Die Seite 22

Oder nie (20)

Bis mittags hat er bei Edith in der adretten Küche der Concierge-Wohnung gesessen, zugehört und einen Milchkaffee nach dem anderen getrunken. Ihre Lebensgeschichte aufgenommen und immer gedacht: Ja, das hört sich fremd und exotisch an, aber die Probleme und Anekdoten unterscheiden sich im Kern wenig von denen seines Großvaters, der 1913 aus Polen ins Ruhrgebiet gekommen ist. Auch der hat sich sofort der polnischen Gemeinde angeschlossen, allein schon, um nach der Messe mit den Landsleuten in seiner Muttersprache reden zu können. Auch die Geschichte der Auswandererfamilie Blascyk ist voller Trennungsschmerz. Pjotr hat nicht nur seine Eltern zurücklassen müssen, sondern auch seinen unehelichen Sohn. Der war der eigentliche Grund, warum der Opa damals Wloclawek verlassen hat, nicht die wirtschaftliche Situation, nicht die Armut und die Aussichtslosigkeit. Denn die Blascykowskis, so der eigentliche Name seiner Familie, zählten zum eher wohlhabenden Bürgertum. Pjotr war allerdings in mancher Hinsicht das schwarze Schaf der Familie, groß und stark, nicht besonders helle, trinkfest und rauflustig, aber für jegliche Tätigkeit im Sitzen völlig ungeeignet. So wurde er eben zum Auswanderer und in Recklinghausen angekommen Bergmann. Er änderte seinen Namen und brach jeden Kontakt in die Heimat ab. Der Großvater musste nun eine zweite Gattin finden, weil seine geliebte Maria 1914 im Kindbett starb und der noch ungeborene Sohn auch. Erst die Ehe mit der deutschen Therese, der Joseph und Peter die blonden Haare zu verdanken haben, war dann mit Kindern gesegnet und über fünfzig Jahre lang ausgesprochen glücklich. » ganz lesen

publiziert am 09.06.15 in Oder nie ¦ 276x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (19)

Wieder steht Giselle morgens einfach so in seiner Kammer. „Du musst dann heute um 16 Uhr bei uns im Büro sein. Olivier hat heute Zeit für dich.“ Er richtet sich schwerfällig auf. Ist die ganze Nacht auf einem schnelle Gefährt durch U-Bahn-Schächte gerast im Traum. „Hä?“ Sie tritt näher, stößt mit ihren spitzen Schuhen seinen Fuß an, der aus dem etwas zu kurzen Bett ragt: „Du kommen zu mir in Büro. Verstehn?“ Peter nickt. „Sechzehn Uhr? Gemerkt?“ Erneutes Nicken. „Okay, dann leg dich wieder hin.“ Und weg ist sie. Heute hat er sich kein Programm zurechtgelegt. Vielleicht zum Pere Lachaise. Oder an den Kanälen entlang. Jedenfalls dreht er sich um und schläft durch bis nach zehn. Duscht, wäscht sich die Haare und rasiert sich sehr sorgfältig. Trinkt einen Kaffee und macht sich dann auf den Weg zu Claude. Edith, die Concierge aus der Karibik, lehnt in ihrem Schalterfenster zum Hausflur. „Bonjour, Monsieur Pierre“, kräht sie fröhlich. Er antwortet zu ihrem Erstaunen auf Französisch. „Haben Sie Lust und Zeit auf einen Kaffee?“ Er nimmt die Einladung an, und sie lässt ihn ein. Die Küche grenzt direkt an das winzige Concierge-Büro und ist piccobello aufgeräumt. Neben dem Spülstein ein vierflammiger Gasherd, daneben ein Kühlschrank. Das Küchenbüffet scheint neu lackiert. Die Tapeten passen zum Linoleumboden, und auf dem quadratischen Tisch ist eine hübsche Decke ausgebreitet. » ganz lesen

publiziert am 07.06.15 in Oder nie ¦ 385x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (18)

