Die Seite 37

Erste Tage mit Clooney

clooney_faceSie fühle sich wie eine Spätgebärende, sagte Claire am Tag, an dem wir Clooney in Bergheim abholen sollten. Was lustig gemeint war, trägt einen sehr wahren Kern in sich. Denn vermutlich ist so ein Hund bei den meisten Paaren, die keinen eigenen Nachwuchs haben oder deren Sprößlinge längst aus dem Haus sind, Kindersatz. Man mag sich darüber mokieren oder lustig machen, aber diese gern verschwiegene Tatsache sagt viel über das besondere Verhältnis von Mensch und Hund aus. Schwer vorstellbar, dass zwei Menschen, die ihr Leben miteinander teilen, den nicht erfüllten oder nicht erfüllbaren Kinderwunsch durch die Anschaffung eines Zwergkaninchens befriedigen. Nicht einmal eine Katze kann diese Kompensation leisten; jedenfalls nicht auf Dauer, denn die Felide wird nicht in der Lage sein, eine Beziehung zu den Haltern aufzubauen, die auch nur annähernd so intensiv wird, wie das zwischen Menschen und Hunden die Regel ist. » ganz lesen

publiziert am 18.09.13 in Windhund namens Clooney ¦ 970x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Die Glanzzeit der Fotokopie (1)

xerographyBis auf einen erinnere ich mich an alle meine Schüler- und Studentenjobs mit einem guten Gefühl. Die Ausnahme war eine stundenweise Tätigkeit bei einer obskuren Import-Export-Agentur mit Sitz auf der Berliner Allee, wo ich entweder im staubigen Keller Kartons von hier nach dort räumen oder merkwürdige Dinge beim Zoll am Flughafen abholen musste. Egal was ich armer Fünfzehnjähriger tat, es wurde von der Chefin mit Spott, Häme oder Beschimpfungen kommentiert. Eines Tages beschloss ich, von einer Tour zum Zoll einfach nicht wiederzukehren. Da die böse Frau weder meine Adresse, noch unsere Telefonnummer kannte, konnte sie nichts dagegen tun. Allerdings mied ich noch einige Monate lang das Stück Straße, an dem das Haus mit dem Büro der Firma lag. Bei einem anderen Job verabschiedete ich mich auch auf französisch. Für einen Freund, der als Nachtportier arbeitete, übernahm ich im Hochsommer eine Schicht, weil er alkoholbedingt nicht dazu in der Lage war. Gegen zehn traf ich im Hotel ein. Der Tageskollege vollführte die Übergabe, und ich war allein. » ganz lesen

publiziert am 30.08.13 in Stadtgeschichten ¦ 948x gelesen ¦ 2 x kommentiert

Stein und Bein – Teil 5

Hauptkommissar Robert Greiper hatte sich auf seinem Waldspaziergang für den Weg des geringsten Widerstands entschieden. Er würde also ab kommendem Montag jeden Morgen gegen neun treu und brav im Präsidium erscheinen, sich an den Bedarfsarbeitsplatz verfügen, den ihm die SK „Weiße Kragen“ einrichten ließ, um dort bis Schlag siebzehn Uhr das Telefon zu hüten und die diversen Mailadressen der Kollegen, die in wichtiger Mission überall im Land unterwegs waren. Dann würde er pünktlich Feierabend machen, gegen halb sechs in seiner Stammkneipe vorbeischauen auf ein oder zwei Glas Altbier, um den Rest des Abends dafür zu nutzen, in Sachen AMEK weiterzukommen. Immerhin hätte er ja während der sinnlosen Dienststunden freien Zugang zu Telefon und Internet und könnte die Zeit nutzen, um Informationen zu sammeln. Und daran, sich Gedanken und passende Notizen zu machen, könnte ihn keine Dienstvorschrift hindern.
Bis dahin blieben ihm aber noch sechseinhalb Tage, wenn er das Wochenende mitrechnete, und die würde er mit intensiver Arbeit am Fall bestreiten. Am liebsten würde er wissen, wer der Tote war. Nachdem man jetzt außer den Ohren auch noch alle Extremitäten gefunden hatte, könnte das Wissen der Gerichtsmediziner über die Identität der Leiche gewachsen sein, dachte er und machte sich auf den Weg ins forensische Labor. » ganz lesen

publiziert am 30.08.13 in Einzelteile ¦ 549x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Stein und Bein – Teil 4

