Die Seite 23

Letzte Arbeit (1)

Als sie die Stelle im Park gefunden hatte, der Zaun kaum zehn Metern von den Ferngleisen entfernt, stellte sie fest, dass der ICE schreit, wenn er vorbeifährt. Ein völlig anderes Geräusch als ein IC mit Lok vorne oder ein Regionalexpress oder gar die S-Bahn. Ein hoher Schrei, der ankommt, wenn der Zug ins Blickfeld gerät, dann anhält bis zum letzten Waggon. Kein Schmerzensschrei, sondern ein selbstbewusstes Geräusch wie ein Tier, das so sein Revier markiert. Dann kam sie öfters hierher, wusste nach einiger Zeit ungefähr, wann ein Express vorbei raste. Sie fuhr gern mit der Eisenbahn, schon seit Kindheitstagen. Liebte Bahnhöfe, und Opa nahm sie manchmal sonntags mit. Dann lösten sie an der Sperre Bahnsteigkarten für zehn Pfennige und marschierten wie selbstverständlich zu den Gleisen 11 und 12, wo der TEE mit laufender Dieselmaschine auf seine Abfahrt wartete und die feinen Leute einstiegen, um über Köln den Rhein entlang, ander Loreley vorbei in ferne Länder zu reisen. Ein paar Mal war sie mit den Eltern nach Bocholt gefahren, wo Vater einen Kriegskameraden besuchte. Die Strecke wurde von einer Dampflok bedient, die drei oder vier Waggons schleppte. Der Rhythmus, mit dem der Dampf aus dem Schlot gestoßen wurde, vom Wind gedrückt, sich auflösend an den Fenstern vorbeizog. Der Rhythmus der Schienestöße, das Pfeifen der Lok an den vielen Bahnübergängen. Und dann das Ablassen des Dampfes im Bahnhof wie ein Ausatmen. Später dann das Brummen des Schienenbusses, der die nicht elektrifizierten Strecke übernahm und einen ganzen anderen Gerucht trug. » ganz lesen

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publiziert am 01.12.15 in Letzte Arbeit,Paare ¦ 657x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Getrennte Wege (2)

Das Dumme an diesem Abschied war, dass ich sie danach über zehn Jahre lang nicht wieder sah. Sie hatte bereits gekündigt und war, das erfuhr ich von Kollegen, nach Amerika gegangen. Wollte dort irgendwas mit Theater machen. Ich lernte D. kennen. Zwei Jahre später wurde mein Sohn geboren. Wir heirateten, und ich machte mich selbstständig. Weitere drei Jahre danach kam die Tochter. Getrennt haben wir uns sieben Jahre später. Einigermaßen im Frieden. Da hatte ich ein Appartement mit großer Terrasse im In-Viertel F. gefunden. Mein Büro war Teil einer Gemeinschaft, in der ich Untermieter war. Am liebsten ging ich zu Fuß zur Arbeit. Morgens gab mir die Strecke Gelegenheit, wach zu werden und mich für den Tag zu sortieren. Abends verarbeitete ich, was über Tag geschehen war. Nur ganz selten ging ich die dreißig Minuten mit offenen Augen und offenem Sinn. » ganz lesen

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publiziert am 29.11.15 in Paare,Stadtgeschichten ¦ 677x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Getrennte Wege (1)

Sie hatte die hellste Haut, die ich je bei einem Menschen gesehen hatte. Und später je sah. Unten hatte sie sich ein Lager aus Kissen und Matratzen zurechtgemacht und die große grüne Decke darüber gebreitet. Da lag sie, und aus meiner Perspektive von der Empore aus sah sie aus wie eine Schneeverwehung am grünen Straßenrand. Sie hatte mich nach oben verbannt mit den Worten „Brauch mal Ruhe“ und angemerkt, sie sei schon ganz wund. Das ging mir auch so. Aber ich hätte sie gern weiter erforscht, auch an diesem sonnigen Septembertag. Diffus war das Licht, bisweilen durchschnitten von einem einzelnen Strahl, der es durch eine Lücke in den Rollläden geschafft hatte. Da tanzte der Staub, und die Sonne malte einen einzelnen Kringel auf ihren bloßen Körper. Sie hatte mir nicht erlaubt, ihren Leib zu markieren. Eine Linie aus dunkelroter Farbe zu ziehen mitten durch sie hindurch und einmal um sie herum. Am Nabel beginnend, abwärts über den Haarbusch, unten durch bis zum Ansatz des Rückgrats, über alle Wirbel, den Nacken hoch, über den Schädel, die Stirn, die Nase, die Lippen, das Kinn, den Hals und zwischen ihren Brüsten hindurch. Es wäre ein Kunstwerk geworden. Aber sie wollte nicht. Mir schien, sie habe beschlossen, ich hätte ohnehin schon zu viel bekommen von ihr. Zwei Tage vorher hatte ich neben ihr gelegen auf dem breiten Bett, und sie hatte mich ihre Haut erobern lassen. Da hatte ich erst realisiert, dass sie nicht ganz weiß war und nicht überall. Da entdeckte ich Schattierungen wie das warme Grau in ihren Achselhöhlen. » ganz lesen

