Die Seite 15

Oder nie (53)

Peter steht im Dunkeln vor der Tür zum Labor. Er findet das Schlüsselloch, aber sein Schlüssel passt nicht. Er macht Licht mit ein paar Zündhölzern, die er gleichzeitig abbrennt. Ein brandneues Schloß ist das, nicht mehr das alte, bronzefarbene. Man hat ihn ausgesperrt. Wütend rüttelt er an der Tür und tritt dagegen. Flucht laut. Der Whiskey befeuert ihn. Überlegt, eine Scheibe einzuschlagen, um einzusteigen, aber er weiß, dass die Fenster alle durch Sensoren gesichert sind. Und das wäre das Letzte, was ihm nich fehlt, von der Polizei verhaftet zu werden als Einbrecher. Auf der Rückseite, am Zaun zum Bahngelände müsste es noch eine Tür geben. Er schleicht um das längliche, eingeschossige Gebäude. An der Ecke fällt ein wenig Licht von der Beleuchtung der Gleise aufs Gelände. Dann wieder tiefe Dunkelheit. Er macht einen Schritt, aber das ist kein Boden unter seinen Füßen. Stürzt rücklings. Eine Böschung, unten ein stinkender Graben. Sein Parka ist an einem Stacheldraht hängengeblieben, der rechte Ärmel von oben nach unten aufgerissen. Er ist mit dem rechten Unterschenkel schwer auf einen Stein geschlagen. Schwer atmend bleibt er erst einmal sitzen im Abwasser. » ganz lesen

publiziert am 25.08.15 in Oder nie ¦ 417x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (52)

An der Metrostation Alesia kommen sie wieder an die Oberfläche. Marjolein sieht noch blasser aus als bei ihrer Begegnung im Park. „Das hat mir nicht gefallen“, sagt sie, „nicht weil ich mich gegruselt habe, sondern weil ich mich frage, ob man wirklich die Überreste von Toten zur Schau stellen sollte. Was ist mit der Würde der gestorbenen Menschen?“ Peter zuckt die Achseln: „Ob die Würde hatten als sie noch lebten. Für mich sind das bloß Knochen, aus denen Bilder entstehen.“ Dann: „Leben deine Eltern noch?“ Sie gehen ein paar Schritte über den Markt, auf dem nicht viel los ist am späten Nachmittag. „Nein. Ich kenne meine Eltern gar nicht. Die sind verunglückt, da war ich gerade mal drei Monate alt. Meine Adoptiveltern sind sehr viel jünger als es meine leiblichen Eltern waren. Mutter ist ja gerade mal fünfzehn Jahr älter als ich. Manchmal kommen sie mir nicht vor wie Eltern, sondern wie ältere Freunde. Sie unterstützen mich bei allem, was ich tue. Bedingungslos.“ – „Gehst du manchmal ans Grab deiner richtigen Eltern?“ Wieder dauert es einige Schritte bis zu ihrer Antwort. „Nein. Sie sind auf Aruba begraben. Als ich zwölf oder dreizehn war, sind meine Eltern mal mit mir dorthin geflogen. Von Kuba aus. Da haben wir Ferien gemacht. Ich habe nichts empfunden als ich vor dem Grab stand. Zwei Fremde, die noch nicht mal meinen Namen trugen.“ » ganz lesen

publiziert am 23.08.15 in Oder nie ¦ 460x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (51)

Geht zu Fuß den ganzen weiten Weg nach Belleville in die Rue des Rigoles. Es ist seine Abschiedstour, und er möchte Edith noch einmal treffen. Er schellt, aber die Concierge öffnet nicht. Weiter zu Claude. Zum U Pinu ein paar Blocks weiter. Aber das Bistro hat geschlossen. Wegen einer Familienangelegenheit, wie der Zettel am Rollgiter bekanntgibt. Weiter in die Rue du Dessous des Berges. Vielleicht ist Minh Chau zuhause und schon wach. Drei Stunden ist er jetzt schon auf den Beinen, und es tut gut, den leichten Schmerz in den Füßen zu spüren, diese erste Erschöpfung, wenn man geht und geht und geht und sich zwischendurch nie hinsetzt. Er verläuft sich im Viertel. Dann steht er vor der schmalen, blauen Eisentür und tastet nach dem Schlüssel. Aber der ist nicht an der üblichen Stelle. Er nimmt ein schnelles, zweites Frühstück im Café neben dem Chez Trassoudaine, das um diese Uhrzeit noch geschlossen hat. Im Parc de Choisy setzt er sich auf eine Bank. Eine angebrochene Packung Gauloises hat er noch in der Innentasche des Parkas, Streichhölzer auch. » ganz lesen

publiziert am 18.08.15 in Oder nie ¦ 478x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (50)

