Die Seite 33

Oder nie (18)

Es ist halb sechs am Morgen, und Peter ist ganz ohne Wecker pünktlich wach geworden. Um Viertel vor sechs soll er Pierot am Bistro treffen. Claude wird ein bisschen früer öffnen, damit die zwei schnell einen Kaffee nehmen und ein Croissant essen können. Er hat sich wieder für die Leica entschieden und den HP-S, den er so hochziehen wird, dass er im Untergrund auch ohne Blitz fotografieren kann. Arbeitskleidung, hat Pierot gesagt, bekomme er an der Baustelle. Sie begrüßen sich mit Handschlag und trinken schweigend ihren Kaffee. Auch Claude ist maulfaul und wünscht seinem Freund Pierre viel Erfolg. Sie fahren nach Chatelet. Pierot geht vor. Er hat einen Spezialschlüssel, öffnet eine unauffällige Stahltür in einem der Gänge. Sie stehen in einem Treppenhaus, das nur alle paar Meter schwach erleuchtet ist. Peter zählt die Stufen mit: erst führen sechsundsiebzig abwärts, dann ein Knick und weitere achtzehn Schritte. Wieder eine Tür, dahinter ein Gang mit Türen links und rechts. Der Metro-Arbeiter öffnet eine, und sie landen in einem Umkleideraum mit drei Reihen Spinde. Sein Begleiter zeigt ihm einen, in dem Peter Stifel, Hose und Jacke aus Gummi und einen Helm mit Lampe findet. Er zieht sich um. Dann geht es den Gang in der anderen Richtung entlang. Achtundfünzig Stufen führen aufwärts. Erneut eine Tür. Und dann stehen sie an einem schmalen Absatz mitten im Tunnel. Zwei Gleise, auf dem einen eine dunkelblaue Elektrolok mit drei offenen Waggons. Pierot begrüßt die Kollegen und stellt Peter vor. Drei der sieben Männer sind Afrikaner, zwei haben die dunkle Haut der Maghrebiner, nur zwei sehen aus wie Franzosen. Der Vorarbeiter trägt als einziger einen roten Helm und gibt Kommandos. Die Fahrt dauert zehn, fünfzehn Minuten. Dann steigen sie aus, und nach einem kurzen Fußmarsch durch Tunnelstücke und Verbindungsöffnungen sind sie an der Baustelle. » ganz lesen

Download PDF

publiziert am 05.06.15 in Oder nie ¦ 595x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (17)

Es hat eine Zeit gedauert bis Peter aus Minh Chau so richtig schlau geworden ist. Sie unterhalten sich inzwischen auf Französisch. Er hat in de fremden Sprache viel weniger Schwierigkeiten mit der Wortfindung als wenn er Deutsch spricht. Als er acht war, ist einer Lehrerin seine Behinderung aufgefallen. „Ihr Sohn ist sehr still, Frau Blascyk“, hatte sie der Mutter gesagt, „und wenn er was sagt, dann kann man ihn manchmal kaum verstehen.“ Peters Mutter hatte dann erklärt, dass der Junge zuhause auch kaum redete und sich oft mit den Wörtern verhaspelte. „Wir sollen sehen“, hatte die Pädagogin angemerkt, „wie sich das im zweiten Halbjahr entwickelt und dann eventuell fachmännischen Rat einholen.“ Er war dann in logopädische Therapie bei Frau Dr. Zeisig gekommen, einer gelernten Buchhändlerin, der das Wort an sich am Herzen lag – ob geschrieben und gedruckt oder gesprochen oder gesungen. In den Stunden saß sie Peter meist mit geschlossenen Augen gegenüber und führte ihm die Übungen vor: „A, o, u, i, i, o, a, u. Bsss, bsss. Trrr, trrr.“ Aber die Laute zu bilden, damit hatte er keine Probleme. Wenn er einen Satz dachte, dann kam der eben nicht einfach heraus aus seinem Mund, sondern etwas andere, etwas ähnliches, etwas, das sich annähernd so anhörte wie das, was er meinte. » ganz lesen

Download PDF

publiziert am 02.06.15 in Oder nie ¦ 577x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (16)

