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	<title>Thibaud sagt</title>
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		<title>Sisyphos ist m&#252;de</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Jan 2010 15:12:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>iseb</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Schon vor Jahren hatte Thibaud damit kokettiert, er sei ein moderner Sisyphos und sein Gl&#252;ck best&#252;nde darin, sich immer und immer wieder anzustrengen und zu engagieren f&#252;r Projekte, die dann doch irgendwann den Bach runter gingen. Heinzhubert hatte ihn daraufhin auf seine k&#252;chenpsychologische Art als Mensch mit einer manisch-depressiven, also bipolaren Pers&#246;nlichkeitsst&#246;rung bezeichnet. Was ihm [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.thibaud-sagt.de/wp-content/uploads/2010/01/sisyphos.gif"><img src="http://www.thibaud-sagt.de/wp-content/uploads/2010/01/sisyphos.gif" alt="" title="sisyphos" width="64" height="54" class="alignnone size-full wp-image-298" /></a>Schon vor Jahren hatte Thibaud damit kokettiert, er sei ein moderner <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Mythos_des_Sisyphos">Sisyphos</a> und sein Gl&#252;ck best&#252;nde darin, sich immer und immer wieder anzustrengen und zu engagieren f&#252;r Projekte, die dann doch irgendwann den Bach runter gingen. Heinzhubert hatte ihn daraufhin auf seine k&#252;chenpsychologische Art als Mensch mit einer manisch-depressiven, also bipolaren Pers&#246;nlichkeitsst&#246;rung bezeichnet. Was ihm beinahe eine Tracht Pr&#252;gel eingetragen h&#228;tte.<br />
Dieser Tage traf sich die Gruppe nach einigen Monaten wieder fast in ihrer urspr&#252;nglichen Besetzung. Der Landgasthof hatte einen neuen Wirt, und in der K&#252;che f&#252;hrte Isa das Regiment, die wir noch aus dem &#8220;Perl&#8221; in bester Erinnerung hatten. Nach und nach trafen die Freunde ein, und gegen achtzehn Uhr waren wir komplett. Man bestellte, a&#223;, trank und redete. Thibaud sah alt aus. Alt, nicht krank oder ersch&#246;pft. &#8220;Eigentlich&#8221;, sagte Zilly, &#8220;sieht er jetzt so alt aus wie er ist.&#8221;<span id="more-299"></span></p>
<p>Gegen Mitternacht war die Runde geschrumpft, und wir waren zum Rotwein &#252;bergegangen, denn der Wirt hatte die F&#228;sser im Keller geerbt, die Thibaud in seiner Zeit als P&#228;chter gekauft hatte. &#8220;Trinkt das Zeug&#8221;, meinte der neue Betreiber des Landgasthofs, &#8220;bestellt eh keiner.&#8221; So soffen wir also kostenlos, und das in gro&#223;en Mengen. Gegen drei Uhr am Morgen, die D&#228;mmerung war schon sichtbar, stand Thibaud auf. Er schwankte ein wenig. Dann klopfte er mit einem L&#246;ffel an sein Glas uns sagte: &#8220;Sisyphos ist m&#252;de. Keine Lust mehr auf den immergleichen Felsbrocken. Keinen Bock mehr auf diesen ewig gleichen H&#252;gel. Ich will meine Ruhe und einen Sinn im allt&#228;glichen Tun.&#8221;<br />
Ein Gespr&#228;ch zu dieser &#196;u&#223;erung kam angesichts der kollektiven Trunkenheit und der fr&#252;hen Stunde nicht mehr zustande.</p>
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		<title>Ungeliebte B&#252;rgers&#246;hnchen</title>
