Die Seite 13

Letzte Arbeit (4)

Es ist Freitag, und sie hat beschlossen, übers Wochenende nach Frankfurt zu fahren, dort zweimal zu übernachten, um sich die Stadt endlich ein wenig anzuschauen, und dann am Montag dieses ganztägige Meeting bei der Bank zu absolvieren. Albert ist ohnehin ab Mittag unterwegs nach Leverkusen zu diesem Jazz-Konzert, sodass sie deb Abend nicht miteinander verbringen würden. Wie sie überhaupt nicht unbedingt jeden Abend miteinander verbringen müssen. Das ist etwas, was sie an ihm auch schätzt, dass er sie in Ruhe lassen kann und es auch braucht in Ruhe gelassen zu werden. Jörg war da anders, weil er der Ansicht war, Paare hätten gemeinsam aufzutreten. Wann immer sie eingeladen war: Jörg wollte mit. Und wer eine Veranstaltung zu besuchen hatte, bestand er darauf, dass sie ih begleitet. Vermutlich gehörte das zu seinem Statusdenken, dass er als erwachsener Mann nun mal mit einer Frau an seiner Seite anzutreten habe. Gerade in den letzten Jahren wäre sie ein paar Mal gern allein gereist, aber Jörg verstand es, ihr das auszureden oder sich einfach dazwischen zu drängen. » ganz lesen

publiziert am 09.12.15 in Letzte Arbeit,Paare ¦ 405x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Letzte Arbeit (3)

Jörg war kühl, Albert dagegen warm. Aber bis zur ersten Nacht mit Albert hatte sie nicht geahnt, wie sehr ihr die Wärme zuvor gefehlt hatte. Seine Wärme war nicht nur eine körperliche, sondern eine allumfassende. Wenn sie ihn sah, wurde ihr warm ums Herz, wie in einem Liebesroman. Immer wollte sie ihn berühren, und er ließ das im Gegensatz zu Jörg nicht nur zu, sondern freute sich über ihre Zuwendung. Ihr Leben veränderte sich, weil sich der Sinn dieses Lebens änderte. Ohne dass sie es so gewollt hätte, stockte ihre Karriere, aber durch ihr Fachwissen und die lange Erfahrung war sie für die Firma unverzichtbar, und man ließ sie trotz mangelnden Ehrgeizes in Ruhe. Sie zog in die Stadt, nahm eine ziemlich schicke Wohnung nahe des Zentrum, ganz oben mit einer Dachterrasse, von der aus man auf der einen Seite bis zum Rhein und auf anderen bis zu den ersten Hügeln des Bergischen Landes sehen konnte. Albert wohnte anfangs noch in einem kleinen Appartement in der Altstadt, zog aber nach ein paar Wochen zu ihr, und sie wurden ein Paar, bildeten eine Lebensgemeinschaft. » ganz lesen

publiziert am 08.12.15 in Letzte Arbeit,Paare ¦ 418x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Letzte Arbeit (2)

Sie erledigte das Studium wie eine Maschine: mit gleichmäßiger Energie in gleichförmigen Abläufen und vollkommener Konzentration. Da ihr an Parties, an Abenden in Gastwirtschaften, überhaupt an den üblichen Freizeitvergnügungen anderer Studenten wenig gelegen war, überholte sie die Kommilitonen mit Leichtigkeit, erwarb das Diplom vorzeitig mit Bestnote und Auszeichnung und fand unter diesen Voraussetzungen umgehend einen Job. Dass sie in ihrer Heimatstadt bleiben und weiter bei den Eltern wohnen konnte, nahm sie ohne große Begeisterung hin. Rasch wurde sie zur Hoffnungsträgerin ihrer Abteilung und erfuhr von allen Vorgesetzten jegliche Förderung. Weil sie zudem als einzige Kollegin nichts gegen viele Reisen hatte, machte sie innerhalb von kaum drei Jahren Karriere. Allerdings löste ihr unverhandelbarer Wunsch nach einer Netzkarte für die Bahn anstelle des ihr zustehenden Dienstwagens der gehobenen Mittelklasse zumindest in der Personalabteilung Verwunderung aus. Und weil sie ungern flog, fuhr sie auch Ziele mit dem Zug an, die sie mit dem Flugzeug schneller und bequemer erreicht hätte. Ja, um beispielsweise nach Rom zu kommen, nahm sie einen Tag Urlaub, den sie dann in deutschen und italienischen Zügen verbrachte. Die Rückfahrt lag ohnehin auf eimem Wochenende. Irgendwann lernte sie Jörg kennen, und zwischen ihr und ihm entwickelte sich etwas. » ganz lesen

