Die Seite 29

Oder nie (36)

Lu hat ihm eine Polaroid-Kamera geben lassen und eine Menge Filme, die er im Kühlschrank der Limousine lagert. Die Sofortbilder sind ganz praktisch, um den optischen Eindruck einer Szene zu dokumentieren, findet Peter, aber mit Fotografie hat das nichts zu tun. Deshalb nimmt er zu jedem Ausflug auch immer die Leica mit. Jetzt sind sie an der Teppichfabrik angekommen. Ein Vertreter der Geschäftsleitung erwartet sie schon am Tor. Bahramut, so stellt er sich vor, ist Inder und spricht Englisch mit einem lustigen Akzent. Ya hat sich den Anglerstuhl aus dem Kofferraum geholt und macht es sich im Schatten gemütlich. Die Verwaltung der Firma ist in der Villa untergebracht, die in einem kleinen Park liegt. Davor eine Kiesauffahrt und ein Brunnen mit kitschigen Nymphen. Bahramut redet ununterbrochen und fasst Peters Ellenbogen an, um ihn zu führen. Am Ende des Parks erhebt sich eine mindestens drei Meter hohe Hecke. Sie passieren einen schmalen Durchgang und stehen auf einer Asphaltfläche von der Größe eines Fußballfeldes. Rechts eine düstere, niedrige Backsteinhalle mit zerbrochenen Fenstern und Teerpappe auf dem Dach. Links eine ebenfalls flache Halle mit bodenhohen Fenstern, sodass man ganz hindurch sehen kann. An der Decke hängen Teppiche, auf dem Boden hocken die Knüpferinnen, Vorarbeiter schlendern langsam durch die Gänge. » ganz lesen

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publiziert am 11.07.15 in Oder nie ¦ 475x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (35)

Natürlich fällt er auf mit seinem schwarzen Anzug. Auch wenn nur wenige die Schlangenlederstiefel wahrnehmen. Aber ein fast zwei Meter großer, schlanker Mann mit sehr blonden Haaren mit blütenweißem Hemd unter dem nachtschwarzen Jackett, der bleibt selbst in Paris nicht unbeachtet. Einer Stadt, in der es weniger von Originalen, als viel mehr von schönen Menschen wimmelt, die durchweg geschmackvoll gekleidet sind. Langsam begerift Peter, weshalb diese Stadt die weltweite Modemetropole ist. Nach und nach versteht er, was Mode überhaupt ist, wozu sie gut ist und dass sie ein unglaublich großes Geschäft mit unglaublich viel Geld ist. Manchmal kommt ihm der Gedanke, er habe sich Ludwig und Olivier zu billig verkauft. Aber der Luxus, den ihm der Job als zukünftiger Modefotograf bringt, wischt die Bedenken wieder fort. Mit seiner ganz individuellen Mode erregt er nicht nur Aufsehen, sondern spürt, dass ihm viel mehr Respekt, ja, teilweise sogar Bewunderung entgegenschlägt. Das konnte er feststellen, als er zum ersten Mal im Anzug oben bei Makeda im Café des Samaritaine auftauchte: sie sah ihn mit einem ganz anderen Blick an als zuvor. Und vermutlich hätte er sie noch am selben Abend mit ins Hotel nehmen und verführen können. Aber das würde er sich nicht trauen, auffällige Kleidung hin oder her. So wie er ja auch bei Karin lange seh gehemmt war. Ihm kam es damals so vor, als sei sie einfach zu schön für ihn, und manchmal geht es ihm immer noch so, dass er denkt: Was mögen die Leute davon halten, dass diese attraktive Frau mit diesem merkwürdigen Vogel geht, ja, sogar verheiratet ist. » ganz lesen

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publiziert am 09.07.15 in Oder nie ¦ 455x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (34)

