Die Seite 29

Oder nie (38)

Peter nimmt sich frei. Müht sich mit einem Brief an Karin ab. Auf Briefpapier des Hotels mit einem Füllfederhalter, den er auf dem Flomarkt gekauft hat. Hat Ya gebeten, ein paar Polaroids von sich zu machen. Die legt er bei, damit seine Frau weiß, wie er jetzt aussieht. Hat zum letzten Mal im April geschrieben und versucht einen Bericht. Über die Arbeit am Großmarkt. Über den Auftrag. Über seinen Umzug. Über das, was noch kommt. Zum Schluss schreibt er die üblichen Fragen auf: Wie es ihr geht, wie es dem Kind geht, ob sonst alles in Ordnung ist. Dann noch „Ich vermiss dich“ und „Ich hab dich lieb“. Den Brief bringt er zur Hauptpost an der Rue du Louvre. Dort lässt er Karin zudem 1200 Franc telegrafisch anweisen. Denn seit seinen ersten großen Einkäufen hat er kaum Geld ausgegeben, weil er ja im Hotel wohnt und frühstückt und mit Ya durch die Stadt fährt und so nur noch die Kosten für das Abendessen bei Claude oder einen Kaffee hier und da hat. Immer noch sind dann 1000 Franc übrig, und übermorgen bekommt er schon die zweite Rate des Honorars. Unterwegs zum Postamt trifft er überall auf die Hinterlassenschaften der Zuschauermassen, die am Sonntag die letzte Etappe der Tour verfolgt haben: Tricolore-Fähnchen aus Papier, meistens zerrissen, Pappbecher mit Weinresten, Tüten mit angebissenen Sandwiches, Konfetti, luftleere Ballons und allerlei Werbekram. Auch die Absperrgitter sind noch da; an den Straßenecken zusammengerückt. » ganz lesen

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publiziert am 15.07.15 in Oder nie ¦ 623x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (37)

Er hat es sich gemütlich gemacht in seinem kleinen Hotelzimmer mit dem Fenster zum Innenhof und einem Duschbad, das er fast ganz ausfüllt, wenn er sich die Zähne putzt. Außerdem ist es so niedrig, dass er sich beinahe den Kopf stößt. Das Bett hat eine ungewöhnliche Breite, und der fagt sich, wie zwei erwachsene Menschen auf geschätzten Einsvierzig gleichzeitig schlafen können. Außerdem ist es zu kurz für seine Länge von fast zwei Metern. Trotzdem ist er gern hier. Sitzt im Cocktailsesselchen oder im Bett, angelehnt an das gepolsterte Kopfteil, trinkt seinen Bourbon und schaut Fernsehen. Gerade läuft die Tour de France. Hinault strampelt wie ein Verrückter, und weil die französischen Reporter kommentieren wie die Verrückten, hat er den Ton abgeschaltet. Überall in der Stadt sitzen jetzt Männer in den Cafés, die L’Equipe, die Sportzeitung, lesen, weil alle wollen, dass dieser bullige Bretone gewinnt. Wie ja jeder Franzose immer will, dass ein Franzose die Tour gewinnt. Peter interessiert sich nicht besonders für sportliche Wettkämpfe und schon gar nichts für Radrennen. Ihm gefällt das bunte Gewimmel der Fahrer, die Farben der Zuschauer und besonders die Luftaufnahmen, die erstmals von einem Helikopter aus aufgenommen werden. Er nippt gerade am dritten Whiskey, da schellt das Telefon. Ludwig ist dran und keift ohne jede Begrüßung los: „Was hast du mit Charles gemacht!“ » ganz lesen

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publiziert am 13.07.15 in Oder nie ¦ 532x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (36)

Lu hat ihm eine Polaroid-Kamera geben lassen und eine Menge Filme, die er im Kühlschrank der Limousine lagert. Die Sofortbilder sind ganz praktisch, um den optischen Eindruck einer Szene zu dokumentieren, findet Peter, aber mit Fotografie hat das nichts zu tun. Deshalb nimmt er zu jedem Ausflug auch immer die Leica mit. Jetzt sind sie an der Teppichfabrik angekommen. Ein Vertreter der Geschäftsleitung erwartet sie schon am Tor. Bahramut, so stellt er sich vor, ist Inder und spricht Englisch mit einem lustigen Akzent. Ya hat sich den Anglerstuhl aus dem Kofferraum geholt und macht es sich im Schatten gemütlich. Die Verwaltung der Firma ist in der Villa untergebracht, die in einem kleinen Park liegt. Davor eine Kiesauffahrt und ein Brunnen mit kitschigen Nymphen. Bahramut redet ununterbrochen und fasst Peters Ellenbogen an, um ihn zu führen. Am Ende des Parks erhebt sich eine mindestens drei Meter hohe Hecke. Sie passieren einen schmalen Durchgang und stehen auf einer Asphaltfläche von der Größe eines Fußballfeldes. Rechts eine düstere, niedrige Backsteinhalle mit zerbrochenen Fenstern und Teerpappe auf dem Dach. Links eine ebenfalls flache Halle mit bodenhohen Fenstern, sodass man ganz hindurch sehen kann. An der Decke hängen Teppiche, auf dem Boden hocken die Knüpferinnen, Vorarbeiter schlendern langsam durch die Gänge. » ganz lesen