publiziert am 06.12.15 in Letzte Arbeit,Paare ¦ 399x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Letzte Arbeit (1)

Als sie die Stelle im Park gefunden hatte, der Zaun kaum zehn Metern von den Ferngleisen entfernt, stellte sie fest, dass der ICE schreit, wenn er vorbeifährt. Ein völlig anderes Geräusch als ein IC mit Lok vorne oder ein Regionalexpress oder gar die S-Bahn. Ein hoher Schrei, der ankommt, wenn der Zug ins Blickfeld gerät, dann anhält bis zum letzten Waggon. Kein Schmerzensschrei, sondern ein selbstbewusstes Geräusch wie ein Tier, das so sein Revier markiert. Dann kam sie öfters hierher, wusste nach einiger Zeit ungefähr, wann ein Express vorbei raste. Sie fuhr gern mit der Eisenbahn, schon seit Kindheitstagen. Liebte Bahnhöfe, und Opa nahm sie manchmal sonntags mit. Dann lösten sie an der Sperre Bahnsteigkarten für zehn Pfennige und marschierten wie selbstverständlich zu den Gleisen 11 und 12, wo der TEE mit laufender Dieselmaschine auf seine Abfahrt wartete und die feinen Leute einstiegen, um über Köln den Rhein entlang, ander Loreley vorbei in ferne Länder zu reisen. Ein paar Mal war sie mit den Eltern nach Bocholt gefahren, wo Vater einen Kriegskameraden besuchte. Die Strecke wurde von einer Dampflok bedient, die drei oder vier Waggons schleppte. Der Rhythmus, mit dem der Dampf aus dem Schlot gestoßen wurde, vom Wind gedrückt, sich auflösend an den Fenstern vorbeizog. Der Rhythmus der Schienestöße, das Pfeifen der Lok an den vielen Bahnübergängen. Und dann das Ablassen des Dampfes im Bahnhof wie ein Ausatmen. Später dann das Brummen des Schienenbusses, der die nicht elektrifizierten Strecke übernahm und einen ganzen anderen Gerucht trug. » ganz lesen

publiziert am 01.12.15 in Letzte Arbeit,Paare ¦ 413x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Getrennte Wege (2)

Das Dumme an diesem Abschied war, dass ich sie danach über zehn Jahre lang nicht wieder sah. Sie hatte bereits gekündigt und war, das erfuhr ich von Kollegen, nach Amerika gegangen. Wollte dort irgendwas mit Theater machen. Ich lernte D. kennen. Zwei Jahre später wurde mein Sohn geboren. Wir heirateten, und ich machte mich selbstständig. Weitere drei Jahre danach kam die Tochter. Getrennt haben wir uns sieben Jahre später. Einigermaßen im Frieden. Da hatte ich ein Appartement mit großer Terrasse im In-Viertel F. gefunden. Mein Büro war Teil einer Gemeinschaft, in der ich Untermieter war. Am liebsten ging ich zu Fuß zur Arbeit. Morgens gab mir die Strecke Gelegenheit, wach zu werden und mich für den Tag zu sortieren. Abends verarbeitete ich, was über Tag geschehen war. Nur ganz selten ging ich die dreißig Minuten mit offenen Augen und offenem Sinn. » ganz lesen

publiziert am 29.11.15 in Paare,Stadtgeschichten ¦ 410x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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