Die Seite 27

Oder nie (46)

Peter entscheidet sich dann doch für den schwarzen Anzug mit dem üblichen weißen Hemd. Er hat im Andenkenladen an der Madeleine eine sehr schwarze Sonnenbrille gekauft, deren breite Bügel das große Pflaster an der Schläfe ein wenig verdecken. Außerdem hat er sich ein Schmerzmittel besorgt, weil sich nun doch Kopfschmerzen eingestellt haben. Die Dämmerung hat eingesetzt, und der Boulevard Malesherbes ist sehr still. Kaum Passanten unterwegs, vor den Cafés sitzen kaum Leute, nur wenige Autos auf der Fahrbahn. An der Ecke zur Rue d’Anjou warten ein paar Taxen, ganz vorne ein dunkelgrüner Opel. Er nennt die Adresse im Goutte d’Or, aber der Fahrer schüttelt den Kopf und bedeutet ihm, wieder auszusteigen. Im nächsten Wagen, einem älteren Fiat, sitzt ein ältere Mann aus dem Maghreb am Lenkrad. Der sagt nichts, sondern fährt los bevor Peter die Tür ganz geschlossen hat. Und rast grundlos und ohne einen Funken Rücksicht den Boulevard entlang. In die falsche Richtung. „Stopp!“ schreit Peter, aber der Typ fährt weiter wie ein irrer Slalom durch den Verkehr, Richtung Montmartre, erreicht die Place Pigalle unfallfrei und setzt zum Endspurt an. „Wo? Wo?“ brüllt der Mann und lacht. Sein Fahrgast stammelt die Adresse, und eine Minute später kommt die Taxe mit quietschenden Reifen zum Stehen. „Na, na, war das gut? Oder?“ Peter zahlt exakt den Betrag, der auf dem Taxameter angezeigt wird und steigt aus. » ganz lesen

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publiziert am 05.08.15 in Oder nie ¦ 839x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (45)

So beginnt der große Tag. Peter steht eine gute Stunde unter der Dusche nachdem er sich das Gesicht und den Hals gewaschen hat. Rund um den Verband an der rechten Schläfe bildet sich ein kräftiger Bluterguss, der sein Auge zuschwellen lässt. Seine Handflächen schmerzen stärker als der Kopf, obwohl er nach dem Reinigen festgestellt hat, dass nur die Daumenballen beider Hände aufgeschürft sind. Die Ellenbogen tun ihm weh und die Knie. Der Sturz war heftiger als er in dem Moment überhaupt gemerkt hat. Zum Glück ist ihm nicht schwindlig, und der Schädel dröhnt auch nicht. Dafür ist ihm schlecht. Dabei ist ihm das Erbrechen immer schwer gefallen. Als Kind hat er bei Magenverstimmungen immer lange vor dem Klo knien müssen, bis ihm das nicht verdaute Essen wirklich hochkam. Das hat ihm immer die Tränen in die Augen getrieben, und wenn die Mutter meinte, seinen Kopf beim Kotzen halten zu müssen, wurde es nur schlimmer. Nicht dass ihn Erbrochenes ekelt, denn dann hätte er ein Problem mit Karin, die sich häufig übergibt. Zu Beginn der Schwangerschaft beinahe im Stundenrhythmus. Sie tut das konzentriert und still, nicht viel anders als wenn sie zum Pinkeln auf der Brille sitzt. Aber dass ihm ohne üblichen Grund, als ohne etwas Falsches gegessen oder zu viel Alkohol getrunken zu haben, so schlecht wird, das ist neu. » ganz lesen

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publiziert am 31.07.15 in Oder nie ¦ 460x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (44)

Hat die ganze Nacht von Donnerstag auf Freitag im Labor verbracht. Obwohl er selbst kaum noch auf Fotosafari war vor lauter Besichtigungsfahrten, hat sich doch eine ganze Menge Material angesammelt. Gegen Morgen hat Peter zwölf groß gezogene Aufnahmen an die Wand gepinnt, steht davor und schaut sie sich in Ruhe an. Eines wird im klar: Um ausreichend viele und gute Fotos für die Examensarbeit muss er sich keine Sorgen machen, denn auch dieses Mal sind mindestens sechs, sieben Bilder dabei, die ins Konzept passen. Zum Beispiel zwei Totalen in der Teppichfabrik, drei Fotos aus der Gießerei und die letzten Aufnahmen vom Großmarkt. Er wird nicht beim Schwarzweiß bleiben, sondern auch einige Farbabzüge brauchen. Wird Lus Assistenten fragen, ob ihn jemand dabei unterstützen kann, denn mit dem Farbpositivprozess kennt er sich nicht aus. Überhaupt: Vielleicht können ihm die Leute von Elle-Elle auch dabei helfen, eine Ausstellungsmöglichkeit zu finden, denn je öfter er die sehr großen Anzüge sieht, desto deutlicher steht ihm eine Ausstellung vor Augen. Eine Präsentation der Examensarbeit im Rahmen einer Galerie, zum Beispiel. Dann geht er das Archiv seiner Paris-Fotos noch einmal durch und trägt in seiner Kladde nach, was er bisher nicht dokumentiert hat. Im Morgengrauen verlässt er das Labor. Die Stadt ist in ein milchiges Licht getaucht, der Regen der Nacht verdampft auf dem Asphalt, die wenigen Menschen, die um diese Zeit unterwegs sind, bewegen sich wie Roboter: schnell, zielgerichtet, rücksichtlos. Flaneure wie er sind in der Frühe nicht vorgesehen. » ganz lesen

