Die Seite 11

Helma und Ulrike

Sie liegen nebeneinander auf der Decke in der Sonne und fühlen sich noch einmal so jung wie damals, als sie sich kennenlernten. Wie sie dann mit den Klischees gespielt hatten: Der blonde Engel und die schwarzhaarige Domina. Galten über viele Jahre als das bekannteste Lesbenpaar der Stadt und waren doch nur gute Freundinnen. „Ich bin eine schwedische Finnin“, so stellte sich Helma vor. Und Ulrike sagte dann jedes Mal: „Quatsch! Sie ist eine finnische Schwedin“. Damals war Helma das, was man fraulich nannte, und fühlte sich wohl in ihrem Körper. Ulrike überragte sie um anderthalb Köpfe, dünn, beinahe dürr, mit raspelkurzen Haaren. Trug meist schwarze Jeans und eine dazu passende Motorradjacke. Rauchte schwarzen Tabak und soff Wodka pur. Zusammen sind sie alt geworden. Und haben sich über die Zeit aneinander angeglichen. Nach ihrer langen Krankheit ist Helma abgemagert und lässt sich die weißgrauen Haare immer sehr kurz schneiden. Ulrike hat durch das viele Training Muskeln angesetzt und trägt einen langen, schwarzen Zopf. » ganz lesen

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publiziert am 16.07.16 in Paare ¦ 367x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Adele und Wilhelm

Wenige Tage nach der Beerdigung ihres geliebten Mannes beschloss Adele, sich das Leben zu nehmen. Schon als sie ganz allein hinter dem Wagen mit der Urne ging und später als der Bestatter den Behälter in einem Loch in der Erde versenkte, war ihr der Gedanke gekommen. Wider Erwarten hatte dieser Beschluss nichts Trauriges an sich. Sie saß bei einer Tasse Tee an der offenen Terrassentür, blickte auf den Garten, den sie und Wilhelm einst angelegt und beinahe vierzig Jahre gepflegt hatten, und war heiterer Stimmung. Natürlich dachte sie ständig an ihn, so wie sie in den fast sechsundsechzig Jahren ihrer Ehe immer an ihn gedacht hatte. Immer waren sie ein schönes, aber beinahe unmögliches Paar gewesen, die sie beide im selben Jahr und im selben Monat und nur mit zwei Tagen Abstand voneinander geboren waren. Kaum drei Wochen vor Wilhelms Tod waren sie neunundachtzig Jahre geworden und hatten wie immer gemeinsam an einem Tag gefeiert. Zum ersten Mal allein, denn mit Adeles Schwester Claire war die letzte Verwandte gestorben. » ganz lesen

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publiziert am 14.07.16 in Paare ¦ 348x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Antoine und Inge

Als Antoine ein Dutzend Lammkoteletts bestellte, legte ihm Inge die Hand auf den Unterarm und sah ihn mit leichter Mißbilligung an. Er lachte kurz und mit weit geöffnetem Mund, sodass man die vielen Lücken und Zahnruinen sehen konnte. Das erste Glas Wein leerte er in einem Zug. Wie immer tropfte ihm das Hammelfett aufs Hemd. Auch die Fritten aß er mit den Fingern. Seine Lebensgefährtin hatte eine kleine Portion Moussaka bestellt und stocherte im Auflauf herum. Sie machte sich Sorgen um Antoine. Sie war der Ansicht, in seinem Alter müsse man mehr auf die Gesundheit achten, nur noch in Maßen essen und sich regelmäßige Ruhepausen gönnen. Dabei war ihr Mann nicht im mindesten krank. Wie schon mit neunzehn, zwanzig stach er aus jeder Menschenmenge heraus: Sehr groß, absolut schlank mit einem wilden Haarschopf und einem kaum gestutzten Bart. Seit Jahren durchzogen graue Strähnen sein Haar, und er fand, das mache ihn noch attraktiver. Genau wie seine Narben. » ganz lesen

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publiziert am 12.07.16 in Paare ¦ 319x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Monika und Bernd

Dieser Tage wachte Monika in der beginnenden Morgendämmerung auf stellte fest, dass Bernd auf dem Rücken lag und leiste schnarchte. Sie erschrak und setzte sich auf. In den mehr als 30 Jahren, in denen sie mit ihm das Bett geteilt hatte, war das noch nie geschehen. Immer schlief er auf dem Bauch. Manchmal auch auf seiner rechten Seite, den Arm lang ausgestreckt. Und geschnarcht hatte er noch nie. Monika war schockiert und wusste, dass nichts mehr so sein würde wie zuvor. Leise stand sie auf, um sich einen Tee aufzusetzen. Gegen vier saß sie auf der Terrasse, in eine Decke gewickelt, und hörte den frühen Vögeln zu. » ganz lesen

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publiziert am 11.07.16 in Paare ¦ 296x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Der Igel an den Bären

Nur weil wir beide immer den Winter verschlafen, sind wir noch lange nicht Kollegen. Und du brauchst dir auf deine Größe und deine Kraft nun wirklich nichts einzubilden. So offensiv wie du bist, so defensiv bin ich. Man sagt dir ja nach, alter Brummbär, dass dein Hirn in Relation zur Körpermasse winzig sei. Bei mir ist es umgekehrt. Deshalb hast du über alles gesehen keine Chance gegen mich. Es ist auch bekannt, dass du Gewalt für eine Lösung hältst. Das muss mit deinem kleinen Hirn zusammenhängen, denn wer gern nach vorne geht und draufhaut, hat zweifellos Angst vor der intellektuellen Auseinandersetzung, der er sich nicht gewachsen fühlt. Ich würde trotzdem nicht so weit gehen, dich dumm zu nennen. Und böse bist duch auch nicht. Du kannst an guten Tagen ziemlich nett sein. Außerdem sagen alle übereinstimmend, dass du treu wie Gold bist und deinen Freunden immer beistehst, wenn sie dich brauchen. Das gefällt mir. Aber trotzdem möchte ich nicht dein Freund, nicht einmal dein Kollege sein – wir spielen einfach in zwei ganz unterschiedlichen Ligen. So, und jetzt troll dich bevor ich meine Stacheln ausfahre.

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publiziert am 27.04.16 in Thibaud ¦ 343x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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