Die Seite 27

Oder nie (22)

Peter geht es gut. Er ist zufrieden. Er ist glücklich. Und befriedigt. Alles ist wie sein soll. Schließlich ist Paris ja die Stadt der Liebe. „Paris, o-la-la“, hieß es früher manchmal in den Männerrunden bei Familienfeiern oder beim Sängerfest oder Frühschoppen. Immer war einer dabei, der 1940 in Paris war. Der von den Mademoiselles schwärmte. Vom lockeren Leben. Und dass alle Französinnen ganz scharf auf die Männer in Wehrmachtsuniform gewesen seien. Dazu dann der Mythos von den fröhlichen Nutten, Irma la Douce etc. Die Filme der Vierziger- und Fünfzigerjahre, das Millieu. Kleine Gauner, schöne Dirnen. Eine Stadt zum Verlieben, dieses Paris. Eine Stadt der Liebenden. Und, was ist schon dabei. Es ist gegen drei Uhr morgens, und Peter spaziert, eine Kippe zwischen den Lippen, beschwingt nachhause. „Man muss ja nicht gleich ein Paar werden, wenn man einmal Liebe gemacht hat“, hat Minh Chau gesagt. „Fünfmal!“ hat er geantwortet. Aber ihr Satz hat ihn ein wenig verschreckt, weil er überhaupt nicht daran gedacht hat, dass die ganze Geschichte mehr als ein Abenteuer werden könnte. Der Place de Bastille liegt still, ein Mofa knattert im Hintergrund, und die Ampeln sind auf gelbes Blinken umgestellt. In einer Seitenstraße schlafen zwei Flics in ihrem Streifenwagen. Am Fischgeschäft sind die Rolläden heruntergelassen, zwei bunte Katzen hocken davor wie wartende Kunden. » ganz lesen

publiziert am 13.06.15 in Oder nie ¦ 391x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (21)

Am nächsten Morgen freut Peter sich auf den Nachmittag bei Madame Krugelheim, auf den Unterricht und vor allem darauf, Minh Chau zu sehen. Langsam kommt es ihm vor, als sei er ein bisschen verliebt in sie. Weil er in seinem Leben erst einmal so verliebt war, dass er dieses Gefühl als solches hatte benennen können, ist er sich nicht sicher. Keine Frage, er findet die kleine Person mit dem kleinen Gesicht und dem ausdrucksstarken Körper sehr attraktiv. Er fühlt sich zu ihr hingezogen und, ja, er hat schon zwei erotische Träume gehabt, in denen sie vorkam. Allerdings ist ihm völlig unklar, ob und in welchem Maße sie diese Gefühlsmischung teilt. Außerdem ist er, das hat ihm Giselle nach der gemeinsamen Nacht ohne Sex an de Kopf geworfen, krankhaft monogam. Weshalb er auch viel öfter an Karin denkt. Und vor einer knappen Woche hat er seiner Gattin einen Brief geschrieben. Der bestand vor allem aus einem minuziösen Bericht, den er anhand seiner Notizen anfertigte. » ganz lesen

publiziert am 11.06.15 in Oder nie ¦ 499x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (20)

Bis mittags hat er bei Edith in der adretten Küche der Concierge-Wohnung gesessen, zugehört und einen Milchkaffee nach dem anderen getrunken. Ihre Lebensgeschichte aufgenommen und immer gedacht: Ja, das hört sich fremd und exotisch an, aber die Probleme und Anekdoten unterscheiden sich im Kern wenig von denen seines Großvaters, der 1913 aus Polen ins Ruhrgebiet gekommen ist. Auch der hat sich sofort der polnischen Gemeinde angeschlossen, allein schon, um nach der Messe mit den Landsleuten in seiner Muttersprache reden zu können. Auch die Geschichte der Auswandererfamilie Blascyk ist voller Trennungsschmerz. Pjotr hat nicht nur seine Eltern zurücklassen müssen, sondern auch seinen unehelichen Sohn. Der war der eigentliche Grund, warum der Opa damals Wloclawek verlassen hat, nicht die wirtschaftliche Situation, nicht die Armut und die Aussichtslosigkeit. Denn die Blascykowskis, so der eigentliche Name seiner Familie, zählten zum eher wohlhabenden Bürgertum. Pjotr war allerdings in mancher Hinsicht das schwarze Schaf der Familie, groß und stark, nicht besonders helle, trinkfest und rauflustig, aber für jegliche Tätigkeit im Sitzen völlig ungeeignet. So wurde er eben zum Auswanderer und in Recklinghausen angekommen Bergmann. Er änderte seinen Namen und brach jeden Kontakt in die Heimat ab. Der Großvater musste nun eine zweite Gattin finden, weil seine geliebte Maria 1914 im Kindbett starb und der noch ungeborene Sohn auch. Erst die Ehe mit der deutschen Therese, der Joseph und Peter die blonden Haare zu verdanken haben, war dann mit Kindern gesegnet und über fünfzig Jahre lang ausgesprochen glücklich. » ganz lesen

publiziert am 09.06.15 in Oder nie ¦ 380x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (19)

