Die Seite 11

Die Familie J. (2)

Die Mutter hatte Jennifer bei ihrer Schwester in Stolberg untergebracht. Tante Maria hatte eine Schneiderei mit drei Angestellten und fertigte vor allem Hochzeitskleider für das Landvolk in der Umgebung. Ihr Ruf reichte bis rüber nach Belgien. Und obwohl Jenny keine formale Schulausbildung hatte, nahm Maria sie als Lehrling an und ermöglichte es ihr, neben bei den Hauptschulabschluss nachzuholen. Für die Sechzehnjährige war das Leben in der kleinen Stadt unter diesen Bedingungen sehr anstrengend, aber immer noch besser als die letzten Jahre in der Kommune. Sie lernte Normalität kennen. Aber bald eckte sie regelmäßig mit ihrem Verhalten an, das durch eine Kindheit in der Sekte, die völlig außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft existiert hatte, geprägt war. Freiheit war der zentrale Begriff, den sie gelernt hatte, obwohl es unter dem Regime des Gurus individuelle Freiheiten nicht gegeben hatte. Aber mit allem, was man so tat, wie man sich benahm und kleidete, hatte sie Probleme. Hippie-Schlampe war noch die netteste Bezeichnung, die Gleichaltrige für sie hatten. Nur die Kolleginnen, lauter Frauen, deren Familien aus dem mittleren Osten stammten, nahmen keinen Anstoß an Jennys ungewöhnlichen Tun. » ganz lesen

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publiziert am 17.12.16 in Paare ¦ 268x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Die Familie J. (1)

Er umklammert das Lenkrad, dass die Knöchel weiß werden. Ist wütend, weil er gar nicht hier sein will im Stau. Jetzt stehen sie schon seit fünfunddreißig Minuten auf der A5. Umgeben von lauter anderen Idioten mit merkwürdigen Kennzeichen. Jennifer lehnt benommen auf dem Beifahrersitz an der Seitenscheibe. Die Kinder hängen stumm in ihren Isofix-Sitzen auf der Rückbank. Nachdem sie sich vorher gut zwei Stunden nur gestritten haben, sich gegenseitig das Spielzeug an die Köpfe geworfen, geweint, geschrien. Die Klimaanlage schafft es kaum noch, die Hitze draußen zu halten. Das Außenthermometer zeigt fast fünfunddreißig Grad an diesem ersten Ferientag in dieser Region. Jens fand die Idee von Anfang blöd. Ihre erste gemeinsame Reise nach so vielen Jahren noch einmal zu machen, dieses Mal mit den Kindern. Ihn reizte es überhaupt nicht, noch einmal auf der Insel Camping zu machen. Damals war es gut, aber es würde sich nicht wiederholen lassen. Die Fähre in Genua würden sie ohnehin nicht mehr pünktlich erreichen, aber man kann ja jetzt online umbuchen. » ganz lesen

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publiziert am 14.12.16 in Paare ¦ 252x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Wietten und die Tilde (Schluss)

Gerti wollte nachholen. Wollte alles und das sofort. Und vor allem ein Kind von ihm. Denn sie war schon beinahe fünfzig und zählte die Tage bis zum Ende ihrer Fruchtbarkeit. Jensen hat drei oder vier Kinder. Zwei aus der ersten Ehe, eins aus der zweiten. Die Große dürfte inzwischen auch schon gut fünfzig Jahre alt sein. Er hat keinen Kontakt mit ihr und den beiden anderen Töchtern auch nicht. Sie haben nie nach ihm gesucht, er nicht nach ihnen. Ob der Sohn, den Renate vor dreißig Jahren geboren hat, von ihm war, stand nicht fest. Er hatte zwanzig Jahre lang ungefragt und freiwillig Unterhalt gezahlt, lehnte es aber ab, dem Jungen ein Vater zu sein. Und mit Mitte Sechzig wollte er schon gar nicht noch einmal mit Nachwuchs konfrontiert sein. Gerti nahm ihm das übel. Wie sie ihm auch übel nahm, dass er sie nicht auf jede seiner vielen beruflichen Reisen mitnahm. Sie fand dann nach ein paar Jahren, dass Alkohol doch eine Lösung sein könnte. Die Psychosen kamen schleichend, und Jensen merkte nur, dass irgendetwas nicht mehr in Ordnung war. Sie schrie ihn nun beinahe jedes Mal an, wenn er daheim war. Weinte und kreischte und warf mit Gegenständen. » ganz lesen

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publiziert am 09.12.16 in Paare ¦ 244x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Wietten und die Tilde (9)

Die lange, lange Brücke über den Sund, schneller Wolkenzug, und dann nach Nordwesten. Ich habe keinen Führerschein, hatte sie gesagt. Und ließ sich von ihm fahren. Früher, da war er mit ein paar Kumpels eben mal schnell nach Marseille gerauscht über Nacht. Im Hafen einen Kaffee getrunken, und wieder zurück. Sechzehn Stunden unterwegs. Oder mit dem alten Käfer in einer Tour zurück von Bilbao. Praktisch ohne Pause. Jetzt brauchte er alle drei Stunden einen Zwischenstopp. Kurz vor H. hatten sie die erste Rast eingelegt. Tilde war schweigsamer als sonst. Bei F. bat sie ihn, kurz in die Stadt zu fahren, sie brauche ein paar Sachen. Lass mich bitte allein einkaufen. Kam zurück mit einem großen Wanderrucksack, offensichtlich gefüllt mit neuer Kleidung für den Urlaub. Hinter G. bogen sie von der Schnellstraße ab. Dann durch die Wälder. Eine Piste, die über zehn Kilometer schnurgerade, aber auf und ab führte, dass ihm schwindelig wurde. Der See lag still, es war zu kühl für die Jahreszeit, sodass er als erstes den Kanonenofen befeuerte. » ganz lesen

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publiziert am 06.12.16 in Paare ¦ 252x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Wietten und die Tilde (8)

Der Tag war ein Schwarzweißfilm. Am Bahnhofsplatz brachte die rotgelbe Reklame des Schnellrestaurants Farbe ins Bild. Natürlich war Wietten zu früh. Er nahm an, dass sie nur ein schmales Zeitfenster rund um die vereinbarte Uhrzeit anbieten würde. Dass sie sofort verschwinden würde, wenn er nicht zwischen Viertel vor und Viertel nach auftauchte. Erst jetzt nahm er wahr, dass er sich passend zum diesigen Wetter gekleidet hatte und sich in seinem schlammfarbenen Mantel kaum von den umgebenden Gebäuden abhob. Also stellte er sich exakt in die Mitte des Platzes, während die Pendler und die Touristen an ihm vorbeiströmten. Die riesige Kirche mit den spitzen Türmen deprimierte ihn. Wie ihn diese verbaute Stadt am großen Strom mit ihren lärmenden Bewohnern immer schon deprimiert hatte. Seinen letzten Kunden in K. hatte er verloren, weil er es nicht lassen konnte, schlecht über den Ort und seine Bürger zu reden. » ganz lesen

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publiziert am 01.12.16 in Paare ¦ 251x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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