Die Seite 37

Neue Dichter

Als Hans O. in diesen Märztagen draußen in der Sonne saß, einen starkgestrickten Wollschal gegen den scharfen Wind um den Hals geschlungen, da musste er an Thomas Mann denken, an den Zauberberg. An Lungenkranke, die hoch in den Schweizer Bergen in der Frühlingssone auf Terrassen liegen, mit Decken gegen die Kälte geschützt. Man müsste öfter an Thomas Mann denken, dachte er, und dass er selbst vielleicht ein Dichter werden könnte. Denn sein Versuche in der Prosa waren samt und sonders gescheitert. Da schien es ihm erfolgversprechender, sich an der Dichtkunst zu versuchen. Und begann in der Märzensonne sich wärmend mit dem Nachdenken über die Poesie. Als Ingenieur hatte man ihm allerdings im Ingenieursstudium die Poesie gründlich ausgetrieben. Mathematik und Physik bestimmten sein Denken, Formeln, Gleichungen und Konstruktionszeichnungen. Dafür hatte ihm seine Ausbildung das nötige Rüstzeug mitgegeben, Ziele durch systematisches Arbeiten zu erreichen. » ganz lesen

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publiziert am 05.04.15 in Stadtgeschichten ¦ 506x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Viele Räume, das Haus

Eine Zeitlang zählte es zu den Ritualen unserer Treffen, dass jemand von einem Traum berichtete. Ich erinnere mich vor allem daran, wie Rudolph einen Traum auf seine besondere Art vortrug. Den meisten kam es vor, als stammele er, aber wir anderen wussten, dass sein Sprechen ein Spiegel seiner Seele war. Sein Bericht ging ungefähr so: „Viele Räume, das Haus. Das Haus. Schwiegereltern froh über mein Scheitern. Dann mit Frau und Kind ins Vorderhaus. Viele Räume. Gänge, Treppen. Sonne scheint. Wir halb unter der Erde. Kein Weg raus. Beschweren uns. Das Haus. Jetzt oben, oben, Terrasse. Im Licht. Baby weint, Schwiegwermutter schreit: Lieber einen Hund! Hab mich im Keller verirrt. Höre jedes Wort. » ganz lesen

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publiziert am 05.03.15 in Thibaud ¦ 619x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Nur die Liebe

„Ich hab’s satt“, sagte Axel. Er hatte den linken Ellenbogen auf den Tisch gestützt und seine Wange in die offene Handfläche gelegt. Mit der Linken umfasste er das Bierglas. Er gab einen Laut von sich wie ein schlecht gelauntes Tier. Dann lehnte er sich auf der Bank zurück, verschränkte die Hände im Nacken und sah sich die Decke in der Kneipe an; Spuren aus fröhlichen Raucherzeiten. „Mal renovieren“, murmelte er. Pola sah zu, wie der attraktive Mann mittleren Alters ganz nach vorne rutschte und sich halb über die Tischplatte lehnte. „Satt hab ich’s“, wiederholte er. „Was hast du satt“, fragte sie. Aber er antwortete nur mit einer theatralischen Geste, weltumspannend mit weit ausgestreckten Armen. Das Rendezevous mit dem Typ, der auf den Fotos der Partnerbörse so optimistisch und stark ausgesehen hatte, verlief enttäuschend. » ganz lesen

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publiziert am 21.02.15 in Stadtgeschichten ¦ 725x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Kein Wunder

Natürlich versucht Madlinn, aus eigener Kraft wieder auf die Beine zu kommen. Jeden Tag versucht sie es. Hievt die Oberschenkel mit beiden Händen über die Bettkante und setzt sich auf. Schiebt sich vorsichtig näher an den Abgrund. Versucht mit den Fußsohlen den kühlen PVC-Boden des Krankenzimmers zu berühren. Wenigstens mit den Zehenspitzen. Aber jedes Mal, wenn ihr das gelingt, knallt irgendeine Sicherung in ihrem Vegetativsystem raus. Ihr wird schwindlig. Die Farben vor ihren Augen verblassen, sie sieht das Bild in Graustufen. Dann beugt sie sich zurück bis der Rücken die Matratze des hochgelegten Bettes berührt und wartet ab. Singt dabei leise vor sich hin. Meistens dauert es dann einmal „Hotel California“ oder höchstens „Stairway to heaven“ bis sie wieder klar denken kann. Sie singt die klassischen Rocksongs auf die Art, mit der sie berühmt geworden ist. Eine Mischung aus Tori Amos und Barbara Dennerlein nannte sie der Kritiker der FAZ vor ein paar Jahren. Wie sie mit bloßen Füßen an der mächtigen Hammond B3 mit Bass-Pedalen sitzt, begleitet vom schweigsamen Drummer Bug und ihrem Ex-Lover Süver am E-Bass. Schleppend der Rhythmus, synkopisch, magisch die Stimme, wie in einer Eishöhle auf Spitzbergen gesungen. » ganz lesen

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publiziert am 17.12.14 in Thibaud ¦ 1380x gelesen ¦ 1 x kommentiert

Die Letzten vor Ort

Monsignore Berenrath steht am Rand der Scheibe, die seine Welt ist. Blickt über die Kante in die Hölle. Die ist nicht heißt und schmutzig, die ist kalt und tot. Riesenhafte Maschinenwesen graben sich tiefer und tiefer. Zehn Meter jenseits des Bruchs stand das Gotteshaus, in dem gefirmt wurd, wo er lange Jahre als Messdiener wirkte und dessen Pfarrer er später wurde. Zuerst zogen die Mieter fort, die wenigsten blieben in der Gegend. Dann verließen die Familien ihre Eigenheime, um hochsubventionierte, protzige Villen im neuen Ort zu beziehen, die sich nur an der Farbe der Dachziegel und der Fassade unterschieden. Nur die Bauern blieben noch in Otzenrath: die Dykens, die Hülsendonks und die Großfamilie Schwer, auf deren jahrhundertealtem Hof vier Generationen unter einem Dach lebten. Die allein füllten seine Kirche, wenn er sonntags die Messe las. Manchmal kamen alte Otzenrather in den Gottesdienst. Später unternahmen immer mehr Fremde Ausflüge ins Geisterdorf, um sich ein bisschen zu gruseln angesichts der leerstehenden, völlig intakten Häuser. Das Fernsehen berichtete vom standhaften Pfarrer, und so besuchten immer mehr Katholiken aus dem Land das Dorf und seine Kirche. Aber irgendwann blieben auch die Touristen weg; man hatte die Zufahrtstraße von der Autobahnausfahrt weggebaggert und so gelangten die Fremden nur noch über verschlungene Feldwege nach Otzenrath. » ganz lesen

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publiziert am 15.12.14 in Thibaud ¦ 838x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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