Jeden Tag belichtet Peter zwei bis drei Filme. Die Ausbeute sammelt sich unter seinem Bett in einem Schuhkarton. Es wird Zeit, Zugang zu einem Labor zu bekommen, um wenigstens die Negative entwickeln zu können. Außerdem hat er sich auf Giselles Rat zu einem Intensivkurs Französisch im Institute Francaise angemeldet und geht nun an drei Tagen der Woche jeweils vier volle Stunden zur Sprachschule. „Du musst doch die Sprache können, sonst kannst du dich ja gar nicht verständlich machen“, hatte seine Freundin gesagt. Er hatte das nicht kommentiert, aber gedacht, dass er sich auf Deutsch auch nicht wirklich verständlich machen kann. Ihm scheint es wichtig, Französisch zu können, um die Gesprächsfetzen zu verstehen, die er ständig aufnimmt auf den Straßen, in der Metro und in den Bistros. Zwölf Personen sind sie im Kurs, der im obersten Stockwerk eines gesichtslosen Hauses in einem öden Viertel südlich des Montparnasse stattfindet. Die Lehrerin heißt Mallorie Krugelheim, eine Elsässerin, die darauf besteht, dass ihr Name „Krügellem“ ausgesprochen wird. Streng ist die kaum einssechzig große Frau, die immer Grau trägt. Passend zu ihrer straffen Frisur. Dazu Herrenschuhe mit dicken Sohlen. Peter ist der einzige Deutsche, kann sich also darauf verlassen, dass Madame Krügellem ihn versteht, wenn er etwas in seiner Muttersprache sagt. Außerdem versteht sie nach eigenem Bekunden auch noch Englisch, Spanisch und Italienisch. » ganz lesen

Download PDF

publiziert am 31.05.15 in Oder nie ¦ 627x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (15)

Zehn Tage ist Peter jetzt in der Stadt. Dabei ist schon ein wenig Routine entstanden, hat er Gewohnheiten entwickelt. Nach dem Aufstehen geht er runter in Giselles Wohnung. Die ist dann schon weg zur Arbeit. Er duscht und frühstückt. Manchmal hat seine Gastgebern frische Croissants geholt, manchmal nicht. Je nachdem trinkt er nur einen Kaffee und geht dann später bei Claude, um dort etwas zu essen. Dann macht er sich auf den Weg. An der Wand in seinem Zimmer hängt jetzt ein großer Stadtplan, und er markiert die Viertel und Stellen, die er schon besucht hat. Außerdem hat er ein Schreibeft angeschafft, in dem er jeden Tag notiert, wo er war, was er getan und ob er auch fotografiert hat. In der Nacht von Freitag auf Samstag ist Giselle mitten in der Nacht zu ihm gekommen und zu ihm ins Bett gekrochen. „Bin so einsam“, hat sie gesagt, und er hat Platz für sie gemacht. Sie hat sich an ihn geschmiegt und beide sind sofort eingeschlafen. Morgens war sie schon fort, und übers Wochenende sah Peter sie gar nicht. » ganz lesen

Download PDF

publiziert am 29.05.15 in Oder nie ¦ 609x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (14)

Dann hatte er sich an dem Tag, dem man ihm per Brief mitgeteilt hatte, an der Kunstakademie eingefunden. Peter erinnert sich noch genau wie er vor dem Portal, hoch aufragend, wie eine Kathedrale, wie ein Tempel. Wie er die schwere Tür aus Eisen mit kleinen Glasscheiben aufdrückt und im Vorraum steht. Der Geruch nach Terpentin und alten Lumpen. Hall von Gesprächen von weit hinten. Weiß und grau, und alles im Hochformat oder quadratisch. Wie er die Praktika auspackt und sein allererstes Foto in der Akademie macht, dem Hunderte folgen werden. Dass der Empfang im Sekretariat eher nüchtern aus fiel, wo er doch beinahe ein Ritual wie bei einer Priesterweihe erwartet hat oder bei der Aufnahme neuer Mönche in ein buddhistisches Kloster. Statt dessen händigte ihm die schweigsame Dame sein Studienbuch aus, den Enpfang musste er quittieren. Dann nimmt er sich ein Vorlesungsverzeichnis vom Tresen und geht wieder. Vorher war er vielleicht drei- oder viermal in Düsseldorf. Einmal beim Schulausflug in die Landeshauptstadt. Den Landtag hatten sie besichtigt, ein rechteckiger Bau an einem Weiher, nicht sehr hübsch. Wie er überhaupt enttäuscht war, denn er hatte eine strahlende Metropole erwartet, einen bedeutenden Ort, wo die Geschicke seines Bundeslandes gelenkt werden. Aber beim Gang durch die Altstadt an einem grauen Vormittag kam ihm Düssedorf eher vor wie eine Kleinstadt. Erst der mächtige Strom jenseits der stark befahrenen Bundesstraße, der schien zur Bedeutung der Stadt zu passen. » ganz lesen

Download PDF

publiziert am 27.05.15 in Oder nie ¦ 597x gelesen ¦ noch kein Kommentar

blättern: « 1 ... 30 31 32 33 34 35 36 ... 91 »