Die Seite 37

Oder nie (11)

Vorsichtshalber klopft Peter an Giselles Wohnungstür. „Komm rein“, ruft die, und als er eintritt sieht er erneut die nackte Freundin durch den Raum huschen. „Nimm dir was zu trinkenm, setz dich“, ruft sie aus dem Bad. Karin würde nie unbekleidet durch einen Raum gehen oder laufen. Natürlich sehen sie sich auch nackt, aber für seine Frau hat Nacktheit immer auch mit Sex zu tun, muss deshalb intim sein, zwischen Partner. Als Peter vor einigen Jahren vorschlug, Aktaufnahmen mit ihr zu machen, hatte sie empört abgelehnt. Erst in der Akademie kam er dann dazu, denn da gab es einen Kurs mit vier, fünf Modellen, an denen er das Fotografieren nackter Körper üben konnte. Ihm selbst wäre nur Nacktheit in der Öffentlichkeit peinlich. Und dass obwohl gerade der Vater oft und gern nackig – so nannte die Mutter das – durch die Wohnung ging und er immer von seiner Jugend erzählte, als sie alle, er betonte: alle! nackt am See gelegen hätten in den heißen Sommern. Sicher hätte er gern auch mal Urlaub gemacht, „hüllenlos“ wie man damals sagte, aber das hätte seine Frau nie mitgemacht. Peter findet menschliche Körper generell schön, also Haut und Haare, Falten und Dellen, als das, was eben an einem normalen Körper zu finden ist. Deshalb hat er beim Kurs in Aktfotografie auch nie die Ästhetik hinbekommen, die der Dozent ihnen beibringen wollte. Letztlich waren auch seine Aktfotos Bilder von Menschen wie sie eben sind. » ganz lesen

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publiziert am 19.05.15 in Oder nie ¦ 562x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (10)

Schnell hat sich Peter an die Fortbewegung mit der Metro gewöhnt. Mit dem kleinen, auf die Größe eines Taschenkalenders faltbaren Übersichtsplan findet er sich gut zurecht. Und am späten Nachmittag braucht er den schon nicht mehr, weil er die Struktur mit seinem fotografischen Blick gespeichert hat. Nun muss er nur noch die Namen der Endhaltestellen auswwndig lernen, damit er immer weiß, in welche Richtung er sich bewegt. Er setzt sich in einen Zug und fährt, steigt aus und steigt um. Taucht aus einer Metro-Station auf ans Tageslicht und taucht wieder hinab in den ewigen Tunnel. Manchmal setzt er sich auf eine Bank an einem Bahnsteig und schaut zu. Bleibt sitzen, während zwei, drei Bahnen kommen und gehen. Sieht die Menschen, sieht ihre Gesichter, ihre Bewegungen. Das immergleiche Licht in den Stationen: Zuverlässig leuchtet es die Dinge aus, und in den Tunneln werden die Lichter an der Wand immer kleiner. Später hat er manchmal einen Bahnsteig für sich allein in den kleineren Stationen. Er beobachtet die Signalanlagen. Spürt den Luftzug lange bevor der Zug einläuft. Dann das Zischen der Bremsen, die drei Warntöne vor der Abfahrt, die peneumatisch schließenden Sicherheitstüren. Nur die Verbindungsgängen in den sehr großen Bahnhöfen, die mit den vier, fünf Ebenen, den Treppen und Stollen, Abzweigungen und Überführungen, die sind ihm noch nicht geheuer. Nach ein paar Stunden landet er eher zufällig am Ende der Linie 4, an der Porte de Clignancourt. Und entdeckt ebenso zufällig den Marche aux Puces, den berühmtesten aller Flohmärkte der Welt. » ganz lesen

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publiziert am 17.05.15 in Oder nie ¦ 568x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (9)

So ganz genau weiß Peter nicht, weshalb er jetzt auf der Aussichtsplattform eines Hochhauses steht und über Paris schwebt mit seiner Höhenangst. Als er sich in der konfusen Metro-Station verirrt hatte, wählte er einen Ausgang, der ihn direkt ins blendende Sonnenlicht führte. Orientierungslos ging er los, durchquerte eine Grünanlage samt Friedhof und stand dann vor dem himmelhohen Gebäude. Jetzt hält er einen Meter Abstand vom Geländer. Der Wind hier oben ist kalt, er ist fast allein, nur ein asiatisches Paar mittleren Alters teilt die Plattform mit ihm. Er weiß auch nicht, weshalb er überhaupt in den Aufzug gestiegen ist und warum er für zehn Franc eine Eintrittskarte gelöst hat. Ihm war auch nicht bewusst, dass es in der Stadt überhaupt ein solches Gebäude gibt, dachte, einen Überblick können man nur vom Eiffel-Turm haben, den bis zur Spitze hinaufzufahren er sich nicht traut. Die Geräusche mischen sich anders in der Höhe, wo unten auf der Straße die Geräusche des Autoverkehrs dominieren, ist die Luft hier oben von einem unbestimmten Dröhnen erfüllt, in das sich spitze Geräusche mischen, die er nicht zuordnen kann. Er sieht links den eisernen Turm und geradeaus, über die ganze Innenstadt hinweg, Montmartre. Auch den Buttes-Chaumont kann er identifizieren. Dann sieht er noch hinter dem Eiffel-Turm weitere helle Hochhäuser, die er dort nicht erwartet hat. Er tritt an eines der Münzferngläser, wirft ein Franc-Stück ein und holt das Bild näher heran. Laut Stadtplan handelt es sich um „La Defense“. » ganz lesen