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		<pubDate>Mon, 07 Dec 2009 12:03:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>iseb</dc:creator>
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		<description><![CDATA[&#8220;Sie sind das Schlimmste in dieser Gesellschaft&#8221;, rief Thibaud, und wir ahnten, was kommen w&#252;rde. Tats&#228;chlich begann er einen Tirade gegen die Heuchler, die m&#228;nnlichen, die mit dem Silberl&#246;ffel im Maul geborenen, die sich um ihre Zukunft nicht sorgen m&#252;ssen, ist ihnen ein Erbe doch sicher. &#8220;Und da rennen sie nun sinnlos rum, tun sinnlose [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>&#8220;Sie sind das Schlimmste in dieser Gesellschaft&#8221;, rief Thibaud, und wir ahnten, was kommen w&#252;rde. Tats&#228;chlich begann er einen Tirade gegen die Heuchler, die m&#228;nnlichen, die mit dem Silberl&#246;ffel im Maul geborenen, die sich um ihre Zukunft nicht sorgen m&#252;ssen, ist ihnen ein Erbe doch sicher. &#8220;Und da rennen sie nun sinnlos rum, tun sinnlose Dinge, machen was mit Medien, mit Kommunikation oder mit Kunst, um sich ein unb&#252;rgerliches Gef&#252;hl zu geben. Denn im Grunde werden sie von ihrem schlechten Gewissen hin und her gezerrt. Dass sie vom S&#228;uglingsalter an frei von materiellen Sorgen leben konnte, w&#228;hrend andere strampeln und hampeln, um ein bisschen menschenw&#252;rdiges Leben zu ergattern. Deshalb werden sie dann Sozialdemokraten, die B&#252;rgers&#246;hnchen. Das beruhigt, weil sie sich auf der richtigen Seite w&#228;hnen. Denn neben dem schlechten Gewissen werden diese kleinen, nichtsw&#252;rdigen Schwanztr&#228;ger von der Angst gesteuert, die Unterschicht k&#246;nnte sich gegen sie wenden, ihnen wehtun und etwas wegnehmen.<span id="more-295"></span></p>
<p>Das Haben ist ihnen enorm wichtig. In gesicherten Verh&#228;ltnissen aufgewachsen haben sie nichts als emotionale K&#228;lte kennen gelernt im Elternhaus, &#252;bert&#252;ncht durch gro&#223;z&#252;gige Geschenke und eine Scheinliberalit&#228;t, die ihnen jede Freiheit gew&#228;hrte, aber auch keine Grenzen setzte. Alles was sie haben ist ihr Besitz. Sie sch&#228;men sich daf&#252;r und suchen ihn zu verstecken. Dabei besteht dieser Besitz blo&#223; aus sinnlosen, funktionsfreien Dingen, die sie irgendwann zu sammeln begonnen haben &#8211; Oldtimer zum Beispiel. Und das sie ihr schlechtes Gewissen, dass sie jedes Jahr zehnmal mehr f&#252;r ihre Sammlung ausgeben als eine Hartz-IV-Familie im gleichen Zeitraum bekommt, m&#252;ssen sie sich und anderen scheinlogische Gr&#252;nde in die Taschen l&#252;gen. Dass so ein altes Auto zu erwerben auch zum Erhalt eines St&#252;cks Kultur beitragen. Wo sie doch nie erfahren haben, was Kultur &#252;berhaupt ist.</p>
<p>Ja, Angst haben sie. Angst vor der Wut der Besitzlosen. Deshalb lehnen sie nicht nur jede Form der Gewalt &#8211; au&#223;er der staatlichen, die ihnen n&#252;tzt, weil sie ihren Besitz sch&#252;tzt &#8211; ab, sondern die Aggression als solche. Wer schimpft, so salbadern sie bei Bedarf, der sei unsachlich, der liefere keine Argumente und sei damit nicht glaubw&#252;rdig. Dabei sind sie es, die f&#252;r ihre Schmarotzerexistenz keine vern&#252;nftigen Gr&#252;nde haben. Und manche von ihnen erkennen dann irgendwann die eigene Nutzlosigkeit und beenden diese asoziale Existenz eigenh&#228;ndig. Andere steigen aus, verschenken ihr Hab und Gut und gehen nach Afrika zu den armen Negern. Damit trachten sie, sich Seelenfrieden zu kaufen.<br />
