Die Seite 25

Oder nie (5)

Die Frage ist: Wann ist der richtige Zeitpunkt? Peter hat seid seiner Kindheit oft das Gefühl, zu spät dran zu sein, etwas verpasst zu haben, seltener zu früh da gewesen zu sein. Die Fälle, in denen er spürte, er habe etwas genau im bestmöglichen Moment getan, kann er an einer Hand abzählen. Merkwürdigerweise sind dies genau die Augenblicke gewesen, in denen er – zumindest in der Rückschau – glücklich war. Zum Beispiel als er Karin gefragt hatte. ob sie mit ihm schlafen wolle. Sie kannten sich da bereits seit ihrem dreizehnten beziehungsweise vierzehnten Lebensjahr, und alle Leute dachten, sie gingen zusammen. Aber erst nach dem ersten gemeinsamen Sex fühlten sich beide als Paar. Bis dahin war Karin in geschlechtlichen Dingen ausgesprochen spröde. Einmal hatte Peter das versucht, was er aus der Bravo als Petting kannte. An einem Abend als seine Mutter gerade ein paar Tage zur Schwester nach Hamburg gereist war. Aber das führte für beide nicht zur Befriedigung. Einige Wochen später hatte sie sturmfreie Bude. Sie hatten eine kleine Radtour unternommen, waren bis an den kleinen See mitten im Forst gekommen. Einen Ort, den kaum einer kannte. Waren ins Wasser gesprungen in ihrer Unterwäsche. Knutschten hinterher im Gras herum, dass Peter es kaum aushalten konnte. Und dann vor ihrer Haustür sagte er nur: „Ich komm mit rauf, okay?“ Sie hatte genickt, und danach war alles ganz einfach. Und schön für beide. Eigentlich, denkt Peter gerade während er mit der plappernden Giselle im Aufzug langsam nach unten fährt, hingen alle richtigen Momente mit Karin zusammen. Außer dem Zeitpunkt als er ganz alleine seine Paris-Reise beschlossen hatte. » ganz lesen

publiziert am 07.05.15 in Oder nie ¦ 331x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (4)

Er hat Gisela ja in alle den Jahren nur zweimal gesehen, denn öfter war sie auch nicht in die Heimat gereist. Beim ersten Mal zu Weihnachten in der Mitte ihres ersten Au-pair-Jahre. Zum zweiten Mal kam sie zur Beerdigung ihres Vaters. Das war vor kurz nachdem sie bei Olivier und Frederic angefangen hatte. Nach der Beerdigung hatte sie sich von einem Cousin nach Dortmund bringen lassen und war mit den beiden füchterlich versackt. Der Herold war damals eine angesagte Kneipe für die Jugend. Man spielte schwierige Rockmusik und ein bisschen was für die Späthippies zum Tanzen. Das Bier war billig und der Apfelkorn auch. Fröhlich war Gisela. Und weil sie so trinkfest war, blieb sie lange halbwegs bei Verstand. Erst gegen halb eins, kurz vor der Polizeistunde, ging es mit ihr durch. Sie schaffte es, dass der Discjockey eine Pause einlegte, und begann „Der Hahn ist tot“ und natürlich „Le coque est morte“ zu singen. Die letzten Gäste waren verblüfft, aber dann stimmten immer mehr ein, und bald dirigierte Gisela einen astreinen Kanon zu Ehren ihres verhassten Vaters. Bis auf die Kleidung mit einem gewissen Pariser Chic war sie das Bauernmädchen geblieben. Nur die blonden Zöpfe hatte sie abgeschnitten. Karin war der Vorfall peinlich, wie ihr solche Vorfälle generell peinlich waren. Nur nicht auffallen, war ihr Motto. Schon gar nicht in aller Öffentlichkeit, und vermutlich hatte diese Geschichte ihr Verhältnis zu Gisela nachhaltig abgekühlt. » ganz lesen

publiziert am 05.05.15 in Oder nie ¦ 372x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (3)

Das Bier schmeckt fürchterlich, schal und abgestanden. Kein Schaum, das Glas angeschmuddelt. Reicht gerade, um den Durst zu löschen. Und essen müsste Peter langsam auch etwas. Aber nicht hier. Inzwischen ist es halb drei, und Gisela ist noch nicht aufgetaucht. Er hat auch eine Telefonnummer auf dem Zettel mit dem Treffpunkt. Hält Ausschau nach einer Telefonzelle. Erinnert sich dann, dass die Gangster in den Filmen, die in Paris spielen, immer im Bistro telefonieren. Außerdem muss er ohnehin auf die Toilette. Er zahlt vorsichtshalber und geht rein. Immerhin gibt es hier getrennte Klos für Männer und Frauen und eine Pissrinne für die Kerle. Das macht es leichter. Neben den Toiletten die Telefonzelle. Er kramt das Kleingeld raus, aber keine der Münzen will passen. Geht an den Tresen, wo ein vollbärtiger mit mächtigem Bauch Kaffeetassen poliert. Versucht mit Händen und Füßen sein Problem deutlich zu machen. Der Kerl geht zur Kasse und kommt mit einem Stapel Jetons wieder, metallenen Scheiben mit einem Hörer als Symbol. Bedeutet Peter, dass er dafür zehn Franc zu zahlen habe. Er reicht den Schein rüber und bekommt die Telefonmünzen. In der Box nimmt er den Hörer ab und wirft eine Münze ein. Will gerade beginnen zu wählen, da kommt eine Frauenstimme „Trocadero 7653 – quel numero?“ Schnell hängt er den Hörer wieder auf. Und studiert die Anleitung. Findet die Knopf, den man drücken muss, will man selbst wählen und nicht verbunden werden. Dreht die Scheibe siebenmal, um die angegebene Nummer zu wählen. » ganz lesen

