Die Seite 31

Oder nie (2)

Die Oper sieht von hinten unspektakulär aus. Peter muss rechts dran vorbei, passiert das Kaufhaus Lafayette auf dem Boulevrad Haussmann, wo schon früh am Morgen die feinen Damen aus den Limousinen steigen, mit denen die Chauffeure sie hergebracht haben. An der spitzen Ecke zur Rue de Rome liegt das Triadou Haussmann, eine Brasserie im klassischen Pariser Stil. Viel zu fein für Peters Geschmack. Hochnäsige Kellner, die ihn lange ignorieren. Er ist ja auch viel zu früh da und verlässt den Laden wieder. Findet weiter weg eine stille Grünanlage. Plötzlich ersetzt Vogelgezwitscher den Verkehrslärm. Eine alte Frau mit gebeugtem Rücken schlurft den Weg entlang, zieht eine prall gefüllte Plastiktüte an einer Schnuer hinter sich her. Der Park liegt im Schatten, ihm wird kühl. Er fühlt sich sehr fremd hier, sehr einsam. Seit seinem siebzehnten Lebensjahr hat er vielleicht fünf oder sechs Tage ohne Karin verbracht. Alle Reisen haben sie zusammen gemacht: an die Nordsee, an die Ostsee, an den Bodensee, nach Berlin und München. Dreimal waren sie in Holland am Meer, einmal ganz kurz in Dänemark. Das war alles an Ausland, was sie kennengelernt haben. Für Karin ist das okay, sie reist nicht gern. Fliegen würde sie niemals, und auf ein Schiff bekäme Peter sie auch nicht. Immer wenn sie mit der Eisenbahn gereist sind, hatte sich Karin während der Fahrt wohlgefühlt, aber wäre nach der Ankunft am liebsten gleich wieder umgekehrt. „Zuhause ist am schönsten“, sagte sie dann. Er war dagegen neidisch auf seine Schulkameraden, die sich nach dem Abitur in alle Himmelsrichtungen zerstreut haben: nach Indien, nach Amerika oder auch bloß nach Sizilien. » ganz lesen

publiziert am 01.05.15 in Oder nie ¦ 495x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (1)

Im Nachtzug nach Paris teilte Peter sein Abteil mit vier besoffenen Seeleuten, drei davon waren Polen, einer von denen war relativ nüchtern und sprach hervorragend deutsch. Sie hätten in Riga abgemustert und seien nun auf dem Weg nach Zeebrügge, um auf einem Tanker anzuheuern. Vor vierzehn Stunden seien sie losgefahren, und in jeder Stunde hätten sie je zwei Flaschen Wodka geleert. Die Matrosen waren nicht nur betrunken, sondern stanken. Einer lag über den Sitzen im Gepächnetz und schnarchte. Der Typ am Fenster hatte sich vollgepisst. Aber er hatte keinen anderen freien Platz gefunden. Eine größere Menge Fußballfans aus dem Norddeutschen war auf dem Weg zu einem Europapokalspiel ihres Clubs in Marseille und belegte fast die komplette zweite Klasse. Ab Brüssel-Süd hatte er das miefende Abteil für sich. Der am wenigsten betrunkene Pole hatte ihm zum Abschied einen Hundert-Dollar-Schein in die Hand gedrückt: „Der Rest von unserem Geld. Brauchen wir an Bord nicht. Geh schön ficken davon.“ Und jetzt verlässt Peter die Halle des Gare du Nord, den Rücksack auf dem Buckel, den Koffer in der rechten, die Kameratasche in der linken Hand. Es ist vor acht Uhr an diesem klaren Aprilmorgen. Der Bahnhof spuckt gleichmäßig Pendler aus wie ein Vulkan die Lava. Quer dazu gehen Leute mit schnellen Schritten von rechts nach links und umgekehrt. Ein stetiger Strom Autos kreuzt die Straße vor dem Platz. Fahrzeuge fädeln sich ein, andere biegen ab. Irgendeiner hupt immer, und im Hintergrund hört er die Sirene einer Ambulanz. Gisela will sich um zwei mit ihm in einem Bistro in der Nähe der Oper treffen. Er hat noch viel Zeit. Wilde Jungs wuseln um ihn herum. Er fürchtet, man könne ihm seine Ausrüstung stehlen. » ganz lesen

publiziert am 29.04.15 in Oder nie ¦ 629x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Abzocker auf Achse