Aber den wird es nie finden, das B&#252;rgers&#246;hnchen, das ungeliebte. Im Gegenteil: So er sich nicht ausschlie&#223;lich unter seinesgleichen bewegt, sondern auch auf die normale Welt st&#246;&#223;t, wird er Pr&#252;gel beziehen. Und seinen Besitz wird man ihm wegnehmen und anz&#252;nden und er wird nach einem starken Staat schreien, wo er doch eigentlich daran glaubt, dass jeder seines Gl&#252;ckes Schmied ist und jeder erreichen k&#246;nnen, was er wolle, wenn er sich nur genug anstrenge, und der Staat solle sich raushalten. So kreuzt er bei Wahlen die Liberalen an, traut sich aber nicht, das zuzugeben.</p>
<p>Vor der Politik hat er auch Angst, denn Politik, das ist eine Kraft, die zu Ver&#228;nderungen f&#252;hren k&#246;nnte, und Ver&#228;nderungen will er ja nun gar nicht, denn ihm geht es ja gut. Also bricht er st&#228;ndig ungefragt Lanzen gegen das Radikale. Er ist derjenige, f&#252;r den alles, was nicht ist wie er selbst, radikal ist, weil potenziell w&#252;tend, also gewaltt&#228;tig. So setzt er Links und Rechts gleich und merkt gar nicht, wie er so den Faschisten den Weg planiert, auf dem sie in die b&#252;rgerliche Mitte marschieren k&#246;nnen. Er ist es, der Gewalt nicht differenzieren mag als Gewalt gegen Dinge &#8211; denn die sind sein Besitz &#8211; und Personen. Er ist es, der Wutausbr&#252;che gegen seinesgleichen f&#252;r Mordaufrufe h&#228;lt.<br />
So lebt er in st&#228;ndiger Angst und versucht sich mit Konsum und Besitz zu bet&#228;uben. Es wird ihm Zeit lebens nicht gelingen.&#8221;</p>
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		<title>Widerstand</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Sep 2009 10:04:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>iseb</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;Und,&#8221; fragte Thibaud in die Runde, &#8220;was wollen wir jetzt tun? Wie sollen wir Widerstand leisten?&#8221; Nach den letzten Wahlen hatte man uns durch allerlei Repressalien in den Untergrund gedr&#228;ngt, und wir trafen uns nicht mehr in Kneipen oder Bars oder in unseren Privatwohnungen. Olivia hatte ein verfallenes Haus am Rande des Friedhofs entdeckt, das [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>&#8220;Und,&#8221; fragte Thibaud in die Runde, &#8220;was wollen wir jetzt tun? Wie sollen wir Widerstand leisten?&#8221; Nach den letzten Wahlen hatte man uns durch allerlei Repressalien in den Untergrund gedr&#228;ngt, und wir trafen uns nicht mehr in Kneipen oder Bars oder in unseren Privatwohnungen. Olivia hatte ein verfallenes Haus am Rande des Friedhofs entdeckt, das &#252;ber einen intakten Kellerraum verf&#252;gte. Dort hielten wir seit dem Monat, der die H&#228;lfte der Legislaturperiode bezeichnete, unsere konspirativen Besprechungen ab. Auf den Kontakt per Mobiltelefon und Internet hatten wir schon vor l&#228;ngerem verzichtet &#8211; da hatte die Partei, die sich angeblich f&#252;r B&#252;rgerrechte einsetzt, den Vorschl&#228;gen f&#252;r die fl&#228;chendeckende &#220;berwachung ergeben und den entsprechenden Gesetzen zugestimmt. Unsere Depression war nun der Wut gewichen und der Einsicht, dass wir etwas tun m&#252;ssten. &#8220;Militanz kommt nicht in Frage!&#8221; warf Hanshubert ein, unser Wackelkandidat, denn als Besserverdiener hatte er deutlich von den Steuersenkungen der Regierung profitiert.<span id="more-293"></span></p>
