Die Seite 39

Sie hieß Pina

sie_hiess_pinaAn dem Abend war Albert noch schweigsamer als sonst. Er sah übernächtigt aus, hatte Ringe unter den Augen. Als ob er in den letzten Tagen viel geweint hätte. Niemand traute sich, ihn anzusprechen. Als gegen zwölf die lauten Debatten am Tisch abebbten und ein paar Minute Stille eintrat, sagte er aus seiner Ecke heraus: „Wisst ihr eigentlich, wie ein Hund eingeschläfert wird?“ Wir, die wir an seinem Tisch in seiner Nähe saßen, wandten uns zu ihm hin. „Ich habe Pina auf den Behandlungstisch mit der Metallplatte gehoben. Nach all den Jahren beim Tierarzt Wouters hatte sie sich daran gewöhnt und war ziemlich gelassen. Hilde trat an die andere Seite und hielt Pin sanft fest, während ich ihr den Kopf streichelte. Der Doktor, so nannten wir ihn, obwohl er kein promovierter Veterinär war, gab den Helferinnen Anweisungen und erklärte uns das Vorgehen. Er würde eine Kanüle legen und ihr zunächst ein ganz normales Betäubungsmittel geben. Sie würde dann sehr schnell einschlafen. Danach käme dann eine andere, stärkere Substanz, die letztlich zum Herzstillstand führen würde. Er setzte ihr einen Shunt in die Vene am linken Vorderlauf. Pina zuckte nicht einmal. Sie hatte Vertrauen zum Doktor und war ohnehin nicht sehr schmerzempfindlich. Die eine Mitarbeiterin reichte ihm die Spritze. Er setzte an und drückte die Flüssigkeit in den Kreislauf unserer Hündin.“ » ganz lesen

publiziert am 23.06.13 in Windhund namens Clooney ¦ 3264x gelesen ¦ 1 x kommentiert

Stein und Bein – Teil 1

Schon in der Nacht von Sonntag auf Montag nahm professioneller Stolz Besitz vom PR-Berater Schreiner. Er hatte die Webseiten der wichtigsten Tageszeitungen durchstöbert und dann auch noch per Google-News nach Neuigkeiten über AMEK suchen lassen. Er fand keine Meldung, die aktueller war als die Nachricht von der bevorstehenden Eröffnung des ersten deutschen Megastores des Unternehmens. Und die stammte vom vergangenen Mittwoch. Nachdem er sich am frühen Morgen auch noch die gedruckten Montagsausgaben besorgt und durchforstet hatte, wusste er, dass seine Rechnung aufgegangen war. Kein einziges der lokalen, regionalen, und schon gar keins der überregionalen Blätter berichtete über Leichenfunden in den Filialen seines Klienten. Da saß der Kommunikationsberater in seinem etwas chaotischen Appartement, freute sich und hatte das Gefühl, er habe gerade eine der wenigen historischen Großtaten seines Berufsstandes vollbracht. Dass nämlich durch geschickte Medienarbeit eine tendenziell imageschädigende Situation der Öffentlichkeit entzogen worden war; zumindest vorerst. » ganz lesen

publiziert am 20.06.13 in Einzelteile ¦ 14076x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Arm dran – Teil 11

Das Wochenende des Hauptkommissars Greiper hatte sich unerwartet erfreulich entwickelt. Der belgische Antikmarkt entpuppte sich als Reihe von netten Läden, die sich an zwei Straßen beiderseits eines Kanals entlang zogen. Das Wetter war freundlich, und eine überschaubare Menge an fachkundigen Besuchern flanierte über das Kopfsteinpflaster. Man stand vor den Schaufenstern oder den auf dem Gehsteig präsentierten Möbeln, diskutierte leise und betrat dann das Geschäft. An den Häuserecken gab es gemütliche Cafés, einladende Restaurants und urige Kneipen. Und anstelle der schrecklichen Möbel aus dunkelstem Holz mit sinnlosesten Verzierungen bot sich Robert eine breit gefächerte Auswahl an Einrichtungsgegenständen aus allen Epochen, in denen ehrbare Handwerker mit Respekt vor dem Material und intuitivem Geschmack ihre Werke erzeugt hatten. » ganz lesen

publiziert am 20.06.13 in Einzelteile ¦ 633x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Kleine Skatrunde

skatDamals trafen wir uns regelmäßig zum Skat. Gastgeber war meistens Nigel, der schräg gegenüber in der Nummer 18 wohnte. Er war Brite, Engländer, um genau zu sein. Er war vor über 20 Jahren nach Deutschland gekommen und hatte in seiner Stammkneipe rasch das deutscheste aller Kartenspiele erlernt. Auch Eberhard war erst mit 22 zum Skat gekommen, hatte das Spiel aber ernsthaft studiert und war der einzige in der Runde, der es analystisch betrachtete. Dagegen hatten Michael und ich von den Feinheiten null Ahnung. Unabhängig davon, wann wir die erste Runde starteten, wurde es selten später als 24 Uhr. Und wenn wir noch nicht müde waren zu diesem Zeitpunkt, dann legten wir halt die Karten beiseite und saßen noch eine Weile gemütlich beisammen und rauchten und tranken. Legendär war der Abend, an dem wir Biertrinker – Eberhard trank ausschließlich Weißwein aus dem Frankenland – zusammen 27 Flaschen leerten. » ganz lesen

publiziert am 16.06.13 in Thibaud ¦ 874x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Vom Schmerz und vom Sterben

Er wolle ohne Schmerzen sterben, habe Richard ihm wenige Tage vor seinem Tod gesagt, berichtete Thibaud. Es sei zu einer hitzigen Diskussion gekommen, die Hilde sich eingeschaltet habe. Die sei ja vor vier Jahren mit ihrer neunzigjährigen Mutter nach Zürich gereist, um sie bei der Sterbehilfe zu begleiten. Die alte Frau habe die ihr verordneten Schmerzmittel nicht mehr vertragen, die sie über mehr als zwanzig Jahre gegen die Begleiterscheinungen ihrer Arthritis genommen habe. Dann habe sie sich weitere zwei Jahre mit Dauerschmerzen gequält, habe nie mehr länger als eine Stunde am Stück schlafen können und sei furchtbar verzweifelt gewesen. Richard habe diesem Bericht intensiv zugehört und dabei oft zustimmend genickt. Er selbst, so Thibaud, sei nicht einverstanden gewesen. Schließlich sei er schon immer ein strikter Gegner jeder Form von Sterbehilfe und Euthanasie. Er sei der Ansicht, dass der Schmerz zum Leben gehöre. Daraufhin hätten ihn Richard und Hilde scharf angegriffen, er habe gut reden, ihm sei es ja noch nie so gegangen wie Hildes Mutter. » ganz lesen

publiziert am 06.06.13 in Thibaud ¦ 741x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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