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Wenige Tage bevor Thibaud nach Amerika verschwand, hatte er mich abends besucht. Er sah bedrückt aus und hielt sich gar nicht erst mit Smalltalk auf. “Weißt du,” begann er, “ich habe mir Gedanken über mein Sterben und das Danach gemacht. Ich würde das Ergebnis nicht mein Testament nennen, sondern eine Wunschliste an den Tod.” Ich erschrak, und in den ersten Tag nach seinem Verschwinden dachte ich manchmal, er habe sich umgebracht. Aber dagegen sprach, was er mir sagte: .: mehr :.
Der Sommer wurde täglich ein bisschen heißer. An einem Mittwoch, ich hatte den ganzen Tag an einem quälenden Text gearbeitet, verließ ich gegen sechs die Wohung, um einen Spaziergang über die Felder zu machen. Ich wählte den Weg unter den Kastanien, denn die Sonne stand noch recht hoch, und ich brauchte den Schatten. Was mich genau getrieben hat, kann ich nicht sagen, aber auf dem Rückweg bog ich in die Gasse ein, die an Erichs Bungalow vorbeiführte. Ich klingelte. Nach einiger Zeit sah ich eine Gestalt hinter der Milchglastür. Es war Maria. Sie war nackt. Ohne eine Miene zu verziehen ließ sie mich ein und wies mit den Weg durch den Wohnraum auf die Terrasse. Dort saß der Nacktmann. Als er mich sah, stand er auf, lächelte und sagte: “Ich wusste, dass du wiederkommen würdest. Schön dass du da bist.” Ich gab ihm die Hand. “Übrigens, ich denke, es wäre gut, wenn du heute auch unbekleidet wärst. Quasi aus Solidarität.” Nun ist es so, dass ich mich sehr ungern vor anderen Menschen nackt zeige. Es wird damit zu tun haben, dass ich meinen Körper nicht besonders ansehnlich finde. Jedenfalls habe ich es seit meiner frühen Jugend vermieden, dass mich jemand beim Duschen beobachtet. Nacktbaden oder Sauna käme für mich nie in Frage. Es ist nicht so, dass ich mich schäme, mir wird bei der Vorstellung, nackt herumzulaufen, einfach unwohl. .: mehr :.
Der letzte Brief, den Thibaud aus Kalifornien schrieb, ging nicht an uns. Wir hatten schon mehr als ein halbes Jahr nichts mehr von ihm gehört, und keiner von uns hatte eine Adresse oder eine Telefonnummer von ihm. Wir waren sicher, dass er sein Glück bei Deborah gefunden hatte und wir ihn nie wiedersehen würden. Dann waren wir alle bei der Geburtstagsparty von Olivia, die sehr geheimnisvoll tat. Es werde jemand erscheinen, mit dem wir nicht gerechnet hätten. Alle dachten insgeheim, dass es sich nur um Thibaud handeln könne. Auch ich war ein wenig enttäuscht, als uns Olivia gegen Mitternacht eine schmale Frau unbestimmbaren Alters als Ehrengast vorstellte und sagte: “Das ist Gulla. Einige von euch werden Sie noch kennen.” Ich erinnerte mich an diesen merkwürdigen Urlaub in Dänemark und an die Affäre, die Thibaud mit dem knabenhaften Mädchen hatte. Sie bat um unsere Aufmerksamkeit: “Thibaud hat mir geschrieben. Ich denke, es ist in Ordnung, dass ich euch seinen Brief vorlese, obwohl er persönlich an mich gerichtet ist.” .: mehr :.
Ich war mir nicht sicher, ob ich den Nacktmann wirklich näher kennen lernen wollte. Aber eines Abends, ich hatte den ganzen Tag über geschrieben und hatte Kopfschmerzen, bog ich nach einem Spaziergang in die Gasse mit den Bungalows ein. An seinem Klingelschild stand kein Name. Eine ältere Frau in Kittelschürze öffnete und zeigte mir wortlos den Weg ins Wohnzimmer. ‘Hallo, schön dich zu sehen. Setz dich.’ Erich lümmelte in einem plüschigen Ohrsensessel, auf dem Beistelltisch dampfte eine Tasse Tee. ‘Auch eine,’ fragte er. Ich nickte. ‘Maria,’ rief der Nacktmann, ‘bring bitte noch eine Tasse für den jungen Mann hier. Entschuldige, ich habe deinen Namen vergessen…’ Ich räusperte mich: ‘Thibaud.’ – ‘Hast du auch einen Vornamen?’ – ‘Das ist der Vorname.’ Die Frau kam herein und stellte eine Tasse für mich hin. ‘Das ist Maria,’ sagte der Nacktmann, ‘meine Haushälterin. Wie lange bist du schon bei mir, Maria?’ Sie antwortete nicht. ‘Maria kommt aus Portugal und redet nicht gerne.’ Sie war wieder verschwunden. Ich saß ihm direkt gegenüber und konnte meinen Blick kaum von seinem Geschlechtsteil abwenden. Das Ding führte ein Eigenleben, zuckte manchmal, hatte sich leicht aufgerichtet als Maria hereingekommen war und schrumpfte wieder zusammen. .: mehr :.
Thibaud erzählte uns die Geschichte vom Nacktmann:
“Ich wohnte damals in einem Viertel am Nordrand der Stadt. Man hatte in den Winkel zwischen zwei Autobahnen fünf, sechs Hochhäuser und einige Reihenbungalows gebaut. Meine Wohnung im elften Stock war klein, hatte aber einen Balkon, von dem aus ich das Viertel, das Autobahnkreuz und einen Teil der Stadt überblicken konnte. Eines Tages im Sommer bemerkte ich zum ersten Mal den Nacktmann in seinem Garten. Er bewohnte einen der Bungalows direkt unterhalb des Hochhauses. Ich sah ihn nackt in der Sonne mitten auf dem Rasen liegen. Damals mied ich das Viertel so gut es ging, fuhr zur Arbeit in die Stadt, erledigte dort meine Einkäufe und kehrte abends zurück oder ging in eine Altstadtkneipe. Wenige Tage nachdem ich ihn erstmals gesehen hatte, traf ich den Nacktmann draußen. Er saß auf einer Bank im Park, der an die Felder angrenzte. Ich war nur vor die Tür gegangen, um mir ein wenig die Beine zu vertreten. Ich kam auf ihn zu, er grüßte und lächelte dabei. .: mehr :.
