Die Seite 30

Oder nie (33)

Als er kurz vor fünf im U Pinu einläuft und Claude ihn sieht, entfährt dem Korsen ein erstauntes „Putain!“ Dann: „Du siehst fabelhaft aus! Wie ein Star.“ Der Deutsche im schicken schwarzen Anzug dreht sich um die eigene Achse und sagt dann: „Man beachte die Stiefel.“ In dem Moment kommt Giselle ins Bistro und erstarrt: „Peter, bist du das?“ Der grinst wie er sonst so gut wie nie grinst. „Beruhigt euch mal, sind nur neue Klamotten.“ – „Nein, nein“, ruft der Wirt, „das ist ein neuer Peter.“ Seine Stammkundin nickt heftig. „Wir sind verabredet“, sagt er zu seiner Freundin, „du erinnerst dich?“ Langsam beruhigt sich die Sache wieder. Claude bringt drei Likörgläser an den Stammtisch: „Heute eingetroffen – Muscat von der Insel. Stellt euch den Geruch von Pinien vor, Kräuter und Gewürze auf Felsen, ein stetiger Wind und pralle grüne Trauben…“ » ganz lesen

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publiziert am 05.07.15 in Oder nie ¦ 403x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (32)

Am nächsten Morgen begegnet Peter im Wohnraum einem nackten Mann, der sein Zwilling sein könnte. Beide sind etwa gleich groß, schlank, fast dünn und haben kurzes blondes Haar. Mit einem kurzen Blick stellt er fest, dass das baumelnde Glied des anderen auch nicht länger ist als seins. Sie begrüßen sich stumm mit einem Nicken. Dann kriecht der Nackte zurück in Minh Chaus Schlafecke, während Peter im Bad eine schöne lange Dusche nimmt und sich ordentlich rasiert. Seine vietnamesische Mitbewohnerin hat anscheinend ein ziemlich klares Beuteschema. Er fragt sich nur, welche seiner Eigenschaften sie bewogen haben mag, ihn gegen einen anderen auszuwechseln, der ihm zumindest physisch sehr, sehr ähnlich ist. Der Neue muss ihr etwas zu bieten haben, was Peter nicht aufzuweisen hat. Vielleicht hat er Kohle, aber die hat er ja nun auch. Möglicherweise ist der Nachfolger witziger, unterhaltsamer. Oder einfach der bessere Liebhaber. Er hat ja keinen Bezugspunkt, was diese Fähigkeiten angeht. Karin hat sich jedenfalls noch nie beschwert. Weil sie ein eingespieltes Team sind, hat sie – soweit er das beurteilen kann – fast jedes Mal einen Orgasmus. Und in Bezug auf die Frequenz des Geschlechtsverkehrs liegen sie auf gleicher Höhe. Alles was sie im Bett treiben, haben sie sich über die Jahre selbst erarbeitet. Es kommt ihnen normal vor. » ganz lesen

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publiziert am 03.07.15 in Oder nie ¦ 526x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (31)

Die Fahrt mit dem Taxi hat ihm gefallen. Wie der Armenier mit seinem 404 geschmeidig mitgeschwommen ist im Strom der Autos, durch den sich hier und da Motorrad- und Rollerfahrer schlängeln. Fußgänger steigen ebenfalls an den seichten Stellen in diesen Strom und nutzen die Bewegung um sich auf die gegenüberliegende Straßenseite treiben zu lassen. Das alles frei von Aggression, ganz anders als Peter das aus Deutschland kennt, wo jeder den anderen besiegen will. Nein, das Verhalten der Leute an den Lenkrädern hat nichts mit Rücksicht zu tun, dass sie ausweichen, scheint mehr eine instinktive Handlung zu sein. So wie sich Vögel in einem Schwarm untereinander ausweichen, damit keiner von ihnen abstürzt. Auch das ständige Hupen hat eine eher biologische Funktion; Stimmfühllaute nennt man das in der Verhaltensforschung. Damit kennt Peter sich mehr aus als mit dem Autofahren, denn sein Lieblingslehrer, der Dr. Steinhoff, Mathematik und Biologie, war ein glühender Anhänger von Konrad Lorenz und hatte die jungen Schüler schon mit dessen Thesen vertraut gemacht. Natürlich kennt er „Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen“ fast auswendig und „So kam der Mensch auf den Hund“ auch. Rüdiger Steinhoff, der sich kleidete wie eine Mischung aus Förster und Wandervogel, hatte ihnen beide Bücher vorgelesen im freiwilligen Zusatzunterricht, den er im Sinne einer Arbeitsgemeinschaft anbot. Da hatte er auch seinen Wolfsspitz Adam mitgebracht, einem offensichtlich schlauen, aber vorwiegend übellaunigen Rüden, der außer seinem Herrn keinen anderen Menschen gelten ließ. Und an den Wandertagen führte Dr. Steinhoff seine Jungs regelmäßig in unwegsame Naturschutzgebiete zum Pflanzenbestimmen und -sammeln und dem Beobachten von Vögeln und Insekten. » ganz lesen

