Die Seite 24

Oder nie (9)

So ganz genau weiß Peter nicht, weshalb er jetzt auf der Aussichtsplattform eines Hochhauses steht und über Paris schwebt mit seiner Höhenangst. Als er sich in der konfusen Metro-Station verirrt hatte, wählte er einen Ausgang, der ihn direkt ins blendende Sonnenlicht führte. Orientierungslos ging er los, durchquerte eine Grünanlage samt Friedhof und stand dann vor dem himmelhohen Gebäude. Jetzt hält er einen Meter Abstand vom Geländer. Der Wind hier oben ist kalt, er ist fast allein, nur ein asiatisches Paar mittleren Alters teilt die Plattform mit ihm. Er weiß auch nicht, weshalb er überhaupt in den Aufzug gestiegen ist und warum er für zehn Franc eine Eintrittskarte gelöst hat. Ihm war auch nicht bewusst, dass es in der Stadt überhaupt ein solches Gebäude gibt, dachte, einen Überblick können man nur vom Eiffel-Turm haben, den bis zur Spitze hinaufzufahren er sich nicht traut. Die Geräusche mischen sich anders in der Höhe, wo unten auf der Straße die Geräusche des Autoverkehrs dominieren, ist die Luft hier oben von einem unbestimmten Dröhnen erfüllt, in das sich spitze Geräusche mischen, die er nicht zuordnen kann. Er sieht links den eisernen Turm und geradeaus, über die ganze Innenstadt hinweg, Montmartre. Auch den Buttes-Chaumont kann er identifizieren. Dann sieht er noch hinter dem Eiffel-Turm weitere helle Hochhäuser, die er dort nicht erwartet hat. Er tritt an eines der Münzferngläser, wirft ein Franc-Stück ein und holt das Bild näher heran. Laut Stadtplan handelt es sich um „La Defense“. » ganz lesen

publiziert am 15.05.15 in Oder nie ¦ 307x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (8)

Es müssen Spatzen sein, die ihn mit ihrem Getöse wecken. Pariser Spatzen, denkt Peter, der in Dortmund schon seit Jahren keine mehr gesehen und gehört hat. Er hat fest geschlafen, traumlos, beinahe zehn Stunden lang. Jetzt ist er ausgeruht und voll da. Edith Piaf fällt ihm ein, der Spatz von Paris, und das bisschen französischer Chansons, das er kennt. Ein Radio wäre nicht schlecht. Wird sich ein billiges Transistorgerät kaufen. Geht runter in Giselles Wohnung. Überall liegt Kleidung herum, nasse Handtücher über den Stuhllehnen. Drei, vier leere Weinflaschen auf dem Tisch. Daneben ein Zettel: „Bin auf Arbeit. Meld dich mal. Kuss – Giselle“. Peter duscht ausgiebig. Beim Zähneputzen schaut er in den Spiegel. Der Bart muss ab. Rasiert sich ausführlich, selbst die Koteletten müssen fallen. Er findet, jetzt sieht er irgendwie neutraler aus, nicht mehr so nordisch. Nimmt die Reste vom Vorabend zum Frühstück. Schafft es sogar, sich mit der Espressokanne auf dem Gasherd einen Kaffee zu brauen. Hat sich eine Liste gemacht mit Dingen, die er von Paris kennt, von Namen, von Orten, von Assoziationen. Die geht er nun durch; zweiundachtzig Positionen, unsortiert. Stößt auf das Wort „Katakomben“. Unterirdische Schädelstätte, stand in einem Reiseführer. Ob man die besichtigen kann, fragt er sich. Unterirdisches hat ihn schon immer fasziniert. Spätestens seit er mit den Eltern als kleiner Junge die Dechenhöhle im Sauerland besucht hatte. » ganz lesen

publiziert am 13.05.15 in Oder nie ¦ 326x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (7)

Erst jetzt merkt er, dass er schon seit fast zwanzig Stunden nichts mehr gegessen hat. Im Kühlschrank findet er einen fürchterlich stinkenden Käse und eine steinharte, dünne Salami. Brot gibt es gar nicht. Immerhin hat Giselle auch eine Flasche Weißwein und eine Flasche Mineralwasser gelagert. Trotzdem beschließt er, einkaufen zu gehen. Allein schon um sich ein paar Dosen Bier zu besorgen. Die Straße liegt still da. Nur hinter wenigen Fenster sind die Zimmer erleuchtet. Peter findet die Alimentation mit dem 24-Stunden-Dienst. Ein merkwürdig geformter und gestalteter Laden: Kaum zweieinhalb Meter breit mit verglasten Klapptüren, die offenstehen. Dafür aber gut zwölf, dreizehn Meter lang. Vorne ein paar Kühltruhen, dann je ein Regal an jeder Längswand. Ganz hinten verglaste Kühlschränke für Getränke. Ungefähr auf halber Höhe rechts eine ziemlich angeranzte Kasse, hinter der ein dürrer, unrasierter Mann unbestimmter Herkunft hockt und in einer Autoillustrierten blättert. Der erwidert Peters Gruß nicht. Drahtkörbe gibt es für die Waren, und er entscheidet sich für einen abgepackten Brie, eine eingeschweißte Wurst und einen Karton mit winzigen Bierflaschen, von denen jede einzelne kaum mehr als ein Glas füllen könnte. Kronenbourg ist anscheinend eine beliebte Marke, denn der Kühlschrank ist voll von Flaschen verschiedener Größe mit dem entsprechenden Etikett. Hinter dem Kassierer hängt ein Holzgestell an der Wand, in dem drei Baguettes lagern. Peter deutet darauf, und der Mann reicht ihm das Brot. Addiert die Preise mit einem Bleistift auf einem schmierigen Zettel und nennt eine Zahl. Er bekommt einen Fünfzig-Franc-Schein und gibt ein paar Münzen heraus. » ganz lesen