<p>&#8220;Ist die Frage,&#8221; warf Konrad ein, &#8220;was unter Militanz zu verstehen ist. Gewalt gegen Sachen?&#8221; Einige von uns hatten sich schon intensiv mit den Techniken befasst, Autos abzufackeln ohne Spuren zu hinterlassen. Und die Gruppe um Cork war bereits als Flashmob in Delikatessenl&#228;den und Gourmetrestaurants eingedrungen, um dort kostenlos einzukaufen und zu speisen. Es schien Konsenz zu sein, das wir eine Art &#8220;Die fetten Jahre sind vorbei&#8221; in Realit&#228;t &#252;berf&#252;hren sollten. &#8220;Keine Waffen!&#8221; forderte Zilly, und alle nickten zustimmend; au&#223;er Thibaud, der sich nie dazu &#228;u&#223;erte, wie weit er in der Anwendung von Gewalt gehen w&#252;rde.</p>
<p>&#8220;Es geht darum,&#8221; begann Holger, &#8220;gegen die herrschenden Zust&#228;nde Widerstand zu leisten &#8211; und wenn auch nur, um zu demonstrieren, dass diese Regierung im Auftrage der Wirtschaft und mit Unterst&#252;tzung der Medien nicht tun kann, was sie will. Wir m&#252;ssen gerade bei den Profiteuren dieser Situation ein Klima der Unsicherheit schaffen. Die Reichen, die Wohlhabenden, die Anleger, die m&#252;ssen Angst um ihren Besitz bekommen.&#8221; Viele nickten beif&#228;llig. &#8220;Und was w&#252;rde das bewirken?&#8221; fragte Hanshubert, &#8220;Das ist doch RAF-Denke. Die Verh&#228;ltnisse so zu destabilisieren, dass der Kapitalismus seine h&#228;ssliche Fratze zeigt&#8230;&#8221;</p>
<p>Wir wurden uns nicht einig an diesem Abend. In der Nacht brannten im Komponistenviertel sieben Autos. Das war aber erst der Anfang.</p>
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		<title>Katastrophen</title>
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		<pubDate>Wed, 16 Sep 2009 21:13:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>iseb</dc:creator>
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		<description><![CDATA[&#8220;Es riecht nach Katastrophe&#8221;, sagte Thibaud und sah sich in der Runde um. &#8220;Als ich heute morgen gegen halb sechs halb wach da lag, h&#246;rte ich ein dumpfes Grollen. Ger&#228;usche tief fliegender Passagierjets, die Kreise &#252;ber der Stadt zogen. Dann begannen die Sirenen der Feuerwehr zu schreien. Es w&#252;rde ein Ungl&#252;ck geben, da war ich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>&#8220;Es riecht nach Katastrophe&#8221;, sagte Thibaud und sah sich in der Runde um. &#8220;Als ich heute morgen gegen halb sechs halb wach da lag, h&#246;rte ich ein dumpfes Grollen. Ger&#228;usche tief fliegender Passagierjets, die Kreise &#252;ber der Stadt zogen. Dann begannen die Sirenen der Feuerwehr zu schreien. Es w&#252;rde ein Ungl&#252;ck geben, da war ich mir sicher. Schlief aber wieder ein.&#8221; Keiner von uns reagierte, vielleicht weil alle auf eine Fortsetzung warteten. Tats&#228;chlich fuhr er fort. &#8220;Vor nicht langer Zeit war ich mir eines Nacht auch v&#246;llig sicher, dass es zu einer Katastrophe kommen w&#252;rde.<span id="more-291"></span></p>
