Die Seite 23

Oder nie (14)

Dann hatte er sich an dem Tag, dem man ihm per Brief mitgeteilt hatte, an der Kunstakademie eingefunden. Peter erinnert sich noch genau wie er vor dem Portal, hoch aufragend, wie eine Kathedrale, wie ein Tempel. Wie er die schwere Tür aus Eisen mit kleinen Glasscheiben aufdrückt und im Vorraum steht. Der Geruch nach Terpentin und alten Lumpen. Hall von Gesprächen von weit hinten. Weiß und grau, und alles im Hochformat oder quadratisch. Wie er die Praktika auspackt und sein allererstes Foto in der Akademie macht, dem Hunderte folgen werden. Dass der Empfang im Sekretariat eher nüchtern aus fiel, wo er doch beinahe ein Ritual wie bei einer Priesterweihe erwartet hat oder bei der Aufnahme neuer Mönche in ein buddhistisches Kloster. Statt dessen händigte ihm die schweigsame Dame sein Studienbuch aus, den Enpfang musste er quittieren. Dann nimmt er sich ein Vorlesungsverzeichnis vom Tresen und geht wieder. Vorher war er vielleicht drei- oder viermal in Düsseldorf. Einmal beim Schulausflug in die Landeshauptstadt. Den Landtag hatten sie besichtigt, ein rechteckiger Bau an einem Weiher, nicht sehr hübsch. Wie er überhaupt enttäuscht war, denn er hatte eine strahlende Metropole erwartet, einen bedeutenden Ort, wo die Geschicke seines Bundeslandes gelenkt werden. Aber beim Gang durch die Altstadt an einem grauen Vormittag kam ihm Düssedorf eher vor wie eine Kleinstadt. Erst der mächtige Strom jenseits der stark befahrenen Bundesstraße, der schien zur Bedeutung der Stadt zu passen. » ganz lesen

publiziert am 27.05.15 in Oder nie ¦ 400x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (13)

Peter liegt auf dem Bett in der kleinen Dachkammer und versucht nachzudenken. Immer wieder verliert er das Ziel aus den Augen. Wenn sein Aufenthalt in Paris überhaupt ein Ziel hat. Tourist will er nicht sein, der die Sehenswürdigkeiten abklappert, Einheimischer kann er nicht sein. Was er in der Stadt überhaupt sein kann, das ist ihm nicht klar. Es ist später Nachmittag, und der Himmel ist schon beinahe schwarz hinter den dichten Wolken. Es klopft: „Kann ich reinkommen?“ fragt Giselle und steht auch schon mitten im Zimmer. „Na, wie war dein Tag? Ordentlich rumgekommen? Viel gesehen?“ Er richtet sich auf: „Sehe immer viel.“ Wenn sie einen Bericht von ihm erwartet, dann wird er sie enttäuschen müssen. So wie Karin immer enttäuscht ist, wenn er mit den Kameras unterwegs war, manchmal zwei, drei Tage lang, und sie nach seiner Rückkehr hören möchte, was ihm alles passiert ist. Und er dann nur sagt: „Warte bis ich die Abzüge habe.“ Weil er aber an diesem Tag nichts fotografiert hat, kann er Giselle so nicht vertrösten. Sie hat die Tür hinter sich geschlossen und lehnt am Türrahmen. „Und morgen?“ Peter zuckt mit den Schultern. „Ach, eh ich’s vergess. Olivier möchte dich bei Gelegenheit kennenlernen. War seine erste Reaktion als ich erzählte, dass du Fotograf bist.“ » ganz lesen

publiziert am 25.05.15 in Oder nie ¦ 363x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (12)

Giselle hat ihm einen Zettel geschrieben, Bedienungsanleitung für die Espressokanne auf dem Gasherd. Dazu einen Gruß und den Abdruck ihres Kussmundes. Frische Croissants stehen auf dem Frühstückstisch. Über Nacht ist das Wetter umgeschlagen. Über den grauen Himmel segeln milchige Wolken im starken Wind. Das alte Fenster klappert ein bisschen, und es ist kalt in der Wohnung. Jetzt fehlt ihm sein Parka, und Peter überlegt, zum Flohmarkt zu fahren, um seine wetterfeste Jacke zurück zu kaufen. Aber dann denkt er, dass ein regendichter, halblanger Mantel wie ihn die Männer hier tragen, besser passt und er ohnehin das Kaufhaus Samaritaine besichtigen wollte. Routiniert kauft er ein Tages-Carnet und fährt Richtung Opera. Es ist ziemlich kühl, aber trocken. Er geht zu Fuß in Richtung Louvre, dann ein Stück die Rue de Rivoli entlang, um dann zum Pont Neuf abzubiegen. Er streift die Sehenswürdigkeiten nur mit kurzen Blicken, will die noch gar nicht sehen, sich nicht ablenken lassen. Heute ist Paris farblos und unfreundlich. Kaum Touristen unterwegs, stetig fließender Autoverkehr. Viele mürrische Gesichter, viele, die beim Gehen zu Boden blicken. Polizisten, die sich in Hauseingängen vor dem kalten Wind schützen. La Samaritaine ist eine Kathedrale voller Waren. Niemand, der sonst im Kaufhof oder bei Karstadt kaufen geht, würde diesen Palast ein Warenhaus nennen. An jeder Auslage eine Verkäuferin. Dazu junge Frauen in dunkelgrauen Kitteln mit weißen Schürzen und Häubchen, die den Damen die Einkaufstüten nachtragen oder Gekauftes einsammeln und zur Zentralkasse bringen. Aus dem Erdgeschoss kann man in der Mitte durch alle Etagen sehen bis zu einem gewaltigen Glasdach. » ganz lesen

