Die Seite 14

William Williams

Der schwere Mann mit der auffallend dunklen Hautfarbe saß im senfgelben, dreiteiligen Anzug auf der Bank neben dem Bolzkäfig und aß ein Butterbrot. Die sonne brannte mittagsheiß, und ab und an wischte er sich mit einem weißen Tuch den Schweiß von der Glatze. Hauptkommissar Greiper hatte sich der Hitze entsprechend gekleidet: Bermudas, weites Leinenhemd und Sandalen. Er ging auf den Afrikaner zu und fragte: “Darf ich mich zu ihnen setzen?” William Williams machte eine einladende Handbewegung. Die Männer saßen eine Weile schweigend nebeneinander und beobachteten die Mütter auf dem Spielplatz, die miteinander traschten, während ihre Kinder im Matschkasten spielten. Greiper begann: “Wie lange sind Sie eigentlich schon hier?” Williams blickte weiter geradeaus: “Wo? Hier auf der Bank? Hier am Platz? Oder hier im Viertel?” – “Nein, wie lange Sie schon in Deutschland sind…” Der Mann im Anzug wandte sich Greiper zu und sah ihn ernst an: “Im Oktober werden es 49 Jahre – vermutlich länger als sie auf der Welt sind.” Der Hauptkommissar versuchte, die peinliche Situation zu entschärfen: “Sie schmeicheln mir. Im November feiere ich meine Sechzigsten”. Williams holte ein Päckchen Kaugummi aus der Sakkotasche und bot Greiper einen Streifen an. “Nein, danke. Mögen Sie mir erzählen, wie Sie nach Deutschland gekommen sind?” » ganz lesen

publiziert am 10.08.11 in Exil am Platz ¦ 99x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Jägerschnitzel

Elle saß schon am Ecktisch und nippte an der Weißweinschorle als Robert den A-Hof betrat. Er nahm die Mütze ab, warf sie auf die Bank und küsste sie auf den Mund. “Je später der Abends…”, sagte Elle und grinste ihn an. “Moment: Genau acht Minuten zu spät. Das ist innerhalb der Toleranz.” – “Und gesoffen hat er auch schon”. Robert hatte sich hinter den Tisch geschoben: “Nicht was du denkst. Verhör in der Kneipe von Branko. Bier konnte ich nicht ablehnen, aber den Schnaps habe ich nicht genommen.” Elle lächelte verständnisvoll, während er nach der Speisekarte griff. “Wieso guckst du nach, Liebster? Du nimmst doch eh immer dasselbe…” Da hatte sie Recht, und der Hauptkommissar klappte die in Kunstleder gebundene Karte schwungvoll zu. “Hast du schon gewählt? Lass mich raten: Den großen Salat mit gegrilltem Fisch. Richtig?” Elle nickte. Robert würde natürlich wieder das Jägerschnitzel mit Pommes bestellen. Wie oft hatte sie im schon erklärt, was alles ungesund war an diesem Gericht. Aber er liebte das panierte Fleisch und die frittierten Kartoffelstäbchen. Jedes Mal nach dem Leeren des Tellers sagte er, dass das Schnitzel und die Fritten klasse gewesen seien, aber die Sosse, na ja… Und warum bestellst du dann nicht einfach Schnitzel Wiener Art? gab sie jedes Mal zurück. Und er antwortete dann: Trocken krieg ich das nicht runter. Jetzt hatte ihm die schweigsame Kellnerin, die Stunden draußen vor der Eingangstür mit dem Rauchen zubrachte, ein Bier hingestellt und sah ihn fragend an. » ganz lesen

publiziert am 08.08.11 in Exil am Platz ¦ 96x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Welcher Krebs

Wie aus dem Nichts, wie ein Wedergänger, wie ein vom Tode Auferstandener erschien Thibaud eines Abends im Gasthaus. Jahre waren vergangen, und die Gruppe hatten schon einige Tote zu beklagen. Erhard war erst vor wenigen Monaten bei einem Unfall ums Leben gekommen. Die Beerdigung von Moni war auch erst sieben, acht Wochen her. Thibaud sah dagegen besser aus als lange Zeit zuvor. Als wäre er zwischendurch von einer Kur in die nächste gewechselt. Er setzte sich auf seinen angestammten Platz, blickte in die Runde und fragte: Na, wie ist es euch ergangen? » ganz lesen

publiziert am 03.08.11 in Thibaud ¦ 112x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Diese Leute

Kriminaloberrat Schmörgel hatte Greiper an der Raucherecke aufgelauert: “Haben Sie schon Ergebnisse zu dieser Bombengeschichte?” Sein Untergebener hatte sich zu den Kollegen gesellt, die dort standen, qualmten und quatschten. Jetzt drehte er sich langsam um und sah dem Oberrat direkt in die Augen: “Nein. Ich ermittle noch.” – “Kann doch nicht so schwer sein,” gab Schmörgel zurück, “wenn eine Shisha-Bar abgefackelt wird, dann wird es um irgendeine Fehde zwischen Türken, Kurden, Albaner und Libanesen und was da noch so rumläuft handeln.” Greiper trat einen halben Schritt zurück: “Meinen Sie das ernst?” Der Kriminaloberrat stockte kurz. “Na ja, wird schon irgendwie mit dem erhöhten Gewaltpotenzial dieser Leute zusammenhängen. Vielleicht auch ein bisschen organisiertes Verbrechen. Soll ich die Kollegen vom zuständigen Dezernat einbinden?” Greiper schüttelte den Kopf und fragte: “Wo wohnen Sie eigentlich? Im feinen Viertel auf der anderen Flußseite? Im Villenvorort? Oder da am Park, wo die Bonzen und Schnösel hausen?” Er hob die Stimme: “Oder sind Sie auch bloß so’n verkappter Rassist?” » ganz lesen

publiziert am 30.07.11 in Exil am Platz ¦ 123x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Aufklärer

“Hör mal, Jung, ich sach dir watt”, begann Walter Hinz und leerte das Bierglas mit zwei Schlucken bis zur Hälfte, “ich bin Aufklärer. Nich was du denkst. Hab ich gelernt. In der Wehrmacht. Feindaufklärer.” Der alte Mann knetete den erkalteten Zigarrenstummeln zwischen Daumen und Zeigefinger, und Hauptkommissar Greiper sah, dass er das wohl regelmäßig tat, denn die Haut dort war fast schwarz vom Teer. “Ich seh alles, ich weiß alles, aber ich sach nicht alles.” Greiper ließ ihn reden. “In der Nacht als es gerummst hat, weißte, da hab ich so gegen halb vier noch mal die Straße observiert.” Er blickte weiter geradeaus über den Tresen auf das Regal mit den Spirituosen. Trank das Glas leer. Branko stellte zwei frische Alt vor die beiden Männer hin. Die Kneipe war leer bis auf Greiper und Hinz und den Örtzel, der hier sein kostenloses Mittagessen genoß. “Glaubste nicht, aber ich war in Stalingrad. Bin mit nem Kameraden auf diesen Turm ab Hafen geklettert. Von da haben wir alles gesehen und alle zwei Stunden Bericht gemacht. Übers Feldtelefon. Direkt an General Paulus. Auch’n Schnaps?” Greiper schüttelte den Kopf. » ganz lesen

publiziert am 29.07.11 in Exil am Platz ¦ 134x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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