<p>Ich sa&#223; mitten in der Nacht im Garten. Pl&#246;tzlich wurde es still, sehr still. Kein Lufthauch r&#252;hrte sich. Nichts bewegte sich mehr. Selbst das Ger&#228;usch der Autobahn, dass sonst immer leise zu h&#246;ren ist im Westen, war verstummt. Was, dachte ich, wenn die Erde das Drehen eingestellt hat. Was wenn ich der letzte &#220;berlebende bin.&#8221;</p>
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		<title>Nacktmann IV</title>
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		<pubDate>Fri, 26 Jun 2009 09:41:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>iseb</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Dann mied ich den Nacktmann &#252;ber Wochen. Inzwischen sah ich ihn nur noch selten in seinem Garten sitzen, denn die ersten Herbsttage waren nass und k&#252;hl. Damals steckte ich tief in einem Projekt und verlie&#223; das Haus nur noch zum Einkaufen. Eines Tages lag ein dicker Umschlag ohne Absender im Briefkasten. Sp&#228;ter riss ich ihn [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.thibaud-sagt.de/wp-content/uploads/2009/06/dicker.jpg" alt="dicker" title="dicker" width="110" height="152" class="alignnone size-full wp-image-287" />Dann mied ich den Nacktmann &#252;ber Wochen. Inzwischen sah ich ihn nur noch selten in seinem Garten sitzen, denn die ersten Herbsttage waren nass und k&#252;hl. Damals steckte ich tief in einem Projekt und verlie&#223; das Haus nur noch zum Einkaufen. Eines Tages lag ein dicker Umschlag ohne Absender im Briefkasten. Sp&#228;ter riss ich ihn auf und fand einen Brief und einen Stapel eng bedruckter Bl&#228;tter. &#8220;Lieber Thibaud, nachdem du mich ja nicht mehr besuchst, m&#246;chte ich dir die Geschichte meines Lebens in schriftlicher Form &#252;berreichen. Ich habe das Gef&#252;hl, die Sache geht nicht mehr lange gut, will aber, dass die Geschehnisse der Nachwelt &#252;bermittelt werden. Dass du das tust, ist mein letzter Wunsch an dich.&#8221; Ich wurde w&#252;tend. Was dachte sich dieser eklige Exhibitionist eigentlich, mich so zu vereinnahmen? Sein Manuskript landete auf einem Stapel Papiere, und ich dachte bis zum n&#228;chsten Fr&#252;hjahr nicht daran und auch nicht an den Nacktmann.<span id="more-286"></span></p>
<p>Im fr&#252;hen Mai gab es die ersten warmen Tage. Mehr oder weniger ohne Absicht begann ich, wieder den Garten des Nacktmanns zu beobachten. Manchmal sah ich Maria auf der Terrasse hantieren, aber Erich tauchte nicht auf. Dann fielen mir sein Papierstapel wieder in die H&#228;nde. Ich las den Text nur quer; eine pornografische Szene reihte sich an die andere, und eigentlich ging es immer nur darum, dass sein Penis so lang und dick war, dass die Frauen reihenweise vor Verz&#252;ckung oder Schreck in Ohnmacht fielen, wenn sie das Ding sahen. So v&#246;gelte Erich sich durch die weibliche Verwandtschaft, bumste hier und da Damen jeder Form, Farbe, Gr&#246;&#223;e und Alters und hatte wohl auch homosexuelle Begegnungen. Erst auf den letzten Seiten wurde ich wieder aufmerksam:</p>
