Die Seite 18

Oder nie (39)

Ist den ganzen Tag unterwegs. Dreht Schleifen ums Samaritaine. Hat die Mamiya dabei und das Stativ und versucht Panoramaaufnahmen von den Brücken, von Notre Dame, von den Ufern. In den Boul’Mich hinein, auch im Jardin du Luxembourg. Nimmt hier ein Taxi, lässt sich irgendwo hin bringen, kehrt wieder zurück an den Pont Neuf. Hoch ins Café, aber Makeda ist nicht da. „Hat heute vormittag frei“, sagt die Kollegin mit der Kinderstimme. Baut seine Ausrüstung draußen auf der Terrasse auf und fotografiert über die Dächer des Quartier Latin hinweg. Verschießt sieben, acht Filme. Hoch zu Sacre Coeur. Weitere Aufnahmen vom Kopf der Treppe aus. Es ist schwül, die Luft milchig. Hat sein Jackett längst abgelegt. Schwitzt in seinen Stiefeln. Kauft Turnschuhe im Kaufhaus. Dann ins Hotel. Die Nikon mit dem starken Tele. Zieht sich um: die alte Jeans und dieses quergestreifte T-Shirt. Jetzt ist es zwei, und er läuft zum Samaritaine. Makeda müsste jetzt da sein, ihr Schicht beginnt. Aber die freundliche Thekenverkäuferin sieht ihn amüsiert an und teilt ihm mit: „Hat sich krankgemeldet, die liebe Kollegin.“ Ob sie denn wisse, wo Makeda wohnt. „Ach, im Abessinierviertel, oben im Goutte d’Or.“ Ja, das wisse er schon, habe aber keine Adresse. » ganz lesen

publiziert am 17.07.15 in Oder nie ¦ 636x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (38)

Peter nimmt sich frei. Müht sich mit einem Brief an Karin ab. Auf Briefpapier des Hotels mit einem Füllfederhalter, den er auf dem Flomarkt gekauft hat. Hat Ya gebeten, ein paar Polaroids von sich zu machen. Die legt er bei, damit seine Frau weiß, wie er jetzt aussieht. Hat zum letzten Mal im April geschrieben und versucht einen Bericht. Über die Arbeit am Großmarkt. Über den Auftrag. Über seinen Umzug. Über das, was noch kommt. Zum Schluss schreibt er die üblichen Fragen auf: Wie es ihr geht, wie es dem Kind geht, ob sonst alles in Ordnung ist. Dann noch „Ich vermiss dich“ und „Ich hab dich lieb“. Den Brief bringt er zur Hauptpost an der Rue du Louvre. Dort lässt er Karin zudem 1200 Franc telegrafisch anweisen. Denn seit seinen ersten großen Einkäufen hat er kaum Geld ausgegeben, weil er ja im Hotel wohnt und frühstückt und mit Ya durch die Stadt fährt und so nur noch die Kosten für das Abendessen bei Claude oder einen Kaffee hier und da hat. Immer noch sind dann 1000 Franc übrig, und übermorgen bekommt er schon die zweite Rate des Honorars. Unterwegs zum Postamt trifft er überall auf die Hinterlassenschaften der Zuschauermassen, die am Sonntag die letzte Etappe der Tour verfolgt haben: Tricolore-Fähnchen aus Papier, meistens zerrissen, Pappbecher mit Weinresten, Tüten mit angebissenen Sandwiches, Konfetti, luftleere Ballons und allerlei Werbekram. Auch die Absperrgitter sind noch da; an den Straßenecken zusammengerückt. » ganz lesen

publiziert am 15.07.15 in Oder nie ¦ 426x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (37)

Er hat es sich gemütlich gemacht in seinem kleinen Hotelzimmer mit dem Fenster zum Innenhof und einem Duschbad, das er fast ganz ausfüllt, wenn er sich die Zähne putzt. Außerdem ist es so niedrig, dass er sich beinahe den Kopf stößt. Das Bett hat eine ungewöhnliche Breite, und der fagt sich, wie zwei erwachsene Menschen auf geschätzten Einsvierzig gleichzeitig schlafen können. Außerdem ist es zu kurz für seine Länge von fast zwei Metern. Trotzdem ist er gern hier. Sitzt im Cocktailsesselchen oder im Bett, angelehnt an das gepolsterte Kopfteil, trinkt seinen Bourbon und schaut Fernsehen. Gerade läuft die Tour de France. Hinault strampelt wie ein Verrückter, und weil die französischen Reporter kommentieren wie die Verrückten, hat er den Ton abgeschaltet. Überall in der Stadt sitzen jetzt Männer in den Cafés, die L’Equipe, die Sportzeitung, lesen, weil alle wollen, dass dieser bullige Bretone gewinnt. Wie ja jeder Franzose immer will, dass ein Franzose die Tour gewinnt. Peter interessiert sich nicht besonders für sportliche Wettkämpfe und schon gar nichts für Radrennen. Ihm gefällt das bunte Gewimmel der Fahrer, die Farben der Zuschauer und besonders die Luftaufnahmen, die erstmals von einem Helikopter aus aufgenommen werden. Er nippt gerade am dritten Whiskey, da schellt das Telefon. Ludwig ist dran und keift ohne jede Begrüßung los: „Was hast du mit Charles gemacht!“ » ganz lesen

