Die Seite 22

Oder nie (42)

Immer noch fassungslos steht er auf und geht ins Bad. Setzt zum Rasieren an, hat den Apparat schon in der Hand, überlegt es sich aber anders. Nimmt einen Wegwerfrasierer und kratzt nur das vom seit drei Tagen nicht behandelten Gesicht, was nicht seinem alten Schnauzbart entspricht. Stellt fest, dass seine Haare schon ziemlich nachgewachsen sind. Macht sich fertig und wartet dann unten auf der Straße auf Ya, der ihn für die nächste Besichtgung abholen wird. Dieses Mal werden sie eine Gießerei in Bobigny besuchen, in der vor allem Skulpturen in Bronze gegossen werden. Die hat Olivier entdeckt als er Löwenköpfe für das Haupttor der Villa in Beziers nachmachen lassen wollte. Der Juniorchef, Guy Rosini, gehört inzwischen zum Freundeskreis und war wohl sehr angetan von der Idee, seinen Betrieb zum Schauplatz einer Männermodenschau zu machen. Peter hat sich eine verwinkelte Werkstatt vorgestellt, in der hochkreative Experten moderne Kunst in die Realtiät bringen. Er kennt das Prinzip ja aus der Kunstakademie, wo er im Orientierungssemester auch mit Bildhauern zu tun hatte. Da gab es einen stillen, sehr viel älteren Typ, einen, von dem es hieß, er habe erst mit vierzig die Kunst für sich entdeckt, der arbeitete an einem überlebensgroßen Grabmal, das natürlich später in Bronze gegossen werden sollte. Über das halbe Jahr in der Orientierungsklasse werkelte Juri an der Plastik, die in dem Stadium noch aus Ton bestand und einen Gekreuzigten im Endstadium der Verwesung zeigte, flankiert von Engeln in pornografischen Posen. » ganz lesen

publiziert am 24.07.15 in Oder nie ¦ 1316x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (41)

Da kann er nicht antworten. Aber Giselle, die er in die Rue des Rigoles begleitet, hakt auch nicht nach. Soll sie mit dem moralischen Zeigefinger wedeln, ihm ein schlechtes Gewissen machen? Natürlich ist sie klug genug zu ahnen, dass Peter genau das, was er in Paris betreibt und erlebt, für den Rest seines Lebens brauchen wird. Ganz gleich, ob er zu Karin zurückkehrt. Sie weiß, er muss das alle tun – jetzt oder nie. So plaudern sie Unverfängliches bis sie an der Haustür sind. Edith liegt mitten in der Nacht in ihrem Fenster, die feisten Arme auf einem orientalischen Kissen gelagert. „Ach, herrje, ich warte doch auf den Referend. Der wollte mir noch die Kostüme der Chorsänger zum umnähen bringen“, jammert sie. „Mitten in der Nacht?“ fragt Giselle. „Ja, ja, der ist mit dem Zug aus Lille gekommen, Ankunft dreiundzwanzig Uhr neunzehn. Und braucht natürlich auch noch seine Zeit bis er mit dem Taxi hier ist. Wie wär’s mit einem kleinen Likör zur guten Nacht? Kommt rein.“ Und dann sitzen sie in der blitzblanken Küche am Tisch, auf dem eine Plastikdecke mit Weinranken und Tomaten liegt, und trinken einen schrecklich süßen Fruchtlikör aus fingerhutgroßen Gläsern. Die Frauen reden belangloses Zeug, und Peter hört nur zu und fühlt sich plötzlich ganz zuhause. » ganz lesen

publiziert am 22.07.15 in Oder nie ¦ 616x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (40)

