Vielleicht ein Hund

Manchmal steht Ester nachts auf, tritt hinaus auf die Veranda und weint ein bisschen. Eckart bekommt davon nichts mit; der liegt da wie ein Baumstamm am Fluss und schläft. Wenn der Mond scheint oder wenn bereits der Morgen dämmert, holt sie sich bisweilen ein kleine Glas Wein aus der Küche und raucht eine Zigarette, während sie in den Garten schaut. Eigentlich könnte sie sehr glücklich sein im Holzhaus am See, das ihr Geliebter für die nach ihren Vorstellungen erbaut hat. So wie er in all den Jahren schon so viel für sie getan hat. Doch nichts davon konnte ihre Trauer ganz besänftigen. Vielleicht, denkt sie manchmal, fehlt mir ein Hund. Katzen gibt es genug auf dem Grundstück. Verwilderte Tiere ohne Moral, die sich nur an sie heranmachen, weil sie hoffen, Fressen zu ergattern. Und der alte Esel, den Eckart einem Wanderzirkus abgekauft hat, hasst sie, versucht sie zu beißen und zu treten.

Esther ist nie schwanger geworden. Inzwischen besteht keine Hoffnung mehr doch noch ein Kind zu bekommen. Wenn Eckart lange unterwegs ist auf Montage und sie ganze Tage an ihrem Lieblingsplatz im Garten verträumt, sieht sie sich mit einem Baby auf dem Arm, einen dunkelhäutigen Säugling, bis auf die Knochen abgemagert, mit großen Augen in tiefen Knochenhöhlen, und sie weiß, dass sie dieses arme Kind gut versorgen würde, dass es zunehmen würde, dass es ruhiger würde und kräftig und dass es ihr eines Tages dankbar sein würde. Aber eine Adoption kommt nicht in Frage unter den gegebenen Lebensumständen hier draußen, weit weg von der nächsten Siedlung. Und ihr Liebster sagt immer, er habe kein Händchen für Kinder, deshalb wolle er auch mit seinem Nachwuchs nichts zu tun haben, seine Ex würde die schon gut versorgen.

Da bleibt ihr nur der Garten, den sie in vielen Jahren zäher Arbeit angelegt hat. Eckart bewundert sie dafür, dass sie aus dem undurchdringlichen Busch hinter dem Haus ein Paradies gemacht hat mit wunderschönen Stauden und Blumen, aber auch einem prächtigen Gemüsegarten mit Beeten, die mehr Ertrag bringen als sie selbst verbrauchen können. Also hat er ihr eine weitere Hütte gebaut, eine Küche, in der sie aus Beeren Marmelade kocht oder Saft und Gelee, wo sie Gemüse einkocht oder dörrt und Kartoffeln für das Einlagern vorbereitet. Im Erdkeller lagern einige Hundert Gläser, und Eckart schlägt ihr ab und an vor, doch einen Marktstand in A. einzurichten, um dort ihre Erzeugnisse zu verkaufen. Esther findet immer Gründe, das abzulehnen, und Eckart ahnt, dass es ihr Angst macht, ganz allein die weite Strecke zurückzulegen, morgens weit vor Tageslicht aufzubrechen, um dann den ganzen Tag in der Fremde mit fremden Menschen sprechen zu müssen.

In der warmen Jahreszeit nimmt sie nach dem Aufstehen ein Bad im See, trinkt einen Kaffee und stürzt sich dann in die Gartenarbeit. Später isst sie eine Kleinigkeit, raucht eine Zigarette und ruht eine Stunde in der Hängematte im Schatten oder wenn es nicht so heiß ist, hinter auf dem Rasenstück unter der mächtigen Linde. Dann geht sie schwimmen bis sie die Anstrengung spürt, immer quer durch die weite Bucht und zurück. Ist Eckart nicht unterwegs auf den Baustellen, beginnt sie mit der Vorbereitung für das Abendessen und füttert den Esel. Ist sie allein, versucht sie ein wenig zu lesen oder sich bei ein paar Schallplatten zu entspannen.

Denn die Furcht setzt sie unter Druck, die nicht benennbare Angst, die sie seit ihrer Jugend in sich trägt, dieses grimmige Tier, das sich immer dann zeigt, wenn sie nicht mehr damit rechnet, dass es noch da sein könnte. Eckart hat sie schon so oft gefragt, ob sie woanders hin ziehen sollen, an einen belebten Ort, in eine Stadt, wo es Menschen gibt, deren Leben man sieht, hört und spürt. Aber sie fürchtet nicht die Einsamkeit. Sie weiß nicht, was sie dazu bringt, nicht mehr normal atmen zu können, nicht mehr verstehen zu können, was sie sieht und hört und spürt. Ihr Mann ist hilflos wie sie selbst hilflos und sie sich nicht vorstellen kann, dass ihr irgendein Mensch helfen kann. Manchmal denkt sie, vielleicht bräuchte sie einen Hund, der ihre Angst ankläfft, angreift und schließlich beißt.

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publiziert am 14.08.17 in Paare ¦ 226x gelesen ¦ noch kein Kommentar