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publiziert am 01.07.15 in Oder nie ¦ 578x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (30)

Da ist eine Credite-Lyonnais-Filiale. Peter geht rein und tritt an einen freien Schalter. Der Bankbeamte fragt nach seinen Wünschen, und er schiebt den Scheck rüber. Ob er den auf ein Konto gutschreiben lassen oder Bares haben möchte. Peter verlangt Bares und muss dazu seinen Pass vorlegen. Der Mann hinter dem Tresen hakt nach: Er solle doch besser ein Konto eröffnen und nicht mit so viel Bargeld durch die Stadt laufen. Peter lehnt ab, er will die Scheine sehen. Also blättert ihm der Banker zehn nagelneue Tausender hin, acht ebenfalls fast unbenutzte Fünfhunderter und weitere tausend Franc in kleinen Scheinen. Er zählt nicht nach und bittet um ein Couvert. Dort bringt er die vierzehntausend unter. Den Rest stopft er in die Hosentasche. Bedankt sich und steht mit jeder Menge Schotter auf der Avenue George V. Dann hat er die Idee. Ruft ein Taxi herbei und lässt sich zum Kaufhaus Samaritaine kutschieren. Die Droschke ist ein betagter 404 mit einem Chauffeuer unbestimmten Alters mit dichtem Vollbart, mächtigen Augenbrauen und einer speckigen Ledermütze auf dem Kopf. Ob er das Radio einschalten könne, fragt er. Peter nickt. Und dann hört er zwei Menschen in einer ihm völlig unbekannten Sprache wild diskutieren. Danach eine ebenfalls sehr fremde Musik, irgendwie orientalisch. „Aus ihrer Heimat?“ Der Fahrer dreht sich halb um und sagt: „Heimat kaputt. Leute kaputt. Verstreut in aller Welt. Bin ich Armenier.“ Und nach einer Weile: „Wie Aznavour. Kennen Sie Aznavour?“ Natürlich kennt Peter den großen Chansonnier. „Auch Armenier.“ Dann haben sie ihr Ziel erreicht. » ganz lesen

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publiziert am 29.06.15 in Oder nie ¦ 660x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (29)

Francine öffnet die Tür, lässt ihn stehen, rennt los und ruft in den Besprechungsraum, dessen Tür offen steht: „Er ist da!“ Wieder kommt ihm Olivier mit weit ausgebreiteten Armen entgegen und wieder will er ihn mit Wangenküssen begrüßen: „Mein Lieber…“ Und drängt ihn in den großen Saal mit dem ovalen Tisch, an dem sieben Herren sitzen. Ganz unterschiedliche Typen: zwei in sehr formellen Anzügen mit hochgeschnürten Hemdkragen und straffen Krawatten, drei Männer mittleren Alters in pastellfarbigen Stricklacken, ein Bursche in Tarnfleckenhosen mit weißem T-Shirt und schwarzer Lederweste darüber und Ludwig, dieses Mal ganz in Rot: bordeauxfarbige Hose, feuerrotes Hemd mit riesigem Kragen und darüber einen Pullunder am Rande von Orange. Der wedelt: „Peter, mein Peter, so gut dass du da bist.“ Der ist ein wenig überfordert und lässt sich von Olivier auf einen Stuhl am Kopfende drücken. „Das“, sagt der Modemann auf französisch, „ist unser Pierre, den ich euch vorstellen möchte. Eigentlich heißt er Peter und kommt aus Deutschland. Er ist Fotograf und vielleicht der kommende Star am Himmel der Herrenmodenfotografie. Was sagst du, Lu?“ LaBanda schaltet auf englisch um: „I admire this young guy. He showed us some of the most remarkable photographs I have seen in a while. All taken in situations with working men here in Paris.“ Olivier enthüllt nach und nach die sieben großen Fotos, die schon seit dem Gespräch der drei hier hängen und die mit weißen Tüchern bedeckt waren. Die Männer stehen auf, und dann beginnt der eine Anzugträger zu applaudieren. » ganz lesen

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publiziert am 27.06.15 in Oder nie ¦ 663x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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