Die Sieben und der Schmerz

Als ich heute früh erwachte, sagte Thibaud, hatte ich sieben Schmerzen; erfreulich wenige. Ja, ja, warf Storck ein, in unserem Alter ist man ja froh, wenn morgens was weh tut, denn dann weiß man, dass man noch am Leben ist. Immer noch kannst du keiner Banalität aus dem Weg gehen, entgegnete Thibaud und ergänzt: Lasst uns über physische Schmerzen sprechen, nicht über das Alter. Denn wenn eines das gesamte Leben begleitet, dann sind es Schmerzen. Aber in den letzten Jahren vor dem Tod, wandte Storck ein, ist jeder Schmerz ein Alarmsignal dafür, dass dieses oder jenes Körperteil funktional am Ende ist. Nimm die Leber. Ist die durch ständigen Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenmissbrauch angeschwollen, dann wird sie sich zersetzen und ihre Funktion nicht mehr erfüllen. Und daran stirbt man. Gut, dass du dieses Organ erwähnst, stimmte Thibaud zu, es sendet nämlich einen meiner sieben Schmerzen aus.

Die meisten sind dagegen orthopädischer oder dermatologischer Natur. Die Entzündung im rechten Daumengelenk ist chronisch. In der Rückenmuskulatur habe ich in der Regel zwei oder drei schmerzhafte Verspannung, und diese Hautirritationen tun auch bisweilen weh. Ach, lachte Storck auf, das nennt man Zipperlein; nicht der Rede wert. Du hast Recht, entgegnete Thibaud, darüber mache ich mir auch keine Sorgen. Aber der siebte Schmerz, der ängstigt mich, obwohl ich ihn nicht einmal lokalisieren kann. Er sitzt irgendwo in der Brust, eher mittig, ein dumpfer Schmerz, der kommt und geht, der manchmal kurz und heftig aufflammt und dann für Tage, ja, Wochen verschwindet. Heute am Vormittag war er besonders stark, sodass ich das Gefühl hatte, mein Brustbein würde nach vorne gedrückt. Wie ich mir ja ohnehin meinen Tod als eine Art Explosion vorstelle, dass also irgendetwas in meinem Körper aufplatzt, dass Blut sprudelt aus Rissen und Löchern, und keiner wird das flicken können.

Gut fünf Wochen später saßen wir zu Gast bei Ulli und Michael am Tisch. Thibaud hatte wir üblich vor Kopf Platz genommen, Storck und Pennes zu seinen beiden Seiten. Er wirkte ausgeruht und energiegeladen, und Storck fragte ihn alsbald nach seinem Befinden. Heute morgen, antwortete Thibaud, waren es nur drei Schmerzen, die ich beinahe genieße wie Kumpanen, die einen ständig ärgern, aber eben zu einem gehören. Und die Leber? hakte Storck nach. Die ruht in Friede, gab Thibaud zurück.

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publiziert am 07.01.18 in Thibaud ¦ 129x gelesen ¦ noch kein Kommentar