Die Seite 15

Der Adler zu den Hühnern

Ich fliege nicht so hoch, sagte der Adler zu den Hühnern, weil ich mich über euch erheben will, sondern weil die Höhe mein angemessener Lebensraum ist. Natürlich wirkt es lächerlich wie ihr mit gesenkten Köpfen hin und her trippelt und auf dem Boden herum pickt. Oder hüpft und das für Fliegen haltet. Ich verachte euch nicht dafür, denn ich weiß, ich käme nicht besser weg, würde ich mich auf den Boden begeben. Sicher bin ich euch überlegen, weil ich den Überblick habe, weil ich den Horizont sehen kann und einen Blick auf die Erde einschließt, der mehr Dinge einschließt, als ihr euch vorstellen könnt. Aber das heißt nicht, dass ihr nicht auch Vögel seid wie ich, mit Feder und gelegten Eiern. Manchmal bewundere ich euch für eure große Friedfertigkeit und bin neidisch, dass ihr nicht töten müsst um zu überleben. Aber so ist es eben. Selbst wenn ich wollte könnte ich euch nicht das Fliegen beibringen, ihr seid dafür nicht geschaffen. Und ich kann nicht werden wie ihr, weil ich von Körnern allein nicht leben könnte. Also hört auf schlecht über mich zu denken, euch gegenseitig zu versichern, wie arrogant und überheblich ich sei, dass ich einfach immer weit über euren Köpfen am Himmel kreise als sei ich etwas Besseres. Lasst mich einfach in Ruhe so wie ich euch in Ruhe lasse.

Download PDF

publiziert am 24.04.16 in Thibaud ¦ 356x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Ein Mädchen namens Stern

Sie saß ganz am Ende der Bank und hatte ihre Hand flach mitten auf der Tischplatte liegen. Gelangweilt sah sie sich um im Hinterhof, wo das Fest stattfand. Ich saß ihr gegenüber und versuchte, ihren Blick aufzufangen. Dann schob ich meine Hand in ihre Richtung, und nach einer Weile berührte sich unsere Fingerspitzen. Sie rückte ein wenig hin und her, um sich noch mehr von mir abwenden zu können. Diese Familienfeier in Krakau zu besuchen, war eine Schnapsidee. Einen Großonkel kannte ich, aber der erkannte mich nicht als ich ihn begrüßte. War auch schon sehr betrunken der alte Mann, ein Bruder meiner polnischen Großmutter. Nur die wenigen alten Menschen sprachen Deutsch, aber auf eine Art, dass ich kaum etwas verstand. Die jungen Leute amüsierten sich prächtig, tranken und tanzten. War schon schwierig genug, den Ort der Party zu finden, weil mir keiner den Straßennamen mitgeteilt hatte. Der Hof gehörte zu einer Tischlerwerkstatt, dessen Besitzer weitläufig mit der Sippe verwandt war, und der hieß Nowak. Jeder den ich ansprach, kannte einen Schreiner oder Tischler namens Nowak, nur waren es offensichtlich ganz verschiedene Personen, deren Werkstätten an ganz verschiedenen Ecken der Stadt lagen. Als ich nach Stunden durchs Kasimir-Viertel ging, fand ich eher zufällig die richtige Straße und die richtige Toreinfahrt. » ganz lesen

Download PDF

publiziert am 20.04.16 in Thibaud ¦ 429x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Hotelzimmer

Sie hatten sich in einem Hotelzimmer verfangen. Gutes Haus, fünf Sterne. Jetzt standen sie Leib an Leib vor dem ersten Kuss. Hinter dem Fenster die leblose, dunkle Stadt, bestreut mit glimmenden Lichtern. Als sie zum ersten Mal hier waren, hatte er zur ihr gesagt: Im Traum habe ich schon hundert Mal mit die geschlafen. Sie hatten dann aus der Bettdecke ein Zelt gebaut im stockdunkeln Zimmer. Und ihre Körper in der Höhle beim Schein einer Taschenlmape studiert. Inzwischen war ein Raum im siebzehnten Stock ihr Revier. Damals hatte der Rezeptionist noch gefragt: Sie haben kein Gepäck? Denn es ist ein gutes Haus, fünf Sterne, kein Stundenhotel. Hier bringt das Institut seine wichtigen Gäste unter. Man kennt das Paar mittlerweile und übergibt den Schlüssel ohne Fragen. » ganz lesen

