Die Seite 38

Das Findelkind vom Red River

Die Wolken machen den Vorhang zu und der letzte Sonnestrahl malt einen Strich auf die Veranda, wo Matt auf seinen gepackten Sachen sitzt. Seit fünf Wochen hat es nicht mehr geregnet, bald kommt die Zeit der Tornados, die über den flachen Ebenen entstehen und in manchem Jahr auch Quanah treffen. Matt wartet auf seinen Cousin, der ihn nach Dallas fahren wird. Hinten über dem Red River fällt das Wasser aus dem dunkelgrauen Wolkenbauch, und Matt spürt den kalten Wind, dem der starke Regen folgt. Sie werden auf dem Highway 287 vor dem Wetter fliehen, südwestwärts, die ersten siebzig Meilen bis Wichita Falls in gut anderthalb Stunden schaffen und dann auf dem 81er bis nach Fort Worth noch einmal gut drei Stunden brauchen. Es ist kurz nach zehn am Morgen, und um sechs am Abend geht sein Flug nach Europa. » ganz lesen

publiziert am 01.08.13 in Blinde Mäuse ¦ 708x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Stein und Bein – Teil 3

Das Wetter hatte es sich wieder anders überlegt und die Stadt erneut mit einem kalten Nieselregen überzogen. Menschen, die gezwungen waren, sich draußen aufzuhalten, konnte nichts dagegen tun, dass die Feuchtigkeit zwischen Haut und Kleidung kroch und ihnen die Laune verdarb. So zogen mürrische Bürger durch die Straßen, die sich gegenseitig hassten, die ihre eigene Situation hassten und sich nicht vorstellen konnten, die Stadt und ihre Mitbürger irgendwann einmal wieder zu mögen. Wer eine einigermaßen brauchbare Laune behalten wollte, blieb zuhause, verschanzte sich im Büro oder suchte sich ein warmes Plätzchen, um heiße Getränke zu verzehren. » ganz lesen

publiziert am 19.07.13 in Einzelteile ¦ 721x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Meine erste Liebe

inkagrab_1Vor Jahren war dies noch eines der auffälligsten Grabmale in diesem Teil des Düsseldorfer Nordfriedhofs: Ein strahlend weißer Marmor, der ein junges Mädchen im Engelsgewand mit einer Blume in der Hand zeigt. Da lebten ihre Eltern noch. Jetzt war ich nach gut zwei Jahren wieder einmal da, weil das Grab meiner Eltern unweit zu finden ist. Die Ruhestätte ist verwildert, der Stein bemoost. Dort ist meine erste Liebe begraben. Inka hieß sie, und sie war auf derselben Volksschule wie ich. Aber als wir beide, wenn auch in verschiedene Klassen, im Schuljahr 1962/1963 die hochmoderne Gemeinschaftsschule an der Lennéstraße in Pempelfort besuchten, kannten wir uns noch gar nicht. Erst im übernächsten Schuljahr, indem täglich durch die Annastraße zum Leibnizgymnasium ging, wurden wir aufeinander aufmerksam. Fingen an, uns zu begrüßen und auch irgendwann miteinander zu reden. Sie wohne gegenüber des kleinen Spielplatzes, der damals an der Kreuzung zwischen der Euler- und der Jülicher Straße existierte. » ganz lesen

publiziert am 17.07.13 in Stadtgeschichten ¦ 798x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Der Tornado von Brüggen

Am 9. Juli 1974, einem Samstag, saß der spanische Bäcker José Luis Pereira am frühen Morgen im Hof hinter seiner Backstube und drehte sich eine Zigarette. Als er das Papier anleckte, bemerkte er aus den Augenwinkel, dass es am westlichen Horizont finster wurde. Er rückte den Schemel ein wenig zur Seite und hatte nun freie Sicht über den angrenzenden Gemüsegarten und das freie Feld dahinter. José, den sie im Dorf Josef nannten oder Jupp, sah eine blauschwarze Masse, die sich himmelhoch auftürmte. Direkt über der Linie zwischen Land und Luft schwebte ein schwefelgelber Rand, aus dem graue Fetzen den Grund berührten.
Im Laufe weniger Stunden war westlich von Brüggen eine Superzelle entstanden. Schon seit Tagen lag feuchte Luft über dem Ort, schwere Gewitter hatten die Nächte schlaflos gemacht. Nun schob der Wind kalte Luftmassen als Deckel über diese Schwüle, die das Grenzgebiet zwischen den Niederlanden und Deutschland lähmte. Den Flugbetrieb auf dem NATO-Gelände in der militärischen Zone hatte man bereits eingestellt. Ungewohnte Stille hatte sich über die Landschaft gelegt. Josef zündete die Zigarette jetzt an und nahm einen Zug. Er würde sich um die Hündin kümmern müssen, die bei Gewitter panisch reagierte und sich nie entscheiden konnte, ob sie fliehen oder sich verstecken sollte. » ganz lesen

publiziert am 05.07.13 in Blinde Mäuse ¦ 825x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Stein und Bein – Teil 2

Über eine auf drei Jahre befristete Dreiviertelstelle war die Ernährungsexpertin Dr. Elke Hülchenrath auch sechs Jahre nach ihrer erfolgreichen Promotion nicht hinausgekommen. Sie hatte oft mit Robert darüber diskutiert, woran das lag und was sie dagegen tun konnte. Vielleicht war es genau die Art, wie er in solchen Gesprächen reagierte, die sie beide so nahe zueinander gebracht hatte, dass sie sich für eine gemeinsame Zukunft bereit fühlten. Nie hatte er ihr praktische Ratschläge erteilt, immer hatte er sehr genau zugehört, kluge Nachfragen gestellt und sie dann in ihren Grundsätzen bestärkt. Einer der Grundsätze, denen sie seit dem Beginn des Studiums anhing und den sie auch in ihrer Doktorarbeit vertreten hatte, war, dass weite Bereiche der Ernährungslehre mangels belastbarer Empirie aus nicht mehr bestanden als einer kruden Sammlung von Merksätzen, die irgendwie einleuchtend klangen. » ganz lesen

publiziert am 01.07.13 in Einzelteile ¦ 847x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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