publiziert am 03.05.15 in Oder nie ¦ 337x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (2)

Die Oper sieht von hinten unspektakulär aus. Peter muss rechts dran vorbei, passiert das Kaufhaus Lafayette auf dem Boulevrad Haussmann, wo schon früh am Morgen die feinen Damen aus den Limousinen steigen, mit denen die Chauffeure sie hergebracht haben. An der spitzen Ecke zur Rue de Rome liegt das Triadou Haussmann, eine Brasserie im klassischen Pariser Stil. Viel zu fein für Peters Geschmack. Hochnäsige Kellner, die ihn lange ignorieren. Er ist ja auch viel zu früh da und verlässt den Laden wieder. Findet weiter weg eine stille Grünanlage. Plötzlich ersetzt Vogelgezwitscher den Verkehrslärm. Eine alte Frau mit gebeugtem Rücken schlurft den Weg entlang, zieht eine prall gefüllte Plastiktüte an einer Schnuer hinter sich her. Der Park liegt im Schatten, ihm wird kühl. Er fühlt sich sehr fremd hier, sehr einsam. Seit seinem siebzehnten Lebensjahr hat er vielleicht fünf oder sechs Tage ohne Karin verbracht. Alle Reisen haben sie zusammen gemacht: an die Nordsee, an die Ostsee, an den Bodensee, nach Berlin und München. Dreimal waren sie in Holland am Meer, einmal ganz kurz in Dänemark. Das war alles an Ausland, was sie kennengelernt haben. Für Karin ist das okay, sie reist nicht gern. Fliegen würde sie niemals, und auf ein Schiff bekäme Peter sie auch nicht. Immer wenn sie mit der Eisenbahn gereist sind, hatte sich Karin während der Fahrt wohlgefühlt, aber wäre nach der Ankunft am liebsten gleich wieder umgekehrt. „Zuhause ist am schönsten“, sagte sie dann. Er war dagegen neidisch auf seine Schulkameraden, die sich nach dem Abitur in alle Himmelsrichtungen zerstreut haben: nach Indien, nach Amerika oder auch bloß nach Sizilien. » ganz lesen

publiziert am 01.05.15 in Oder nie ¦ 386x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (1)

Im Nachtzug nach Paris teilte Peter sein Abteil mit vier besoffenen Seeleuten, drei davon waren Polen, einer von denen war relativ nüchtern und sprach hervorragend deutsch. Sie hätten in Riga abgemustert und seien nun auf dem Weg nach Zeebrügge, um auf einem Tanker anzuheuern. Vor vierzehn Stunden seien sie losgefahren, und in jeder Stunde hätten sie je zwei Flaschen Wodka geleert. Die Matrosen waren nicht nur betrunken, sondern stanken. Einer lag über den Sitzen im Gepächnetz und schnarchte. Der Typ am Fenster hatte sich vollgepisst. Aber er hatte keinen anderen freien Platz gefunden. Eine größere Menge Fußballfans aus dem Norddeutschen war auf dem Weg zu einem Europapokalspiel ihres Clubs in Marseille und belegte fast die komplette zweite Klasse. Ab Brüssel-Süd hatte er das miefende Abteil für sich. Der am wenigsten betrunkene Pole hatte ihm zum Abschied einen Hundert-Dollar-Schein in die Hand gedrückt: „Der Rest von unserem Geld. Brauchen wir an Bord nicht. Geh schön ficken davon.“ Und jetzt verlässt Peter die Halle des Gare du Nord, den Rücksack auf dem Buckel, den Koffer in der rechten, die Kameratasche in der linken Hand. Es ist vor acht Uhr an diesem klaren Aprilmorgen. Der Bahnhof spuckt gleichmäßig Pendler aus wie ein Vulkan die Lava. Quer dazu gehen Leute mit schnellen Schritten von rechts nach links und umgekehrt. Ein stetiger Strom Autos kreuzt die Straße vor dem Platz. Fahrzeuge fädeln sich ein, andere biegen ab. Irgendeiner hupt immer, und im Hintergrund hört er die Sirene einer Ambulanz. Gisela will sich um zwei mit ihm in einem Bistro in der Nähe der Oper treffen. Er hat noch viel Zeit. Wilde Jungs wuseln um ihn herum. Er fürchtet, man könne ihm seine Ausrüstung stehlen. » ganz lesen

publiziert am 29.04.15 in Oder nie ¦ 513x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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