Die Seite 16

Oder nie (48)

Draußen der Loge begrüßen ihn Menschen, an die er sich nicht erinnert. Männer werfen Makeda bewundernde Blicke zu. Manche auch begehrliche Blicke. Peter sitzt direkt an der Balustrade und schaut auf die Menge. An den Seiten gibt es Podeste, die hoch und runter gefahren werden können. Darauf tanzen halbnackte, junge Männer und Frauen. Jeweils allein. Rechts und links gibt es Bartheken, an denen sicher je hundert Gäste Platz finden. Den Discjockey vermutet Peter unterhalb der Empore. Die Musik klingt gleichförmig, es ist immer derselbe Rhythmus, nach dem sich die Tänzer bewegen. Ab und an öffnet sich eine kleine Freifläche, und dann tanzt jemand allein, oder ein Paar führt irgendeine besondere Choreografie vor. Plötzlich formieren sich fast alle in langen Reihen und machen alle dieselben Schritte zu einem etwas langsameren Takt. „Night fever“ kommt im Text des Stückes vor. Peter hat Kopfschmerzen. Von der Wunde und von dieser Beschallung. Makeda steht schon eine ganze Weile bei Frederic. Trotz der Lautstärke scheinen sie sich ohne Schreien verständigen zu können. Dann taucht Lu LaBanda auf. In einem mitternachtsblauen Samtanzug mit einem breitkrempigen, schneeweißen Hut, und dem sein wirre Haar hervorlugt. Der alte Mann mit dem ausgezehrten Körper bewegt sich im Rhythmus der Musik durch die Ehrengäste und strahlt, als habe man ihn angeknipst. » ganz lesen

publiziert am 10.08.15 in Oder nie ¦ 540x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (47)

So weit es bei dieser Mischung aus Dunkelheit und heftigen Lichteffekten zu erkennen ist, scheint die Loge mit dunkelblaumen, hochflorigen Teppich ausgeschlagen sein. Sieben oder acht Gruppen von Sofas, Sessel und Tischen sind auf den gut zweihundert Qaudratmeter über der Tanzfläche verteilt. Die Sitzmöbel sind mit marineblauem Leder bezogen, einige Sessel haben knallrote Bezüge und über allem schwebt eine Deckenbespannung aus weißem Stoff, die in der leichten Brise der Klimanlage sanfte Wellen schlägt. Überall auf den Glastischen stehen Sektflachen, große Sektflaschen, die viel größer sind als alle Flaschen, die Peter je gesehen hat. Eine Schar Kellner in blauen Hosen mit roten Hemden und Blusen, die bodenlange weiße Schürzen tragen, gehen geschäftig hin und her, obwohl der Bereich noch fast leer ist. Ganz hinten links sitzt drei Leute, die er erkennt, als ein Scheinwerferkegel über sie hinweg streicht; es sind die Modeschöpfer. An die Balustrade gelehnt stehen zwei Männer. Der eine dreht sich um, sieht Peter und Makeda, breitet die Arme aus und ruft: „Willkommen!“ Olivier eilt auf die beiden zu. Makeda reicht ihm die Hand, und er haucht mit gesenktem Kopf einen Kuss auf die mokkabraune Haut. Dann umarmt er Peter und küsst ihn dreimal auf die Wangen. » ganz lesen

publiziert am 07.08.15 in Oder nie ¦ 421x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (46)

Peter entscheidet sich dann doch für den schwarzen Anzug mit dem üblichen weißen Hemd. Er hat im Andenkenladen an der Madeleine eine sehr schwarze Sonnenbrille gekauft, deren breite Bügel das große Pflaster an der Schläfe ein wenig verdecken. Außerdem hat er sich ein Schmerzmittel besorgt, weil sich nun doch Kopfschmerzen eingestellt haben. Die Dämmerung hat eingesetzt, und der Boulevard Malesherbes ist sehr still. Kaum Passanten unterwegs, vor den Cafés sitzen kaum Leute, nur wenige Autos auf der Fahrbahn. An der Ecke zur Rue d’Anjou warten ein paar Taxen, ganz vorne ein dunkelgrüner Opel. Er nennt die Adresse im Goutte d’Or, aber der Fahrer schüttelt den Kopf und bedeutet ihm, wieder auszusteigen. Im nächsten Wagen, einem älteren Fiat, sitzt ein ältere Mann aus dem Maghreb am Lenkrad. Der sagt nichts, sondern fährt los bevor Peter die Tür ganz geschlossen hat. Und rast grundlos und ohne einen Funken Rücksicht den Boulevard entlang. In die falsche Richtung. „Stopp!“ schreit Peter, aber der Typ fährt weiter wie ein irrer Slalom durch den Verkehr, Richtung Montmartre, erreicht die Place Pigalle unfallfrei und setzt zum Endspurt an. „Wo? Wo?“ brüllt der Mann und lacht. Sein Fahrgast stammelt die Adresse, und eine Minute später kommt die Taxe mit quietschenden Reifen zum Stehen. „Na, na, war das gut? Oder?“ Peter zahlt exakt den Betrag, der auf dem Taxameter angezeigt wird und steigt aus. » ganz lesen