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publiziert am 15.05.15 in Oder nie ¦ 557x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (8)

Es müssen Spatzen sein, die ihn mit ihrem Getöse wecken. Pariser Spatzen, denkt Peter, der in Dortmund schon seit Jahren keine mehr gesehen und gehört hat. Er hat fest geschlafen, traumlos, beinahe zehn Stunden lang. Jetzt ist er ausgeruht und voll da. Edith Piaf fällt ihm ein, der Spatz von Paris, und das bisschen französischer Chansons, das er kennt. Ein Radio wäre nicht schlecht. Wird sich ein billiges Transistorgerät kaufen. Geht runter in Giselles Wohnung. Überall liegt Kleidung herum, nasse Handtücher über den Stuhllehnen. Drei, vier leere Weinflaschen auf dem Tisch. Daneben ein Zettel: „Bin auf Arbeit. Meld dich mal. Kuss – Giselle“. Peter duscht ausgiebig. Beim Zähneputzen schaut er in den Spiegel. Der Bart muss ab. Rasiert sich ausführlich, selbst die Koteletten müssen fallen. Er findet, jetzt sieht er irgendwie neutraler aus, nicht mehr so nordisch. Nimmt die Reste vom Vorabend zum Frühstück. Schafft es sogar, sich mit der Espressokanne auf dem Gasherd einen Kaffee zu brauen. Hat sich eine Liste gemacht mit Dingen, die er von Paris kennt, von Namen, von Orten, von Assoziationen. Die geht er nun durch; zweiundachtzig Positionen, unsortiert. Stößt auf das Wort „Katakomben“. Unterirdische Schädelstätte, stand in einem Reiseführer. Ob man die besichtigen kann, fragt er sich. Unterirdisches hat ihn schon immer fasziniert. Spätestens seit er mit den Eltern als kleiner Junge die Dechenhöhle im Sauerland besucht hatte. » ganz lesen

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publiziert am 13.05.15 in Oder nie ¦ 574x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Oder nie (7)

Erst jetzt merkt er, dass er schon seit fast zwanzig Stunden nichts mehr gegessen hat. Im Kühlschrank findet er einen fürchterlich stinkenden Käse und eine steinharte, dünne Salami. Brot gibt es gar nicht. Immerhin hat Giselle auch eine Flasche Weißwein und eine Flasche Mineralwasser gelagert. Trotzdem beschließt er, einkaufen zu gehen. Allein schon um sich ein paar Dosen Bier zu besorgen. Die Straße liegt still da. Nur hinter wenigen Fenster sind die Zimmer erleuchtet. Peter findet die Alimentation mit dem 24-Stunden-Dienst. Ein merkwürdig geformter und gestalteter Laden: Kaum zweieinhalb Meter breit mit verglasten Klapptüren, die offenstehen. Dafür aber gut zwölf, dreizehn Meter lang. Vorne ein paar Kühltruhen, dann je ein Regal an jeder Längswand. Ganz hinten verglaste Kühlschränke für Getränke. Ungefähr auf halber Höhe rechts eine ziemlich angeranzte Kasse, hinter der ein dürrer, unrasierter Mann unbestimmter Herkunft hockt und in einer Autoillustrierten blättert. Der erwidert Peters Gruß nicht. Drahtkörbe gibt es für die Waren, und er entscheidet sich für einen abgepackten Brie, eine eingeschweißte Wurst und einen Karton mit winzigen Bierflaschen, von denen jede einzelne kaum mehr als ein Glas füllen könnte. Kronenbourg ist anscheinend eine beliebte Marke, denn der Kühlschrank ist voll von Flaschen verschiedener Größe mit dem entsprechenden Etikett. Hinter dem Kassierer hängt ein Holzgestell an der Wand, in dem drei Baguettes lagern. Peter deutet darauf, und der Mann reicht ihm das Brot. Addiert die Preise mit einem Bleistift auf einem schmierigen Zettel und nennt eine Zahl. Er bekommt einen Fünfzig-Franc-Schein und gibt ein paar Münzen heraus. » ganz lesen

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publiziert am 11.05.15 in Oder nie ¦ 542x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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