publiziert am 13.07.15 in Oder nie ¦ 332x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (36)

Lu hat ihm eine Polaroid-Kamera geben lassen und eine Menge Filme, die er im Kühlschrank der Limousine lagert. Die Sofortbilder sind ganz praktisch, um den optischen Eindruck einer Szene zu dokumentieren, findet Peter, aber mit Fotografie hat das nichts zu tun. Deshalb nimmt er zu jedem Ausflug auch immer die Leica mit. Jetzt sind sie an der Teppichfabrik angekommen. Ein Vertreter der Geschäftsleitung erwartet sie schon am Tor. Bahramut, so stellt er sich vor, ist Inder und spricht Englisch mit einem lustigen Akzent. Ya hat sich den Anglerstuhl aus dem Kofferraum geholt und macht es sich im Schatten gemütlich. Die Verwaltung der Firma ist in der Villa untergebracht, die in einem kleinen Park liegt. Davor eine Kiesauffahrt und ein Brunnen mit kitschigen Nymphen. Bahramut redet ununterbrochen und fasst Peters Ellenbogen an, um ihn zu führen. Am Ende des Parks erhebt sich eine mindestens drei Meter hohe Hecke. Sie passieren einen schmalen Durchgang und stehen auf einer Asphaltfläche von der Größe eines Fußballfeldes. Rechts eine düstere, niedrige Backsteinhalle mit zerbrochenen Fenstern und Teerpappe auf dem Dach. Links eine ebenfalls flache Halle mit bodenhohen Fenstern, sodass man ganz hindurch sehen kann. An der Decke hängen Teppiche, auf dem Boden hocken die Knüpferinnen, Vorarbeiter schlendern langsam durch die Gänge. » ganz lesen

publiziert am 11.07.15 in Oder nie ¦ 295x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (35)

Natürlich fällt er auf mit seinem schwarzen Anzug. Auch wenn nur wenige die Schlangenlederstiefel wahrnehmen. Aber ein fast zwei Meter großer, schlanker Mann mit sehr blonden Haaren mit blütenweißem Hemd unter dem nachtschwarzen Jackett, der bleibt selbst in Paris nicht unbeachtet. Einer Stadt, in der es weniger von Originalen, als viel mehr von schönen Menschen wimmelt, die durchweg geschmackvoll gekleidet sind. Langsam begerift Peter, weshalb diese Stadt die weltweite Modemetropole ist. Nach und nach versteht er, was Mode überhaupt ist, wozu sie gut ist und dass sie ein unglaublich großes Geschäft mit unglaublich viel Geld ist. Manchmal kommt ihm der Gedanke, er habe sich Ludwig und Olivier zu billig verkauft. Aber der Luxus, den ihm der Job als zukünftiger Modefotograf bringt, wischt die Bedenken wieder fort. Mit seiner ganz individuellen Mode erregt er nicht nur Aufsehen, sondern spürt, dass ihm viel mehr Respekt, ja, teilweise sogar Bewunderung entgegenschlägt. Das konnte er feststellen, als er zum ersten Mal im Anzug oben bei Makeda im Café des Samaritaine auftauchte: sie sah ihn mit einem ganz anderen Blick an als zuvor. Und vermutlich hätte er sie noch am selben Abend mit ins Hotel nehmen und verführen können. Aber das würde er sich nicht trauen, auffällige Kleidung hin oder her. So wie er ja auch bei Karin lange seh gehemmt war. Ihm kam es damals so vor, als sei sie einfach zu schön für ihn, und manchmal geht es ihm immer noch so, dass er denkt: Was mögen die Leute davon halten, dass diese attraktive Frau mit diesem merkwürdigen Vogel geht, ja, sogar verheiratet ist. » ganz lesen

publiziert am 09.07.15 in Oder nie ¦ 280x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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