Die Seite 26

Kommst hier nicht rein

„Was willst du?“ sagte er, und es hörte sich an wie „Wasswissu!“ Sein Kopf stand etwas vor der Längsachse seines Körpers auf einem wulstigen Nacken. Von hinten sah er vermutlich aus wie eine Echse. „Und? Was?“ wiederholte er. Jedenfalls interpretierte ich so das Geräusch aus seiner schmalgekniffenen Sprechöffnung. Der Typ stand festgemauert da, die Füße auf Hüftbreite auseinander, die Faust der einen in der Fläche der anderen Hand auf Bauchnabelhöhe. Es gab auch eine Nase im Gesicht, aber die hatte eine außergewöhnliche Form und Richtung. Einsfünfsechzig war er höchstens groß. Bizeps mit Eiweißpräparaten und viel Eisen aufgepumpt. Zuckte nervös mit den Muskeln rund um den den Kurzhals. „Ich muss da mal eben rein, weil ich was aus der Pförtnerloge holen soll.“ Die Schmeißfliegenbrille unter der wulstigen Stirn hüpfte im Takt seines Schnaufens: „Geht nicht.“ Mir war klar, dass man diesem Wesen mit Argumenten und gutem Zureden nicht würde beikommen. „Befehl vom Boss“, versuchte ich mit einer Art Blaffen. Der Security-Affe ging einen halben Schritt rückwärts. Anscheinend dachte es mit ihm. Dann: „Welcher Boss?“ Er zeigte leichte Unsicherheit. Ich setzte nach: „Na, der oberste Boss, natürlich!“ » ganz lesen

publiziert am 13.04.15 in Stadtgeschichten ¦ 457x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Notnagel

Sie hat die Decke mit dem Rankenmuster aufgelegt. Dazu das passende Platzdeckchen aus hellem Bast. Eine gelbe Rose in der schlanken Vase. Zwei weiße Kerzen in den silbernen Leuchtern. In dieser Woche ist das schlichte weiße Geschirr dran. Wie immer hat Almut drei Scheiben vom gesunden Brot mit der Maschine geschnitten und ins Körbchen gelegt. Zwei davon wird sie essen. Mit Messer und Gabel. Gerade hat sie sich hingesetzt und einen Schluck vom Hagebuttentee genommen. Sie hat sich Kräuterquark zurechtgemacht und Radieschen. Das Radio spielteStreichquartette von Brahms, und sie ist ganz allein. Ja, sagte sie den wenigen Bekannten und Verwandten auf Nachfrage, ich bin gern allein. Muss ich auf niemanden Rücksicht nehmen, kann machen, was ich will. Meistens geht es ihr auch gut, da istsie nicht einsam, nur allein. » ganz lesen

publiziert am 12.04.15 in Stadtgeschichten ¦ 478x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Freier Fall

Jetzt und hier im Jenseits kann ich sagen, ich habe den Flug genossen. Allein der Absprung war ein Moment größter Freiheit. Stolz war ich auf mich, fühlte mich als Sieger, hatte meine Höhenangst endgültig überwunden. Außerdem war der Sturz an sich die Belohnung für die viele Arbeit und Mühe, die mich erst ganz oben auf die Spitze des Brückenpfeilers gebracht hatten. Denn einfach war es nicht, die verschiedenen Sicherheitseinrichtungen zu überwinden. Konnte nur gelingen nach sorgfältiger Planung und langfristiger Vorbereitung. Den Gesellenbrief als Maler und Lackierer zu fälschen sowie diverse Arbeitsbescheinigungen und Zeugnisse ehemaliger Arbeitgeber, war da noch die leichteste Aufgabe. Und dann musste ich warten. Genau drei Jahre, sieben Monate und elf Tage. So lange dauerte es, bis die zuständige Firma wieder jemanden für die Renovierung der Pylonen suchte. Ich bewarb mich online, hatte am nächsten Tag das Vorstellungsgespräch und erhielt am Montag drauf die gute Nachricht: ich könne zum 1. September anfangen. Die fünf Wochen bis zu diesem Termin wurden mir sehr lang. Sie dehnten sich ebenso wie die sieben Wochen und vier Tage bis ich zum ersten Mal am Fuß des Nordpfeilers stand, zusammen mit dem Chef, einem Kollegen und dem Lehrling, der ein Mädchen war. » ganz lesen

publiziert am 11.04.15 in Stadtgeschichten ¦ 464x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Neue Dichter

Als Hans O. in diesen Märztagen draußen in der Sonne saß, einen starkgestrickten Wollschal gegen den scharfen Wind um den Hals geschlungen, da musste er an Thomas Mann denken, an den Zauberberg. An Lungenkranke, die hoch in den Schweizer Bergen in der Frühlingssone auf Terrassen liegen, mit Decken gegen die Kälte geschützt. Man müsste öfter an Thomas Mann denken, dachte er, und dass er selbst vielleicht ein Dichter werden könnte. Denn sein Versuche in der Prosa waren samt und sonders gescheitert. Da schien es ihm erfolgversprechender, sich an der Dichtkunst zu versuchen. Und begann in der Märzensonne sich wärmend mit dem Nachdenken über die Poesie. Als Ingenieur hatte man ihm allerdings im Ingenieursstudium die Poesie gründlich ausgetrieben. Mathematik und Physik bestimmten sein Denken, Formeln, Gleichungen und Konstruktionszeichnungen. Dafür hatte ihm seine Ausbildung das nötige Rüstzeug mitgegeben, Ziele durch systematisches Arbeiten zu erreichen. » ganz lesen

publiziert am 05.04.15 in Stadtgeschichten ¦ 330x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Viele Räume, das Haus

Eine Zeitlang zählte es zu den Ritualen unserer Treffen, dass jemand von einem Traum berichtete. Ich erinnere mich vor allem daran, wie Rudolph einen Traum auf seine besondere Art vortrug. Den meisten kam es vor, als stammele er, aber wir anderen wussten, dass sein Sprechen ein Spiegel seiner Seele war. Sein Bericht ging ungefähr so: „Viele Räume, das Haus. Das Haus. Schwiegereltern froh über mein Scheitern. Dann mit Frau und Kind ins Vorderhaus. Viele Räume. Gänge, Treppen. Sonne scheint. Wir halb unter der Erde. Kein Weg raus. Beschweren uns. Das Haus. Jetzt oben, oben, Terrasse. Im Licht. Baby weint, Schwiegwermutter schreit: Lieber einen Hund! Hab mich im Keller verirrt. Höre jedes Wort. » ganz lesen

publiziert am 05.03.15 in Thibaud ¦ 475x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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