Wieder steht Giselle morgens einfach so in seiner Kammer. „Du musst dann heute um 16 Uhr bei uns im Büro sein. Olivier hat heute Zeit für dich.“ Er richtet sich schwerfällig auf. Ist die ganze Nacht auf einem schnelle Gefährt durch U-Bahn-Schächte gerast im Traum. „Hä?“ Sie tritt näher, stößt mit ihren spitzen Schuhen seinen Fuß an, der aus dem etwas zu kurzen Bett ragt: „Du kommen zu mir in Büro. Verstehn?“ Peter nickt. „Sechzehn Uhr? Gemerkt?“ Erneutes Nicken. „Okay, dann leg dich wieder hin.“ Und weg ist sie. Heute hat er sich kein Programm zurechtgelegt. Vielleicht zum Pere Lachaise. Oder an den Kanälen entlang. Jedenfalls dreht er sich um und schläft durch bis nach zehn. Duscht, wäscht sich die Haare und rasiert sich sehr sorgfältig. Trinkt einen Kaffee und macht sich dann auf den Weg zu Claude. Edith, die Concierge aus der Karibik, lehnt in ihrem Schalterfenster zum Hausflur. „Bonjour, Monsieur Pierre“, kräht sie fröhlich. Er antwortet zu ihrem Erstaunen auf Französisch. „Haben Sie Lust und Zeit auf einen Kaffee?“ Er nimmt die Einladung an, und sie lässt ihn ein. Die Küche grenzt direkt an das winzige Concierge-Büro und ist piccobello aufgeräumt. Neben dem Spülstein ein vierflammiger Gasherd, daneben ein Kühlschrank. Das Küchenbüffet scheint neu lackiert. Die Tapeten passen zum Linoleumboden, und auf dem quadratischen Tisch ist eine hübsche Decke ausgebreitet. » ganz lesen

publiziert am 07.06.15 in Oder nie ¦ 487x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (18)

Es ist halb sechs am Morgen, und Peter ist ganz ohne Wecker pünktlich wach geworden. Um Viertel vor sechs soll er Pierot am Bistro treffen. Claude wird ein bisschen früer öffnen, damit die zwei schnell einen Kaffee nehmen und ein Croissant essen können. Er hat sich wieder für die Leica entschieden und den HP-S, den er so hochziehen wird, dass er im Untergrund auch ohne Blitz fotografieren kann. Arbeitskleidung, hat Pierot gesagt, bekomme er an der Baustelle. Sie begrüßen sich mit Handschlag und trinken schweigend ihren Kaffee. Auch Claude ist maulfaul und wünscht seinem Freund Pierre viel Erfolg. Sie fahren nach Chatelet. Pierot geht vor. Er hat einen Spezialschlüssel, öffnet eine unauffällige Stahltür in einem der Gänge. Sie stehen in einem Treppenhaus, das nur alle paar Meter schwach erleuchtet ist. Peter zählt die Stufen mit: erst führen sechsundsiebzig abwärts, dann ein Knick und weitere achtzehn Schritte. Wieder eine Tür, dahinter ein Gang mit Türen links und rechts. Der Metro-Arbeiter öffnet eine, und sie landen in einem Umkleideraum mit drei Reihen Spinde. Sein Begleiter zeigt ihm einen, in dem Peter Stifel, Hose und Jacke aus Gummi und einen Helm mit Lampe findet. Er zieht sich um. Dann geht es den Gang in der anderen Richtung entlang. Achtundfünzig Stufen führen aufwärts. Erneut eine Tür. Und dann stehen sie an einem schmalen Absatz mitten im Tunnel. Zwei Gleise, auf dem einen eine dunkelblaue Elektrolok mit drei offenen Waggons. Pierot begrüßt die Kollegen und stellt Peter vor. Drei der sieben Männer sind Afrikaner, zwei haben die dunkle Haut der Maghrebiner, nur zwei sehen aus wie Franzosen. Der Vorarbeiter trägt als einziger einen roten Helm und gibt Kommandos. Die Fahrt dauert zehn, fünfzehn Minuten. Dann steigen sie aus, und nach einem kurzen Fußmarsch durch Tunnelstücke und Verbindungsöffnungen sind sie an der Baustelle. » ganz lesen

publiziert am 05.06.15 in Oder nie ¦ 507x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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