Dann stehen sie wieder auf der Straße, und noch immer drängen sich Hunderte am Einlass zum Club Dash. Makeda zieht ihn weiter in Richtung Beaubourg, hält dann an, dreht ihn zu sich um und sagt: „Komm, lass uns in dein Hotel gehen. Ich möchte die Nacht mit dir verbringen.“ Und küsst ihn lange auf den Mund. Jemand fährt auf dem Moped vorbei und pfeift den beiden nach. Ansonsten ist Paris jetzt zur Ruhe gekommen. Kolonnen der Stadreinigung fegen mit Reisigbesen den Rinnstein längs der Rue de Renard. Weiter hinten das gelbe Blinklicht eines Wassersprengers, der den Dreck von der Fahrbahn an die Seite spült. Arm in Arm schlendern sie die Rue Rivoli entlang, an den Tuilerien vorbei bis zum Place de la Concorde. Am Obelisk küssen sie sich wieder sehr lange. Auf die Madeleine zu, dann links und in die Rue de l’Arcade. „Oh, Monsieur Pierre, sie haben Besuch?“ begrüßt sie der Nachtportier und übergibt den Schlüssel. „Moment, da ist etwas für Sie gekommen.“ Greift ins Fach und überreicht Peter einen kleinen, fetten Umschlag, auf dem mit dickem Stift „von OP & LL“ steht. Sie fahren aufs Zimmer, und während Makeda sich umschaut und schließlich im Bad verschwindet, öffnet Peter das Couvert. » ganz lesen

publiziert am 13.08.15 in Oder nie ¦ 492x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (49)

Würde man Peter fragen, würde er antworten, er habe keine Erfahrungen mit Drogen. Ja, er habe mal in einer Runde ein paar Mal an einem Joint gezogen, aber nichts gespürt. Alkohol zählt er nicht unter Drogen. Tabletten auch nicht. Damit hat er allerdings Erfahrungen gemacht. Frau Dr. Zeisig, die Logopädin, hatte seiner Mutter damals empfohlen, ihm ein Medikament mit dem Wirkstoff Methylphenidat zu verabreichen, um seine Konzentrationsfähigkeit zu steigern. Dr. med. Kaminski, der Hausarzt der Blascyks verschrieb Ritalin und verordnete anfangs eine halbe pro Tag, nach zwei Wochen eine ganze und ab dem zweiten Behandlungsmonat anderthalb Tabletten morgens zum Frühstück. Da war Peter zwölf und merkte schon nach kurzer Zeit, dass ihn das Zeug fröhlich machte und seine Zunge lockerte. Die Lehrer lobten seine steigenden Leistungen, und es fiel ihm leicht, sich beim Lernen und bei Klassenarbeiten ganz auf den Stoff und die Aufgaben fokussiert zu bleiben. Leider nahm seine Fähigkeit, die Dinge um sich herum wahrzunehmen, gleichzeitig ab. Sprach die Mutter ihn an, während er Vokabeln lernte, reagierte er nicht mehr. Bei einer Mathe-Arbeit vergaß er alles um sich herum und verpasste so, die Lösungen rechtzeitig abzugeben. Was ihn wütend machte. Wie er in der Zeit, als er das Medikament nahm, überhaupt oft wütend war, leicht reizbar, schnell zu provozieren und immer bereit, zuzzuschlagen. Seiner Sprachstörung kam das alles nicht zugute, sodass erste die Logopädin, dann der Arzt davon abrieten, Peter weiter die Tabeletten zu geben. » ganz lesen

publiziert am 11.08.15 in Oder nie ¦ 387x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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