Er ist ein Charmeur, dieser Lion Minter. Er kann die Leute einwickeln. Und dann über den Tisch ziehen. Ich sag dir: Minter ist ein Arschloch. Ein böser Mensch. Aoszial, skrupellos und bösartig. Nein, sagen dann die meisten, der ist doch nett. Und die Frauen finden, er sieht gut. Redford nennen sie ihn wegen der Ähnlichkeit. Und in seiner Jugend in seiner rheinischen Heimat hieß er nur „dä Schön“. Inzwischen ist er fasst so zerknittert wie der Schauspieler, dessen Bruder er sein könnte. Gut gealtert, meinen die Frauen. Dies schiefe Lächeln am Rande eines unverschämten Grinsens, das hat er immer noch drauf. Schlank ist er geblieben. Kleidet sich jugendlich, also so wie die jeweilige Jugend es tut. Das macht er schon seit fünfzig Jahren so. Wird dieses Jahr siebzig und ist immer noch on the road. Um die Leute auszunehmen. Angefangen hat er mit einem ziemlich angelatschten Bulli, den er aus einer Polizeiversteigerung erworben hatte. Muss Ende der Sechzigerjahre gewesen sein. Hatte mit den Hippies nichts am Hut, sondern wollte Geschäftsmann sein. Zocken war immer schon sein Ding. Seit Schulhofzeiten. Schibbeln hieß das Spiel, bei dem die Jungs aus der Hocke Groschen gegen die Wand warfen. Wessen Münze am nächsten an der Mauer liegenblieb, gewann und kassierte alle geworfenen Münzen. Lion gewann, wie er immer sagt, in achtundneunzig Prozent der Fälle. » ganz lesen

publiziert am 16.04.15 in Stadtgeschichten ¦ 591x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Kommst hier nicht rein

„Was willst du?“ sagte er, und es hörte sich an wie „Wasswissu!“ Sein Kopf stand etwas vor der Längsachse seines Körpers auf einem wulstigen Nacken. Von hinten sah er vermutlich aus wie eine Echse. „Und? Was?“ wiederholte er. Jedenfalls interpretierte ich so das Geräusch aus seiner schmalgekniffenen Sprechöffnung. Der Typ stand festgemauert da, die Füße auf Hüftbreite auseinander, die Faust der einen in der Fläche der anderen Hand auf Bauchnabelhöhe. Es gab auch eine Nase im Gesicht, aber die hatte eine außergewöhnliche Form und Richtung. Einsfünfsechzig war er höchstens groß. Bizeps mit Eiweißpräparaten und viel Eisen aufgepumpt. Zuckte nervös mit den Muskeln rund um den den Kurzhals. „Ich muss da mal eben rein, weil ich was aus der Pförtnerloge holen soll.“ Die Schmeißfliegenbrille unter der wulstigen Stirn hüpfte im Takt seines Schnaufens: „Geht nicht.“ Mir war klar, dass man diesem Wesen mit Argumenten und gutem Zureden nicht würde beikommen. „Befehl vom Boss“, versuchte ich mit einer Art Blaffen. Der Security-Affe ging einen halben Schritt rückwärts. Anscheinend dachte es mit ihm. Dann: „Welcher Boss?“ Er zeigte leichte Unsicherheit. Ich setzte nach: „Na, der oberste Boss, natürlich!“ » ganz lesen

publiziert am 13.04.15 in Stadtgeschichten ¦ 572x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Notnagel

Sie hat die Decke mit dem Rankenmuster aufgelegt. Dazu das passende Platzdeckchen aus hellem Bast. Eine gelbe Rose in der schlanken Vase. Zwei weiße Kerzen in den silbernen Leuchtern. In dieser Woche ist das schlichte weiße Geschirr dran. Wie immer hat Almut drei Scheiben vom gesunden Brot mit der Maschine geschnitten und ins Körbchen gelegt. Zwei davon wird sie essen. Mit Messer und Gabel. Gerade hat sie sich hingesetzt und einen Schluck vom Hagebuttentee genommen. Sie hat sich Kräuterquark zurechtgemacht und Radieschen. Das Radio spielteStreichquartette von Brahms, und sie ist ganz allein. Ja, sagte sie den wenigen Bekannten und Verwandten auf Nachfrage, ich bin gern allein. Muss ich auf niemanden Rücksicht nehmen, kann machen, was ich will. Meistens geht es ihr auch gut, da istsie nicht einsam, nur allein. » ganz lesen

publiziert am 12.04.15 in Stadtgeschichten ¦ 592x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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