Die Seite 36

Oder nie (16)

Jeden Tag belichtet Peter zwei bis drei Filme. Die Ausbeute sammelt sich unter seinem Bett in einem Schuhkarton. Es wird Zeit, Zugang zu einem Labor zu bekommen, um wenigstens die Negative entwickeln zu können. Außerdem hat er sich auf Giselles Rat zu einem Intensivkurs Französisch im Institute Francaise angemeldet und geht nun an drei Tagen der Woche jeweils vier volle Stunden zur Sprachschule. „Du musst doch die Sprache können, sonst kannst du dich ja gar nicht verständlich machen“, hatte seine Freundin gesagt. Er hatte das nicht kommentiert, aber gedacht, dass er sich auf Deutsch auch nicht wirklich verständlich machen kann. Ihm scheint es wichtig, Französisch zu können, um die Gesprächsfetzen zu verstehen, die er ständig aufnimmt auf den Straßen, in der Metro und in den Bistros. Zwölf Personen sind sie im Kurs, der im obersten Stockwerk eines gesichtslosen Hauses in einem öden Viertel südlich des Montparnasse stattfindet. Die Lehrerin heißt Mallorie Krugelheim, eine Elsässerin, die darauf besteht, dass ihr Name „Krügellem“ ausgesprochen wird. Streng ist die kaum einssechzig große Frau, die immer Grau trägt. Passend zu ihrer straffen Frisur. Dazu Herrenschuhe mit dicken Sohlen. Peter ist der einzige Deutsche, kann sich also darauf verlassen, dass Madame Krügellem ihn versteht, wenn er etwas in seiner Muttersprache sagt. Außerdem versteht sie nach eigenem Bekunden auch noch Englisch, Spanisch und Italienisch. » ganz lesen

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publiziert am 31.05.15 in Oder nie ¦ 689x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (15)

Zehn Tage ist Peter jetzt in der Stadt. Dabei ist schon ein wenig Routine entstanden, hat er Gewohnheiten entwickelt. Nach dem Aufstehen geht er runter in Giselles Wohnung. Die ist dann schon weg zur Arbeit. Er duscht und frühstückt. Manchmal hat seine Gastgebern frische Croissants geholt, manchmal nicht. Je nachdem trinkt er nur einen Kaffee und geht dann später bei Claude, um dort etwas zu essen. Dann macht er sich auf den Weg. An der Wand in seinem Zimmer hängt jetzt ein großer Stadtplan, und er markiert die Viertel und Stellen, die er schon besucht hat. Außerdem hat er ein Schreibeft angeschafft, in dem er jeden Tag notiert, wo er war, was er getan und ob er auch fotografiert hat. In der Nacht von Freitag auf Samstag ist Giselle mitten in der Nacht zu ihm gekommen und zu ihm ins Bett gekrochen. „Bin so einsam“, hat sie gesagt, und er hat Platz für sie gemacht. Sie hat sich an ihn geschmiegt und beide sind sofort eingeschlafen. Morgens war sie schon fort, und übers Wochenende sah Peter sie gar nicht. » ganz lesen

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publiziert am 29.05.15 in Oder nie ¦ 657x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (14)

Dann hatte er sich an dem Tag, dem man ihm per Brief mitgeteilt hatte, an der Kunstakademie eingefunden. Peter erinnert sich noch genau wie er vor dem Portal, hoch aufragend, wie eine Kathedrale, wie ein Tempel. Wie er die schwere Tür aus Eisen mit kleinen Glasscheiben aufdrückt und im Vorraum steht. Der Geruch nach Terpentin und alten Lumpen. Hall von Gesprächen von weit hinten. Weiß und grau, und alles im Hochformat oder quadratisch. Wie er die Praktika auspackt und sein allererstes Foto in der Akademie macht, dem Hunderte folgen werden. Dass der Empfang im Sekretariat eher nüchtern aus fiel, wo er doch beinahe ein Ritual wie bei einer Priesterweihe erwartet hat oder bei der Aufnahme neuer Mönche in ein buddhistisches Kloster. Statt dessen händigte ihm die schweigsame Dame sein Studienbuch aus, den Enpfang musste er quittieren. Dann nimmt er sich ein Vorlesungsverzeichnis vom Tresen und geht wieder. Vorher war er vielleicht drei- oder viermal in Düsseldorf. Einmal beim Schulausflug in die Landeshauptstadt. Den Landtag hatten sie besichtigt, ein rechteckiger Bau an einem Weiher, nicht sehr hübsch. Wie er überhaupt enttäuscht war, denn er hatte eine strahlende Metropole erwartet, einen bedeutenden Ort, wo die Geschicke seines Bundeslandes gelenkt werden. Aber beim Gang durch die Altstadt an einem grauen Vormittag kam ihm Düssedorf eher vor wie eine Kleinstadt. Erst der mächtige Strom jenseits der stark befahrenen Bundesstraße, der schien zur Bedeutung der Stadt zu passen. » ganz lesen

