.

Was den Unternehmer und den Kommissar verband, war die Tatsache, dass sie beide das Risiko der Tat nicht scheuten, also keine Angst vor Fehlern hatten. Während Schaidler aber schon seit frühesten Jugendtagen die Bühnen suchte, auf denen er sich vorteilhaft präsentieren konnte, versuchte Greiper immer, dem Ranpenlicht in jeder Form fernzubleiben. Dass die Lokalzeitungen gelegentlich über Ermittlungen berichteten, an denen er beteiligt war, dabei seinen Namen nannten oder gar sein offizielles Porträtfoto abdruckten, war ihm unangenehm. Und weil er nicht in der Öffentlichkeit stand, hatte er auch kaum Feinde. Selbst die vielen Personen, die dank seiner Arbeit der gerechten Strafe zugeführt worden waren, nahmen ihm das nicht übel, denn sie ahnten, dass jemand anderes sie erwischt hätte, wären sie nicht zufällig dem Hauptkommissar Greiper in die Hände gefallen. Schaidler dagegen hatte im Laufe der letzten fünfundzwanzig Jahre Feindschaften dutzendweise erzeugt; teils unabsichtlich, teils hatte er das Risiko, sich Menschen zu Gegnern zu machen, billigend in Kauf genommen und teilweise hatte er es geradezu darauf angelegt.

publiziert am 26.10.14 in Einzelteile ¦ 807x gelesen ¦ noch kein Kommentar