Peter war dann doch widerwillig mitgegangen ins Kino, weil Karin unbedingt diesen Tanzfilm sehen wollte. Im Mittelpunkt diese fürchterliche Musik mit im Falsett singenden BeeGees und ein Typ namens Travolta, der im weißen Anzug merkwürdige Bewegungen zu den ewig gleichen Rhythmen machte. Karin war ganz verrückt nach dieser Musik, und Peter war heilfroh, dass es in ganz Dortmund keine Disco gab, in der zu diesem Quatsch getanzt wurde. In Düsseldorf, da gab es das Big Apple an der Königsallee, da gingen die Disco-Freunde wohl hin, aber von seinen Kommilitonen war niemand Anhänger dieser Tanzerei. Und er hütete sich, Karin zu erzählen, dass es an seinem Studienort mehrere solcher Orte gab, an den man das Saturdaynightfever in der Realität nacherlebte. Zum Glück hielt weder Karins Begeisterung lang an, noch hatte die Disco-Welle Frankreich in größerem Ausmaß überrollt. In Paris waren vor allem die französischen Rockmusiker und Chansonsängerinen en vogue, dazu die weltweit berühmten Bands, aber eben auch ein schräger Typ wie Plastic Betrand, der eine Musikrichtung verfolgte, die man in New York begann Punk zu nennen. Peter war in Sachen populärer Musik auch im wilden Jahr 1978 eher konservativ. Seine Plattensammlung war etwa auf dem Stand von 1974 und umfasste den üblichen Querschnitt von Beatles und Stones über Cream und Led Zeppelin bis Genesis und Emerson, Lake & Palmer. Natürlich hatte er die erste Rockpalast im Sommer zuvor verfolgt. Sie waren bei Karins Kollegin Gabi eingeladen. Deren Freund hatte ihr seine abgekegte Stereoanlage geschenkt, und sie hörten den Radioton, während die Bilder über den Fernseher flimmerten. Er wäre viel lieber live dabei gewesen in der Grugahalle, aber alleine wollte er nicht, und Karin hatte Panik bei größeren Menschenansammlungen. Dass der Dash Club eine Discotheque ist, beunruhigt Peter ein bisschen, weil er fürchtet, dass am Freitag dort nur diese monotone und blöde Musik laufen und er dazu mit Makeda wird tanzen müssen. » ganz lesen

publiziert am 19.07.15 in Oder nie ¦ 628x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Dialektik

Dialektik ist, wenn der Postmann zweimal klingelt. Der Postmann besteht aus den zwei Seiten einer Medaille und ist zusammengenommen dein altes Ego. Wie die zwei Backen, die den Arsch bilden. Zwischen den Seiten das Vakuum, das Nichts. Insofern ist der Hintern eine wunderbare Metpaher für das dialektische Prinzip: zwei antagonistische Seiten und dazwischen ein Arschloch.

publiziert am 17.07.15 in Thibaud ¦ 643x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (39)

Ist den ganzen Tag unterwegs. Dreht Schleifen ums Samaritaine. Hat die Mamiya dabei und das Stativ und versucht Panoramaaufnahmen von den Brücken, von Notre Dame, von den Ufern. In den Boul’Mich hinein, auch im Jardin du Luxembourg. Nimmt hier ein Taxi, lässt sich irgendwo hin bringen, kehrt wieder zurück an den Pont Neuf. Hoch ins Café, aber Makeda ist nicht da. „Hat heute vormittag frei“, sagt die Kollegin mit der Kinderstimme. Baut seine Ausrüstung draußen auf der Terrasse auf und fotografiert über die Dächer des Quartier Latin hinweg. Verschießt sieben, acht Filme. Hoch zu Sacre Coeur. Weitere Aufnahmen vom Kopf der Treppe aus. Es ist schwül, die Luft milchig. Hat sein Jackett längst abgelegt. Schwitzt in seinen Stiefeln. Kauft Turnschuhe im Kaufhaus. Dann ins Hotel. Die Nikon mit dem starken Tele. Zieht sich um: die alte Jeans und dieses quergestreifte T-Shirt. Jetzt ist es zwei, und er läuft zum Samaritaine. Makeda müsste jetzt da sein, ihr Schicht beginnt. Aber die freundliche Thekenverkäuferin sieht ihn amüsiert an und teilt ihm mit: „Hat sich krankgemeldet, die liebe Kollegin.“ Ob sie denn wisse, wo Makeda wohnt. „Ach, im Abessinierviertel, oben im Goutte d’Or.“ Ja, das wisse er schon, habe aber keine Adresse. » ganz lesen

publiziert am 17.07.15 in Oder nie ¦ 679x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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