<p>&#8220;Elisabeth war eine ungew&#246;hnliche Frau. Sie war kleinw&#252;chsig, aber keine Liliputanerin. So nannte man ja fr&#252;her diese Menschlein mit kurzen Armen und Beinen, die im Zirkus vorgef&#252;hrt wurden. Nein, Betty hatte die Proportionen einer ganz normalen Frau, war aber nur rund einen Meter zwanzig gro&#223;. Ich begegnete ihr an einem Badesee und verliebte mich sofort in sie. Es war ihr Gesicht, das mich anr&#252;hrte. Wie mit einem feinen Stift gezeichnet, mit schwarzen Augen. Ihre Haut war von der Sonne gebr&#228;unt, und sie bewegte sich wie eine T&#228;nzerin. Als sie ins Wasser ging, folgte ich ihr. Sie schwamm weit hinaus und lie&#223; sich auf dem R&#252;cken treiben. Ich tauchte neben ihr auf, sie erschrak und floh mit schnellen Kraulz&#252;gen. Am Ufer blieb sie stehen und sch&#252;ttelte ihr langes, schwarzes Haar. Sie trug einen knappen, feuerroten Bikini. Dann stand ich vor ihr. Sagte irgendeinen Bl&#246;dsinn, etwas in der Art wie &#8216;Erfrischend das Wasser, nicht?&#8217; Betty schaute mich ernst an und nickte. Dass ich mich neben sie legte, nahm sie hin. Ich redete auf sie ein. Sie reagierte am&#252;siert. L&#228;chelte oder zeigte Erstaunen. Dann packte sie. Als sie ihre Sachen verstaut hatte, drehte sie sich zu mir um und sagte mit ihrer erstaunlich tiefen Stimme: &#8216;Morgen wieder hier?&#8217; Ich nickte.<br />
Wir trafen uns in jenem Sommer fast jeden Tag. Am See, im Café oder abends am Fluss. Erst nach zwei, drei Wochen begann sie, von sich zu erz&#228;hlen. Ehrlich gesagt hatte ich mich auch bis dahin nicht getraut, sie auf ihre K&#246;rpergr&#246;&#223;e anzusprechen. Aber eines Abends, wir sa&#223;en auf der Kaimauer und lie&#223;en die Beine &#252;ber dem Strom baumeln, berichtet sie von ihrer Krankheit, die dazu gef&#252;hrt hatte, dass sie nach dem elften Lebensjahr nicht mehr gewachsen war, dass sich aber in der Pubert&#228;t alle Proportionen ausgebildet h&#228;tten wie bei einem Riesen &#8211; so nannte sie Normalw&#252;chsige. Ich war sehr verliebt und konnte in ihrer Gegenwart an kaum etwas anderes denken als daran, mit ihr Liebe zu machen. Nat&#252;rlich war mir bewusst, dass unsere unterschiedlichen Anatomien Probleme machen w&#252;rden, aber wie genau es sein w&#252;rde, dar&#252;ber dachte ich nicht nach.</p>
<p>Erst als der Herbst schon da war, wurde mir bewusst, dass Elisabeth ein ungl&#252;cklicher Mensch war. Diese tiefe Depression hatte aber &#252;berhaupt nichts mit ihrer Kleinw&#252;chsigkeit zu tun, sondern war die Folge von einer langen Strecke an Ungl&#252;ck, die sie hinter sich hatte. Zu diesem Zeitpunkt war sie schon Ende Drei&#223;ig, also gut zehn, elf Jahre &#228;lter als ich. Inzwischen waren wir zu einer Art Liebespaar geworden, k&#252;ssten uns und lagen manchmal stundenlang dicht an dicht auf dem Sofa in ihrer Wohnung. Immer wenn sie meine beginnende Erektion sp&#252;rte, schickte sie mich weg.<br />
Nach und nach lernte ich die schlimme Geschichte ihrer Familie kennen: eine schwache Mutter, ein trinkender Vater, ein Onkel, der sie befummelt hatte, und eine Kette von Trennungen, Umz&#252;gen und Pleiten.<br />
