Die Seite 30

Oder nie (3)

Das Bier schmeckt fürchterlich, schal und abgestanden. Kein Schaum, das Glas angeschmuddelt. Reicht gerade, um den Durst zu löschen. Und essen müsste Peter langsam auch etwas. Aber nicht hier. Inzwischen ist es halb drei, und Gisela ist noch nicht aufgetaucht. Er hat auch eine Telefonnummer auf dem Zettel mit dem Treffpunkt. Hält Ausschau nach einer Telefonzelle. Erinnert sich dann, dass die Gangster in den Filmen, die in Paris spielen, immer im Bistro telefonieren. Außerdem muss er ohnehin auf die Toilette. Er zahlt vorsichtshalber und geht rein. Immerhin gibt es hier getrennte Klos für Männer und Frauen und eine Pissrinne für die Kerle. Das macht es leichter. Neben den Toiletten die Telefonzelle. Er kramt das Kleingeld raus, aber keine der Münzen will passen. Geht an den Tresen, wo ein vollbärtiger mit mächtigem Bauch Kaffeetassen poliert. Versucht mit Händen und Füßen sein Problem deutlich zu machen. Der Kerl geht zur Kasse und kommt mit einem Stapel Jetons wieder, metallenen Scheiben mit einem Hörer als Symbol. Bedeutet Peter, dass er dafür zehn Franc zu zahlen habe. Er reicht den Schein rüber und bekommt die Telefonmünzen. In der Box nimmt er den Hörer ab und wirft eine Münze ein. Will gerade beginnen zu wählen, da kommt eine Frauenstimme „Trocadero 7653 – quel numero?“ Schnell hängt er den Hörer wieder auf. Und studiert die Anleitung. Findet die Knopf, den man drücken muss, will man selbst wählen und nicht verbunden werden. Dreht die Scheibe siebenmal, um die angegebene Nummer zu wählen. » ganz lesen

publiziert am 03.05.15 in Oder nie ¦ 379x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (2)

Die Oper sieht von hinten unspektakulär aus. Peter muss rechts dran vorbei, passiert das Kaufhaus Lafayette auf dem Boulevrad Haussmann, wo schon früh am Morgen die feinen Damen aus den Limousinen steigen, mit denen die Chauffeure sie hergebracht haben. An der spitzen Ecke zur Rue de Rome liegt das Triadou Haussmann, eine Brasserie im klassischen Pariser Stil. Viel zu fein für Peters Geschmack. Hochnäsige Kellner, die ihn lange ignorieren. Er ist ja auch viel zu früh da und verlässt den Laden wieder. Findet weiter weg eine stille Grünanlage. Plötzlich ersetzt Vogelgezwitscher den Verkehrslärm. Eine alte Frau mit gebeugtem Rücken schlurft den Weg entlang, zieht eine prall gefüllte Plastiktüte an einer Schnuer hinter sich her. Der Park liegt im Schatten, ihm wird kühl. Er fühlt sich sehr fremd hier, sehr einsam. Seit seinem siebzehnten Lebensjahr hat er vielleicht fünf oder sechs Tage ohne Karin verbracht. Alle Reisen haben sie zusammen gemacht: an die Nordsee, an die Ostsee, an den Bodensee, nach Berlin und München. Dreimal waren sie in Holland am Meer, einmal ganz kurz in Dänemark. Das war alles an Ausland, was sie kennengelernt haben. Für Karin ist das okay, sie reist nicht gern. Fliegen würde sie niemals, und auf ein Schiff bekäme Peter sie auch nicht. Immer wenn sie mit der Eisenbahn gereist sind, hatte sich Karin während der Fahrt wohlgefühlt, aber wäre nach der Ankunft am liebsten gleich wieder umgekehrt. „Zuhause ist am schönsten“, sagte sie dann. Er war dagegen neidisch auf seine Schulkameraden, die sich nach dem Abitur in alle Himmelsrichtungen zerstreut haben: nach Indien, nach Amerika oder auch bloß nach Sizilien. » ganz lesen

publiziert am 01.05.15 in Oder nie ¦ 436x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (1)