publiziert am 11.05.15 in Oder nie ¦ 301x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (6)

Das Fenster zum Flur ist geöffnet. Fröhliche Musik drinnen. Irgendwie exotisch, lateinamerikanisch, afrikanisch. Giselle klopft an den Rahmen. „Ah, Mademoiselle Krug!“ – „Madame Edith, c’est mon cher ami Pierre. Peter, das ist Madame Edith. Sie kommt von der Insel La Reunion.“ Das einzige, was Peter über diese Insel weiß, weiß er aus dem Film mit Jean-Paul Belmonod und Catherine Deneuve. Er hatte nicht erwartet, dass die Concierge dunkelhäutig ist. „Bienvenue, Monsieur Pierre“ ruft sie fröhlich, und er nickt der stolzen Frau in der bunten Kittelschürze höflich zu. Ein rundes Gesicht hat sie, darüber eine aschblonde Perücke im Stil der frühen Sechziger. Peter schätzt sie auf mindestens fünfzig Jahre wie sie da den Fensterrahmen mit ihrem Oberkörper und den großen Brüsten, unter denen sie jetzt die Arme verschränkt hat, ausfüllt. Sie mustert den Deutschen von oben bis unten als wolle sie eine Fotokopie von ihm anfertigen. Dann plappern die beiden Frauen ein bisschen, lachen zwischendurch auf. „A toute a l’heure“, sagt Giselle zum Abschied, und die Concierge schließt ihren Schalter. Sie schleppen das Gepäck hoch in seine Mansarde. „Pass auf“, sagt Giselle, „ich lass dich jetzt allein. Hab einen Abendtermin mit Kunden. Muss mich noch schick machen. Außerdem wirst du müde sein. Wenn du duschen willst, komm einfach runter, aber gibt mir noch ne Dreiviertelstunde. Was zu essen und Wein findest du in der Küche. Bedien dich einfach. Und wenn du Appetit auf irgendwas anderes hast: um die Ecke ist eine Alimentation, die ist bis mindestens elf Uhr auf.“ » ganz lesen

publiziert am 09.05.15 in Oder nie ¦ 343x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (5)

Die Frage ist: Wann ist der richtige Zeitpunkt? Peter hat seid seiner Kindheit oft das Gefühl, zu spät dran zu sein, etwas verpasst zu haben, seltener zu früh da gewesen zu sein. Die Fälle, in denen er spürte, er habe etwas genau im bestmöglichen Moment getan, kann er an einer Hand abzählen. Merkwürdigerweise sind dies genau die Augenblicke gewesen, in denen er – zumindest in der Rückschau – glücklich war. Zum Beispiel als er Karin gefragt hatte. ob sie mit ihm schlafen wolle. Sie kannten sich da bereits seit ihrem dreizehnten beziehungsweise vierzehnten Lebensjahr, und alle Leute dachten, sie gingen zusammen. Aber erst nach dem ersten gemeinsamen Sex fühlten sich beide als Paar. Bis dahin war Karin in geschlechtlichen Dingen ausgesprochen spröde. Einmal hatte Peter das versucht, was er aus der Bravo als Petting kannte. An einem Abend als seine Mutter gerade ein paar Tage zur Schwester nach Hamburg gereist war. Aber das führte für beide nicht zur Befriedigung. Einige Wochen später hatte sie sturmfreie Bude. Sie hatten eine kleine Radtour unternommen, waren bis an den kleinen See mitten im Forst gekommen. Einen Ort, den kaum einer kannte. Waren ins Wasser gesprungen in ihrer Unterwäsche. Knutschten hinterher im Gras herum, dass Peter es kaum aushalten konnte. Und dann vor ihrer Haustür sagte er nur: „Ich komm mit rauf, okay?“ Sie hatte genickt, und danach war alles ganz einfach. Und schön für beide. Eigentlich, denkt Peter gerade während er mit der plappernden Giselle im Aufzug langsam nach unten fährt, hingen alle richtigen Momente mit Karin zusammen. Außer dem Zeitpunkt als er ganz alleine seine Paris-Reise beschlossen hatte. » ganz lesen

publiziert am 07.05.15 in Oder nie ¦ 331x gelesen ¦ noch kein Kommentar

blättern: « 1 ... 21 22 23 24 25 26 27 ... 80 »