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publiziert am 29.07.15 in Oder nie ¦ 641x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (43)

Bittet Ya, ihn zur Porte de Clignancourt zu fahren, er wolle noch rasch auf den Flohmarkt. Der Chauffeuer setzt ihn am Eingang ab, und Peter versucht sich zu orientieren. Schaut bei Sos, dem gronländischen Trenchcoat-Händler vorbei. Aber der hat geschlossen. Verläuft sich ein paar Mal und findet dann aber doch den Laden mit dem kleinen jüdischen Pariser, dem er seinen Parka im Tausch gegen Sakko und Pullover gegeben hat. „Ha“, schreit der, weil er den großen, blonden Deutschen sofort erkennt, „der Deutsche! Guter Deutscher, schöner Deutscher, schon wieder in Paris?“ – „Immer noch“, sagt Peter. „Was kann ich für dich tun?“ sagt der Zwerg auf Deutsch, aber der gute Deutsche antwortet in bestem Französisch: „Ich möchte meine Jacke zurück, die ich dir vor ein paar Monaten verkauft habe. Die grüne Jacke mit der Flagge am Ärmel. Hast du die noch?“ Der Händler legt den Kopf schief: „Was zahlst du?“ Peter legt seinen Kopf in die andere Richtung und fragt: „Wieviel willst du?“ Über das Gesicht des kleinen Mannes ziehen Stürme des Denkens. Nach einer Weile: „Sagen wir dreihundert, weil du es bist.“ Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern holt sein Kunde eine Rolle Banknoten aus der Hosentasche und zählt sechs Fünfiger ab. Hält sie dem Händler hin, der sofort danach greift. „Moment, erst die Jacke!“ Und der Flohmarktmann verschwindet im Dschungel seiner Schränke und Kleiderstangen. Sie tauschen Kleidung gegen Geld, und der Jude fragt: „Sonst noch was?“ Peter schüttelt den Kopf, reicht dem Mann die Hand und sagt nur: „Danke.“ » ganz lesen

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publiziert am 25.07.15 in Oder nie ¦ 691x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (42)

Immer noch fassungslos steht er auf und geht ins Bad. Setzt zum Rasieren an, hat den Apparat schon in der Hand, überlegt es sich aber anders. Nimmt einen Wegwerfrasierer und kratzt nur das vom seit drei Tagen nicht behandelten Gesicht, was nicht seinem alten Schnauzbart entspricht. Stellt fest, dass seine Haare schon ziemlich nachgewachsen sind. Macht sich fertig und wartet dann unten auf der Straße auf Ya, der ihn für die nächste Besichtgung abholen wird. Dieses Mal werden sie eine Gießerei in Bobigny besuchen, in der vor allem Skulpturen in Bronze gegossen werden. Die hat Olivier entdeckt als er Löwenköpfe für das Haupttor der Villa in Beziers nachmachen lassen wollte. Der Juniorchef, Guy Rosini, gehört inzwischen zum Freundeskreis und war wohl sehr angetan von der Idee, seinen Betrieb zum Schauplatz einer Männermodenschau zu machen. Peter hat sich eine verwinkelte Werkstatt vorgestellt, in der hochkreative Experten moderne Kunst in die Realtiät bringen. Er kennt das Prinzip ja aus der Kunstakademie, wo er im Orientierungssemester auch mit Bildhauern zu tun hatte. Da gab es einen stillen, sehr viel älteren Typ, einen, von dem es hieß, er habe erst mit vierzig die Kunst für sich entdeckt, der arbeitete an einem überlebensgroßen Grabmal, das natürlich später in Bronze gegossen werden sollte. Über das halbe Jahr in der Orientierungsklasse werkelte Juri an der Plastik, die in dem Stadium noch aus Ton bestand und einen Gekreuzigten im Endstadium der Verwesung zeigte, flankiert von Engeln in pornografischen Posen. » ganz lesen

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publiziert am 24.07.15 in Oder nie ¦ 1449x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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