Mit Mitte Zwanzig hatte sie einen &#228;lteren Mann kennen gelernt, einen Italiener, der &#8211; so berichtete sie &#8211; auch blo&#223; einen Meter vierzig gro&#223; war. Ein feiner, wohlhabender Herr, der sie in sein Haus am Comer See aufnahm, beschenkte und verw&#246;hnte. &#8216;Er war reich&#8217;, sagte sie, &#8216;und er gab viel Geld aus. Vittorio erf&#252;llte mir jeden materiellen Wunsch, er verg&#246;tterte mich.&#8217; Und dann geschah etwas, &#252;ber das sie nicht sprechen wollte. Es muss kurz vor Vittorios Tod passiert sein, etwa vier Jahre vor unserer Begegnung, und dessen Sohn hat dabei wohl eine fatale Rolle gespielt. Betty weinte. Ich konnte sie nicht mehr beruhigen. &#8216;Was war denn?&#8217; fragte ich, aber sie wollte oder konnte nicht antworten.</p>
<p>Sp&#228;ter reimte ich mir aus verschiedenen Andeutungen zusammen, dass es der Sohn wohl auf das Geld des Vaters abgesehen hatte. Dass er Betty weghaben wollte. Es muss zu einer schweren Auseinandersetzung gekommen sein. Und dann waren beide tot &#8211; Vittorio und sein Sohn. Sie war geflohen und tr&#228;umte jeder Nacht von jener dramatischen Szene.<br />
&#8216;Wei&#223;t du, Erich&#8217;, sagte sie eines Abends, &#8216;mein Leben ist so durcheinander, dass es nie wieder in Ordnung kommen wird.&#8217; Ich versuchte sie zu beruhigen und zu tr&#246;sten, aber es gelang mir nicht, sie aufzuheitern. &#220;ber den Winter wurde ihr Zustand immer schlimmer. Sie wollte nicht mehr aus dem Haus, zog die Vorh&#228;nge nicht mehr auf, und begann, irgendwelche Medikamente zu nehmen. Von der sch&#246;nen, kleinen Frau war nicht mehr viel &#252;brig. Ihre Haut war fahl geworden, ihr Blick unstet. Es war am siebten Januar als sie mir mitteilte, sie werde freiwillig aus dem Leben scheiden. Immer noch versuchte ich, sie vom Gegenteil zu &#252;berzeugen, aber ihr Entschluss stand fest. &#8216;Ich werde deine Hilfe brauchen&#8217;, sagte sie.</p>
<p>Und in diesem Moment wusste ich genau, was sie von mir verlangen w&#252;rde. Ich ahnte, dass es geschehen w&#252;rde, kannte nur den Tag und die Stunde nicht. Ein paar Tage sp&#228;ter besuchte ich sie. Sie &#246;ffnete und war nackt. Sie umarmte mich. Zog mich aus. Wir legten uns auf den Teppich vor dem gro&#223;en Terrassenfenster. Sie sorgte daf&#252;r, dass ich ausreichend erregt war. Dann legte sie sich auf den R&#252;cken und spreizte die Beine. &#8216;Komm&#8217;, sagte sie nur, &#8216;Tu es.&#8217; Und ich tat, was sie von mir erwartete.<br />
Nein, ich bin nicht zu ihrer Beerdigung gegangen. Ich habe nichts aufbewahrt, was mich an Elisabeth erinnert. Vielleicht habe ich in dieser Sache zum ersten Mal sinnvoll genutzt, was mir die Natur mitgegeben hat. Mehr ist dazu nicht zu sagen.&#8221;</p>
<p>Welche Gef&#252;hle mich nach dieser Lekt&#252;re bewegten, kann ich kaum beschreiben. Ich wollte nicht glauben, dass das, was der Nacktmann da beschrieben hatte, wirklich passiert war. Wahrscheinlich war er blo&#223; ein alter, schmieriger Typ, der sich eklige Geschichten ausdachte.<br />
Ein paar Wochen sp&#228;ter ging ich spazieren. An der Gasse, die zu seinem Haus f&#252;hrte, stand ein Streifenwagen. Und dann sah ich, wie zwei Beamte Erich in Handschellen abf&#252;hrten, verh&#252;llt in eine Wolldecke. Er sah mich und l&#228;chelte mir zu. Im Sp&#228;tsommer zog eine Familie mit zwei kleinen Kindern in das Haus, in dem der Nacktmann gewohnt hatte. </p>
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