publiziert am 21.05.15 in Oder nie ¦ 428x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (11)

Vorsichtshalber klopft Peter an Giselles Wohnungstür. „Komm rein“, ruft die, und als er eintritt sieht er erneut die nackte Freundin durch den Raum huschen. „Nimm dir was zu trinkenm, setz dich“, ruft sie aus dem Bad. Karin würde nie unbekleidet durch einen Raum gehen oder laufen. Natürlich sehen sie sich auch nackt, aber für seine Frau hat Nacktheit immer auch mit Sex zu tun, muss deshalb intim sein, zwischen Partner. Als Peter vor einigen Jahren vorschlug, Aktaufnahmen mit ihr zu machen, hatte sie empört abgelehnt. Erst in der Akademie kam er dann dazu, denn da gab es einen Kurs mit vier, fünf Modellen, an denen er das Fotografieren nackter Körper üben konnte. Ihm selbst wäre nur Nacktheit in der Öffentlichkeit peinlich. Und dass obwohl gerade der Vater oft und gern nackig – so nannte die Mutter das – durch die Wohnung ging und er immer von seiner Jugend erzählte, als sie alle, er betonte: alle! nackt am See gelegen hätten in den heißen Sommern. Sicher hätte er gern auch mal Urlaub gemacht, „hüllenlos“ wie man damals sagte, aber das hätte seine Frau nie mitgemacht. Peter findet menschliche Körper generell schön, also Haut und Haare, Falten und Dellen, als das, was eben an einem normalen Körper zu finden ist. Deshalb hat er beim Kurs in Aktfotografie auch nie die Ästhetik hinbekommen, die der Dozent ihnen beibringen wollte. Letztlich waren auch seine Aktfotos Bilder von Menschen wie sie eben sind. » ganz lesen

publiziert am 19.05.15 in Oder nie ¦ 319x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (10)

Schnell hat sich Peter an die Fortbewegung mit der Metro gewöhnt. Mit dem kleinen, auf die Größe eines Taschenkalenders faltbaren Übersichtsplan findet er sich gut zurecht. Und am späten Nachmittag braucht er den schon nicht mehr, weil er die Struktur mit seinem fotografischen Blick gespeichert hat. Nun muss er nur noch die Namen der Endhaltestellen auswwndig lernen, damit er immer weiß, in welche Richtung er sich bewegt. Er setzt sich in einen Zug und fährt, steigt aus und steigt um. Taucht aus einer Metro-Station auf ans Tageslicht und taucht wieder hinab in den ewigen Tunnel. Manchmal setzt er sich auf eine Bank an einem Bahnsteig und schaut zu. Bleibt sitzen, während zwei, drei Bahnen kommen und gehen. Sieht die Menschen, sieht ihre Gesichter, ihre Bewegungen. Das immergleiche Licht in den Stationen: Zuverlässig leuchtet es die Dinge aus, und in den Tunneln werden die Lichter an der Wand immer kleiner. Später hat er manchmal einen Bahnsteig für sich allein in den kleineren Stationen. Er beobachtet die Signalanlagen. Spürt den Luftzug lange bevor der Zug einläuft. Dann das Zischen der Bremsen, die drei Warntöne vor der Abfahrt, die peneumatisch schließenden Sicherheitstüren. Nur die Verbindungsgängen in den sehr großen Bahnhöfen, die mit den vier, fünf Ebenen, den Treppen und Stollen, Abzweigungen und Überführungen, die sind ihm noch nicht geheuer. Nach ein paar Stunden landet er eher zufällig am Ende der Linie 4, an der Porte de Clignancourt. Und entdeckt ebenso zufällig den Marche aux Puces, den berühmtesten aller Flohmärkte der Welt. » ganz lesen

publiziert am 17.05.15 in Oder nie ¦ 324x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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