Im Nachtzug nach Paris teilte Peter sein Abteil mit vier besoffenen Seeleuten, drei davon waren Polen, einer von denen war relativ nüchtern und sprach hervorragend deutsch. Sie hätten in Riga abgemustert und seien nun auf dem Weg nach Zeebrügge, um auf einem Tanker anzuheuern. Vor vierzehn Stunden seien sie losgefahren, und in jeder Stunde hätten sie je zwei Flaschen Wodka geleert. Die Matrosen waren nicht nur betrunken, sondern stanken. Einer lag über den Sitzen im Gepächnetz und schnarchte. Der Typ am Fenster hatte sich vollgepisst. Aber er hatte keinen anderen freien Platz gefunden. Eine größere Menge Fußballfans aus dem Norddeutschen war auf dem Weg zu einem Europapokalspiel ihres Clubs in Marseille und belegte fast die komplette zweite Klasse. Ab Brüssel-Süd hatte er das miefende Abteil für sich. Der am wenigsten betrunkene Pole hatte ihm zum Abschied einen Hundert-Dollar-Schein in die Hand gedrückt: „Der Rest von unserem Geld. Brauchen wir an Bord nicht. Geh schön ficken davon.“ Und jetzt verlässt Peter die Halle des Gare du Nord, den Rücksack auf dem Buckel, den Koffer in der rechten, die Kameratasche in der linken Hand. Es ist vor acht Uhr an diesem klaren Aprilmorgen. Der Bahnhof spuckt gleichmäßig Pendler aus wie ein Vulkan die Lava. Quer dazu gehen Leute mit schnellen Schritten von rechts nach links und umgekehrt. Ein stetiger Strom Autos kreuzt die Straße vor dem Platz. Fahrzeuge fädeln sich ein, andere biegen ab. Irgendeiner hupt immer, und im Hintergrund hört er die Sirene einer Ambulanz. Gisela will sich um zwei mit ihm in einem Bistro in der Nähe der Oper treffen. Er hat noch viel Zeit. Wilde Jungs wuseln um ihn herum. Er fürchtet, man könne ihm seine Ausrüstung stehlen. » ganz lesen

publiziert am 29.04.15 in Oder nie ¦ 565x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Abzocker auf Achse

Er ist ein Charmeur, dieser Lion Minter. Er kann die Leute einwickeln. Und dann über den Tisch ziehen. Ich sag dir: Minter ist ein Arschloch. Ein böser Mensch. Aoszial, skrupellos und bösartig. Nein, sagen dann die meisten, der ist doch nett. Und die Frauen finden, er sieht gut. Redford nennen sie ihn wegen der Ähnlichkeit. Und in seiner Jugend in seiner rheinischen Heimat hieß er nur „dä Schön“. Inzwischen ist er fasst so zerknittert wie der Schauspieler, dessen Bruder er sein könnte. Gut gealtert, meinen die Frauen. Dies schiefe Lächeln am Rande eines unverschämten Grinsens, das hat er immer noch drauf. Schlank ist er geblieben. Kleidet sich jugendlich, also so wie die jeweilige Jugend es tut. Das macht er schon seit fünfzig Jahren so. Wird dieses Jahr siebzig und ist immer noch on the road. Um die Leute auszunehmen. Angefangen hat er mit einem ziemlich angelatschten Bulli, den er aus einer Polizeiversteigerung erworben hatte. Muss Ende der Sechzigerjahre gewesen sein. Hatte mit den Hippies nichts am Hut, sondern wollte Geschäftsmann sein. Zocken war immer schon sein Ding. Seit Schulhofzeiten. Schibbeln hieß das Spiel, bei dem die Jungs aus der Hocke Groschen gegen die Wand warfen. Wessen Münze am nächsten an der Mauer liegenblieb, gewann und kassierte alle geworfenen Münzen. Lion gewann, wie er immer sagt, in achtundneunzig Prozent der Fälle. » ganz lesen

publiziert am 16.04.15 in Stadtgeschichten ¦ 527x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Kommst hier nicht rein

„Was willst du?“ sagte er, und es hörte sich an wie „Wasswissu!“ Sein Kopf stand etwas vor der Längsachse seines Körpers auf einem wulstigen Nacken. Von hinten sah er vermutlich aus wie eine Echse. „Und? Was?“ wiederholte er. Jedenfalls interpretierte ich so das Geräusch aus seiner schmalgekniffenen Sprechöffnung. Der Typ stand festgemauert da, die Füße auf Hüftbreite auseinander, die Faust der einen in der Fläche der anderen Hand auf Bauchnabelhöhe. Es gab auch eine Nase im Gesicht, aber die hatte eine außergewöhnliche Form und Richtung. Einsfünfsechzig war er höchstens groß. Bizeps mit Eiweißpräparaten und viel Eisen aufgepumpt. Zuckte nervös mit den Muskeln rund um den den Kurzhals. „Ich muss da mal eben rein, weil ich was aus der Pförtnerloge holen soll.“ Die Schmeißfliegenbrille unter der wulstigen Stirn hüpfte im Takt seines Schnaufens: „Geht nicht.“ Mir war klar, dass man diesem Wesen mit Argumenten und gutem Zureden nicht würde beikommen. „Befehl vom Boss“, versuchte ich mit einer Art Blaffen. Der Security-Affe ging einen halben Schritt rückwärts. Anscheinend dachte es mit ihm. Dann: „Welcher Boss?“ Er zeigte leichte Unsicherheit. Ich setzte nach: „Na, der oberste Boss, natürlich!“ » ganz lesen

publiziert am 13.04.15 in Stadtgeschichten ¦ 509x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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