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publiziert am 27.05.15 in Oder nie ¦ 649x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (13)

Peter liegt auf dem Bett in der kleinen Dachkammer und versucht nachzudenken. Immer wieder verliert er das Ziel aus den Augen. Wenn sein Aufenthalt in Paris überhaupt ein Ziel hat. Tourist will er nicht sein, der die Sehenswürdigkeiten abklappert, Einheimischer kann er nicht sein. Was er in der Stadt überhaupt sein kann, das ist ihm nicht klar. Es ist später Nachmittag, und der Himmel ist schon beinahe schwarz hinter den dichten Wolken. Es klopft: „Kann ich reinkommen?“ fragt Giselle und steht auch schon mitten im Zimmer. „Na, wie war dein Tag? Ordentlich rumgekommen? Viel gesehen?“ Er richtet sich auf: „Sehe immer viel.“ Wenn sie einen Bericht von ihm erwartet, dann wird er sie enttäuschen müssen. So wie Karin immer enttäuscht ist, wenn er mit den Kameras unterwegs war, manchmal zwei, drei Tage lang, und sie nach seiner Rückkehr hören möchte, was ihm alles passiert ist. Und er dann nur sagt: „Warte bis ich die Abzüge habe.“ Weil er aber an diesem Tag nichts fotografiert hat, kann er Giselle so nicht vertrösten. Sie hat die Tür hinter sich geschlossen und lehnt am Türrahmen. „Und morgen?“ Peter zuckt mit den Schultern. „Ach, eh ich’s vergess. Olivier möchte dich bei Gelegenheit kennenlernen. War seine erste Reaktion als ich erzählte, dass du Fotograf bist.“ » ganz lesen

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publiziert am 25.05.15 in Oder nie ¦ 583x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (12)

Giselle hat ihm einen Zettel geschrieben, Bedienungsanleitung für die Espressokanne auf dem Gasherd. Dazu einen Gruß und den Abdruck ihres Kussmundes. Frische Croissants stehen auf dem Frühstückstisch. Über Nacht ist das Wetter umgeschlagen. Über den grauen Himmel segeln milchige Wolken im starken Wind. Das alte Fenster klappert ein bisschen, und es ist kalt in der Wohnung. Jetzt fehlt ihm sein Parka, und Peter überlegt, zum Flohmarkt zu fahren, um seine wetterfeste Jacke zurück zu kaufen. Aber dann denkt er, dass ein regendichter, halblanger Mantel wie ihn die Männer hier tragen, besser passt und er ohnehin das Kaufhaus Samaritaine besichtigen wollte. Routiniert kauft er ein Tages-Carnet und fährt Richtung Opera. Es ist ziemlich kühl, aber trocken. Er geht zu Fuß in Richtung Louvre, dann ein Stück die Rue de Rivoli entlang, um dann zum Pont Neuf abzubiegen. Er streift die Sehenswürdigkeiten nur mit kurzen Blicken, will die noch gar nicht sehen, sich nicht ablenken lassen. Heute ist Paris farblos und unfreundlich. Kaum Touristen unterwegs, stetig fließender Autoverkehr. Viele mürrische Gesichter, viele, die beim Gehen zu Boden blicken. Polizisten, die sich in Hauseingängen vor dem kalten Wind schützen. La Samaritaine ist eine Kathedrale voller Waren. Niemand, der sonst im Kaufhof oder bei Karstadt kaufen geht, würde diesen Palast ein Warenhaus nennen. An jeder Auslage eine Verkäuferin. Dazu junge Frauen in dunkelgrauen Kitteln mit weißen Schürzen und Häubchen, die den Damen die Einkaufstüten nachtragen oder Gekauftes einsammeln und zur Zentralkasse bringen. Aus dem Erdgeschoss kann man in der Mitte durch alle Etagen sehen bis zu einem gewaltigen Glasdach. » ganz lesen

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publiziert am 21.05.15 in Oder nie ¦ 675x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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