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publiziert am 11.07.15 in Oder nie ¦ 498x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (35)

Natürlich fällt er auf mit seinem schwarzen Anzug. Auch wenn nur wenige die Schlangenlederstiefel wahrnehmen. Aber ein fast zwei Meter großer, schlanker Mann mit sehr blonden Haaren mit blütenweißem Hemd unter dem nachtschwarzen Jackett, der bleibt selbst in Paris nicht unbeachtet. Einer Stadt, in der es weniger von Originalen, als viel mehr von schönen Menschen wimmelt, die durchweg geschmackvoll gekleidet sind. Langsam begerift Peter, weshalb diese Stadt die weltweite Modemetropole ist. Nach und nach versteht er, was Mode überhaupt ist, wozu sie gut ist und dass sie ein unglaublich großes Geschäft mit unglaublich viel Geld ist. Manchmal kommt ihm der Gedanke, er habe sich Ludwig und Olivier zu billig verkauft. Aber der Luxus, den ihm der Job als zukünftiger Modefotograf bringt, wischt die Bedenken wieder fort. Mit seiner ganz individuellen Mode erregt er nicht nur Aufsehen, sondern spürt, dass ihm viel mehr Respekt, ja, teilweise sogar Bewunderung entgegenschlägt. Das konnte er feststellen, als er zum ersten Mal im Anzug oben bei Makeda im Café des Samaritaine auftauchte: sie sah ihn mit einem ganz anderen Blick an als zuvor. Und vermutlich hätte er sie noch am selben Abend mit ins Hotel nehmen und verführen können. Aber das würde er sich nicht trauen, auffällige Kleidung hin oder her. So wie er ja auch bei Karin lange seh gehemmt war. Ihm kam es damals so vor, als sei sie einfach zu schön für ihn, und manchmal geht es ihm immer noch so, dass er denkt: Was mögen die Leute davon halten, dass diese attraktive Frau mit diesem merkwürdigen Vogel geht, ja, sogar verheiratet ist. » ganz lesen

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publiziert am 09.07.15 in Oder nie ¦ 477x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (34)

Am 3.Juli, einem Montag, ist die Stadt zur Hälfte geleert. Die Pariser, die es sich leisten können, sind in die Sommerfrische gefahren. An die Cote d’Azur, an die Atlantikküste, nach Deauville oder einfach in den Süden. Wer Verwandtschaft auf dem Land hat, fällt denen in den nächsten Wochen zur Last. Und wem beides nicht vergönnt ist, der bleibt schlechtgelaunt zuhaus. Auch wenn für die Franzosen der Sommer aus den Monaten Juli und August besteht, deutet das Wetter noch eher auf einen launischen April hin. Im Juni ist es nur an wenigen Tagen wirklich sonnig gewesen, und die Temperaturen erreichten kaum zwanzig Grad. Blieb der Himmel mehr als vierundzwanzig Stunden blau, folgte beinahe zwangsläufig ein Gewitter. Jetzt wälzen sich Touristen durch Paris, immer auf der Spur der obligatorischen Sehenswürdigkeiten; von Notre Dame und dem Hotel de Ville zum Louvre und den Tuilerien, dann natürlich die Champs Elyssee hoch bis zum Arc de Triomphe und rüber zum Eiffelturm. Später dann ein bisschen Place Pigalle und Monmartre oder gar einen Kaffee auf dem Place du Tertre, wo die Porträtisten das immergleiche Gesicht zeichnen und als Bildnis des willigen Opfers bezeichnen. Bis auf den Louvre hat Peter noch keine dieser Attraktionen besichtigt. Dabei ist er jetzt schon über drei Monate in der Stadt. » ganz lesen

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publiziert am 07.07.15 in Oder nie ¦ 468x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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