Die Seite 11

Zu wenig Morde

Der Vorgesetzte schob Papiere auf seinem Schreibtisch hin und her, um dem Hauptkommissar nicht in die Augen sehen zu müssen. “Sagen Sie, lieber Greiper,” begann er und fixierte dabei den Bildschirm seines Rechners, “wie lange müssen Sie eigentlich noch?” Hauptkommissar Greiper war der Aufforderung nicht gefolgt, Platz zu nehmen, und stand mitten im Raum in Standbein-Spielbeinstellung. Das halt ihm seine aufkeimende Wut zu besänftigen. “Wie meinen Sie das?” Kriminaloberrat Schmörgel wandte sich vom Display ab: “Na, Sie wissen schon, wann Sie pensioniert werden…” Greiper atmetet zweimal sehr tief: “Wollen Sie mich loswerden?” – “Um Himmelswillen, nein! Lieber Herr Greiper, wir alle im Präsidium wissen doch, was wir an Ihnen haben.” Der Hauptkommissar hatte sich nun doch in den Besucherstuhl fallengelassen. “Hören, Sie, Greiper: Wie viele Tötungsdelikte hatten wir im vergangenen Jahr in der Stadt? Also, in wie vielen Fällen gab es einen Anfangsverdacht, sodass Ermittlungen eingeleitet wurden?” – “Das wissen Sie so gut wie ich,” knurrte Greiper. “Siebzehn, es waren siebzehn Fälle. In elf davon kam es zu Ermittlungen über den Tathergang, und in genau sieben Fällen führten diese zu Ergreifung des Täters. Macht weniger als einen Fall pro Monat.” » ganz lesen

publiziert am 06.06.11 in Exil am Platz ¦ 150x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Schwarze Höhle

Die Bar war nur noch eine schwarze Höhle. Greiper kannte sich mit so etwas aus. Zwischen seinem abgebrochenen Studium und dem Eintritt in den kriminalpolizeilichen Dienst hatte er unter anderem bei einem Unternehmen gejobbt, das Schadensanierung betrieb. Die Firma arbeitete hauptsächlich als Dienstleister für Versicherungen und hatte die Aufgabe, durch Reinigen und Aufarbeiten von Sachen die Summe zu verringern, die an den Geschädigten hätte gezahlt werden müssen. Robert war Teil einer so genannten Putztruppe, die nach Brand- und Wasserschäden zum Einsatz kam. In ihren quietschgelben Schutzanzügen gingen die Männer zum Beispiel in eine ausgebrannte Wohnung und holten alles raus, was mit sinnvollem Aufwand wiederherzustellen war. Aus dieser Zeit wusste er, dass es der Geruch ist, der eine solche Brandstelle für normale Leute so unerträglich macht. Als der Hauptkommissar nun vor dem dunklen Loch stand, das vorher ein Lokal gewesen war, nahm er als erstes diesen vertrauten Gestank wahr. Er ließ sich einen Schutzanzug geben, zog den an und ging hinein. » ganz lesen

publiziert am 30.05.11 in Exil am Platz ¦ 145x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Entkleidet

Früher schenkte Moni da das beste Altbier aus. Die Gäste waren über die Jahre dieselben geblieben im Schankraum hinter gelben Butzenscheiben. Dann starb der erste, vier, fünf Jahre später der nächste, und irgendwann war Moni fast allein und gab auf. Junge Russen richteten eine Cocktail-Bar ein. Zwei Sommer lang traf sich die vorwiegend aus Kasachstan eingewanderte Jugend dort. Man hörte eine Art Techno-Musik. Ständig gab es Ärger mit der Polizei, und als im September eine Razzia einige Dutzend Kilo unterschiedlichster Pillen und Kokain gefunden wurden, gaben die jungen Russen auf. Ältere Bewohner des Viertels wussten zu berichten, dass im Eckhaus früher ein Laden untergebracht war, Gemischtwaren. Andere meinten, das stimme nicht, es habe sich um eine Parterrewohnung gehandelt. Das, dachte Greiper, wird den neuen Betreibern egal gewesen sein, die hier nun Softdrinks und Shishas anboten, sodass die angrenzenden Häuserblocks im Sommer vom süßlich parfümierten Rauch durchzogen wurden. Wenn Jungmänner auf Schemeln vor der Tür hockten, an den Mundstücken der Wasserpfeifen sogen und sich laut miteinander unterhielten. » ganz lesen

publiziert am 22.05.11 in Exil am Platz ¦ 171x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Fackeln

Als Elle am Uhrenfeld in den Park einbog bei ihrem morgendlichen Dauerlauf, war es noch nicht ganz hell. Am Weiher zerrte eine ältere Dame ihren Schosshunder hinter sich her. Es roch nach den Grillorgien des Vorabends, und der asphaltierte Hauptweg war mit Scherben übersät. Sie wählte die Strecke ganz außen, entlang des Bachs. Über der Ballonwiese schwebte ein bisschen Dunst. Dann sah Elle das grelle Lodern: Am anderen Ende brannte eine Pappel. Lichterloh wie eine Fackel. Helle Flammen an den Ästen, ein schwacher Rauch zog nach oben ab. Nie hatte sie ihr Handy dabei, wenn sie es gebraucht hätte. Auch nicht an diesem Morgen. » ganz lesen

publiziert am 05.05.11 in Exil am Platz ¦ 182x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Wie viele?

Sie hatten Hauptkommissar Greiper aus dem Schlaf geklingelt als gerade die Sonne über dem Park aufging nach einer kurzen, heißen Sommernacht. Er hatte bis Mitternacht Bereitschaftsdienst geschoben, war dann noch auf ein Bier im Antoniushof eingekehrt und hatte zuhause noch bis gegen drei mit einer Flasche Wodka auf der Terrasse gesessen. Über dem unteren Rheinwerft stand eine fette Rauchwolke. Der Wagen des Einsatzleiters stand noch da und ließ das Blaulicht blinken. Die Löschfahrzeuge waren schon weg. Zwei Feuerwehrleute hockten vor dem ausgebrannten Reisemobil, ein Streifenkollege hatte sich ein wenig abseits auf einen Poller gesetzt und rauchte. Greiper ging zu ihm rüber: “Waren Leute drin?” Der Polizist nickte. “Wie viele?” Sein Kollege zuckte die Schultern und zeigte auf den Brandmeister am roten VW-Transporter. Einer der Männer am Wrack stocherte mit einem Haken in den qualmenden Trümmern. “Morgen. Sieht nach explodierten Gasflaschen aus.” » ganz lesen

publiziert am 30.04.11 in Exil am Platz ¦ 196x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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