Am 3.Juli, einem Montag, ist die Stadt zur Hälfte geleert. Die Pariser, die es sich leisten können, sind in die Sommerfrische gefahren. An die Cote d’Azur, an die Atlantikküste, nach Deauville oder einfach in den Süden. Wer Verwandtschaft auf dem Land hat, fällt denen in den nächsten Wochen zur Last. Und wem beides nicht vergönnt ist, der bleibt schlechtgelaunt zuhaus. Auch wenn für die Franzosen der Sommer aus den Monaten Juli und August besteht, deutet das Wetter noch eher auf einen launischen April hin. Im Juni ist es nur an wenigen Tagen wirklich sonnig gewesen, und die Temperaturen erreichten kaum zwanzig Grad. Blieb der Himmel mehr als vierundzwanzig Stunden blau, folgte beinahe zwangsläufig ein Gewitter. Jetzt wälzen sich Touristen durch Paris, immer auf der Spur der obligatorischen Sehenswürdigkeiten; von Notre Dame und dem Hotel de Ville zum Louvre und den Tuilerien, dann natürlich die Champs Elyssee hoch bis zum Arc de Triomphe und rüber zum Eiffelturm. Später dann ein bisschen Place Pigalle und Monmartre oder gar einen Kaffee auf dem Place du Tertre, wo die Porträtisten das immergleiche Gesicht zeichnen und als Bildnis des willigen Opfers bezeichnen. Bis auf den Louvre hat Peter noch keine dieser Attraktionen besichtigt. Dabei ist er jetzt schon über drei Monate in der Stadt. » ganz lesen

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publiziert am 07.07.15 in Oder nie ¦ 443x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (33)

Als er kurz vor fünf im U Pinu einläuft und Claude ihn sieht, entfährt dem Korsen ein erstauntes „Putain!“ Dann: „Du siehst fabelhaft aus! Wie ein Star.“ Der Deutsche im schicken schwarzen Anzug dreht sich um die eigene Achse und sagt dann: „Man beachte die Stiefel.“ In dem Moment kommt Giselle ins Bistro und erstarrt: „Peter, bist du das?“ Der grinst wie er sonst so gut wie nie grinst. „Beruhigt euch mal, sind nur neue Klamotten.“ – „Nein, nein“, ruft der Wirt, „das ist ein neuer Peter.“ Seine Stammkundin nickt heftig. „Wir sind verabredet“, sagt er zu seiner Freundin, „du erinnerst dich?“ Langsam beruhigt sich die Sache wieder. Claude bringt drei Likörgläser an den Stammtisch: „Heute eingetroffen – Muscat von der Insel. Stellt euch den Geruch von Pinien vor, Kräuter und Gewürze auf Felsen, ein stetiger Wind und pralle grüne Trauben…“ » ganz lesen

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publiziert am 05.07.15 in Oder nie ¦ 379x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (32)

Am nächsten Morgen begegnet Peter im Wohnraum einem nackten Mann, der sein Zwilling sein könnte. Beide sind etwa gleich groß, schlank, fast dünn und haben kurzes blondes Haar. Mit einem kurzen Blick stellt er fest, dass das baumelnde Glied des anderen auch nicht länger ist als seins. Sie begrüßen sich stumm mit einem Nicken. Dann kriecht der Nackte zurück in Minh Chaus Schlafecke, während Peter im Bad eine schöne lange Dusche nimmt und sich ordentlich rasiert. Seine vietnamesische Mitbewohnerin hat anscheinend ein ziemlich klares Beuteschema. Er fragt sich nur, welche seiner Eigenschaften sie bewogen haben mag, ihn gegen einen anderen auszuwechseln, der ihm zumindest physisch sehr, sehr ähnlich ist. Der Neue muss ihr etwas zu bieten haben, was Peter nicht aufzuweisen hat. Vielleicht hat er Kohle, aber die hat er ja nun auch. Möglicherweise ist der Nachfolger witziger, unterhaltsamer. Oder einfach der bessere Liebhaber. Er hat ja keinen Bezugspunkt, was diese Fähigkeiten angeht. Karin hat sich jedenfalls noch nie beschwert. Weil sie ein eingespieltes Team sind, hat sie – soweit er das beurteilen kann – fast jedes Mal einen Orgasmus. Und in Bezug auf die Frequenz des Geschlechtsverkehrs liegen sie auf gleicher Höhe. Alles was sie im Bett treiben, haben sie sich über die Jahre selbst erarbeitet. Es kommt ihnen normal vor. » ganz lesen

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publiziert am 03.07.15 in Oder nie ¦ 496x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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