Die Seite 13

Katastrophen

“Es riecht nach Katastrophe”, sagte Thibaud und sah sich in der Runde um. “Als ich heute morgen gegen halb sechs halb wach da lag, hörte ich ein dumpfes Grollen. Geräusche tief fliegender Passagierjets, die Kreise über der Stadt zogen. Dann begannen die Sirenen der Feuerwehr zu schreien. Es würde ein Unglück geben, da war ich mir sicher. Schlief aber wieder ein.” Keiner von uns reagierte, vielleicht weil alle auf eine Fortsetzung warteten. Tatsächlich fuhr er fort. “Vor nicht langer Zeit war ich mir eines Nacht auch völlig sicher, dass es zu einer Katastrophe kommen würde. » ganz lesen

publiziert am 16.09.09 in Thibaud ¦ 1468x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Nacktmann IV

dickerDann mied ich den Nacktmann über Wochen. Inzwischen sah ich ihn nur noch selten in seinem Garten sitzen, denn die ersten Herbsttage waren nass und kühl. Damals steckte ich tief in einem Projekt und verließ das Haus nur noch zum Einkaufen. Eines Tages lag ein dicker Umschlag ohne Absender im Briefkasten. Später riss ich ihn auf und fand einen Brief und einen Stapel eng bedruckter Blätter. “Lieber Thibaud, nachdem du mich ja nicht mehr besuchst, möchte ich dir die Geschichte meines Lebens in schriftlicher Form überreichen. Ich habe das Gefühl, die Sache geht nicht mehr lange gut, will aber, dass die Geschehnisse der Nachwelt übermittelt werden. Dass du das tust, ist mein letzter Wunsch an dich.” Ich wurde wütend. Was dachte sich dieser eklige Exhibitionist eigentlich, mich so zu vereinnahmen? Sein Manuskript landete auf einem Stapel Papiere, und ich dachte bis zum nächsten Frühjahr nicht daran und auch nicht an den Nacktmann. » ganz lesen

publiziert am 26.06.09 in Thibaud ¦ 4042x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Testament

Wenige Tage bevor Thibaud nach Amerika verschwand, hatte er mich abends besucht. Er sah bedrückt aus und hielt sich gar nicht erst mit Smalltalk auf. “Weißt du,” begann er, “ich habe mir Gedanken über mein Sterben und das Danach gemacht. Ich würde das Ergebnis nicht mein Testament nennen, sondern eine Wunschliste an den Tod.” Ich erschrak, und in den ersten Tag nach seinem Verschwinden dachte ich manchmal, er habe sich umgebracht. Aber dagegen sprach, was er mir sagte: » ganz lesen

publiziert am 08.05.09 in Thibaud ¦ 1021x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Nacktmann III

nacktmann_3Der Sommer wurde täglich ein bisschen heißer. An einem Mittwoch, ich hatte den ganzen Tag an einem quälenden Text gearbeitet, verließ ich gegen sechs die Wohung, um einen Spaziergang über die Felder zu machen. Ich wählte den Weg unter den Kastanien, denn die Sonne stand noch recht hoch, und ich brauchte den Schatten. Was mich genau getrieben hat, kann ich nicht sagen, aber auf dem Rückweg bog ich in die Gasse ein, die an Erichs Bungalow vorbeiführte. Ich klingelte. Nach einiger Zeit sah ich eine Gestalt hinter der Milchglastür. Es war Maria. Sie war nackt. Ohne eine Miene zu verziehen ließ sie mich ein und wies mit den Weg durch den Wohnraum auf die Terrasse. Dort saß der Nacktmann. Als er mich sah, stand er auf, lächelte und sagte: “Ich wusste, dass du wiederkommen würdest. Schön dass du da bist.” Ich gab ihm die Hand. “Übrigens, ich denke, es wäre gut, wenn du heute auch unbekleidet wärst. Quasi aus Solidarität.” Nun ist es so, dass ich mich sehr ungern vor anderen Menschen nackt zeige. Es wird damit zu tun haben, dass ich meinen Körper nicht besonders ansehnlich finde. Jedenfalls habe ich es seit meiner frühen Jugend vermieden, dass mich jemand beim Duschen beobachtet. Nacktbaden oder Sauna käme für mich nie in Frage. Es ist nicht so, dass ich mich schäme, mir wird bei der Vorstellung, nackt herumzulaufen, einfach unwohl. » ganz lesen

publiziert am 23.04.09 in Thibaud ¦ 2431x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Der Haken

knabenhaftDer letzte Brief, den Thibaud aus Kalifornien schrieb, ging nicht an uns. Wir hatten schon mehr als ein halbes Jahr nichts mehr von ihm gehört, und keiner von uns hatte eine Adresse oder eine Telefonnummer von ihm. Wir waren sicher, dass er sein Glück bei Deborah gefunden hatte und wir ihn nie wiedersehen würden. Dann waren wir alle bei der Geburtstagsparty von Olivia, die sehr geheimnisvoll tat. Es werde jemand erscheinen, mit dem wir nicht gerechnet hätten. Alle dachten insgeheim, dass es sich nur um Thibaud handeln könne. Auch ich war ein wenig enttäuscht, als uns Olivia gegen Mitternacht eine schmale Frau unbestimmbaren Alters als Ehrengast vorstellte und sagte: “Das ist Gulla. Einige von euch werden Sie noch kennen.” Ich erinnerte mich an diesen merkwürdigen Urlaub in Dänemark und an die Affäre, die Thibaud mit dem knabenhaften Mädchen hatte. Sie bat um unsere Aufmerksamkeit: “Thibaud hat mir geschrieben. Ich denke, es ist in Ordnung, dass ich euch seinen Brief vorlese, obwohl er persönlich an mich gerichtet ist.” » ganz lesen

publiziert am 07.04.09 in Thibaud ¦ 1370x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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