Die Seite 2
Sieben, acht Sturmböen treiben die Gewitterwolken nach Osten. Robert hat sich für ein Notebook mit großem Display entschieden und einen kompakten Drucker. Mit dem Computer im Rucksack, einem Haufen Kabel und Zubehör sowie einem Paket Papier macht es sich auf den Weg nach Hause, den Printer trägt er im Karton am Henkel. Bei der ehemaligen Tankstelle steht ein zerbeultes Auto auf dem Gehweg. Aus der zusammengrdrückten Motorhaube steigt noch Rauch auf. Ein Mann mit blutigem Kopfverband sitzt auf einem Gartenstuhl beim Kuchenbäcker. Notarzt und Streifenwagen blinken im Takt. Der Straßenbanhnverkehr scheint zusammengebrochen zu sein, kein Zug ist zu sehen an der Kreuzung an der sich Schienen aus allen Richtungen begegnen. Der Himmel ist blank und von aggressivem Blau. Der Hauptkommissar überlegt kurz, ob er noch etwas einzukaufen hat. Ihm fällt nichts ein. Vielleicht bringt Elle ja ein Abendessen mit, wenn sie kommt. Wenn sie denn kommt. Er packt die Geräte auf den großen Esstisch, den sich seine Frau so sehr gewünscht hatte. Platz für zwölf Personen, plus sechs mit den Verlängerungsplatten. Aber so viele Freunde und Verwandte hatten sie damals gar nicht. Er wird die Tafel als Arbeitsfläche nutzen, schiebt das schwere Teil an die Längswand und holt den Drehstuhl, der allein im ehemaligen Arbeitszimmer herumsteht. » ganz lesen
Jakob war 33 als er heimkam. Seine besten Jahre, so schien es, hatte er beim Militär und im Krieg vertan. Tatsächlich hatte er sich aber meist von seinen Offizierskollegen ferngehalten und jede freie Stunde mit Lektüre verbracht. So galt er den Kameraden und Vorgesetzten als Sonderling. Weil er aber seinen Dienstpflichten mit unübetrefflichen Disziplin und Präzision ausfüllte und bei den Untergebenen beliebt war, nahm man das im Casino so hin. Da störte die Tatsache, dass Leutnant Jakob Greiper keinen Alkohol trank, nicht rauchte und auch nicht zu den Huren in den Häfen ging, so manchen anderen Offizier schon mehr. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit hatte er Bücher gekauft – in deutscher, englischer, niederländischer, spanischer und französischer Sprache; die letzten beiden hatte er sich selbst beigebracht. Sein Interesse galt weniger der Literatur als den Geisteswissenschaften und vor allem der Geschichte. Seine Herkunft führte ihn dahin, sich besonders mit der Kolonisation der Amerikas auseinanderzusetzen. Die Erkenntnis, dass die europäischen Eroberer Abermillionen Eingeborene ausgerottet und weitere Millionen Afrikaner als Sklaven verschleppt hatten, machte ihm über Jahre zu schaffen. Und weil er die Rolle der christlichen Kirchen bei der Unterwerfung der Menschen in den Kolonien kennen gelernt hatte, verlor seinen Glauben und wurde bekennender Atheist. Natürlich trat er nach seiner Rückkehr ins väterliche Geschäft ein und erledigte die notwendigen Aufgaben mit derselben Disziplin und Präzision, die er als Soldat an den Tag gelegt hatte. » ganz lesen
Jetzt sitzt Robert auf der Schreibtischkante in seinem Büro und ist nicht mehr so sicher, dass der Deal mit Schmörgel von Vorteil für ihn ist. Vor dem Fenster wird es Dunkel. Die Spitze des Fernsehturms steht vor schwefelgelbem Licht. Dahinter Schwarz. Natürlich freut er sich, dass er diesen Raum vorerst zum letzten Mal sehen wird, dass er in nächster Zeit oder nie wieder ins Präsidium gehen wird. Aber ihm ist auch klar, dass es das Ende seiner Dienstzeit wäre, könnte der den Fall nicht lösen. Man würde ihn vorzeitig zwangspensionieren und dann wüsste er mit seinen 57 Jahren nicht, was er tun solle. Er sucht seinen persönlichen Kram zusammen und packt alles in den Rucksack, den er im Spind gefunden hat. Dann reißt