Politik ist die Kunst des Machbaren, heißt es. Und: Wer etwas erreichen wolle, müsse dicke Bretter bohren. Schaidler war anderer Ansicht, und ihn als ungeduldigen Menschen zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Die Lebenserfahrung hatte ihn gelehrt, dass er alles erreichen könne, was er wolle und das genau in dem Zeitraum, den er sich vorstellte. Dazu, so sein Credo, müsse nur genug Macht ausgeübt werden. Jedes System, wusste Schaidler, hat Schwachstellen. Die gilt es zu identifizieren, um die Punkte zu finden, an denen Machtmitteln anzusetzen seien. So verstand er seine Politik als das Durchschlagen der dünnen Brettchen, die es in jedem Holzhaus gibt und deren Beschädigung das ganze Gebilde zum Wanken oder Einstürzen in seinem Interesse bringt.
Nein, er hatte nichts gegen Ausländer, auch nicht gegen Linke und Muslime und schon gar nicht gegen Schwule. Aber um das Land, in dem er anfangs nur Gast gewesen war, in den Griff zu bekommen, hatte er die Ressentiments der Bürger als die Stellen ausgemacht, an denen sie schwach waren. Jeder Hass auf andere, so wusste er, entsteht aus Angst. Und Angst ist Schwäche. Je furchtsamer die Menschen sind, desto schwächer werden sie, desto mehr suchen sie nach Schutz. Dem Führer, der ihnen Sicherheit versprach, würden sie folgen. Und das taten sie in jenen Jahren, in denen Schaidler politisch aktiv war, gern – zumindest in der Steiermark. » ganz lesen

publiziert am 17.08.13 in Einzelteile ¦ 700x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Sex mit Angie

angie_friends_nudeEs kam in diesen Zeit nicht besonders häufig vor, dass Thibaud mit einem Grinsen im Gesicht zu unserem Treffen in der Stammkneipe kam. Dieses Mal war er nicht nur gelaunt, sondern geradezu albern. Er riss einen Witz nach dem anderen und machte zu jedem Thema lustige Bemerkungen. Als das Gespräch auf die kommenden Wahlen kam, sagte er plötzlich: „Ich hatte Sex mit Angie.“ Die Reaktion der Gruppe fiel müde aus. Also hob er die Stimme: „Ich hab die Kanzlerin gevögelt!“ Erwartungsvolles Schweigen breitete sich aus, weil wir alle natürlich hören wollten, was sich hinter dieser abenteuerlichen Aussage verbarg. Und Thibaud fing an zu erzählen. „Es war bei einer Party. Beziehungsweise einem obskuren Open-Air-Festival, das auf einem ehemaligen Fußballplatz stattfand. Gruppen gealterter Pseudo-Punker machten schlechten Krach mit fürchterlichen deutschen Texten. Bands aus Pubertätsbubis gaben üble Cover-Versionen von Tote-Hosen-Schlagern zum Besten. Und eine Truppe Afrikaner quälte das Publikum mit selbsterfundener Folklore im holprigen Reggae-Stil. Über allem hing eine Wolke Marihuana-Dampf und Bierdunst. Rasch wurde mir klar, dass ich alter Sack keine der hübschen jungen Dinger, die überall mherumlungerten, anbaggern und abschleppen würde und sah mich nach Damen meiner Generation um. Da fiel sie mir sofort auf. Sie trug eine weite, bunte Weltmusikhose, ein verwaschenes blaues T-Shirt und wiegte sich ganz unabhängig von der jeweiligen Live-Musik gleichförmig in den Hüften. » ganz lesen

publiziert am 08.08.13 in Thibaud ¦ 2038x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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