Die Seite 30

Oder nie (7)

Erst jetzt merkt er, dass er schon seit fast zwanzig Stunden nichts mehr gegessen hat. Im Kühlschrank findet er einen fürchterlich stinkenden Käse und eine steinharte, dünne Salami. Brot gibt es gar nicht. Immerhin hat Giselle auch eine Flasche Weißwein und eine Flasche Mineralwasser gelagert. Trotzdem beschließt er, einkaufen zu gehen. Allein schon um sich ein paar Dosen Bier zu besorgen. Die Straße liegt still da. Nur hinter wenigen Fenster sind die Zimmer erleuchtet. Peter findet die Alimentation mit dem 24-Stunden-Dienst. Ein merkwürdig geformter und gestalteter Laden: Kaum zweieinhalb Meter breit mit verglasten Klapptüren, die offenstehen. Dafür aber gut zwölf, dreizehn Meter lang. Vorne ein paar Kühltruhen, dann je ein Regal an jeder Längswand. Ganz hinten verglaste Kühlschränke für Getränke. Ungefähr auf halber Höhe rechts eine ziemlich angeranzte Kasse, hinter der ein dürrer, unrasierter Mann unbestimmter Herkunft hockt und in einer Autoillustrierten blättert. Der erwidert Peters Gruß nicht. Drahtkörbe gibt es für die Waren, und er entscheidet sich für einen abgepackten Brie, eine eingeschweißte Wurst und einen Karton mit winzigen Bierflaschen, von denen jede einzelne kaum mehr als ein Glas füllen könnte. Kronenbourg ist anscheinend eine beliebte Marke, denn der Kühlschrank ist voll von Flaschen verschiedener Größe mit dem entsprechenden Etikett. Hinter dem Kassierer hängt ein Holzgestell an der Wand, in dem drei Baguettes lagern. Peter deutet darauf, und der Mann reicht ihm das Brot. Addiert die Preise mit einem Bleistift auf einem schmierigen Zettel und nennt eine Zahl. Er bekommt einen Fünfzig-Franc-Schein und gibt ein paar Münzen heraus. » ganz lesen

publiziert am 11.05.15 in Oder nie ¦ 406x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (6)

Das Fenster zum Flur ist geöffnet. Fröhliche Musik drinnen. Irgendwie exotisch, lateinamerikanisch, afrikanisch. Giselle klopft an den Rahmen. „Ah, Mademoiselle Krug!“ – „Madame Edith, c’est mon cher ami Pierre. Peter, das ist Madame Edith. Sie kommt von der Insel La Reunion.“ Das einzige, was Peter über diese Insel weiß, weiß er aus dem Film mit Jean-Paul Belmonod und Catherine Deneuve. Er hatte nicht erwartet, dass die Concierge dunkelhäutig ist. „Bienvenue, Monsieur Pierre“ ruft sie fröhlich, und er nickt der stolzen Frau in der bunten Kittelschürze höflich zu. Ein rundes Gesicht hat sie, darüber eine aschblonde Perücke im Stil der frühen Sechziger. Peter schätzt sie auf mindestens fünfzig Jahre wie sie da den Fensterrahmen mit ihrem Oberkörper und den großen Brüsten, unter denen sie jetzt die Arme verschränkt hat, ausfüllt. Sie mustert den Deutschen von oben bis unten als wolle sie eine Fotokopie von ihm anfertigen. Dann plappern die beiden Frauen ein bisschen, lachen zwischendurch auf. „A toute a l’heure“, sagt Giselle zum Abschied, und die Concierge schließt ihren Schalter. Sie schleppen das Gepäck hoch in seine Mansarde. „Pass auf“, sagt Giselle, „ich lass dich jetzt allein. Hab einen Abendtermin mit Kunden. Muss mich noch schick machen. Außerdem wirst du müde sein. Wenn du duschen willst, komm einfach runter, aber gibt mir noch ne Dreiviertelstunde. Was zu essen und Wein findest du in der Küche. Bedien dich einfach. Und wenn du Appetit auf irgendwas anderes hast: um die Ecke ist eine Alimentation, die ist bis mindestens elf Uhr auf.“ » ganz lesen

publiziert am 09.05.15 in Oder nie ¦ 445x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (5)