Es ist halb sechs am Morgen, und Peter ist ganz ohne Wecker pünktlich wach geworden. Um Viertel vor sechs soll er Pierot am Bistro treffen. Claude wird ein bisschen früer öffnen, damit die zwei schnell einen Kaffee nehmen und ein Croissant essen können. Er hat sich wieder für die Leica entschieden und den HP-S, den er so hochziehen wird, dass er im Untergrund auch ohne Blitz fotografieren kann. Arbeitskleidung, hat Pierot gesagt, bekomme er an der Baustelle. Sie begrüßen sich mit Handschlag und trinken schweigend ihren Kaffee. Auch Claude ist maulfaul und wünscht seinem Freund Pierre viel Erfolg. Sie fahren nach Chatelet. Pierot geht vor. Er hat einen Spezialschlüssel, öffnet eine unauffällige Stahltür in einem der Gänge. Sie stehen in einem Treppenhaus, das nur alle paar Meter schwach erleuchtet ist. Peter zählt die Stufen mit: erst führen sechsundsiebzig abwärts, dann ein Knick und weitere achtzehn Schritte. Wieder eine Tür, dahinter ein Gang mit Türen links und rechts. Der Metro-Arbeiter öffnet eine, und sie landen in einem Umkleideraum mit drei Reihen Spinde. Sein Begleiter zeigt ihm einen, in dem Peter Stifel, Hose und Jacke aus Gummi und einen Helm mit Lampe findet. Er zieht sich um. Dann geht es den Gang in der anderen Richtung entlang. Achtundfünzig Stufen führen aufwärts. Erneut eine Tür. Und dann stehen sie an einem schmalen Absatz mitten im Tunnel. Zwei Gleise, auf dem einen eine dunkelblaue Elektrolok mit drei offenen Waggons. Pierot begrüßt die Kollegen und stellt Peter vor. Drei der sieben Männer sind Afrikaner, zwei haben die dunkle Haut der Maghrebiner, nur zwei sehen aus wie Franzosen. Der Vorarbeiter trägt als einziger einen roten Helm und gibt Kommandos. Die Fahrt dauert zehn, fünfzehn Minuten. Dann steigen sie aus, und nach einem kurzen Fußmarsch durch Tunnelstücke und Verbindungsöffnungen sind sie an der Baustelle. » ganz lesen

publiziert am 05.06.15 in Oder nie ¦ 399x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (17)

Es hat eine Zeit gedauert bis Peter aus Minh Chau so richtig schlau geworden ist. Sie unterhalten sich inzwischen auf Französisch. Er hat in de fremden Sprache viel weniger Schwierigkeiten mit der Wortfindung als wenn er Deutsch spricht. Als er acht war, ist einer Lehrerin seine Behinderung aufgefallen. „Ihr Sohn ist sehr still, Frau Blascyk“, hatte sie der Mutter gesagt, „und wenn er was sagt, dann kann man ihn manchmal kaum verstehen.“ Peters Mutter hatte dann erklärt, dass der Junge zuhause auch kaum redete und sich oft mit den Wörtern verhaspelte. „Wir sollen sehen“, hatte die Pädagogin angemerkt, „wie sich das im zweiten Halbjahr entwickelt und dann eventuell fachmännischen Rat einholen.“ Er war dann in logopädische Therapie bei Frau Dr. Zeisig gekommen, einer gelernten Buchhändlerin, der das Wort an sich am Herzen lag – ob geschrieben und gedruckt oder gesprochen oder gesungen. In den Stunden saß sie Peter meist mit geschlossenen Augen gegenüber und führte ihm die Übungen vor: „A, o, u, i, i, o, a, u. Bsss, bsss. Trrr, trrr.“ Aber die Laute zu bilden, damit hatte er keine Probleme. Wenn er einen Satz dachte, dann kam der eben nicht einfach heraus aus seinem Mund, sondern etwas andere, etwas ähnliches, etwas, das sich annähernd so anhörte wie das, was er meinte. » ganz lesen

publiziert am 02.06.15 in Oder nie ¦ 410x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (16)

Jeden Tag belichtet Peter zwei bis drei Filme. Die Ausbeute sammelt sich unter seinem Bett in einem Schuhkarton. Es wird Zeit, Zugang zu einem Labor zu bekommen, um wenigstens die Negative entwickeln zu können. Außerdem hat er sich auf Giselles Rat zu einem Intensivkurs Französisch im Institute Francaise angemeldet und geht nun an drei Tagen der Woche jeweils vier volle Stunden zur Sprachschule. „Du musst doch die Sprache können, sonst kannst du dich ja gar nicht verständlich machen“, hatte seine Freundin gesagt. Er hatte das nicht kommentiert, aber gedacht, dass er sich auf Deutsch auch nicht wirklich verständlich machen kann. Ihm scheint es wichtig, Französisch zu können, um die Gesprächsfetzen zu verstehen, die er ständig aufnimmt auf den Straßen, in der Metro und in den Bistros. Zwölf Personen sind sie im Kurs, der im obersten Stockwerk eines gesichtslosen Hauses in einem öden Viertel südlich des Montparnasse stattfindet. Die Lehrerin heißt Mallorie Krugelheim, eine Elsässerin, die darauf besteht, dass ihr Name „Krügellem“ ausgesprochen wird. Streng ist die kaum einssechzig große Frau, die immer Grau trägt. Passend zu ihrer straffen Frisur. Dazu Herrenschuhe mit dicken Sohlen. Peter ist der einzige Deutsche, kann sich also darauf verlassen, dass Madame Krügellem ihn versteht, wenn er etwas in seiner Muttersprache sagt. Außerdem versteht sie nach eigenem Bekunden auch noch Englisch, Spanisch und Italienisch. » ganz lesen

publiziert am 31.05.15 in Oder nie ¦ 436x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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