er den Post-It vom Bildschirm, auf dem seine Zugangsdaten verzeichnet sind. Er wird sich ein Notebook besorgen müssen, um von zuhause aus ins System der Kripo gehen zu können. Als er den Backsteinkomplex verlässt, ist es dunkel geworden. Ein wilder Wind weht aus allen Richtungen, in der Ferne grollt es. Als er den Platz mit der spitzen Kirche erreicht, sieht er den Widerschein des ersten Blitzes, kurz danach den Donnerschlag. Plötzlich Wasser von oben. Robert flüchtet in den Unterstand an der Bushaltestelle. Der Regen kommt aus allen Richtungen. Schlag auf Schlag kommen Blitz und Donner. Dann haut einer in den Draht an der Turmspitze. » ganz lesen
Schmörgel hielt Greiper nicht die Tür auf und verschwand sofort auf seinem Platz. Dann verschanzte er sich hinter seinem Flachbildschirm. Einen Besucherstuhl gab es nicht mehr. Der Hauptkommissar war wütend auf seinen Vorgesetzten. Der räusperte sich kurz: “Nehmen Sie doch Platz, Herr Greiper. Ach, wir haben ja gar keinen Stuhl mehr. Momentan, ich komme zu Ihnen rüber, und dann setzten wir uns an den Konferenztisch. Kaffee?” Greiper schüttelte den Kopf, während der Kriminaloberrat auf die Tastatur einhackte. “So”, sagte der und bediente die Return-Taste. “Wie war das jetzt? Einen Kaffee?” Sein Gegenüber ließ seinem Zorn freien Lauf: “Nein, verdammt noch mal!” Schmörgels rechte Augenbraue zuckte, während an die Kaffeemaschine am Sideboard trat und eine Kapsel hineinsteckte. Das Gerät machte Geräusche wie ein sterbendes Alien und würgte dann eine schwarze Brühe in die Tasse mit dem Werbeaufdruck der Polizeigewerkschaft. Mit dem dampfenden Getränk nahm er am Kopfende des großen Tisches Platz. Greiper entschied sich für das andere Ende und hockte sich auf die Stuhlkante. “Sehen Sie, mein lieber Greiper”, setzte der Oberrat an, “wir haben momentan eine besondere Situation, die besondere Maßnahmen erfordert. Vielleicht haben Sie es sich schon gedacht; die gute Frau Renz, also Kriminalrätin Dr. Renz-Mogawi, ist ein Kuckucksei.” » ganz lesen
Antonius Greiper war ein politischer Mensch, der in den frühen Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts mit den Sozialdemokraten sympathisierte. Als die Männer im Viertel am Abend des 1. August 1914 im Wirtshaus ihre Gläser in patriotischer Erregung hoben, da hielt er sich raus. Später saß er noch mit Hedwig am Tisch, beide redeten lange miteinander und gestanden sich gegenseitig ihre Angst ein. Und die Sorge um den Sohn, der nun in den Krieg ziehen würde. Tünn selbst hatte nichts zu befürchten, denn Männer seines Alters wurden nicht eingezogen, außerdem war er in den Akten der Militärverwaltung nicht verzeichnet. Auch das Geschäft litt bis ins Frühjahr 1915 kaum unter dem Krieg, der fern der Heimat tobte. Allerdings hatte es sich un den besonders patriotischen Patrioten in der Gegend herumgesprochen, dass der Holländer – so nannten ihn einige plötzlich – gegen den Krieg sei, ja, dass er wohl die Schriften von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg lese, also ein Radikaler sei. Manche wechselten daraufhin zu anderen Händlern, andere ignorierten dass. Und sein Bier in der Gastwirtschaft am Platz, das trank er immer noch am Stammtisch der Geschäftsleute, zu deren Kreis er nun schon so lange zählte. Der einzige Nachbar, der sich öffentlich gegen ihn stellte, ihm auf der Straße aus dem Weg ging und das Gasthaus verließ, sobald Tünn eintrat, war der Bankier Goldstein, der reiche Mann, der sein Haus schon am Tag vor der Mobilmachung in den Nationalfarben schmückte und die Nachricht vom Kriegseintritt der kaiserlichen Truppen mit lauten Hurra-Rufen auf dem Platz feierte, wobei er seinen teuren Hut schwenkte. » ganz lesen