Die Frage ist: Wann ist der richtige Zeitpunkt? Peter hat seid seiner Kindheit oft das Gefühl, zu spät dran zu sein, etwas verpasst zu haben, seltener zu früh da gewesen zu sein. Die Fälle, in denen er spürte, er habe etwas genau im bestmöglichen Moment getan, kann er an einer Hand abzählen. Merkwürdigerweise sind dies genau die Augenblicke gewesen, in denen er – zumindest in der Rückschau – glücklich war. Zum Beispiel als er Karin gefragt hatte. ob sie mit ihm schlafen wolle. Sie kannten sich da bereits seit ihrem dreizehnten beziehungsweise vierzehnten Lebensjahr, und alle Leute dachten, sie gingen zusammen. Aber erst nach dem ersten gemeinsamen Sex fühlten sich beide als Paar. Bis dahin war Karin in geschlechtlichen Dingen ausgesprochen spröde. Einmal hatte Peter das versucht, was er aus der Bravo als Petting kannte. An einem Abend als seine Mutter gerade ein paar Tage zur Schwester nach Hamburg gereist war. Aber das führte für beide nicht zur Befriedigung. Einige Wochen später hatte sie sturmfreie Bude. Sie hatten eine kleine Radtour unternommen, waren bis an den kleinen See mitten im Forst gekommen. Einen Ort, den kaum einer kannte. Waren ins Wasser gesprungen in ihrer Unterwäsche. Knutschten hinterher im Gras herum, dass Peter es kaum aushalten konnte. Und dann vor ihrer Haustür sagte er nur: „Ich komm mit rauf, okay?“ Sie hatte genickt, und danach war alles ganz einfach. Und schön für beide. Eigentlich, denkt Peter gerade während er mit der plappernden Giselle im Aufzug langsam nach unten fährt, hingen alle richtigen Momente mit Karin zusammen. Außer dem Zeitpunkt als er ganz alleine seine Paris-Reise beschlossen hatte. » ganz lesen

publiziert am 07.05.15 in Oder nie ¦ 422x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (4)

Er hat Gisela ja in alle den Jahren nur zweimal gesehen, denn öfter war sie auch nicht in die Heimat gereist. Beim ersten Mal zu Weihnachten in der Mitte ihres ersten Au-pair-Jahre. Zum zweiten Mal kam sie zur Beerdigung ihres Vaters. Das war vor kurz nachdem sie bei Olivier und Frederic angefangen hatte. Nach der Beerdigung hatte sie sich von einem Cousin nach Dortmund bringen lassen und war mit den beiden füchterlich versackt. Der Herold war damals eine angesagte Kneipe für die Jugend. Man spielte schwierige Rockmusik und ein bisschen was für die Späthippies zum Tanzen. Das Bier war billig und der Apfelkorn auch. Fröhlich war Gisela. Und weil sie so trinkfest war, blieb sie lange halbwegs bei Verstand. Erst gegen halb eins, kurz vor der Polizeistunde, ging es mit ihr durch. Sie schaffte es, dass der Discjockey eine Pause einlegte, und begann „Der Hahn ist tot“ und natürlich „Le coque est morte“ zu singen. Die letzten Gäste waren verblüfft, aber dann stimmten immer mehr ein, und bald dirigierte Gisela einen astreinen Kanon zu Ehren ihres verhassten Vaters. Bis auf die Kleidung mit einem gewissen Pariser Chic war sie das Bauernmädchen geblieben. Nur die blonden Zöpfe hatte sie abgeschnitten. Karin war der Vorfall peinlich, wie ihr solche Vorfälle generell peinlich waren. Nur nicht auffallen, war ihr Motto. Schon gar nicht in aller Öffentlichkeit, und vermutlich hatte diese Geschichte ihr Verhältnis zu Gisela nachhaltig abgekühlt. » ganz lesen

publiziert am 05.05.15 in Oder nie ¦ 485x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (3)

Das Bier schmeckt fürchterlich, schal und abgestanden. Kein Schaum, das Glas angeschmuddelt. Reicht gerade, um den Durst zu löschen. Und essen müsste Peter langsam auch etwas. Aber nicht hier. Inzwischen ist es halb drei, und Gisela ist noch nicht aufgetaucht. Er hat auch eine Telefonnummer auf dem Zettel mit dem Treffpunkt. Hält Ausschau nach einer Telefonzelle. Erinnert sich dann, dass die Gangster in den Filmen, die in Paris spielen, immer im Bistro telefonieren. Außerdem muss er ohnehin auf die Toilette. Er zahlt vorsichtshalber und geht rein. Immerhin gibt es hier getrennte Klos für Männer und Frauen und eine Pissrinne für die Kerle. Das macht es leichter. Neben den Toiletten die Telefonzelle. Er kramt das Kleingeld raus, aber keine der Münzen will passen. Geht an den Tresen, wo ein vollbärtiger mit mächtigem Bauch Kaffeetassen poliert. Versucht mit Händen und Füßen sein Problem deutlich zu machen. Der Kerl geht zur Kasse und kommt mit einem Stapel Jetons wieder, metallenen Scheiben mit einem Hörer als Symbol. Bedeutet Peter, dass er dafür zehn Franc zu zahlen habe. Er reicht den Schein rüber und bekommt die Telefonmünzen. In der Box nimmt er den Hörer ab und wirft eine Münze ein. Will gerade beginnen zu wählen, da kommt eine Frauenstimme „Trocadero 7653 – quel numero?“ Schnell hängt er den Hörer wieder auf. Und studiert die Anleitung. Findet die Knopf, den man drücken muss, will man selbst wählen und nicht verbunden werden. Dreht die Scheibe siebenmal, um die angegebene Nummer zu wählen. » ganz lesen

publiziert am 03.05.15 in Oder nie ¦ 432x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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