Die Seite 25

Oder nie (28)

Satt, zufrieden und entspannt wandert er nachhause. Und stellt plötzlich fest, dass es schon so spät ist, dass er kaum noch pünktlich auf der Arbeit sein kann. Minh Chau ist auch schon weg. Hat ihm einen Zettel hinterlassen: „Was ist los?“ Schnell zieht er sich um: die fleckige Militärhose, das schmuddelige Amorlux und drüber den obligatorischen grünen Kittel. Hastet zum Bus und trifft gegen halb zwei am Stand von Monsieur Lebruine ein. Der winkt ihn zu sich: „Heute keine Prämie. Klar?“ Peter setzt zu einer Erklärung oder Entschuldigung an, aber sein Chef hat sich schon umgedreht und ist zurück an seinem Stammplatz gegangen. Die Kollegen grinsen, und der Deutsche, so nennen sie ihn, spürt den vielen Alkohol, den er beim Abendessen getrunken hat. Ist außerdem unkonzentriert, und gleich die zweite Fuhre kippt ihm um. Je länger die Nacht sich zieht, desto öfter geht etwas schief. Dann schiebt er einem der wichtigsten Kunden, dem Einkäufer der Mercure-Hotels, den Hubwagen schwungvoll in die Haken, dass der nach vorne fällt. Peter hilft dem Mann auf, der sich nicht verletzt hat, und entschuldigt sich. Sein Opfer nimmt die Sache gelassen, aber Lebruine kommt angerannt, klopft dem Kunden die Sachen ab und beginnt, seinen Mitarbeiter unflätig zu beschimpfen. Die Tirade endet mit einer Flut massiver, antideutscher Beleidigungen. Der Typ von den Hotels versucht zu schlichten, aber der Großhändler ist außer sich. Schließlich packt er Peter an der Knopfleiste des Kittels und schüttelt ihn. Der stößt ihn zurück. Lebruine stürzt und schlägt mit dem Hinterkopf an den Kantstein. Erhebt sich benommen, das Blut läuft ihm seitlich am weißen Hemd herunter. Die Männer, die schon länger für ihn arbeiten, kommen hinzu. Der erste macht drohende Gebärden in Peters Richtung, der Dicke mit den kurzen Armen schlägt nach ihm, alle beleidigen ihn, alle nutzen deutschenfeindliche Ausdrücke und Sätze. » ganz lesen

publiziert am 25.06.15 in Oder nie ¦ 434x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (27)

Claude ist nicht da, und mit seiner Frau, dessen Namen er immer noch nicht weiß, gibt es nichts zu reden. Er nimmt nur einen Kaffee und macht sich auf den Heimweg. Unterwegs will er im Postamt telefonieren, will versuchen Karin zu erreichen. Er rüstet sich mit einem Vorrat an Telefonmünzen aus und betritt die nächste freie Kabine. Dreht die Nummer und wartet auf das Rufzeichen. Lässt fast zwanzigmal läuten, aber niemand hebt ab. Bleibt einfach sitzen und versucht es nach einer halben Stunde noch einmal. Wieder geht keiner dran. Immer noch verwirrt und einigermaßen frustriert nimmt er die Metro nach Olympiades und wandert über die Rue de Tolbiac Richtung Zuhause. Wobei er selbst nicht „Zuhause“ denkt, sondern „zu Minh Chau“, die dann aber natürlich gar nicht da ist. Zuhause ist für Peter immer noch die Wohnung der Eltern, wo er bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahr gewohnt hat. Fünfte Etage ohne Aufzug. Sechs verwinkelte Räume. Die Fenster auf der Straßenseite etwa auf Kopfhöhe. Wohnküche mit Platz für zehn Leute am Tisch. Ofenheizung. Das Badezimmer hat Joseph höchstpersönlich eingebaut. Vorher wurde in der Küche in der Zinkwanne gebadet. Da stand neben dem Gasherd noch ein altes Stück, der mit Kohle gefüttert wurde. Auf dem machte Mutter das Badewasser heiß in einem Topf, der ansonsten fürs Einwecken benutzt wurde. Nicht jeder bekam frisches Badewasser – die Kinder teilten sich eine Ladung. Mutter und Elfriede, die Tante, die damals bei den Blascyks wohnten, auch. Nur der Vater, der bekam ganz am Ende des Badetags seine ganz eigene Wasserfüllung und nutzte die auch aus. Er trank Bier beim Baden und rauchte seine Zigaretten. » ganz lesen

publiziert am 23.06.15 in Oder nie ¦ 402x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (26)