publiziert am 05.08.15 in Oder nie ¦ 653x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (45)

So beginnt der große Tag. Peter steht eine gute Stunde unter der Dusche nachdem er sich das Gesicht und den Hals gewaschen hat. Rund um den Verband an der rechten Schläfe bildet sich ein kräftiger Bluterguss, der sein Auge zuschwellen lässt. Seine Handflächen schmerzen stärker als der Kopf, obwohl er nach dem Reinigen festgestellt hat, dass nur die Daumenballen beider Hände aufgeschürft sind. Die Ellenbogen tun ihm weh und die Knie. Der Sturz war heftiger als er in dem Moment überhaupt gemerkt hat. Zum Glück ist ihm nicht schwindlig, und der Schädel dröhnt auch nicht. Dafür ist ihm schlecht. Dabei ist ihm das Erbrechen immer schwer gefallen. Als Kind hat er bei Magenverstimmungen immer lange vor dem Klo knien müssen, bis ihm das nicht verdaute Essen wirklich hochkam. Das hat ihm immer die Tränen in die Augen getrieben, und wenn die Mutter meinte, seinen Kopf beim Kotzen halten zu müssen, wurde es nur schlimmer. Nicht dass ihn Erbrochenes ekelt, denn dann hätte er ein Problem mit Karin, die sich häufig übergibt. Zu Beginn der Schwangerschaft beinahe im Stundenrhythmus. Sie tut das konzentriert und still, nicht viel anders als wenn sie zum Pinkeln auf der Brille sitzt. Aber dass ihm ohne üblichen Grund, als ohne etwas Falsches gegessen oder zu viel Alkohol getrunken zu haben, so schlecht wird, das ist neu. » ganz lesen

publiziert am 31.07.15 in Oder nie ¦ 315x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (44)

Hat die ganze Nacht von Donnerstag auf Freitag im Labor verbracht. Obwohl er selbst kaum noch auf Fotosafari war vor lauter Besichtigungsfahrten, hat sich doch eine ganze Menge Material angesammelt. Gegen Morgen hat Peter zwölf groß gezogene Aufnahmen an die Wand gepinnt, steht davor und schaut sie sich in Ruhe an. Eines wird im klar: Um ausreichend viele und gute Fotos für die Examensarbeit muss er sich keine Sorgen machen, denn auch dieses Mal sind mindestens sechs, sieben Bilder dabei, die ins Konzept passen. Zum Beispiel zwei Totalen in der Teppichfabrik, drei Fotos aus der Gießerei und die letzten Aufnahmen vom Großmarkt. Er wird nicht beim Schwarzweiß bleiben, sondern auch einige Farbabzüge brauchen. Wird Lus Assistenten fragen, ob ihn jemand dabei unterstützen kann, denn mit dem Farbpositivprozess kennt er sich nicht aus. Überhaupt: Vielleicht können ihm die Leute von Elle-Elle auch dabei helfen, eine Ausstellungsmöglichkeit zu finden, denn je öfter er die sehr großen Anzüge sieht, desto deutlicher steht ihm eine Ausstellung vor Augen. Eine Präsentation der Examensarbeit im Rahmen einer Galerie, zum Beispiel. Dann geht er das Archiv seiner Paris-Fotos noch einmal durch und trägt in seiner Kladde nach, was er bisher nicht dokumentiert hat. Im Morgengrauen verlässt er das Labor. Die Stadt ist in ein milchiges Licht getaucht, der Regen der Nacht verdampft auf dem Asphalt, die wenigen Menschen, die um diese Zeit unterwegs sind, bewegen sich wie Roboter: schnell, zielgerichtet, rücksichtlos. Flaneure wie er sind in der Frühe nicht vorgesehen. » ganz lesen

publiziert am 29.07.15 in Oder nie ¦ 461x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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