Die Seite 2

Zimmer ohne Türen

„Weißt du was eine Tapetentür ist?“ Sie hat sich im Bett aufgesetzt, das Kissen zurechtgeboxt und es hinter den Rücken gesteckt. „Stell dir einen Raum vor mit einer gemusterten Tapete. Sitzt du drin, kannst du keine Tür erkennen.“ Rouven knurrt. Wie er immer knurrt, wenn Susanne etwas erzählt, wenn er beinahe schläft. Wie sie immer etwas erzählt nach dem Beischlaf, wenn er kurz vor dem Einschlafen ist. Sie hat das aufgeschlagene Buch auf dem Schoß und nimmt die Brille ab. „Ich stell mir das schrecklich vor.“ Er dreht sich um und schaut aus dem Kissen zu ihr auf: „Steht das in deinem Buch?“ Susanne schüttelt den Kopf. „Wie kommst du denn jetzt auf sowas?“ » ganz lesen

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publiziert am 09.08.17 in Paare ¦ 101x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Gleise

„Steh endlich auf!“ Neven liegt im Schotterbett auf dem Bauch, ein Ohr an der Schiene. „Hier fährt seit Jahren kein Zug mehr,“ sagt Eva. Im verwaisten Hafen bläst eine Sirene zur Mittagspause. Keine Arbeiter, die ihr folgen könnten. „Sie kommen, sie kommen,“ murmelt Neven. Sie kann es nicht hören, weiß aber, dass er diesen Satz immer zweimal nacheinander sagt. Der lange, dünne Kerl im dunkelblauen Overall. Eine Wolke zieht an der Sonne vorbei und wirft einen Schattenkegel auf das Paar. Sie liebt ihn sehr. Er scheint sie auch sehr zu lieben, aber genau weiß sie es nicht, weil er darüber nie mit ihr spricht. Überhaupt redet er eigentlich nur von der Vergangenheit und dass alles in der Zukunft wiederkehren wird. Manche sagen, Neven sei geistig nicht gesund. Eva weiß es besser. » ganz lesen

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publiziert am 07.08.17 in Paare ¦ 89x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Almas Bilder

Sie will ihn malen, will ihn zeichnen, will ihn in Ton formen. Oder: bemalen, schminken, tätowieren. Denn fotografiert hat sie ihn schon. Als er beim Shooting der neuen Kollektion von Daniell alle Stücke vorführte, die Männerkleidung und die Sachen für Frauen. Was Alma nicht gefällt: sein Name. Pim… Ist das eine Abkürzung? Oder ein Spitzname? Tatsächlich heißt er Willem Erasmus Steernema-Stückinger, das hat sie mit ein wenig Recherche herausgefunden. Sohn einer deutschen Mutter und eines niederländischen Vaters mit molukkischen Wurzeln. Jetzt sitzt er ihr schräg gegenüber in der Lounge. Man sagt über Pim, er sei nicht besonders helle, und tatsächlich scheint sein Blick hohl, abwesend. Sein Mund ist ein wenig geöffnet. Könnte sein, dass ein wenig Spucke in den Lippenwinkeln hängt. Sie beobachtet ihn genau und ahnt, dass er das mitbekommt. Nun zieht der die ausgebeulte, knielange Jacke aus grobem Strick eng um sich herum zusammen und hebt auch das zweite Bein auf die Sitzfläche. Er trägt hellblaue Ballerinas an den Füßen, in der rechten Sohle klafft ein Loch. » ganz lesen

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publiziert am 18.07.17 in Paare ¦ 123x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Liebe Dreizehn

Als meine Tochter am frühen Abend weinend heimkam, war sie dreizehn Jahre, drei Monate und elf Tage alt. Ich habe das später nachgerechnet. Und ich ahnte, was geschehen war. Dass es mit diesem großgewachsenen, hübschen Burschen zu tun hatte, war mir auch klar. Denn nicht nur Leonie war verliebt in ihn, ich, wenn auch auf eine andere Art, auch. Wie kann auch ein junger Mann von knapp siebzehn Jahren auch so attraktiv sein und so viel Charisma haben? Singah war Teil dieser Hippie-Familie, wie sie in der Nachbarschaft genannt wurde, eine reine Frauen-WG mit seiner Mutter, dem kleinen Bruder Asim, der Oma, zwei Tanten und drei mittelalten Damen, die vermutlich nicht mit dem Rest verwandt waren. Sie lebten in einer riesigen, verwinkelten Wohnung über zwei Etagen mit zwei separaten Mansarden oben unter dem Dach einen Häuserblock weiter. Ich weiß es, weil ich Leonie ein paar Tage später dort herausholte. » ganz lesen

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publiziert am 17.07.17 in Paare ¦ 139x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Letztes Wiedersehen

Sie liegt da wie früher. Halb auf der Seite, halb auf dem Bauch. Das rechte Bein gestreckt, die linke Fußsohle fest an die rechte Wade gepresst. Der Gesicht liegt auf dem einen Arm, der andere umschließt den Kopf. Die Brise, die durch den offenen Spalt der Terrassentür weht, bewegt den Vorhang. Sonnenstrahlen fallen auf ihren Körper und das Muster im Stoff malt Flecken auf ihre Haut. Dann dreht sie sich um. Immer noch diese sehr helle Haut, immer noch die Pigmentflecken. Er sieht die dritte Zitze in der Falte unter ihrer rechte Brust. Das Schamhaar nicht mehr dicht wie damals, nicht mehr so strahlend rot. Der Spalt scheint durch, aber am oberen Rand immer noch die kecke Locke. Sie hatten sich über dreißig Jahre aus den Augen verloren. Dann schrieb sie ihm eines Tages eine Mail: Ich komme in die Stadt, treffen wir uns? Beide nervös im Café. Dann den großen Spaziergang mit dem Hund durch den Park. Und dann waren sie wieder wie das Paar, das sich mit dreizehn, vierzehn Jahren jeden Tag gesehen hat, jeden Tag miteinander geredet hat, alles gemeinsam, blindes Verständnis. Und natürlich gingen sie dann zusammen, so nannte man das damals. » ganz lesen

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publiziert am 16.07.17 in Paare ¦ 139x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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