Er müsste mit jemanden reden. Wieder hat er spontan eine schwierige Entscheidung getroffen, und wieder trifft ihn der Zweifel sofort. Er weiß nicht einmal genau, welche Entscheidung er da jetzt getroffen hat und welche Folgen sie haben wird. Wenn er sich richtig erinnert, soll er im Auftrag der Fotoagentur Elle-Elle die neue Kollektion der Modeagentur Pommerau et Millet fotografieren. Was immer das genau heißt. Die dabei enstehenden Fotos sollen, gegen den ursprünglichen Willen von Lu LaBanda, unter seinem Namen veröffentlicht werden. Und er wird damit vermutlich sehr viel Geld verdienen, also gemessen an dem, was er bisher fürs Fotografieren bekommen hat. Peter ist sich nicht sicher, ob er damit das Projekt Examensarbeit de facto beerdigt hat. Ober damit nicht sowieso raus ist aus der Fotografie wie er sie bisher verstanden hat. Ob damit sein Plan, Künstler sein zu wollen, als Künstler zu leben ad acta gelegt ist. Er ist verwirrt, und dass ihm Ludwig noch „Ich freu mich auf dich!“ nachgerufen hat, macht seine Gefühlslage nicht stabiler. Er hat das Büro der Agentur P & M überstürzt verlassen und ist über den Pont de l’Alma auf die andere Seite der Seine gewechselt. Dann erreicht er das Champs de Mars, und plötzlich geht es los. » ganz lesen

publiziert am 21.06.15 in Oder nie ¦ 434x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (25)

Peter erlebt kaum noch Tageslicht, denn wenn die anderen arbeiten und die Touristen in Scharen durch Paris laufen, schläft er. Wenn er nicht auf dem Großmarkt zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens Hubwagen belädt nund hin und her schiebt, dann sitzt er im Labor auf der Rue Vercingetorix. Da kann er ab acht Uhr abends anfangen und muss vor sieben Uhr in der Früh wieder weg sein. Er hat jetzt fast sein gesamtes Filmmaterial entwickelt und gesichtet. Die Negative und die Kontakte füllen seinen Schrank im Labor schon fast ganz. Die Abzüge, die er aus dem Trockenschrank holt, kann er an einer Wand im Nebenraum aufhängen. Immer wenn er reinkommt, schaut er sich diese großen Fotos an – wieder und wieder. Manchmal nimmt er eins ab, das seinen Ansprüchen nicht genügt. Und hängt einen anderen Abzug auf. Nach und nach kristallisiert sich das Beste aus zweieinhalb Monaten Fotografie in Paris heraus. Nur am Wochenende, da hat er frei für seine Freundin, die jetzt eher seine Gefährtin ist als seine Geliebte. Aber dass sie keinen Sex mehr mit ihm will, ist auch in Ordnung. Ja, es entlastet ihn, denn so fühlt er sich zu nichts verpflichtet, außer ein guter Wohnungsgenosse zu sein. Dienstags geht er vor der Arbeit immer zu Ckaude ins Bistro. Der Korse serviert jedes Mal eine Spezialität aus seiner Heimat, und sie plaudern ein wenig. An einem dieser Dienstage begrüßt ihn der Wirt mit einem Zettel in der Hand: „Hier, soll ich dir von Giselle geben. Ist wichtig, sagt sie.“ » ganz lesen

publiziert am 19.06.15 in Oder nie ¦ 301x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (24)

Nach zwei Wochen stellt sich Routine ein. Peter gefällt die Arbeit, ihm tut die körperliche Tätigkeit gut. Und auf diese Weise Geld zu verdienen macht ihn stolz. Auch wenn er so gut wie keinen privaten Kontakt mit den Kollegen bei Lebruine und den Nachbarständen hat, fühlt er sich als Teil einer Gemeinschaft. Und verbessert ständig sein Französisch. Der Chef lobt ihn regelmäßig, wenn auch mit äußerst knappen Worten. Und gestern hat er ihm in Aussicht gestellt, demnächst für einen besseren Lohn als Staplerfahrer einsteigen zu können. Weil er aber an seinen Arbeitstagen bis in den frühen Nachmittag hinein schläft, zieht er nur noch wenig von der Stadt. Immerhin hat er bereits zweimal die Leica mit nach Rungis genommen und vor und nach der Schicht in den Hallen und draußen fotografiert, vor allem natürlich die Männer mit den Kisten und Hubwagen. Wie sie schuften, wie sie Pause machen und nach Feierabend am Kiosk ein Bier oder einen Wein trinken. Das grelle Licht in den Hallen zeichnet harte Schatten in die Gesichter, weil es von oben kommt, sieht man die Augen der Männer kaum. Er nimmt sich vor, von den Kollegen Porträts anzufertigen, hier vor Ort mit der realen Beleuchtung. » ganz lesen

publiziert am 17.06.15 in Oder nie ¦ 318x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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