Haut und Knochen – Teil 13

Die Räume der PR-Agentur, in der für Geld zu arbeiten der Kommunikationsberater Frank Schreiner gezwungen war, lagen zu großen Teilen brach, denn der Firma ging es nicht gut. Die Jahren, in denen mit Binsenweisheiten und dem Bestechen einiger Journalisten hohe Honorar zu verdienen waren, lagen nun schon eine Zeit zurück, und der Agenturchef, dessen vollständige Inkompetenz seinerzeit wenig aufgefallen war, saß nun auch schon seit fast drei Jahren im Knast.
Die Belegschaft, Praktikanten, Volontäre und Aushilfen mitgerechnet, war von fast fünfzig Köpfen auf zwei Hände voll Berater zusammenschnurrt, die sich als hartnäckig genug erwiesen hatten, der Reduzierung des Mitarbeiterstabs durch Mobbing von oben zu entgehen. Zu denen zählte auch Schreiner, dessen Lebensversicherung es war, dass an ihm der Kunde AMEK hing. Kein Kollege und schon gar nicht der neue Vorturner, den die neuen Inhaber eingesetzt hatten, verfügten über das Wissen und die Verbindungen zum österreichischen Möbelkonzern, die nötig wären, auch ohne ihn weiter Honorar abzocken zu können. Und was für die Investoren, eine obskure Gesellschaft aus Großbritannien, die dabei war, sich ein globales Netz aus Agenturen zusammen zu kaufen, zählte eben nur der Honorarumsatz.

Und trotzdem war sich Frank Schreiner nur in den Momenten seiner Narren-freiheit bewusst, in denen es ihm gelang, seine Existenzangst, die er gern Le-benspanik nannte, zu verdrängen – meistens also nach erheblichem Alkoholgenuss oder dem Missbrauch einer gesellschaftlich nicht durchweg stigmatisierten Droge. Ansonsten begleitete ihn die Furcht vor dem grundsätzlichen Scheitern und dem Absturz in die Armut jeden Tag vom Augenblick des Aufwachens an. Die Medikamente, die ihm ein wohlwollender Arzt dagegen verschrieben hatte, hatte er eigenmächtig abgesetzt nachdem er festgestellt hatte, dass er nicht mehr vernünftig schreiben konnte, wenn er die blauen Pillen intus hatte. So therapierte er sich durch den virtuellen Kampf gegen das Böse in der Welt, den er als Roter Ritter mit seinem Weblog führte.

Dabei war auch er nicht frei von bösen Gedanken. Immer wieder fand er sich in Phantasien wieder, in denen er reich war. Und zwar so reich, dass er nicht mehr arbeiten müsste. Dass solcher Wohlstand nicht durch ehrliche Arbeit zu erreichen ist, hatte ihn seine Lebenserfahrung gelehrt. Und kriminellen Aktionen, die sich gegen reiche Arschlöcher, gegen schmarotzende Erben oder überhaupt gegen Besitzende richteten, hielt er grundsätzlich für moralisch vertretbar. Sein grundsätzlicher Fahrplan zur großen Summe bestand darin, im Job an Informationen zu kommen, die geheim wären und wertvoll, und dass er den Personen oder Organisationen, über die er etwas wusste, ein Angebot machen würde, das diese nicht ablehnen könnten. Nur war er in der Realität nie auf solche Informationen gestoßen oder hatte die Brisanz irgendwelcher Fakten, die sich für seine Tat eigneten, nicht erkannt. Im Falle der AMEK-Leiche hatte er ein noch unscharfes Gefühl, dass er dieses Mal tatsächlich am Zug war, dass er so zu sagen mit dem Ball am Fuß frei vor dem Tor auftauchte und das Ding nur noch versenken müsste. Genau darüber dachte er nach als er gegen vier Uhr nachmittags im Großraumbüro saß, dass Arbeitsplätze für zwanzig bot, aber das er momen-tan nur mit einer Kollegin teilte, mit der er nie etwas zu tun gehabt hatte und deren Namen er sich nach immerhin acht Jahren in der Agentur nicht merken konnte.

Sein Handy meldete sich nicht ganz unerwartet, und er nahm den Anruf an. „Wissen’s, ich wollte schon vor Längerem einmal offen mit Ihnen reden“, begann der AMEK-Marketingchef ohne Umschweife, „Sie sind mir schon vor zwei oder drei Jahren positiv aufgefallen. Sie erinnern sich an die erfolgreiche Weihnachtsbaumkampagne, nicht wahr?“ Schreiner schaltete schnell genug um. Er hatte den Anrufer schon an seiner wienerischen Sprechweise erkannt, die dieser auf sein Anraten hin pflegte, weil er als Kommunikationsberater der Ansicht war, es würden seinen Klienten au-thentischer und damit glaubwürdiger machen: „Natürlich. Klar, die Weih-nachtsbäume… Hat ja unseren guten Herrn Schaidler bis aufs Sofa von Sabine Christiansen gebracht.“ Tatsächlich war bei dieser Sache alles gut gelaufen, was sonst nie gut läuft in der Pressearbeit. AMEK hatte damals – und das war die Idee des heutigen Marketingleiters gewesen – eine Aktion ins Leben gerufen, dass die Leute nach dem Dreikönigstag ihre Christbäume in einen AMEK-Laden bringen könnten. Dort wurden diese gewogen, und die Einlieferer bekamen einen Einkaufsgutschein nach Gewicht.

Das hätte einfach so wohl keine nennenswerte Medienresonanz erzeugt, aber Schreiner hatte daraus eine Pro-Weihnachts-Kampagne gemacht; ganz im Sinne Schaidlers sogar eine Initiative zur Rettung der deutschen Weihnacht. Viele Journalisten, denen sowohl dieser schwachsinnige Halloween-Hype auf die Nerven fiel, als auch das durchamerikanisierte Christfest, stiegen auf die Sache ein, und es kostete Schreiner nach zwei Wochen intensiver Berichterstattung nur einen Anruf in der Redaktion der damals wichtigsten Talkshow, um den AMEK-Boss als Retter des Weihnachtsfests unterzubringen. „Ja, der war ganz narrisch, der gute Schaidler, dass er da sitzen und reden durfte“, sagte der Marketing-Chef für ganz Europa, „Aber deshalb ruf ich sie nicht an. Wissen’s, mir haben die Krisengespräche zu diesen ganzen widerlichen Leichenteilen überhaupt nicht gefallen. Ich würd gern noch einmal ihre persönliche Meinung jenseits aller offiziellen Vereinbarungen zwischen unserem Unternehmen und der Agentur hören. Vielleicht ist es ja so, dass wir gar keine Agentur brauchen, sondern nur einen fähigen Berater…“

Natürlich biss Frank Schreiner an und sagte zu, sich um zwanzig Uhr in der Lobby des Luxushotels an der örtlichen Prachtstraße einzufinden, um dort ein Gespräch zu führen, anschließend gut essen zu gehen und vielleicht noch auf einen Drink im angesagtesten Club der Stadt aufzulaufen.

publiziert am 01.12.14 in Einzelteile ¦ 831x gelesen ¦ noch kein Kommentar