Download PDF

publiziert am 07.04.16 in Stadtgeschichten ¦ 466x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Scheißewelt – Die Kuppel (3)

Engol und Perck arbeiten in der Logistik, genauer: in der Lebensmittellogistik. Ihre Abteilung ist verantwortlich dafür, dass die 99 Kantinen in der Kuppel rechtzeitig genau die Produkte bekommen, die sie angefordert haben, um damit die Besucher zu verköstigen. Auch wenn Perck auf dem Eiersektor tätig ist und Engol beim Wurzelgemüse, stehen ihre Dienstpulte direkt nebeneinander. Vor einigen Jahren stellte Perck eines Morgens fest, dass sein Kollege abwesend war, etwas, das in elf gemeinsamen Jahren in der LLogDiv noch nicht vorgekommen war. Natürlich war er beunruhigt, denn wenn jemand an seiner Arbeitsstelle fehlte, konnte dies nur bedeuten, dass er ernsthaft krankgeworden, deshalb eingeschläfert und kompostiert worden war. Zum Glück tauchte Engol am übernächsten Tag wieder auf, antwortete auf Percks Frage, wo er denn gewesen sein, jedoch nur ausweichend. Natürlich war ihm klar, dass seine kurze Dienstreise runter zur Kuppelbasis strikter Geheimhaltung unterlag; das hatte ihm niemand besonders sagen müssen. Aber gut einer Woche nach seiner Rückkehr konnte er einfach nicht mehr für sich behalten, was er erlebt und gesehen hatte. Die Freunde hatten sich im Kampfraum verabredet, einem besonderen Freizeitangebot für Männer, denen der erlaubte Geschlechtsverkehr mit den Dienstdamen nicht ausreichte, ihr Testosteron im Griff zu behalten. » ganz lesen

Download PDF

publiziert am 22.03.16 in Scheißewelt ¦ 437x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Charlene und ich (4)

Ab dem dritten Advent wurde das Wetter ungemütlich. Das sei hier um Weihnachten herum meistens so, sagte Herr Sosna, der Inhaber des Platzes, der in einem Steinhäuschen knapp außerhalb des Geländes wohnte. Charlene hatte sich Schnee gewünscht, deutsche Gemütlichkeit, Romantik und dergleichen. Statt dessen bekamen wir Dauerregen, milde Temperaturen und ab und an ein bisschen Sturm. Aber davon bekam sie nicht mehr viel mit. Über einen Bekannten von einem Bekannten von einem Freund von Herrn Sosna war ich an eine nie versiegende Quelle für Morphine gekommen. Alle vier Stunden spritzte ich Charlene eine Dosis, sodass sie einigermaßen schmerzfrei vor sich hin dämmern konnte. Wenn sie dann eingeschlafen war, drehte ich die Runden mit Dunja; meistens gleich in der Nähe vom Platz unten am Rhein. Manchmal fuhren wir in den Wald östlich der Stadt, das hatte mir Herr Sosna empfohlen. Der Hündin gefiel beides, wobei sie im Wald immer viel näher bei mir blieb, als müsste sie mich vor bösen Geistern beschützen. Mein Deutsch wurde immer besser, und ich unterhielt mich gern mit anderen Hundehaltern, fragte sie aus über die Stadt, über Land und Leute, über Deutschland und die Deutschen. » ganz lesen

Download PDF

publiziert am 11.03.16 in Paare ¦ 379x gelesen ¦ noch kein Kommentar

blättern: « 1 ... 12 13 14 15 16 17 18 ... 91 »