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publiziert am 22.11.15 in Paare ¦ 692x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Schlafende Hunde (Schluss)

Obwohl die Herkunft des Old English Sheepdogs als Großbritannien registriert ist, ist es wahrscheinlicher, dass seine Vorfahren eine Kombination der europäischen Schäferhunde Owtcharka und Bergamasco mit den Schäferhunden von Großbritannien sind. Er wird jetzt als eine ursprüngliche britische Rasse angesehen und häufig auch Bobtail genannt. Kräftig, kompakt und reichlich behaart; sein Fell ist ein auffälliges Merkmal und wetterabweisend. Er ist im wesentlichen ein Landhund, intelligent und freundlich; er hat ein auffällig klangvolles Bellen, welches ausreicht Eindringlinge abzuschrecken. Der Bobtail ist einkräftiger, quadratisch aussehender Hund, sehr symmetrisch, Gesundheit und Leistungsfähigkeit zeigend. Auf keinen Fall ist er hochläufig oder überall üppig behaart. Er ist ein anpassungsfähiger Hund mit ausgeglichenem Wesen, kühn, treu und zuverlässig, ohne jegliches Zeichen von Nervosität oder unbegründeter Aggressivität.

Und sobald mein Schädel wieder mit der klaren Hamburger Luft in Berührung kam, klärten sich auch meine Gedanken und Gefühle. Zwei Stunden später saß ich im ICE, dieses Mal im Großraumwagen der Ersten Klasse, weitab von anderen Reisenden, die ich mit meinem Suffgeruch hätte abschrecken können. Ich ließ mir alle halbe Stunden einen Pott Kaffee und eine Flasche Wasser sowie ein Aspirin bringen und war auf Höhe von Hamm in Westfalen wieder einigermaßen beieinander. Ich begann im Hirn an der Rede zu schreiben, die ich Friederike halten würde, quasi ein Antrag, in dem Floskeln wie „für immer“ und „bis an mein Lebensende“, aber auch „gemeinsame Zukunft“ und „größte Liebe“ vorkamen. Von Treue wollte ich sprechen und davon, dass ich endlich erwachsen genug für eine ernsthafte Bindung sei. Dass ich mit ihr überall hingehen würde. Und ich auf den tollen Job in Bremen verzichten würde, wenn sie nicht mit dorthin gehen wolle. Dass natürlich ein zweiter Hund her müsse. Nur das Thema Fortpflanzung, das sparte ich in meinem virtuellen Manuskript aus – ich wollte es ja auch nicht übertreiben. » ganz lesen

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publiziert am 19.11.15 in Schlafende Hunde ¦ 1353x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Schlafende Hunde (24)

Der Springer Spaniel ist alten und reinen Ursprungs, älteste der Gundog-Rassen. Ursprünglicher Zweck war das Finden und Aufjagen des Wildes bei der Netzjagd, der Jagd mit dem Falken oder dem Greyhound. Wird jetzt gebraucht, um Wild zu finden, hochzumachen und nach dem Schuss zu apportieren. Daher ist er als Stöber- und Apportierhund auch im Hundesport gut einsetzbar. In der Vergangenheit sollte er das Wild in Stellnetze oder in offenes Gelände treiben, um es für die Windhunde und Falken jagdbar zu machen. Der Name leitet sich von der englischen Beschreibung ab: „This dog takes his name from ‚springing‘ the birds originally for the nets and later for the guns.“ Der English Springer Spaniel ist ein mittelgroßer Hund (ca. 51 cm). Er hat glatt anliegendes und dichtes Fell, das auch leicht wellig sein darf, mit mäßig befederten Fahnen. Ein edler, ausdrucksvoller Kopf mit klarer Abgrenzung der Blesse und hellwachen, sanften Augen runden das Bild ab. Die anerkannten Farben sind braun/weiß, schwarz/weiß, beide mit oder ohne loh. Er zeigt Passgang und bei flotter Bewegung einen weit ausgreifenden, freischwingenden Trab und liebt die Bewegung in Feld und Wald. Er ist nicht „Everybody’s Darling“, sondern schließt sich eng an seine Bezugsperson(en) an.

Das war neu. Wenn ich scharf auf eine Frau war und eine Verabredung mit ihr hatte, dann entwickelte ich bis zum Vollzug den Tunnelblick. Dann war die kommende Bettgenossin für ein paar Stunden – oder Tage, selten Wochen – die schönste und begehrenswerteste aller Frauen. Dann hatte ich weder Augen für eine andere, noch verschwendete ich einen Gedanken an irgendwelche anderen Damen. Nicht dass ich je ein besinnungsloser Jäger und Sammler gewesen wäre. Nein, irgendwelche Rekordversuche lagen mir immer fern, und nur ganz, ganz selten wechselte ich von einer zu anderen. Auch wenn es sich nur um eine Affäre handelte, so verstrich doch bis zur nächsten immer eine gewisse Weile, eine Art Trauerzeit. Zumal es meistens die Vertreterinnen des anderen Geschlechts waren, die mich abschossen, und es über all die Jahre kaum drei- oder viermal vorgekommen war, dass ich die temporäre Herzensfrau verließ. » ganz lesen

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publiziert am 08.11.15 in Schlafende Hunde ¦ 1451x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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